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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Anschlag auf Kaiser WilhelmII.
Ein offenbar geistesgestörter Deutscher im Hause Doorn verhaftet — Er war mit Revolver und Dolch bewaffnet
Im H a u s D o o r n, der Besitzung des ehemaligen deutschen Kaisers, kam es gestern zu einem aufsehenerregenden Vorfall, bei dem vermutlich ein Anschlag aus das Leben des Kaisers geplant war.
Sm Laufe des Nachmittags überstieg «in unbekannter Mann an einet einsamen Stelle die Haus Doorn umgebende Mauer, ohne daß jemand ihn dabei bemerkte. Später wurde der Eindringling jedoch von mehreren Dienern in einem der Türme des Schlosies entdeckt, überwältigt und der Polizei übergeben. Es stellte sich heraus, dah er einen Revolver schweren Kalibers sowie einen grohen Dolch bei sich führte. Der Festgenommene ist deutscher Staatsangehöriger. Er verweigert hartnäckig Auskunft über feine Personalien sowie über den Zweck seines auffälligen Treibens. Es ist jedoch bereits festgestellt worden, dah er sich seit vergangenem Sonnabend in Doorn aufhält.
Es ist bisher noch nicht aufgeklärt, ob es sich bei dem vermutlichen Anschlag auf den vormaligen deutschen Kaiser um ein planmäßig vorbereitetes Attentat, oder um die Tat eines Unzurechnungsfähigen handelt, oder ob man es mit einem bloßen Einbruchsversuch zu tun hat, bei dem sich der Täter bewaffnete, um einer Festnahme gewaltsamen Widerstand entgegensetzen zu können.
Allerdings spricht der Umstand, dah der Unbekannte Eindringling sich schon vor mehreren Tagen in Dorn auf- gehalten hat in der offenbaren Absicht, die örtlichen Verhältnisie genau kennen zu lernen und eine günstige Gelegenheit zur Durchführung seines Vorhabens auszukundschaften, mehr für eine plan- mähige Vorbereitung. Bedenklich mutet auch an, dah der Eindringling bis in ein Turmzimmer gelangte, das sich ganz in der Nähe des Arbeitszimmers des vormaligen Kaisers befindet, ehe er entdeckt und überwältigt werden konnte.
Da Doorn verhältnismäßig klein ist und nur den Charakter eines Dorfes hat, besitzt der Ort kein eigenes Gefängnis, sodaß der Verhaftete die Nacht im Gemeindehaus zubringen mußte. Die genaue Untersuchung des bisher noch ungeklärten Vorfalles wird heute früh einsetzen.
Der aufsehenerregende Zwischenfall auf vaus Doorn wird mit einem anderen Merkwürdigen Vorfall in Zusammenhang gebracht, der sich bereits am Sonntag ereignete.
Als am Sonntag ein Kraftwagen durch das Auheutor der Besitzung des früheren Kaisers, an dem sich stets zwei holländische Landjäger aufzuhalten pflegen, hindurch fahr, gelang es einem fremden Mann, h i n- Ecr dem Attomobil unbeme»rkt durch das Tor zu schlüpfen, so in d«n dahinter liegenden Park zu gelangen. 6t konnte auf diese Weise bis in die Vorhalle des Schlosses Vordringen. Dort wurde *t jedoch angehalten. Er erklärte darauf, dah er den ehemaligen
deatschen Kaiser sprechen müsse. Da man ihn aber für einen Geisteskranken ansah, wurde er der Polizei übergeben. Als diese jedoch den Häftling, der deutsch sprach und augenscheinlich ein deutscher Staatsangehöriger wgr, nach einiger Zeit wieder auf freien Fuh setzte, erklärte er, dah er bald wieder znrückkehren werde. Diese Aukündigung, die man anfangs nicht allzu ernst anfnahm, ist wahrscheinlich von dem Manne jetzt verwirklicht worden.
Die Nachricht von dem Attentatsversuch auf den vormaligen deutschen Kaiser
scheint in der ganzen Welt wie eine Bombe eingeschlagen zu haben. Ununterbrochen wurde das Telephonamt von Doorn gestern in den späten Abendstunden und heute in den Morgenstunden von den verschiedensten Plätzen Europas, u. a. auch aus Deutschland, angerufen. Es konnte aber nur ganz selten eine Verbindung mit dem gewünschten Anschluß Herstellen, da die Bewohner des Ortes Doorn sehr früh zu Bett zu gehen pflegen und auf telephonische Anfragen nicht mehr reagieren. Auch Haus Doorn, der Mittelpunkt der telephonischen Erkundigungsversuche, gab keine Antwort.
Rechtzeitig festgenommen
Eine Erklärung der
fk. Seil in, 13. Dez. Die Eeneralver- waltung des ehemalig regierenden preußischen Königshauses teilt uns zu den Nachrichten über einen Vorfall im Haus Doorn folgendes mit:
„Am gestrigen Montag, dem 12. Dezember, wurde von einem Bedienten von Haus Doorn am hellen Nachmittag unmittelbar vor dem Haus ein fremder Mann beobachtet. Der Diener hielt ihn an und fragte ihn, wie er in den Park gekommen sei und was er wolle. Der Eindringling sagte, er sei über die ll mzäunung in den Park gekommen und wolle zum K a i - s e r. Der Diener brachte ihn auf die im
Generalverwaltung
Torgeläude von Haus Doorn stationierte holländische Wache.
Dort fand man bei dem Matzn, der ein Deutscher ist, einen Revolver und einen Dolch.
Er erklärte, daß er sich mit dem Revolver durch Luftfchüsse habe bemerkbar machen wollen, falls er den Kaiser im Park getroffen hätte. Den Dolch habe er bei sich geführt, um gegebenenfalls einen Wachthund unschädlich machen zu können. Der Mann wurde in Gewahrsam genommen; er macht einen geistig nicht normalen Eindruck.
Vor dem Sturz Herriots?
Die Lage des Kabinetts äußerst kritisch
Paris, 13. Dez. Ministerpräsident Herriotsoll Montag abend in den Wandelgängen der Kammer erNLrt haben, falls er am heutigen Dienstag keine Mehrheit erhalte, würde er in kein Ministerium ein« treten, dessen Politik nicht den von ihm am Montag in der Kammer entwickelten Richtlinien entspreche.
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Die Lage des Kabinetts Herriot ist durch die ablehnende Haltung Amerikas gegenüber den englischen Vorbehalten äußerst kritisch geworden. _ In parlamentarischen Kreisen und selbst in denjenigen. in denen man dem Ministerpräsidenten bisher blindlings gefolgt war, macht sich seit Montag abend eine immer größere Zurückhaltung bemerkbar, und es fehlt nicht an Stimmen, die das Kabinett am Schluß der Dienstagsitzung gefährdet sehen. Außer den Sozialisten, die bekanntlich in einem Fraktionsbeschluß gegen die Zahlung Stellung genommen haben, hat sich nunmehr auch die Gruppe der Links-Republikaner (Flandin) dagegen ausgesprochen und ihren Präsidenten und ehemaligen Finanzminister im Kabinett, Tardieu, beauftragt, in die heutige Aussprache einzugreifcn. Rechnet man zu den 161 Abgeordneten, über die diese beiden Gruppen verfügen, die 41 Mitglieder der soziali.ftiscb - republikanischen Gruppe, sowie die 28 Mitglieder der französischen Sozialisten und die 10 Kommunisten und berücksichtigt man ferner, daß sich in der Mitte und auf dem rechten Flügel noch weitere Abgeordnete geg-'n die
Zahlung aussprechen werden, während selbst in den Reihen der Radikalsozialisten zahlreiche Stimmenenthaltungen eintreten dürften, so erscheint das Schicksal der Regierung in der Tat zweifelhaft.
Einige Morgenblätter mit dem sozialistischen „Populaire" an der Spitze sind daher auch schon jetzt der festen Ueber- zeugung, daß Herriot über die Schuldenzahlung gestürzt wird. Der Ministerpräsident selbst hat diese Möglichkeit auch bereits ins Auge gefaßt und im Anschluß an seine Erklärungen vor dem Finanz- und dem Auswärtigen Ausschuß der Kammer darauf hingewiesen, daß er in diesem Falle die Wiederbetrauung mit der Kabinettsbildung ablehnen werde.
Die Stellung des Stahlhelms zum Reichskanzler.
Stralsund. 12. Dez. Auf einer Führer- tagung des Stahlhelms in Stralsund sprach u. a. Bundeskanzler Major a. D. Wagner. Er warnte davor, der gegen den Adel betriebenen Hetze zu unterliegen. Der preußische Landadel stelle die geborene Führerschicht dar. Zu raten bleibe, den freiwilligen Arbeitsdienst in soldatische Hand zu geben, ihn vom Arbcitsministerium zu losen, dem Reichskanzler zu unterstellen. Schleicher verstehe es in seiner gewandten Art, eine Menge von Schwierigkeiten und auch viele Kritik beiseite zu räumen. Seine augenblicklichen Matznab- men stimmten aber, wenn sie echt seien, bedenklich. Seien sie dagegen, was bei Schleicher nich! unmöglich erscheine, nur Tarnung, dann stehe ihm die Kraft des Stahlhelms zur Verfügung.
Arbeitsreiche Woche
Diese Woche wird noch eine Reihe wich* tiger politischer Beratungen und EreignissÄ bringen. Wie jetzt feststeht, tritt das Reichskabinett am Mittwoch zu« summen, nachdem voraussichtlich am Diens* tag der Reichsaußenminister dem Reichs-» Präsidenten über das Ergebnis von Genß Bericht erstattet hat. Auch im Kabinett wird hierüber natürlich gesprochen werdens Außerdem sind ja eine Reihe anderer wich-, tiger Punkte aktuell und man kann wohv annehmen, daß sie den Gegenstand der nächsten Kabinettsberatungen bilden. DaM gehött z. B. die Winterhilfe, dis gestern auch den HaushaltsausschuH be* schäftigt hat. Ob sie sich in dieser Form durchführen läßt, ist allerdings eine noch offene Frage. So wie sie vom Haushalts- ausschuß beschlossen worden ist, würde sie etwa 400 Millionen kosten. Natürlich hat das Reichskabinett sich auch sehr ernst mit der Frage zu beschäftigen, wie die Finanzierung zu ermöglichen ist.
Am Mittwoch wird das Kabinett sich hör. allem auch mit der Abgrenzung des Auf- gabentteiies des neuen Reichskommissars für Arbeitsbeschaffung, Dr. Gereke, be- »Wie bereits bekannt geworden ist, )t beabsichtigt, einen neuen Apparat aufzuziehen. Die Form der Tätigkeit Dr. Gerekes ist vielmehr "so gedacht, daß er Ideen und Richtlinien für die Arbeitsbeschaffung liefert, und daß die zuständigen Ressorts sich mit ihren besonderen Aufgaben in diese Richtlinien einfügen. Damit wird ohne besonderen Reuaufwand eine gewisse zentrale Einheitlichkeit in der Arbeitsbeschaffung gewährleistet. Sachlich ge* hören zu diesem Gebiet vor allem auch die Fragen der S i e d l u n g. Für dieses Pro* blem hat Reichskanzler von Schleicher ein besonderes Interesse bekundet. Es ist deshalb anzunehmen, daß die künftige Behandlung der Siedlung sehr stark unter seinen persönlichen Einfluß gestelll werden wird. Weiter gehören zu den nächsten Aufgaben des Reichskabinetts noch die Milderungen, die für die jetzt geltenden Verordnungen zur Aufrecht- erhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit beabsichtigt sind.
Zu den Höhepunkten in der politischen Entwicklung dieser Woche gehött weiter die Rundfunkrede des Re ichskanz- lers von Schleicher am Donnerstag. Sie findet von 7.30 Ahr bis 8 Ahr abends statt. Der Kanzler wird sich natürlich über die ganzen wesentlichen Grundzüge oes Programms seiner Regierung verbreiten. Am Donnerstag findet außerdem noch die Reichsratssitzung statt, in der die vom Reichstag beschlossene Amnestie behandelt werden soll. Wie bereits früher Eldet, herrscht in politischen Kreisen die mng vor. dah der Reichsrat diese Vorlage nicht passieren lassen wird.
Für Freitag ist der auswärtige Ausschuß einberufen. Auf der Tagesordnung steht die Berichterstattung des ReichLaußennn- nisters über die außenpolittsche Lage -and zwar besonders über die Abrüstung und über die »Fünf-Mächte-Be- sprechung. Aus diesem ganzen Programm ergibt sich, daß die laufende Woche noch nichts von der Weihnachtsruhe verspüren läßt, die in früheren Jahren schon verhältnismäßig früh einzvsetzcn pflegte. Im Gegenteil sind die politischen Arbeiten noch immer im vollen Gang. In einer Frage wird die Entwicklung sich allerdings vor Weihnachten nicht mehr sehr vorwärts drängen, nämlich in der W a h l d e S preußischen Ministerpräsiden-