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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberheffen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Neurath verlangt Klarheit
Wollen die Mächte praktische Gleichberechtigung und allgemeine Abrüstung?
Genf, 8. Dez. Die F ü n f m ä ch t e- konferenz hielt heu:e nachmittag eine Sitzung ab, in der Reichsminister Freiherr v. Neurath die angekündigten Erklärungen abgab. Hebet die Sitzung wird ein Kommunique der Fünf- mächtevertreter ausgegeben, in dem es heißt:
„Die Vertreter der fünf Mächte traten heute nachmittag wieder zusammen. Bei dieser Gelegenheit gab Freiherr v. Neurath Erklärungen über die Haltung seiner Regierung ab. Es wurden dann einige daraus hervorgehende Fragen erörtert. Die Konferenz beschloß, am Freitag vormittag, 10.30 Uhr, wieder zusammenzutreten, um die Besprechungen in Anwesenheit des englischen Premier- i Mcmdonald fortzusetzen."
Wie wir erfahren, legte Freiherr von Neurath in der heutigen Sitzung die beiden folgenden Fragen vor:
1. Wird die Gleichberechtigung praktische Anwendung in der künftigen Konvention in jeder Beziehung finden, und ist sie infolgedessen der Ausgangspunkt der künftigen Erörterungen der Konferenz bezüglich der abgerüfteten Staaten?
2. Schließt der Ausdruck „System, welches Sicherheit aller Nationen verschafft" das Element der Sicherheit ein, das in der allgemeinen Abrüstung beruht, so wie es von der Bölkerbundsver- sammlung anerkannt worden ist?
Zu diesen beiden Fragen gab Freiherr von Neurath einige ergänzende Erläuterungen. Er erklärte, daß zunächst diese Fragen in befriedigendem Sinne beantwortet werden müßten. Die Bezugnahme in der Erklärung Herriots, daß die Anerkennung der Gleichberechtigung eines der Ziele der Konferenz fein solle, könne dohin mißverstanden werden, daß die Gleichberechtigung nur ein Prinzip dar- siellen soll. Es käme aber nur eine volle Auswirkung in Frage. Die Konvention müsse eine praktische Auswirkung in allen Rüstungselementen finden.
Deshalb sei es notwendig, daß bei Erörterung aller Fragen auf der Konferenz künftighin die Gleichberechtigung von vornherein zum Ausgangspunkt genommen werde. Falle die Beantwortung dieser Frage nicht positiv aus, so habe die Teilnahme Deutschlands au der Abrüstungskonferenz keinen Sinn, da Deutschland sonst ja nicht wüßte, ob «ud inwiefern die gefundenen Lösungen auf Deutschland Anwendung fänden.
Zu der zweiten Frage bemerkte Freiherr von Neurath, diese könne nicht mißverstanden werden und er nehme an, daß das Sicherheitsproblem, das in Herriots Erklärung erwähnt fei, auch die Sicherheit umfasse, die durch die allgemeine Entwaffnung herbeigeführt würde. Et bestehe aber darauf, daß diese Aus- faffung ihm ausdrücklich bestätigt werde.
Nach den Ausführungen des deutschen Außenministers erklärte der französische Kriegsminister Paul-Boncour, daß Herriot die Formel über die Gleichbe- Utchtigungsfrage selbst ausgearbeitet habe und daß ihm infolgedessen auch die heute vom deutschen Außenminister vor- gtiegten Fragen zur Stellungnahme Vermittelt werden müßten. Paul- ^oncur fragte sodann noch Freiherrn £°n Neurath, was er genau unter Gleichberechtigung verstehe. Freiherr v. Neu
rott)' stellte dem französischen Vertreter in Aussicht, daß er auf diese Frage in den weiteren Verhandlungen genau antworten werde. Daraufhin wurde die Sitzung vertagt.
Genf, 8. Dez. Heber den Verlaus der heutigen Besprechung der 5 Mächte verlautet aus französischen Kreisen noch, daß der englische Außenminister Herrn v. Neurath die Frage gestellt habe, ob Deutschland sich wieder an den Arbeiten der Abrüstungskonferenz beteiligen werde, wenn die von Herrn v. Neurath
gestellten Fragen positiv im Sinne der deutschen Auffassung beantwortet würden. Herr v. Neurath habe diese Frage Sir John Simons bejaht.
Norma» Davis gibt seinen Vertagungs- Vorschlag auf.
ff. Paris, 9. Dez. Wie der Außen- politiker des „Echo de Paris" aus Genf meldet, soll Norman D a o r s seinen Plan über eine Vertagung der Konferenz um drei Jahre angesichts der französischen Emwen- bungen fallen g elalsen haben.
Auch Frankreich zahlt
England zahlt in Gold
sk. PariS, 9. Dez. H e r r i o i wird im Laufe des Freitags vor dem Finanz- und Auswärtigen Ausschuß in der Kammer untz am Sonnabend vor den gleichen Rus- fchüsien des Senats erscheinen, um ihneü die endgültige Haltung der Regierung in der Schuldenfrage mitzuteilen. In gut unterrichteten Kreisen weift man darauf hin, daß zwischen der englischen und der französischen Negierung eine Einigung dahingehend erzielt worden ist, daß beide Regierungen ihren Zahlungsverpflichtungen am kommenden Donnerstag Nachkomme« werden. Frankreich wird also die 480 Millionen Franken zahlen. Die französische Regierung wird allerdings gleichzeitig daraus Hinweisen, daß diese Zahlung die letzte im Rahmen des Mellon-Berenger-Abkommens sein wird, u«d daß sie eine grundlegende Neuregelung der Schuldenfrage fordere, die mit den in Lausanne getroffene» Bereinbarungen parallel laufen soll. Diesen Beschluß wird Herriot am Freitag und Sonnabend den Aus- schüsien der beiden Häuser und am kommeu- den Montag der Kammer unterbreiten und dabei dem Parlament die letzte Entscheidung überlassen. Wie die Entscheidung aussallen wird, läßt
sich augenblicklich noch nicht übersehen. Es ist möglich, daß die große Mehrheit des Hauses jede Zahlung verweigert «nh das Kabinett stürzt, w^n es feinen Entschluß mit der Bdr» trauensfrage verbindet; es ist aber auch möglich, daß di« Abgeordneten die Vorbehalte, die die Regierung an die Zahlung knüpft, als befriedigenderachten und der Regierung auf de« vdn ihr eingeschlagenem Wege folgen.
Die Pariser Morgenpresi« enthält sich vorläufig noch jede« Kommentars und stellt lediglich fest, daß die französische Regierung unmöglich die übernommenen Verpflichtungen rundweg ablehnen könne, wenn sie nicht Gefahr laufen wolle, eine« Präzedenzfall zu schaffen, und der These der Gültigkeit der Lerträge den Todesstoß zu versetzen.
England will itt Sold zahlen.
ft London, 9. Dez. Wie Reuter erfährt, beabsichtigt die englische Regierung nach der Rückkehr Macdonalds aus Senf «jpe dritte Note an die Vereinigten Staaten zu senden, in der Amerika von der Absicht Englands unterrichtet wird, die am 15. Dezember fällige Zah - l»na i* Sold zu leiste«.
Die Amnestiefrage
Vermittlungsvorschlag der Regüerung.
Berlin, 8. Dez. Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. erfährt, hat Reichsjustizminister Dr. Gärtner den Mttglie- dern des Rechtsausschusses des Reichstages einen Amnestievorfchlaz der Regierung überreicht, der die Amnestie nicht auf die Straftaten, sondern im wesentlichen auf die Strafdauer abstellen will. Strafen bis zu einem Jahr sollen nach diesem Vorschlag gestrichen werden.
Zettliche Freiheitsstrafen von längerer Dauer werden auf die Hälfte herabgesetzt, mindestens jedoch um ein Jahr ermäßigt. Nicht zeitliche bestimmte Strafen (lebens- länglichj werden umgewandelt tu eine Ge
fängnisstrafe von 7 Jahren. Voraussetzung für di« Amnestie soll.sein, daß es sich nm Straftaten aus politischen Gründe» oder nm Straftaten im Laufe von Wirtschaf tskärnpf en handelt.
Ausgenommen von der Amnestie sollen nach dem Vorschläge des Reichs- jnsti,Ministers sein: Verbrechen gegen das Leben, ferner gegen den 8 1 der Anttterror- Verordnung vom 9. August 1932, sodann Körperverletzung oder gemeingefährliche Verbrechen mit Todeserfolg, außerdem bedingt Hochverrat, Landesverrat und Verbrechen gegen das Sprengstoffgesetz.
Die Umformung des Wirtschaftsprogramms
Das Kabinett Schleicher wird, obwohl es unter der Leitung eines Generals steht, am allerwenigstens mit militärischen Dingen sich zu befassen haben. Es wird ein Ar« beits- und A rb ei t s b es chaffungs« ta6inett sein und sein müssen, wenn es überhaupt auch mir für eine befristete Zeitspanne sich durchsetzen will. Und ber _®ener<ä, der dieses Kabinett leitet, muß sozial sein, oder aber er wird scheitern... .
So wird auch das Wirtschaftsprogramm der früheren Reichsregierung eine welent« liche Umformung nach der gruribfäfc» lichen sowohl wie nach der technischen Sette hin erfahren müssen. Das Prinzip der rn- bi re ft en Arbeitsbeschaffung wird zugunsten der direkten Arbeitsbeschaffung in den Hintergrund treten. Steuergutscheine sind recht und gut, abxr sie können doch erst auf ©runir eines Umsatzes in Form von vollzogenen Leistungen erworben werden. Und hier setzt die Zielrichtung des nmgeformten Wirtschafts- Programms ein: unmittelbare Aufträge zu geben. Man wird also das Problem der Arbeitsbeschaffung an einem anderen, sozusagen am umgekehrten Ende anpacken, als bisher. Man wird Aufträge, mit Reichsmitteln verschaffen und finanzieren, um auf diese Weise Absatz der Produkt« und Umsatz zu erzielen, und damit erst wieder die Grundlage zu schaffen für die Begebung der Steuergutscheine.
Das ist auch die Idee, die der Reichsbaift- präsident Luther dieser- Tage in einer Rede in München- gMMküich h« .JMrstagE des Bundes der Freunde der Technischen Hochschule Münchens entwickelte, nämlich öffentliche Aufträge und Lohnprämien vor- anzustellen.
Der Finanzbedarf für öffentliche Aufträge muß in der Hauptsache letzten Endes ja doch wieder durch die Reichsbank befriedigt werden, und wenn der Reichsbankpräsident, er» klärt, daß die neue Kreditpolitik der Reichsbank nichts anderes bedeutet, als eine Anpassung mit neuartigen Mitteln an eine nee» änderte Sachlage, dann haben wir es mit ber Vorbereitung eines Stellungswechsels in der Reichspolitik und insbesondere in der Kreditpolitik der Reichsbank überhaupt zu tun. Ganz offen hat der Reichsbankpräsident zugegeben, daß das Prämiensystem glatt vertagt hat und daß es besljalb ohne weiteres aufgegeben werden muß. Eine Verteidigung dieses Systems hat gar keinen Zweck mehr. Wer in bet Praris steht, fet es Arbeitnehmer ober Arbeitgeber, hat ts schon längst erfahren, daß mit dem Loym prämiensystem nicht weiterzukommen ist, bas es ein Fehlschlag von Anfang an war. Es ist ja auch kaum in Anspruch genommen worden. Tie für diese Zwecke aus» geworfenen 700 Millionen Mark werden damit frei für die Arbeitsbeschaffung auf direktem Weg, und dazu treten die weiteren 700 Millionen Mark, die für die öffentliche Arbeitsbeschaffung ohnehin in Aussicht genommen sind. Diese Reserven bieten die Möglichkeit, daß nicht erst im Frühjahr, sondern noch im Winter, die Arbeitsbeschaffung ins Werk gesetzt werden kann, und das ist jedenfalls ein besserer Weg, um der Arbeitslosigkeit abzuhelfen, als der durch die Lohn- prämien gewiesene, denn es steht fest, daß auf Grund dieser Lohnprämien Neueinstel- hnigfen in einem nennenswerten Maße nicht erfolgt waren.
Es ist ohnehin höchste Zeit, daß die Ar- bettsbeschaffungsaklion in eine lebhaftere Bewegung kommt. Der Umstand, daß bis jetzt für Steuergutscheine erst etwa 60 Millionen Mark in den freien Verkehr gekommen sind, während der Hauptteil dieser Scheine entweder zurückgehalten oder zu Schuldenzahlungen benutzt wird, zeigt auf, daß die auf das System dieser Steuergutscheine gesetzten Erwartungen sich bei weitem nicht erfüllt haben. Da für solche Stenergutscheine Sorgesehen sind,, ist es notwendig, für die inanzierung öffentlicher Aufträge, insbesondere auch derjenigen, die von den Ländern und Gemeinden begeben werden, die Steuergutscheine zur Anwendung kommen zu lassen.
Das ist ja auch im wesentlichen der Sinn des sog. Gereke-Planes, dessen ursprüngliche Finanzierungsmethoden, die ebenso wie bei der Regelung im Reich auch bei Ländern und Gemeinden Vorgriffe auf erst in den nächsten Jahren fließende Einnahmen