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Unterhaltungs-Beilage der Oderhessischen Zeitung
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Die Flucht in die Krankheit /
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Unter der sogenannten Paranoia versteht die Heilkunde eine durch Halluzinationen und logisch verbundene Wahnvorstellungen bestimmte Art des Irreseins. Die Grenzen zwischen Irrtum und Wahnvorstellung, die sich bis zum Irrsinn steigert kann, verwischen sich der vielen Menschen fast bis zur Unkenntlichkeit, und nur dem geübten Blick und dem wissenschaftlich geschulten llnterschei- dungsvermögen des erfahrenen Psychiaters erschließt sich das Seelenleben eines an äuße- ren Merkmalen nicht erkennbaren Kranken.
Der dänische Psychiater Helweg hat kürzlich seine gesammelten Erfahrungen über bezeichnende Fälle von Manie in Buchform niedergelegt, bie allgemein interessieren. Handelt es sich doch um gemeinverständliche Hinweise für die Oeffemlichkeit, gewisse Symptome der Geistesgestörtheft rechtzeitig zu erkennen, bevor größeres Unheil durch die Handlungen geistig nicht voll Zurechnungs
fähiger entsteht. Schneller und überstürzter Eedankenablauf, Verstimmungen bei geringsten Anlässen, erhöhte Rerzbarkeft, aber auch erhöhter Beschäftigungstrieb sind oft 5 — natürlich nicht immer! — die Vorboten einer zum Ausbruch gelangenden Eeisteskrank- heft. Das gilt insbesondere von den kaum merklichen Spuren der Monomanie, baß i heißt der auf einen bestimmten Gedanken- gang übermäßig gerichteten krankhaften Tätigkeit mancher Psychopathen. Der Trinker, der Eifersüchtige, der Kleptomane und der Geschaftelhuber stellen sich bei näherer Betrachtung nicht selten als Opfer einer sich allmählich äuhernden Geisteskrankheft dar. In gewissem Abstande ist hier auch der Hyste- ' riker zu nennen. Helweg verzeichnet den , Normalfall eines ausgesprochenen Hysterikers.
Eine F au fühlt sich von ihrer Umgebung vernachlässigt. Sie versteht es nicht, „sich interessant zu machen", obwohl sie alles Mögliche versucht. Sie leidet seelisch darunter. Minderwertigkeftskomplere melden sich. Sie befindet sich in einem Zustand ständiger seelischer Hochspannung, der erschlaffend auf bas Nervensystem wirkt und überhaupt das körperliche Befinden der Frau beeinträchtigt. Es kommt zu Weinkrämpfen, zu zeitweisen Lähmungen und anderen Erscheinungen, darüber hinaus zu jlrankhettseinbildungen. Die „Flucht in die Krankheft" setzt ein und zeitigt dann endlich den ersehnten Erfolg der Kranken: Sie sieht sich plötzlich beachtet und von vermehrter Sorgfalt ihrer Mitmenschen umgeben. Das mir im Unterbeomtztsein verfolgte Ziel ist damft auf Umwegen erreicht! Bei einzelnen Hysterikern will man auf psychoanalytischem Wege, indem man sie über den wahren Ebaratter ihres Gemütszustandes aufklärte, gewisse Heilerfolge erzielt haben. Doch lassen sich diese kemeswess veraAge- memern.
Ein Kapitel für sich bildet der hochgradig eifersüchtige Ehemann. Tatsächlich sucht bie«
Von Dr. Franz Wennerberg.
sei Bedauernswefte mft Effer alles, was ihm Leiden schafft. Er bringt es zu einer gewissen Kunstfertigkeit, Vermutungen und Tatsachen zu einem System von Verdächtigungen und Beschuldigungen zu verarbeiten, ist oft von einer Spitzfindigkeit, die in ihrer Art fast genial anmutet, und stets davon überzeugt, den Spürsinn eines äußerst be
gabten Detektivs zu besitzen. Er guAt die Frau mit dieser seiner Eifersucht so sehr, daß sie selbst nervös wird und auf manchen Außenstehenden den Eindruck eines schuldbewußten Menschen macht. Die Wahnvorstellungen des Paranoikers erreichen in besonders haftnäckigen Fällen sogar jenen trostlosen Zustand, in dem der Eifersuchtskranke
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Re Oetrnbühnt als Spiegel des zeilgelchedens
Son Dr. Karl Plessinger -München, Professor an der Staatlichen Akademie der Tonkunst.
Wenn seit Jahrzehnten neue Opern- »erke mit nur seltenen Ausnahmen in »eiteren Kreisen des Publikums wenig Anklang finden, so liegt das nicht zum geringsten Teile daran, daß ihr Stoffkreis sich der Bezugnahme auf die großen, die jeweilige Gegenwart bewegenden allgemeinen Fragen fast ängstlich enthält. Selbst in den Kreisen der „Modernen" sind Versuche, wieder mit dem Leben unserer Zeit in Fühlung zu kommen, nur in begrenztem Umfang unternommen worden. And auch der Kaffernerfolg von Brecht- Weills „Dreigroschenoper" darf uns nicht binwegtäuschen, daß der Erfolg solcher Bestrebungen nur begrenzt sein konnte. Die ..Dreigroschenoper" war eine Sensation, thr Urbild, die englische „Bettleroper" von 1728, nicht nur ein Erlebnis, das ein ganzes Volk anfwühlte, sondern wett darüber hinaus ein erstes Sturmzeichen, das die 60 Jahre später ausbrechende fran- iöstsche Revolution ankündigte. Warum die moderne Nachbildung zu tiefer gehenden Wirkungen nicht gelangest konnte, ist von vornherein klar: Das Werk ist in rein iiterorischer Atmosphäre entstände« enb darüber nicht hinausgekommen.
Mit dem Augenblick, da die Oper, die ursprünglich als Schöpfung humanistisch geschulter Kreise nur höfischen Zwecken zu dienen hatte, der Allgemeinheit zugängttch beworben ist, spaltet sich ihre Entwicklung ’* Zwei Richtungen. Der ernste« Oper bleibt im wesentlichen die höfisch-gelehrte
Grundlage erhalten: die heitere Kunst der italienischen Buffonisten fußt im Leben und in der Empfindungswelt des Volkes. Von dieser Watte aus nimmt sie Stellung gegen die höfische Kunst, indem sie sich in reichem Maße der Satire und der Parodie bedient. Die Satire richtet sich nicht nur gegen die Kunstform der ernsten Oper, sondern auch gegen die Gesellschaftskreise, in denen diese gepflegt wird. Aber es handelt sich hier doch zunächst um nicht viel mehr als eine harmlos-witzige Neckerei zur beißenden sozialen Ktttik an den sittenlosen Zuständen, wie sie damals am englischen Hofe herrschten. Hier wird zum erstenmal unter dem Deckmantel heiteren Spieles eine revolutionäre Gedankenwelt mit zündender Wirkung in bie breiteren Massen getragen. Der Funke springt nach Frankreich über; in bet Form des Vaudeville glimmt er dort weiter, um bann in der komischen Oper zu heller Flamme sich zu entfachen. Die komische Oper bet Franzosen ist recht eigentlich eine Schöpfung Rousseaus; sie prebigt in immer neuer Abwanblung bas Rousseausche Evangelium bet Rückkehr zur Natur. Mit bet Veredelung bet Kunstgattung Hanb in Hanb geht ein allmähliches Verschwinden der rein satirischen Züge. An die Stelle der nur negativen Kritik tritt die positive Schilderung einer ttn Sinne Rousseaus reineren und schöneren Welt. Die Tendenz wttd somit unaufdringlicher, aber befto wirksamer: sie beherrscht, weniger folgenreich, aber immer noch deutlich genug erkennbar, bas beutsche Singspiel, bas erst butch Goethes Textbichtungen in einck andere Sphäre gehoben wird.
Damit ist die Zett des ausgesprochenen Tendenzstückes in oet Oper vorüber. Nut gelegenüich und vorübergehend erlangt die satirische Gesellschaftskritik im musikalischen
Drama späterhin einige Bedeutung, so in den Operetten Offenbachs, deren es freilich nicht bedurft hätte, um den an sich schon morschen zweiten französischen Kaiserreich den Todesstoß zu versetzen. Ganz deutlich steht in der Oper des 19. Jahrhunderts, wo sie sich in den Dienst großer Zeitbewegungen stellt, die sittliche Idee im Vordergrund. Die französische Revolution, die von der Seite der dramatischen Gesellschaftskritik her aufs wirksamste vorbereitet war, bedeutet hier den Wendepunkt. Die furchtbaren Erlebnisie der Schreckenszeit lasten die Rettungsopet erstehen, die aber erst auf deutschem Boden, in Beethovens „Fidelio", ihre Krönung gefunden hat.
Wo die Oper im 19. Jahrhundert sich in den Dienst großer Zeitbewegungen stellt, da ist es die Idee der nationalen Befreiung und Einigung, die hier im Vordergründe steht. Bekanntlich gab in Brüssel die Aufführung von Aubers Oper „Die Stumme von Portici" das Zeichen zu einer Volkserhebung, die fast unmittelbar zur staatlichen Selbständigkeit Belgiens führte. Weniger bekannt ist aber heute, daß die Opern Verdis ein Jahrzehnt lang ganz Italien in Atem hielten, daß durch sie der Gedanke der nationalen Einigung von Ott zu Ott getragen und wachgehalten und daß ihr Schöpfer dadurch geradezu zum Nationalhelden gestempelt wurde. Erst auf der Grundlage dieses nationalen Ruhmes hat Verdi sich die internationalen Bühnen erobert.
Es mag auffallend scheinen, daß der Gedanke der nationalen Einigung auf den deutschen Operntheatern der Mitte des vorigen Jahrhunderts kaum zur Geltung gekommen ist. Verständlich wird dies, wenn man bedenkt, daß die Einigung Italiens unmittelbar, die Einigung Deutschlands
aus jedem vergeblichen Scrumfpionieren nur folgert, daß er in unerhörtester und raffiniertester Weise bttrogen wftd.
Emen typischen Fall von „senÄen Veränderungen auf seelischem Eebitt" erwähnt der dänische Eelehtte im Rahmen seiner Untersuchung. Es ist die Entwicklung eines Heimarbeiters zum Haustyrannen. „Ein Mann von altem Schrot und Korn" tagen die Nachbarn schmunzelnd, wenn der früher ruhige und gesetzte Mann seine Frau und seine Kinder „wegen moderner Flausen" ordentlich verprügelt. Der Arzt aber erkennt nach einer Beobachtung des alternben Mannes die tieferen seelischen Zusammenhänge. Das gilt in vielen Fällen auch für Geschäftsleute, Führer von polftischen Patteiel» und ganzer Staaten: Vermehtte Reizbarkeft. betontes Autorftätsbewußtsein soll über bie nachlassende körperliche und geistige Spornt-: kraft hinwegtäuschen. Bei Frauen zeftigt dev Eintritt ins Klimafterium häufig seelische Veränderungen, geistige Ausnahmeerscheinungen, die sich brs zum religiösen Wahnsinn steigern können. Schon im Begriff des „Altjüngferlichen" erblicken wir ja etwas Absonderliches, etmas Skurriles, das seine letzten Ursachen auch in der Störung des seelischen Gleichgewichts hat.
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Amtlich genormte Prügel
Das australische Volksschulwesen scheint vor einem neuen Abschnitt in seiner noch kurzen Geschichte zu stehen. Eine geradezu geniale Maschine wird in allen Schulen des fünftenf Erdteils grundlegend Wandel schaffen, unb' die Menschheit darf dem genialen Erfinder, der sein Werk kürzlich dem australischen Kultusminister zur Begutachtung vorlegte, tiefgefühlten Dank zollen. Die Erfindung appelliert tatsächlich an die innersten Gefühle der Menschen, wenigstens derjenigen, die mit ihr in Berührung kommen. Sie sind nämlich dazu bestimmt, den Hosenboden der Schüler zu bearbeiten und dem Lehrer manche Arbeit zu ersparen. Der Erfinder nennt sein Werk die „Züchtigungsmaschine". Der sündige Schüler wird über den Stuhl gelegt, an dessen Lehne der sinnvolle Apparat angeschraubt ist, der Lehrer schaltet den Strom ein, und der Rohrstock saust mit stets gleichmäßiger Wucht in gleichen Abständen auf die zu behandelnde Sitzfläche nieder. Der Aussage des Erfinders zufolge soll der größte Vorteil des Apparates darin bestehen, daß nach seiner Einführung die Prügel in allen australischen Schulen die gleiche Stärke haben werden. Wenn die Erfindung eingeführt werden sollte, so soll dem Wunsche des Konstrukteurs zufolge eine Zentralstelle gewisiermatzen als Eichamt für die Prügelmaschine fungieren. Die Lehrer sollen der Erfindung durchaus sympathisch gegenüberstehen. Die Ansicht der Schüler ist leider nicht bekannt.
nur mittelbar aus einer großen Volksbewegung herauswuchs, wenn man ferner bedenkt, daß gerade dem deutschen Wesen, soweit es in Kunstwerken monumentaler Richtung sich äußert, nicht eine zeitgebundene, sondern eine überzeitliche Prägung einer großen Idee vor allem entspricht. Diese überzeitliche Prägung hat Richard Wagner gefunden, desien Kunst erst nach langem Kampfe und nach der vollgezogenen Einigung Deutschlands sich Geltung 'u verschaffen vermochte, dafür aber über eine Reihe von Generationen weg in einer Weise nach der Tiefe wie nach der Breite gewirkt hat, wie es bei einer zeitgebundenen Fassung des Grundgedankens nie möglich gewesen wäre. Die Geltung von Verdis „Schlacht bei Legnago" wie von Wagners „Rienzi" ist räumlich und zeitlich begrenzt gewesen: der „Ring" und die ..Meistersinger" werden immer und überall als Denkmal deutschen Wesens ihre Gültigkeit behalten.
Freilich war damit für die auf Wagner folgenden Generationen der Schaffenden der Aufgabenkreis empfindlich eingeengt. Zuerst im Ausland, bann aber in steigendem Maße auch in Deutschland wird in diesen Kreisen der große Schatten des Meisters als bedrückend empfunden, und nur von hier aus ist die in Feindseligkeit unb Gehässigkeit ausgeartete Gegenströmung gegen Wagner zu verstehen, ebenso die Abwendung aus Stoffkreisen, die in der Gegenwart lebendig sind. Die neuen Probleme, die der deutsche Zusammenbruch -gestellt hatte, sind damit aus der Sphäre der höheren Kunst ausgeschlosien geblieben: der Propagandafilm, der heute diese Seite allein vertritt, vermag doch auch im Günstigsten Falle ein tief und lebendig gestaltetes Kunstwerk niemals zu ersetzen.