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Sette 6

Oeetteffilfte Zettong, Marvmg a. ü- Mittwoch, bat 30. November 1932

Nr. 281

Rettet das MtdnachtSseft!

Man schreibt uns:

Das „Evangelische Deutschland", das Organ des deutschen Evangelischen Kirchenbundes, teilt aus dem Kirchenkreise Potsdam einen „Aufruf an die Vereine und alle, welche wirk, lich Weltmächten feiern wollen" mit, in dem es u. a. heißt: Es ist allgemein bekannt, datz in den letzten Jahren von {eiten der organi­sierten Eottlosenbewegung u. a- auch e i n Eroßkampf gegen das christliche Weihnachtsfest orgamfiert worden ist. An die Gefahren, die Weihnachten von jener Seite her drohen, ist jedoch in diesen Zeilen nicht gedacht: hier sind die Gefahren gemeint, die aus dem christlichen Lager selbst kommen. Es hat sich 'o eingebürgert, daß in den Wochen vor Weihnachten ein Verein nach dem anderen seine besondere Weihnachtsfeier hält. Das ge­schieht — gerade bei den nicht-kirchlichen Ver­einen — in der Absicht, dadurch zu zeigen, daß man auf dem Boden des christlichen Glaubens steht. Aber was wird dadurch erreicht? Daß die meisten Menschen weihnachtsmüde gewor­den sind, ehe das eigentliche Weihnachtsfest überhaupt begonnen bat; daß man meint, auf den Besuch der • Weihnachtsgottesdienste ver­zichten zu können, weil man bereits so viele Weihnachtsfeiern hinter sich hat! Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß — wenn es so weiter geht — das eigentliche Wethnachts- fest in unserem Volke immer mehr entleert wird. Es ist daher an der Zeit, daß man denen, die Christen sein wollen, folgendes ins Bewußtsein ruft:

1. Das Weihnachtsfest gehört der christlichen Eemernde und der christlichen Familie: es muß daher in der Kirche und im Hause gefeiert werden! Dort hört man das Wort vom eigent­lichen Weihnachten, d. h. von der Mensch­werdung Gottes, hier liest man die Weih­nachtsgeschichte und singt miteinander die trau­ten, deutschen Weihnachtstteder Das allein ist ein wirkliches Weihnachten; alles andere ist nut Schein

2. Die'e Weihnachtsfeier im Got­teshaus, und im eigenen Haus darf durch keine andere Feier vorweg- genommen werden und dadurch ent­wertet werden. Der Christbaum dürfte vor dem 24 Dezember nirgends brennen: da­her keine Weihnachtsfeier vor Weihnachten! Vereine, di« das Bedürf­nis nach einer eigenen Weihnachtsfeier haben, sollten zunächst geschloffen an einem der Weih- uachtsgottesdienste teilnehmen und dann nach den Weihnachtsfeiertragen sich zu einer Nach­feier zusammenfinden. Will man auf eine Feier vor Weihnachten nicht verzichten, so muß sie eben eine Vorfeier sein, d. h. sie muß Adventscharakter tragen.

Wir wenden uns an alle Verein« und Chri­stenmenschen, die ein wirkliches Weihnachten wollen, mit dem Warnungs- und Bittruf: «Rettet das Weihnachtsfest!" Ge­fahr ist im Verzug, daß es nicht nur durch Geg­ner des Christentums, sondern durch uns selbst m seiner Existenz bedroht wird indem wir es durch unsere sogenannten Weihnachtsfeiern ekrtleeren oder gar um seinen eigentlichen Sinn bringen. Helft uns, wirkliche kirchliche und christliche Sitte fördern, indem wir Unsitten, die sich eingebürgett haben, abftellen, solange es noch Zeit ist!

Die Ausführungen dieses Aufrufes bewegen sich in der Linie von Anregungen, die auch in Marburg schon wiederholt von (eiten der Kirche und der evangelischen Verbände gegeben worden sind.

Aus -er Amvegeu-

Ättfi Marburg

Cölbe, 30. Nov. Morgen feiern die Ehe­leute Maurer Heinrich Schmidt und Frau Anna-Margarethe geb. Müller das Fest der Silberhochzeit.

K e r n b a ch, 29. Nov. Bei der in Kernbach (Dr. Drake) stattgefundenen Treibjagd wurden von 12 Schützen und 8 Treibern zwei Rehe, ein Fuchs und fünf Hasen geschossen.

Kreis Frankenberg

Stadtverordnetensitzung.

br Frankenberg 30. Nov. Heute abend fand im Sitzungssaal des Rathauses eine Sitzung der Stadtverordneten statt. Als erster Punkt stand auf der Tagesordnung die Erör­terung der Frage des Beitrittes der Stadt Frankenberg zu der Revisionsstell« des Städte­bundes. Der Beitritt zum hessisch-waldeckschen Städteverband wurde einstimmig angenom­men. Der Verkauf einer Ackerfläche von 59,93 Ar wurde für den Kostenbetrag von 380 JZ nebst Katasterunkosten angenommen. Für den verstorbenen Waisenrat Pfarrer Koch wurde Pfarrer Lehmann als Watfenrat und Ver­trauensmann des Jugendamtes ernannt. — Weiterhin stellte der Stadtverordnetenvor­steher Gäßler fest, daß nachttägliche Bewilli­gung für die Etatsüberschreitungen getroffen werden müßten. So find die für die Polizeiverwaltung vorgesehenen 180 jK um 20 Jfc überschritten. Zur Beaufsichtigung der Drogen find neben den 200 Jl des Etats noch 150 M nachttäglich zu bewilligen. Für die polizeiliche Fleischbeschau wurden vom Magi­strat nach 50 M nachgefordert, ebenfalls find für di« Versicherung der Stadtschule noch 15 Jl fällig. Die Betriebsunkosten des Wafferwerks, di« mit einem Etat von 500 jH vorgesehen waren, benötigen jetzt noch einen außen- stehenden Bettag von 1000 Jl. Für das Elek­trizitätswerk waren von der Stadtverord­netenversammlung zur Anschaffung von Zwischenstromzählern 1825 M bewilligt, doch heute steht trotzdem noch ein zu deckender Mehrbettag von 900 Jl aus. Um diesen Fehl­betrag zu decken, wurde der Vorschlag gemacht, den Betrag durch Gehaltsabzüge vorn Lohn des verantwortlichen Bürgermeisters zu begleichen (!), doch wurde der Vorschlag verworfen. Die Bil­dung einer Einkaufskommisfion mit den Stadt­verordneten Pausch, Finkeldey, Jakobi wurde allgemein beschlossen. Die Bewilligung von Etatsüberschreitungen im Bettage von 2185 M wurde von der Versammlung abgelehnt. Be- kanntgegeben wurde, daß die Bürger- steuer auf Erlaß des Regierungspräsidenten auf 500 Prozent (gegen 350 Prozent) erhöht worden ist. Die Kanalisattonsarbeiten am Berg können bei der schlechten Witterung nicht durchgeführt werden. Der Umbau des Bades in der Stadtschule in ein Volksbrausebad zur Hebung der bygienischen Verhältnisse wird, unter der Bedingung durchgeführt, daß das Gutachten der Baukommission und des Schul­arztes positiv ausfällt. — Die Planierungs- arbeiten am alten Friedhof werden auf Be­schluß weitergeführt, um die Arbeitslosenziffer zu reduzieren und gleichzeitig den Friedhof zu einer Erholungsstätte für alte Leute zu machen. Dem Antrag des Stadtverordneten Brandt um Weihnachtsbeihilfe für Erwerbs­lose und Gewährung von 2 Meter Brennholz wurde insofern entsprochen, als jedem Er­

werbsleben 2 Meter Brennholz, als keine Bei­hilfe bewilligt wird, da die Stadt für die Ge­währung der Beihilfe nicht zuständig ist.

Kreis Negenhain

a Treysa, 29. Nov. Nach der Persowen- standvaustrabme vom 10. Oktober mürben in der Stabt Treysa gezählt: Gesamteinwohner­zahl 4679 (4671), davon männlich 2887 (23916, weiblich 2282 (2280), Familien 1136 (1068), Evangelische 4374 (4W6), Katholiken 106 (126), Juden 122 (132), sonstige Religionen (aus der Kirche ausgetreten) 70 (69), ohne lÜdigion 7 (8). Die eingeklammerten Zahlen nennen das Ergebnis vom Vorjahre.

Aus dem SM»»

0 Biedenkopf, 29. Rov. Heber das Ber- mögen der Firma Berger & Co. in Erndte­brück hat man das Konkursverfahren bean­tragt. Ebenso wurde allen Arbeitern der Fatz- fabrik und der Schuhl^stenfabtik die ÄSntH» auiig rua«stellt. Es handelt sich um insgesamt 230 Personen. Die Werksleitung beabsichtigt aber, die Betriebe infolge der vorliegenden Aufträge weiter aufrecht zu erhalten.

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Wen-Rossau undRaWargebiete

Der „Panzerwagen" vor GerAft.

Kassel, 26. Nov. Das Hofgeismarer Amtsgericht verhandelte m der sogenannten „Panzerwagen"-Ängelegenheit, die rm Juli dieses Jahres großes Aufsehen erregt hatte. Bekanntlich hatten sich einige Mitglieder bei NSDAP einen „Panzerwagen" gebaut, um auf ihren Fahtten zu Versammlungen gegen etwaige Ueberfäöe geschützt zu sein. Der dem „Panzerwagen" handÄt es sich um einen alten Lastkraftwagen ,der mtt einer doppel­wandigen fünf MMrmeter starken Eisenblech- Haube versehen Md dessen Zwischenwände mit Sägespänen ausgefüllt waren. Im Ver­lauf« des Prozesses wurde mm Sachver­ständigen erklärt, daß der Wagen nicht als „Schießgerät" bezeichnet werden tomte, auch besitze er nicht dre Haupteigenschaften eines Panzerwagens. Der Staatsanwalt hielt zwar kem Vergehen gegen das Kriegsgerätegesetz, aber doch einen groben Unfug als vorliegend. Er beantragte daher gegen die vier Natio­nalsozialisten eine Geldstrafe und Einziehung des Panzerwagens. Das Gericht schloß sich der Auffassung des Staatsanwaltes nicht an und sprach sämtliche Angeklagten frei.

Kein Eattenmord, sondern Selbstmord.

Kassel, 28. Nov. Die Mordkommission der Kriminalpolizei verhaftete am Mon­tag den 28jährigen Kraftfahrer Heinrich Finis aus Hofgeismar unter dem Verdacht, seine 26jährige Ehefrau er- drosielt zu haben. Frau Finis war in der Nacht zum Sonntag mit einer Schlinge um den Hals mitten im Zimmer liegend tot aufgefunden worden. Der Ehemann gab an, nichts gehört zu haben. Im Ver­lauf der weiteren Ermittlungen 8er Kri­minalpolizei ergab jedoch einwand­frei, daß Frau Finis Selbst­mord begangen hat; sie hatte sich er­hängt. Grund zu der Tat dürfte wahr­scheinlich Untreue ihres Gatten sein.

Großer Tumult in der Frankfurter StttdtvervrdaetenverfaunulRus.

gfcUBCfMSt O.3JL, 29. Nov. B« Beginn der heutigen Ctadtoerordnetenoer. fannnüutg durchzogen Scharen von Er­werbslosen die das Rathaus umgehend« Straßen unter fortwährenden Ruf« .Lunger! Hungert" Während aber auf der Strotze noch eine gewisse Ordnung auf­recht erhalten werden konnte, kam es im Stadtvprordnetenfitzuugss aal zu tnmut» tuarkscherr Szenen. Äon vornherein wur­den Anträge auf Winterbeihilfe von ben meisten Rednern mit politficher Leiden- schafttrchckett behandelt, so daß Zurufe von den Tribun« herab immer häufiger wur­den. Als ein TrSbünenbesucher von der Galerie entfernt werden sollte, widersetzte er sich schließlich, so daß die völlige Räu­mung der Galert« angeordnet wurde. Diese vollzog sich unter unbeschreiblichem Lärm nur sehr famÄan und zumeist unter ^roettinmg-nmt Gewalt. Nachdem vke Ordnung wiederhergestellt war, könnt« die Stadtverordnet« ihre Beratung« fortsetzen.

Direktor Dr. ing. Haus Herrmauu f.

Mainz, 29. Nov. Der Direktor des Werkes Gnstavsburg der Mchhiomchabrik Augsburg-NSrub«g AG. Dr. ing. e.h. Hans Herrmann ist am JreSag im Alter von 67 Jahren gestorben. Der Verstör- bene war Ausschutzmitglied des Deutsch« Stahlverbandes, Mitglied des Deutsch« Normen-Ausschusses, Vorstandsmitglied der Industrie- und Handelskammer Mainz und in zum Teil führender Rolle der Sr- beitgebervereinigung am Mittelrhein, Mitglied des Verbandes der Mttaü- industrieller Mainz-Wiesbad«, der Mrt- schaflichen Vereinigung für Hetzen, der D«tschen Gesellschaft für Bauwesen und anderer.

Geschäftliche Mitteilung.

Gespannt steht man auf die Tür - .. Wer tritt herein? Nikolaus? Das Christ­kind? Nein, noch nicht. Vorerst ist es der Weihnachtsmonat selbst. Süß und behag­lich duftet es.vor ihm her. Er zeigt uns die heutige Anzeige von Kaiser's Kaffee-Geschäft: „Am Donners­tag, dem 1 Dezember Beginn der Ausgabe unserer Weihnachts-Bonbonieren". Vater blinzelt lustig mit den Augen, weil Mut­ter heimlich auf ihr Kaiser's Weihnachts- Sparbuch schaut. Na ja, Mutter versteht einzukaufen. Kaiser's hat ja alles, was Mund und Herz begehren. Köstlich aro­matische Kaffees in erlesenen Mischungen, Schokoladen, Pralinen, Printen, Gebäck, Lebkuchen, Marzipan und all das leckere Mundzeug für den Weihnachtsmonat über­haupt. Schenken macht Freude. Wer bei Kaiser's kauft, kann schenken!

Verlag Dr. C. Hitzeroth. Hauptfchriftletter und verantwottlich für Po- Ittik und Feuilleton: Dr. Ernst Scheller; für Kommunalpolitik, Provinz und Lokales: Lothar Schneider, sämtlich in Marburg.

kNachdruck verboten.)

.Ar drei een ter 8onMtea6t“

Ein heiterer Roman von: R. S, Utsch. (Copyright by Verlag Alfred Bech'thold in Braunschweig).

10. Fortsetzung.

„Nee, was haben wir es jut. Datz ihr mal betzere Tage jekannt habt, kann ein Blinder ohne Handschuhe sehen. Ihr seid noch Stifte in unserem Fach, es wird euch also nur nützen, wenn ihr mich als Meister betrachtet. Was ihr früher betrieben habt, jetzt euch heute nichts mehr an. Jedenfalls seid ihr bei Dividendenausschüttungen der anderen Welt nicht mehr mit dabei. Eure Namen stehen nicht mehr auf Listen, die mit finanziellen Anjelejenheiten etwas zu schaffen haben. Sonst wäret ihr nicht hier, läjet nicht unter den Pappeln. — Der Käse schmeckt jut. verdori . . .! Seid ihr satt? Hm, hier ist eine Flasche Likör, wunder­bares Kaliber, Jesöff für seidenweiche Zungen. Lucullus wäre jestorben vor Entzücken, wenn er den in Rom jehabt hätte. Der alte Schlemmer war doch noch stark hinter dem Mond, wenn er auch Nachtigallenzungen jefretzen hat. Uebrigechs — ach so .. . Zigaretten find auch da, eben­falls Zigarren. Ihr sollt nicht sagen, ich sei knickerig. Bin ein feiner Kerl im all­gemeinen. Kann mich nur aufregen, wenn

ich packe jleich alles ein, meine Herren — wenn mir einer in den Kram pfuschen will. Ich übe seid jeschlagenen dreißig Jahren meine Praxis auf der Landstraße aus, da soll der Kuckuck dreinschlagen, wenn mir da einer die Nester vor der Nase her ab rennt."

Die beiden amüsierten sich köstlich. Einen solch interessanten Menschen hatte ihnen nur ein glücklicher Zufall in den Weg ge­führt.

„Ich habe auch einmal ein Leben mit Jlanz jeführt," fuhr Wutke fort. „Aber

das ist schon lange her . - . Damals pous­sierte ich mit einer Jräfin Bankenhagen, aber . . . ach. Schwamm drüber. Wenn ich nicht immer so einen jewaltigen Durst jehabt hätte. Drei Wirte in einer Straße sind durch mich reich jeworden. „Da kommt der versoffene Wuttke!" sagten die Leute. Ja ja, so jetzt das. Weil ich da­mals so schwach auf den Beinen war, mutz ich nun zur Strafe alles mit den Seinen abmachen. Aber fo lange es mir jefällt. . Es jetzt nicht vor die Jemütlichkeit. Profit, Kollegen!" Er trank, schnalzte mit der Zunge, strich den Schnurrbart und lächelte glücklich vor sich hin.

Dann packte et alles zusammen in ein Bündel.

Es dämmerte. Im Tal bildete sich über einem kleinen Flüßchen schwacher Nebel. Eine trauliche Stille hielt die Gegend um­fangen Nichts regte sich. Die Luft stand unbewegt.

Als die Dunkelheit heraufzog, brachen die drei auf. Sie gingen etwa zwei Stun­den über die Landstraße und bogen dann rechts in einen Feldweg ein. Sterne stan­den am Himmel, der Mond warf ein grjxues Licht auf die schlafende Landschaft. Es rückte gegen Mitternacht.

Vor ihnen auf den Feldern erhob fich ein quadratförmiger Bau aus der Ebene.

„Das ist das Hotel „Zu den vier Pfäh­len", klärte Wuttke auf. „Wird nur von internationalen Weltenbummlern aufje- sucht. Es ist das Absteigequartier der bargeldlosen Slobetrotter! . . . Aber man schläft da — man schläft da! ... So ein Lager hat Aman-Ullah nicht jehabt. So- jar fliegenbes Wasser ist in der Nähe, wenn auch nur kaltes. Will man warmes haben, so denkt man, es sei warm. Im alljemeinen find die Bewohner des Hotels meist Anhänger des neippschen Verfah­rens!"

Sie kamen am Ziel an. Das Hotel war eine offene Feldscheune, die auf vier riesi­

gen Pfählen ruhte und bis unter das Dach mit Stroh angefüllt war. Auf Ge­heiß Wuttkes kletterten die beiden hinauf. Er selbst folgte als letzter.

„Jetzt acht, datz ihr niemanden den Bauch eintretet, denn das Stroh ist leben­dig wie Käse, der vierzehn Tage in der Sonne telegen hat."

Sie vernahmen auch wirklich hier und da ein Rauschen zwischen den Strohbün- deln. Aber sie fanden alle drei Platz. „Zwei Bündel an die Seite, eins auf den Korpus, als Ersatz für die seidene Stepp­decke," flüsterte Wuttke, „und dann: Jute Nacht»"

DK Müdigkeit schloß ihnen die Augen. ♦

Das Berfchwinden des Reffen begann an Axels Onkel zu zehren wie eine schlei­chende Krankheit. Sein Wesen wurde von Tag zu Tag nerdöser und aufgeregter.

Eines Tages, als er wieder ganz un­tröstlich war, schellte er seinem Diener und dem Betreßt. Dem Diener befahl er einige Flaschen Wein zu bringen, dem Sekretär trug er auf, einige Detektive zu ihm zu beordern.

Dann durchfchrttt er in Hast bas Haus. Er kam in den Salon. Zufällig blickte er in ein« Spiegel. Wie gebannt blieb et stehen. Sein Gesicht rötete fich vor Zorn.

„Weiberschreck!" stieß et hervor. „In solchen Figur« stirbt dk Menschheit ans!"

Rach einer halben Stunde schleppte er sich in das Arbeitszimmer und läutete wieder. Der Sekretär kam.

„Wie ist das? — wie wat das? — Aha — hä, kommen die Detektive bald?"

„Ich habe mich telephonisch mit ihnen in Verbindung gesetzt! Sie wollen in we­nigen Minuten da fein." Der Mann zog die Stirne in Falten.

„Was heißt wenige Minuten? Blöd­sinn! Fragen Sie nochmal telephonisch an, wo die Gesellschaft bleibt!"

Der Sekretär tat, wie ihm befohlen. Gleich darauf erschien Christian und stellte die Flaschen und ein Glas auf ein kleines Tischchen.

„Dars ich einschenken?" fragte er.

„Das ist doch klar! — Hole et fich auch ein Glas, — er soll mittrinken!"

Christian war verdutzt. Er kannte viele Absonberlichkeitew seines Herrn, aber bei dieser Aufforderung begann et an besten Verstaub zu zweifeln.

„Ich, — gnädiger Herr? — Ich soll mit» trinken?"

„Hä hä, — ist Et nicht Et? — Ober glaubt Et, ich meine ben Sultan von Ma­rokko?"

Der Diener kam zögetnb dem Befehl sei­nes Herrn nach.

„Setze er fich nur hierher und gieße Et fich ruhig ein. So, — äh, ... na ja also! — wie gesagt — Prosit, Christian!"

„Prosit, gnädiger Herr!" Der Dienet trank zaghaft.

„Schenke Er nur von Neuem ein, und bann reiche Er mir eine Zigarre und Feuer. Et soll mit tauchen!"

Jetzt erst bemerkte Debroix, daß Christian sein Glas noch nicht leer getrun­ken hatte.

„Hä, hä — halt?" rief er. „Will Er mal anständig in die Kanne steigen! — Ordentlich, soooo . . .“

Bald war das Zimmer von dichten Rauchschwaden angefüllt. Die Gemütlich­keit der Situation brachte dem Hagestolz die Ruhe wieder.

„Christian, wie lange ist Er nun schon bei mir?“ fragte er.

„Das find jetzt so um die 35 Jahre herum, gnädiger Herr!"

Der Dienet blickte Debroix argwöhnisch an. Da er ihm bereits die lange Zeit diente, kannte et ihn — seine Extravagan­zen sowie sein manchmal etwas sehr selt­sames Benehmen.' Aber so wie heute war et ihm doch noch nie vorgekommen.

(Fvttsetzung folgt.)