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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Hitler noch nicht in Berlin

Besprechung der nationalsozialistischen Führer in Weimar - Herr v. Schleicher über die Fahrtunterbrechung unterrichtet

Bei Schluß der politischen Redaktion, der aus technische» Gründen nicht hinaus­geschoben werden kann, ist die inner­politische Situation vollkommen «ndurch- fichtig. Alle Meldungen der großen Nach­richtenbüros gehen von der Annahme aus, daß Adolf Hitler sich bereit erklärt habe, zu einer Besprechung mit Herrn von Schleicher nach Berlin kommen werde. Er werde dort heute vormittag um 9 Uh eintreffen. Wir haben jedoch aus München erfahren, dah Hitler sich von München nach Weimar begeben hat, wohin sich auch die Abgeordneten Gö­ring, Dr. Frick und Straffer be­geben haben. Die Ankunft Hitlers in Weimar ist uns bestätigt worden. Danach kann die Aussprache Hitlers mit Schleicher heute vormittag nicht mehr stattfinde».

Wie wir dann auf Anfrage in Berlin feststellen konnten, rechnet man in der Um­gebung des Generals v. Schleicher da­mit, dah die Besprechung mit Hitler doch heute nachmittag zustande kommt. Hitlers Fahrtunterbrechung sei im Reichs­wehrministerium schon in den frühe» Mor­genstunden bekannt gewesen. Man könne ulso wohl annehmen, dah Hitler den Reichswehrminister unterrichtet habe. Ver­mutungen, dah die Besprechung auher- h a l b Berlins oder durch einen Mit­telsmann des Generals von Schleichen stattfinden könnte, sind nach unserer In­formation abwegig. In Weimar ist, wie unsere Anfragen ergeben haben, über die Dispositionen Hitlers nichts zu er­fahren. Cs wird dort nur darauf hin­gewiesen, dah Hitler von Weimar au» jederzeit mit dem Flugzeug nach Berlin »eisen und nach seinem Abflug inner­halb von zwei Stunden in Ber­lin eintresfeu könne.

i Die folgenden Meldungen befassen sich mit den Möglichkeiten, die sich aus der Unteredung mit Schleicher ergeben können. Weitere Meldungen werden wir im Inneren des Blattes oder durch Extra­blätter üekanntgeben.

Unklarheit in Berlin

Durch die vielen Verhandlungen, die m Dienstag stattfanden, ist das Halb­dunkel der politischen Lage nicht be­seitigt worden. Es wird auch be­zweifelt, dah schon der Mittwoch eine Klärung bringen wird. In politischen Kreisen verlautet, dah, wenn Hitler eine Tolerierung eines Kabinetts Schleichers ablehnt, die Frage zur Aussprache stehen wird, ob sich für die Opposition der KSDAP. nicht eine mildere Form bieten Gefoe. Die Besprechungen sollen auch dem Plan gelten, den Reichstag nach seiner Konstituierung zunächst bis zum 10. Ja- Au» zuvertagen, um Raum für end­gültige Verhandlungen über die Regie- Aingsbildung zu schaffe».

Wie unklar sich die Lage gestern selbst ben unmittelbar Beteiligten darstellte, geht

aus einer Abendmeldung des Conti-Büros hervor, in der es heißt:

In Berliner politischen Kreisen war in den späteren Abendstunden noch ein leb­haftes Rätselraten um den morgigen Be­such Hitlers in Berlin im Gange. Man honnte die widersprechendsten Nachrichten hören. Dazu läßt sich nur feststellen, dah man in unterrichteten Kreisen der Wil- Helmstraße für morgen vormittag mit der Zusammenkunft rechnet. Vielleicht geht

das ganze Kopfzerbrechen darauf zurück, daß eine direkte Einladung des Generals v. Schleicher an Hitler nicht ergangen ist, daß die Zusammenkunft vielmehr von drit­ter Seite angeregt und dann von den bei­den nationalsozialistischen Abgeordneten, mit denen General v. Schleicher heute ver­handeln wollte, angebahnt worden ist.

Da die Folgen, die sich aus ddm Schei­tern der Schleicherschen Tolerierungsver­handlungen ergeben, sehr ernst sein kön-

Die Berliner Presse

In den Berichten und Kommentaren z'ur innerpolitifchen Lage in der Morgenpresse spielt naturgemäß die für heute erwartete Unterredung zwischen General von Schlei­cher und Adolf Hitler die Hauptrolle.

DieBörsen-ZeitUng", die es für Slich hält, daß General von Schleicher dann den Auftrag $ur Kabinettsbil­dung bekommen könnte, falls die Verstän­digung mit der RSDAP. scheitere, hält es für verfrüht, schon jetzt anzunehmen, daß die Berständigung mit der großen Rechtspartei auf keinen Fall gelingen werde. Es handele sich um ein Ziel, dem sicherlich noch sehr beträchtliche Hinder­nisse im Wege ständen, doch seien diese Hindernisse nich-tffo groß, als daß sie von vornherein unüberwindbar erscheinen müh­ten. Ein Versuch sei jedenfalls notwendig und bet aller gebotenen vorsichtigen Schätzung der Erfolgschancen zUm min­desten nicht ganz aussichtslos.

DieDeutsche Allgemeine Zei­tung" bezeichnet als die Frage, die an Hitler zu richten sei, nicht die Frage «ach einer Tolerierung eines etwaigen Kabi­netts Schleicher; dah die Mrtionalsozia- listen auch gegen ein Kabinett Schlei­cher in Opposition verharren würden, sei nach Hitlers früheren Erklärungen eine Selbstverständlichkeit. Es handele sich vielmehr angesichts der drohenden Ge­fahren für Staat und Volk nur um die Form der Opposition oder noch genauer ausgedrückt darum, ob diese Opposition weiter eine legale Opposition bleiben werde. Das Blatt hofft, dah sich Hitler in der heutigen Unterredung allein von staatsmännischen und vaterländischen Ge­sichtspunkten leiten lasse und nicht seiner­seits eine Lösung der Regierungsfrage ka­puttschlage, die chm in ganz kurzer Frist, vielleicht zunächst in . Preußen, aber dem­nächst auch im Reich die größten Aussichten eröffne. Die gleiche staatsmännische Hal­tung sei aber auch von den amtlichen Stellen zu fordern. Ebenfalls dürften keinesfalls voreilige Entschlüsse gefaßt werden, bevor volle Klarhcstt über die Hal­tung Hitlers geschaffen sei.

DasBerliner Tageblatt" glaubt, daß in der Unterredung Schleicher- Hitler auch die preußische Frage eine Rolle spielen werde. Es habe den An­schein, als hoffe man, vielleicht auf dem Wege über diese Frage Hitler zur Aende- rung seiner Haltung bewegen zu können. Bet einem Scheitern der Verhandlungen müsse die Hoffnung, daß ein Kabinett Schleicher mit irgend einer Form parla­mentarischer Unterstützung oder Duldung rechnen können, endgültig aufgegeben werden.

WieGermania", die sehr heftig ge­gen die ^böswilligen Intrigen gegen eine Verständigung" polemisiert, meint, dah die Möglichkeiten zu einer Lösung der Krise sich keineswegs in der AlternativeVer-

ständigungskabinett Schleicher oder Kampf­kabinett Papen" erschöpfe. Sie sei allzu primitiv und tue den Dingen zu sehr Ge­walt an, als daß sie überzeugen könne. Wenn eine Verständigung mißlinge, dann sei es immer noch heilige Pflicht Mer Ver- antwortlichen, einen Weg zu gehen, der einer Verständigung am nächsten komme. .(. DerTag" gibt der Besorgnis Aus­druck, dah bet einem weiteren Andauern der Krise der Schaden der Zerstörung autoritärer Werte den Ratzen der ange- ftrebten Klärung überwinden könne. In dem Kampf zwischen neudeutschem Parla­mentarismus und staatlicher Autorität der Präsidialgewalt müsse es geradezu ein Ziel des Parlamentarismus sein, die Präsidial - autorität in einer langen Krise sich ab­nutzen zu lassen. Möge der Aeichspräsi- ' dent in tatkräftiger Abwehr dieser Gefahr durch eine schnelle autoritäre Beendigung der Regierungskrise die Idee der autori­tären Staatsführung als unantastbaren Grundsatz zur Durchführung bringen.

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Die NSK veröffentlicht unter der lieber« ichriftMut zur Wahrheit" einen Artikel des Pressechefs der NSDAP, Dr. Otto Dietrich, worin es heißt: Der Führer der NSDAP besitze die unbedingte Autori­tät und das uneingeschränkte Vertrauen von 12 Millionen wahlberechtigten Deutschen und damit die absolut notwendige Grundlage für jedes Kabinett, das dem Willen des Volkes entspreche und den Namennattonal" für sich in Anspruch nehme. Der Weg der NSDAP führt nur über A d olf H itl er. Wer gegen den Führer der Bewegung sei, der müsse wissen, daß er auf die unerbittliche Feindschaft dieser Millionen stoße. Man sollte meinen, daß diese selbstverständliche Konse- guenz auch den amtlichen Kreisen und den Ratgebern an erster Stelle inzwischen klar geworden sein. müßte. Wenn ihnen dafür die Begriffe fehlten, müßte ihnen wenigstens die (Erfahrung gezeigt haben, daß bisher noch jedes Präsidialkabinett zum Scheitern Der« urteilt gewesen sei, das geglaubt habe, ohne und gegen die nationalsozialistische Bewegung regieren zu können.

EinWaffenstillstand" in diesem Augen­blick würde ein Freibrief sein für wettere Regierungserperirnente, die auf dem schnell­sten Wege zu liqutbieren die Pflicht aller Verantwortlichen sei. Nachdem die Hütte her Tatsachen die Unmöglichkeit der Aus­schaltung der nationalsozialistischen Bewegung aus der Regierungsführung erwiesen habe, würde eine neue Derschleierungs- und $er« schleppungstaktik nur neues Unheil über das deut che Volk heraufbeschwören. Die NSDAP könne es vor dem deutschen Volk nicht ver­treten, sich zu einem solchen ebenso aussichts­losen, wie verhängnisvollen Beginnen her- zugeben. Wenn der Reichspräsident glaube, die persönliche Verantwottung für ein Prä­sidialkabinett der gleichen Färbung wie die bisher vom deutschen Volke abgelehnten tra­gen zu können, dann könne eine solche Lösung der .Regierungskrise nur den höchst uner- wünchten Erfolg haben, daß das deutsche Volk dann tlar erkenne, wer für die Aus­wirkung der bisherigen und nunmehr forj- zusetzenoe» Politik verantwortlich sei.

I ne», besteht natürlich auf keiner Seite dke Neigung, sich dieser Zusammenkunft zu entziehen. Es wäre auch denkbar, daß Hitler die Absicht hat, dem General von Schleicher abzuraten, daß er die Regie­rungsbildung übernimmt. Der Grund da­für könnte etwa darin zu suchen sein, daß die Nationalsozialisten den General von, Schleicher nicht gern so scharf bekämpfen' möchten, wie ihre Opposition gegen einen neuen Reichskanzler v. Papen zu erwarten wäre.

Aber auch heute abend läßt sich noch nichts Sicheres zu diesem Thema sagen. Auch in Kreisen, die sonst gut unterrichtet find, herrscht eine vollkommene Des­orientierung. Es bleibt einfach nichts anderes übrig, als die Entwicklung des morgigen Mittwoch abzuwarten.

Ohne das Ergebnis der Besprechung zwischen dem Reichswehrminister und Adolf Hitler vorwegnehmen zu können, glaubt man nach der ganzen Stimmung, die aus nationalsozialistischen Kreisen be­kannt geworden ist, nicht daran, daß Hitler die Tolerierung eines Kabinetts Schleicher zugestehen wird. Für den Reichspräsiden­ten ergibt sich dann die Frage, ob er die Neubildung des Kabinetts dem Reichs­kanzler von Papen oder dem General von Schleicher übertragen wird. Diese Frage ist noch nicht zu beantworten. Es läßt sich nur festftellen, daß nach den rein stim­mungsmäßigen Urteilen, die man hören kann, in erster Linie Reichskanzler von Papen in Frage kommt.

Das Zentrum hält an brr Kaas'fchm Notgemeinschaft fest.

Die Zentrumsfraktkon des Reichs­tages trat gestern nachmittag zu ihrer ersten Sitzung nach den Neuwahlen zusammen. Nach Begrüßungswotten des Vorsitzenden Dr. P e r 1111 u s nahm der Vorsitzende der Zentrumspattei, Prälat K a a s, das Wott zur Berichterstattung über die polttischen Er­eignisse der letzten Monate und Tage. An diesen Bericht schloß sich eine längere Aus­sprache, in die u. a. auch der ehemalige Reichskanzler Dr. Brüning eingriff. Die Fraktion wird voraussichtlich am Mittwoch nochmals zusammentrtten, um rein geschäfts­mäßige Fragen zu behandeln, wie die Be-

' setzung der notwendigen Ausschüsse.

DieGermania" teilt zu der Sitzung der Zentrumsfraktion des Reichstages noch er« gänzend mit:Die Fraktion billigt einmütig die von höchster Verantwortung um Volk und Staat getragene Haltung der Partei­führung und spricht insbesondere dem Partei­führer Dr. Kaas aufrichtigen Dank und volles Vettrauen aus. 3n Uebereinstim- mung mit der Pattei- und Frattionslettung hält die Fraktion an dem Ziele der Schaf­fung einer Not- und Arbeits g e- meinfchaft zwischen allen in Betracht kommenden Parteien fest. Wer im gegen« wättigen Augenblick der ehrlichen Verwirk­lichung des Sammlungsgedankens entgegen« arbeitet, wird denn Eintritt in einen bei­spiellosen Notwinter mitschuldig an sozialen und.polttischen Entwicklungen, für die die Zetttrumspattet zusammen mit allen andere» Sammlungswilligen jede Verantwortung ao« lehnt."

Feststellung des Reichsverbandes btt Deutschen Industrie.

Der Reichsoerband der Deut­schen Industrie teilt mtt:2m Hinblick auf wiederholte Pressemeldungen, daß die Wrtt'chastskreise bet der Kabinettsbildung um ihre Auffassung gefragt wären oder einen Einfluß auszuüben versucht hätten, ist fest- zustellen, daß weder der Reichsverband der Deutschen Industrie noch die Vereinigung der Deutschen Ülrbeitgeberverbände in dieser Rtzhtung irgendwie in Anspruch genommen worden sind ober eine Betätigung ausgeübt haben. Unzutreffend ist insbesondere auch die Meldung, daß der Vorsitzende des