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Nr. 274

DDerötmwe 3ettnng. Marburg a. L. Dienstaq, dm 22. November 1932

Seite 3

grnnfrtto kann nichts beilrtitcn Bemerkung zu der französischen Antwort auf da« Sonderheft der Kölnischen Illustrierten

Zeitung.

Di« amtliche ftanzösische Entgegnung auf das Sonderheft der Kölnischen Illustrierten Zeitung „Frankreich in Waffen" sucht die Anklagen gegen Frankreichs Wehrpolitik durch Anzweif­lung nebensächlicher Spezialfragen zu er­schüttern. Dieser Versuch erweist sich bei näherer Betrachtung als vergeblich.

Daß der französische Generalstab die Mobil­machung-, Aufmarsch- und Operationsmöglich- keiten seiner Armee, wie sie in dem Sonderheft geschildert sind, bestreiten würde, war voraus- zusehen. Hier hilft aber kein allgemeines nichtsbesagendes Dementi, wie es in der fran­zösischen Verlautbarung ausgegeben ist. Nötig gewesen wäre vielmehr eine „Richtig­stellung", und diese ist unterblieben, weil die Tatsachen unbestreitbar sind. Was haben denn die hohen Haushaltskosten fü die fran­zösischen Erenzdivisionen anderes im Auge als beschleunigte Marschbereitschaft dieser Armee de couverture? Sie heißt steilich, um den friedlichen Sinn Frankreichs propagandamäßig zu betonen, „Dcckungsarme e". Aber was stellt sie andere? dar als ein Angriffsheer, wenn der französische Kriegsminister die Er­mächtigung besitzt, ohne Befragung des Par­laments und ohne Mobilmachungsbefehl drei Reservistenjabrgänge unter die Fahnen zu rufen und dadurch das Friedensheer mit einem Schlag, und, wie gesagt — ohne Mobil­machungsbefehl.—, um 600—700 000 Mann zu verstärken? Diesen Maßnahmen kann man doch keinen Verteidigungscharakter mehr bei­messen angesichts der vollständigen Sicherheit, die Frankreich nach dem Eingeständnis seiner eigenen Fachleute durch das neue Befestigungs- systcm an seiner Ostgrenzc und durch die ent­militarisierte deutsche Zone besitzt. Im übrigen lehrt das Studium der militärischen Fachpresse und der Dienstvorschriften für die französische Armee, daß in Strategie und Taktik der Lehr­satz der brutalen Offensive gepredigt wird!

Die Zahleneingaben über die Bewaffnung des französischen Heeres im Sonderheft „Frankreich in Waffen" werden — und das ist außerordentlich wichtig — von französischer Seite überhaupt nicht bestritten. Man be­schränkt sich lediglich auf die Mitteilung, daß sie „geheim" seien. Sie find vielleicht noch höher?

Die Pariser Auslastungen über den Wehr­haushalt Frankreichs bestätigen lediglich die Darlegungen im Sonderheft der Kölnischen Illustrierten, und zwar dadurch, daß sie zu­geben, auf wieviel Ministerien die Äüstungs- äusgaben tatsächlich verteilt sind. Frankreich selbst hat die Eesamtkosten seiner Wehrmacht für 1931 in seinen Mitteilungen an den Völ­kerbund mit 13,8 Milliarden Franken beziffert und nicht mit 10,8 Milliarden Franken, wie es in der Entgegnung auf das KAZ.-Sonderheft heißt. Die französische Verlautbarung gibt aber

Raffenim-rans zum österreichischen Seeresöienst

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In langen Reihen stehen am ersten Meldetag des Wiener Infanterie-Regiments Nr. 4 (früher Hoch- und Deutschmeister), die Bewerber vor der Kasern« an, um fich als Rekruten aufnehmen zu lallen.

Bei den Serbstwerbungen für das kleine österreichische Bundesheer haben stch Tausende kunger Österreicher für den Heeresdienst gemeldet. Rur der kleinste Teil von ihnen konnte als Rekruten eingestellt werden.

dankenswerter Weise zu, daß für die Finan­zierung der Befestigungsanlagen durch Gesetz vom 20. Juli 1930 ein Sonderkonto eröffnet wurde, das natürlich in der obigen Zahl von 13,8 Milliarden nicht enthalten ist.

Ueberdies kann man in Paris die Stichhal­tigkeit der Zahlen über die Entwicklung des französischen Wehlhaushalts von 1925 bis 1931 nicht gut bestreiten, da sie im neuesten Annuaire militaire des Völkerbundes (Son­derausgabe für die Abrüstungskonferenz) ver­öffentlicht sind, diese Zahlenreihe aber beweist eindeutig, daß Frankreich in diesen sechs Jah­ren um mehr als 100 Prozent finanziell aus­gerüstet hat.

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Schulkinder halten den Schnellzug auf

Die Verwaltung der englischen Nordostbahn hat kürzlich eine Verfügung erlassen, die in ihrer Geschichte einzig dasteht: Wegen drei kleiner Schulmädchen muh einer der schnell­sten Züge Englands auf einer winzigen Sta­tion halten. Die drei Mädchen sollten dem

Wunsch ihrer Eltern zufolge ein Lyzeum tn Doncaster besuchen. Das schien aber unmög­lich zu sein, da der einzige Zug, der vormit­tags auf dem Bahnhof des kleinen Dorfes Balne hielt, erst dann in Doncaster eintraf, wenn die Schule schon beendet war. An eine Beförderung mit dem Kraftwagen konnten die Eltern aus wirtschaftlichen Gründen nicht denken. Dagegen flog jeden Morgen, eine Stunde vor Schulbeginn, der Londoner Schnellzug durch Balne. Ein Bekannter meinte einmal im Scherz zum Vater des einen Kindes: „Du kannst ja den Schnellzug aufhalten!" Der Mann griff den Gedanken, obwohl seine Durchführung unmöglich er­schien, auf und wandte sich unter Schilderung der Verhältniffe an die Dahnverwaltung. Und das Wunder geschah. Die Direktion brachte Verständnis für die unangenehme Lage der Kinder auf und ordnete an, daß der Schnell­zug in Balne hielt, um die drei Mädchen auf­zunehmen.

9ft attoüWttt im «Island

Während der vergangenen Frühjahrs- und Sommermonate stand die Entwicklung des Ar, beitsmarktes in einer Reihe von Ländern unter dem Einfluß einer schwachen, fast aus­schließlich saisonmäßig bedingten Entlastung, die allerdings nach kurzer Zeit im allgemeinen wieder zum Stillstand kam. In anderen Län­dern dagegen, vor allem in Großbritannien, blieb trotz einer gewißen saisonmäßigen Be­lebung die Gesamt'entwicklung unter dem Druck fortschreitender konjunktureller Verschlechterung weiter abwärts gerichtet. Im ganzen hat die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Stand in den entsprechenden Monaten des Vorjahres nicht unerheblich zugenommen. Die Gesamtzahl der Arbeitslosen in der Welt dürfte, soweit sie sich statistisch einigermaßen zuverlässig erfassen läßt, am Schlüsse des zweiten Vierteljahres 1932 schätzungsweise 25 Millionen betragen haben. Bis Anfang September dürfte eine erhebliche Aenderung kaum erfolgt sein. Es ergibt sich somit gegenüber dem. stände vom April (etwa 25,5 Millionen) eine leichte Ab­nahme. Ucber dis Entwicklung seit Anfang September läßt sich ein lleberblick noch nicht geben, insbesondere läßt sich nicht entscheiden, ob die verhältnismäßig günstigere Entwicklung in einzelnen Industrien einiger Länder nur vorübergehend ist oder einen Umschwung in der Gesamtlage anbahnt. Die bisher vorlie­genden Ergebnisse scheinen jedenfalls darauf hinzudeuten, daß die herbstliche Verschlechte­rung langsamere Fortschritte machen wird als im Vorjahr.

Neuer Weltrekord im SamenWWmmen

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Die jung« Holländerin I. Kaste ju steMe im 500-Meter Brustschwimmen einen neuen Weltrekord auf, der die bisherige Best­leistung der Engländerin Wolstenholme um 12,8 Sekunden unterbietet.

Neue Bücher

wat deutschem Schicksal und deutschem Wesen.

II.

Außer solchen Büchern, die wie die bespro­chenen Werke von Dwinger und Edschmidt die Gegenwart unseres Volkes gestalten und voll starker Gläubigkeit den Weg zu neuem Werden zu zeigen suchen, müssen wir auch bte Dichtungen hören, die aus innigster Ver­bundenheit mit den seelischen Kräften des Volkstums und dem geistigen Erbe der Ver­gangenheit die seelischen Grundlagen schaffen, ohne die kein neues Werden, ohne die auch kein politischer Neubau möglich ist. Dir wollen froh sein und dankbar gestehen, daß wir solche dichterischen Schöpfungen haben. Aus jüngster Vergangenheit leuchtet mit geheimnisvollem Goldglanz das Werk Wilhelm Raabes als eine Schatzkammer solcher seelischen Kräfte. Es ist ein schönes und sinnvolles Zeichen, daß man mit einem Preis in seinem Namen als ersten E r n st Wi e ch e r t belohnt hat für fein Buch: „Die Ragd des Jürgen Doskocil" (A. Lcmaen- G. Müller-Verlag, in Seinen 4,80 Jt). Dies Buch bedeutet eine Rückwendung von der ent­seelten Gesellschaftsliteratur zu den wesen­haften Kräften der Seele und den geheimnis­vollen Kraftströmen der Heimat. Thomas Mann hat, lan-6 vor seiner Wendung zum politisierenden Redner, noch während des Krieges in den „Betrachtungen eines Unpoli­tischen" gesagt, daß der Mensch, und der Deutsche zuerst, nicht nur ein soziales, sondern Mich ein metaphysisches Wesen sei. Das ist es, was dieses Wiechertfche Werk und seine Menschen auszeichnet: alles ist mehr als Nur, was ausgesagt wird. So wie der Fähr- vtann Doskocil oft „einen zweiten Leib hin­ter dem ersten Leib sieht", — er hat die Gabe des zweiten Gesichts —, so ist das ganze Derk von einer besonderen Hintergründig­keit, einer Transparenz, die den Blick auf das jenseitige lenkt und auf das Untergründige, «r Ostdeutsche Wiechert läßt sein Berk tat

ostpreußischen Heimatboden wurzeln, einer Landschaft, in der noch Geheimnis und Urschauer weben, in der Glaube und das, was wir Aberglaube nennen, eng verschwistert sind. Die Menschen sind schwer und düster, aber manchmal leuchtet in ihnen der Glanz des Jenseits. Solch ein Mensch ist auch Jür­gen Doskocil: unbeholfen und langsam, den Leuten oft ein Gegenstand des Spottes. Aber in ihm ringt eine treue, liebevolle Seele zum Licht. ,T)u getreuer Fährmann" nennt ihn der Pfarrer des Orts — und auch dieses Wort hat doppelten Sinn. Jürgen Doskocil ist Fährmann am großen Strom. Nie ruft einer vergeblich seine Hilfe an. Treu dient er allen Menschen. Und als nach dem Tode feiner Frau, die ihm keine gute Frau war, ihm die junge Magd ins Haus kommt, da ringt er treu um ihre Seele. Denn sie soll dem Priester der Mormonensekte zufallen nach deren Gesetz. Wie die zwei Menschen, Jür­gen und Marte, einander zuwachsen, in scheuer, verhaltener und dpch sinnenseliger Liebe, wie sie gegen Haß und Reid Kämpfen, die Dämonen auch in der eigenen Brust über­winden und durch viel Not und Leid den Weg zu ihrem kargen Glück finden, das hat Wiechert mit großer Kunst gestaltet. Und wie die Natur in dieses Menschenschicksal hinein verwoben wird, der nährende und verzeh­rende Strom, der Acker und der Wald, das ist von besonderer Eindringlichkeit, die aus ursprünglichster Verbundenheit mit der Hei­mat erwächst. Für Wiechert ist die Natur nicht ein schmückendes Rankenwerk, das er nachträglich dem menschlichen Geschehen hinzu- fügt, sondern der tragende Grund. Wiecherts Buch, dessen erzählbarer Inhalt ein gegen­wärtiges Geschehen, ein Kriminalfall eigent­lich ist, ist doch ein Werk des Anfangs. Der Totschlag, den Marta an dem Mormo­nenpriester begeht um des Kindes willen, das sie Jürgen schenken will, dient dem Leben. Des Priesters Fluch wie sein Tod wird ent­sühnt durch Martes freiwillig hingenommene Strafe. Das Kind, das sie von Jürgen emp- fiee und das im Gefängnis das Licht erblik-

ken wird, ist Gewähr des neuen Lebens. „Von neuem werden wir beginnen, ja, mit dem Acker und mit dem Kind.. - Der A n - fang, das ist das Leben. Nicht das Ende." Das Wort C a r o s f a s : „Die am treusten dienen dem eisernen Kern der Erde, die tauft mit Lebenswelten jedes Gestirn" — an diesen Menschen Wiecherts wird es wahr. Müh­selige Arbeit, unendliche Treue, Güte und Menschlichkeit, die keinen Lohn sucht, schlichte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, mensch­liche Reinheit und schicksaltreues Stehen zum eigenen Wesen und zur eigenen Schuld — das sind die Werte, die den wortarmen, schlichten und schwerfälligen Jürgen Doskocil zu einem Menschen machen, der ein Anfang ist, den der Himmel segnet.

Ist solch ein Werk nicht wert, ein Volks­buch im wahren Sinne zu werden — vor so unendlich vielen, was geschäftige Verleger für billiges Geld auf den Markt werfen? Hier sind die einfachen Tugenden, die einfachen Ge­fühle des unverbildeten Menschen unseres Volkes Gestalt geworden. Alles was noch unverbildet ist und ursprünglich gläubig in uns, das findet hier Bestätigung und neuen Anstoß. Und jeder, der Freude hat am dich­terischen Wort, am Wort, das nicht be­schreibend alles aussagt, sondern mit seinem Klang Saiten in uns zu schwingen bringt, Empfindungen und Gedanken weckt, ber greife zu diesem Buch, das niemanden enttäuscht.

Ein Werk von der gleichen Nähe zum Volk­haft-Einfachen, das im Ton und der Haltung des Erzählers fast noch' mehr an die alt- meisterliche Art Raabes erinnert, ist Paul Ernst' s neues Werk „Das Glück von Lautenthal" (ebenfalls bei A. Langen- G. Mül­ler, in Seinen 4,50 <K). Paul Ernst, der jetzt 66jährige, gehört zu den wenigen Großen, die trotz der Verkennung über die Zeiten der Verflachung hin das Erbe wahrten und an ihrem Werk bauten. Er hat alle Denker das Verhältnis des Volkes zur neuen Ge­sellschaft untersucht, er hat in seinen Er­innerungen seinen eigenen Weg vom Sozia­lismus zum konservativen Denken gestaltet.

Hier tn diesem neuen Buch liegt die — gar« nicht so häufige — Bestätigung des Denkers durch die eigene dichterische Kraft vor. Er spricht vom ewigen Volk, wie es sich ihm zeigt in seinem Roman, den er im 17. Jahr­hundert spielen läßt, vor dem Aufbrechen der modernen Zivilisationsproblematik, vor dem Auseinanderfallen des einen, einheitlichen Volkes in die „Gesellschaft" und das „niedere Volk" — und wie es einmal wieder fein wird. Hier wandeln durch das Buch lebendige Ge­stalten aller Volksschichten: Müllerburschen und Bergleute, Bürgertöchter und Adelsfräu­lein, der Pfarrer und der Geheime Rat, eigentlicher Regent des Landes, der Herzog selbst und Herr Leibniz — wir sind näm­lich in der Harzer Heimat des Dichters, einem Teil der braunschweig-lüneburgifchen Sande, denen Seibniz ja diente. Was ist denn aber das Glück von Lautenthal? Man könnte, sehr gegenwärtig, sagen: Das Aufhören der Arbeitslosigkeit — und damit merken wir schon, daß die Historie dem Dichter nicht dis Flucht in ein idyllisches Nirgendwo ist. Tis Sautenthaler Silbererzgrube ist versiegt. Dis Bergleute finden nichts mehr. Die Berg­herren haben kein Geld, die Arbeiter keine Arbeit. Not herrscht im Ort. Dazu führt bei Bach, die Saute, kein Wasser mehr und auch in der Mühle herrscht Sorge, die selbst vor den adligen Höfen nicht halt macht. Und die einfachsten menschlichen Dinge verwirren fid): junge Siebende können nicht heiraten, — do kommt endlich das Glück, das Fräulein von Glück. Ein adliges Fräulein vom Herzogs- Hofe, der höfischen Suft müde, mochte zum Volk zurück. Sie selbst ist noch unverdorben, aller volkhaften Kräfte mächtig. Als ein schö­nes Symbol dieser Naturverbundenheit ver­mag sie sogar mit der Wünschelrute Erz zu finden. Ein neuer Gang wird im Bergwerk angeschlagen, Silber wird gefunden, die Laute führt wieder Wasser — und alle verwirrten Zustände rücken sich wieder von selbst zurecht. Die liebenden Paare Jiönnen heiraten — und selbst das Fräulein von Glück findet ihren Weg. Nicht dem Herzog, den ihr stolzer Sinn