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Hitler mit der Kabinettsbildung beauftragt
der Redaktion von 10—11 und N.1—1 Ubr.
Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt n«d Kreis Marburg.
Er soll den Nachweis einer arbeitsfähigen Mehrheit erbringen
Sn aller Stuljc und Sachlichkeit sind die augenblicklichen poliiischen Vcrgänge zu beurteilen und zu erörtern. Aus dem Verhandlungszimmer des Reichspräsidenten dringt nicht der geringste Laut heraus, so daß es eigentlich unzweckmäßig erscheint, auf die,hundertfachen Kombinationen, die setzt kursieren, «inzuge'nen. Ain wichtigsten erscheint uns die Feststellung zu sein, daß nahezu bei Allen für für die große politische Sammlung ein ernsthafter Wille besteht, unbedingt zu einer Lösung zu kommen, die auch einen Dauererfolg verspricht und in der die Sachlichkeit das Personelle überragt. Wir werden uns darum auch eine längere Zeit hindurch mit Geduld wappnen müssen.
Man ist auf Mutmaßungen angewiesen, wie die weitere Entwicklung verlaufen könnte. Denn es gibt zuviele Möglichkeiten, die ins Auge zu fassen wären. Für eine Verständigung sind am Wochenende alle Möglichkeiten offen geblieben, zu einer Verständigung sowohl der für die Konzentration berufenen Parteien mit dem Reichspräsidenten, wie natürlich als erste Voraussetzung dafür unter den Parteien selbst. Was bis heute über Kandidaturen für den Kan-lerposten gesagt wurde, eilt nicht nur den Tatsachen voraus. sondern ist direkt abwegig. Denn erneut nntß daran festgehalten werden, daß nurder Reichspräsident beroff und beauftragt. Mag weiß zur Stunde nock nichts von einer Beauftragung Hitlers und auch nichts von • einer Ablehnung. Auch hier sind also alle Möglichkeiten noch offen.
Ob mit der technischen Leitung der Verständigungsverhandlungen zwischen den Parteien eine unabhängige Persönlickk-it betraut und beauftragt werden könnte, ist ebenfalls noch ungewiß, doch spricht die größere Wahrscheinlichkeit dafür, und in diesem Zusammenhang wird der Name des Reichstagsprüsiden- ten G o e r i n g genannt.
Der Sonnabend
Amtlich wird über die Sonnabend-Ver- handlungen mitgeteilt:
Der Reichspräsident empfing heute vormittag Herrn Adolf Hitler zu einer Besprechung über die politische Lage. Die Aussprache dauerte über eine Stunde; es wurde in Aussicht genommen, sie in den nächsten Tagen fortzusetzen.
llm 1413 Uhr verließ Hitler das Haus des Reichspräsidenten in seinem Kraftwagen. Inzwischen hatte sich in der Wil- helmstraße eine so große Menschenmenge angesammelt, daß es dem Wagen des nationalsozialistischen Führers schwer wurde, sich einen Weg zu bahnen. Die Menge durchbrach die Schupoketten und stürzte bis an das Ausfahrtstor des Präsidentenhauses heran, so daß es erst wieder gefchlosisn werden mußte. Dann erst war es der Schutzpolizei möglich, die Straße soweit frei zu machen, daß der Wagen, herausfahren konnte. Aber auch in der Wil- helmstraße selbst gab es immer wieder Stockungen, so daß Hitler buchstäblich nur schrittweise vorwärts kam. Die Ovationen fetzten sich fort, bis Httler im Kaiserhof ausgestiegen war.
Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, hat die Besprechung zwischen dem Reichspräsidenten und Adolf Hitler eine Stunde und zehn Minuten gedauert. Auf der Sette Hitlers hat niemand weiter an ihr teilgenommen; sie vollzog sich zunächst zwischen dem Reichspräsidenten und Adolf Httler unter vier Augen. Rach kurzer Zeit wurde dann Staatssekretär Meißner zugezogen.
Der Sonntag
Derlin, 20. Rov. Auch am heutigen Sonntag haben die Verhandlungen über die Neubildung der Reichsregierung nicht geruht. Der Schwerpunkt liegt dabei bei denParteien. Nachdem
der Reichspräsident gestern die erste Etappe seiner Besprechungen abgeschlossen hat, war bekanntlich vorgesehen, daß die Parteien, die für die nationale Konzentration in Frage kommen, zunächst untereinander Fühlung nehmen.
Das ist in der Form geschehen, daß Verhandlungen zwischen den Natio
nalsozialisten und dem Zentrum statt-
* gefunden haben.
Hitler selbst ist an diesen Besprechungen nicht initiativ beteiligt gewesen. Sie werden vielmehr von dem Reichstagspräsi- I dcnten Göring geführt und haben, wie verlautet, in feiner Wohnung stattgefunden. Adolf Hitler selbst hat sich den grüß-
Die amtliche Mitteilung
fk. Berlin. 21. Nov. Adolf Hitler hat sich zur Fortsetzung der Aussprache über die Regierungsbildung um 10.30 Uhr zum Reichspräsidenten begeben.
In der Begleitung Hitlers befand sich Reichstagspräsident Göring.
fk. Berlin. 21. Nov. Adolf Hitler, der um 10.30 Uhr beim Reichspräsidenten zum Empfang erschien, verließ bereits um 10.50 Uhr bas Reichspräsidentenpalais und begab sich unter Heilrufen feiner Parkeianhänger zum „Kaiferhof".
fk. B e r l i n, 21. Nov. Hebet diese Besprechung wird folgende amtliche Mitteilung herausgegeben: Nachdem der Führer der NSDAP, dem Herrn Reichs
präsidenten mit aller Bestimmtheit erklärt hat. daß seine Partei nur in einer von ihm geführten Regierung Mitarbeiten könne, hat der Herr Reichspräsident Herrn Hitler als den Führer der stärksten Partei ersucht, festzustelleu, ob und unter welchen Bedingungen eine von ihm geführte Regierung eine sichere arbeitsfähige Mehrheit mit einheitlichem Arbeitsprogramm im Reichstag finden würde.
Herr Hitler erklärte feine Antwort auf dieses Ersuchen dem Herrn Reichspräsidenten heute Nachmittag schriftlich zu übermitteln.
Dynamit-Anschlag auf Herriot
Die Explosion vorzeitig erfolgt
Paris, 20. Nov. Aus den Zug, mit dem der französische Ministerpräsident am Samstag abend Paris verlassen hatte, um sich nach Nantes zu begeben, wurde am Sonntag früh einDynamitanschlag verübt. Unbekannte Tater hatten etwa 50 Kilometer vor Nantes unter die Schienen eine starke Dynamitpatrone gelegt, die in dem Augenblick explodieren sollte, in dem der Zug die Strecke passierte. Die Explosion ereignete sich jedoch aus bisher noch nicht sestgestellten Gründen bereits eine Stunde vor dem Eintreffe n d e s Z u g e s. fo daß ein Unglück vermieden werden konnte.
Am Sonntagmorgen, kurz vor 6.30 Uhr, wurden die Bewohner der in der Nähe des Schienenstranges liegenden Häuser durch eine furchtbare Explosion wachgemacht Und stellten fest, daß die Schienen auf mehrere Meter aufgerissen waren. Nachdem die nächste Dahnhofswache unterrichtet worden war, konnte auch der Lokomotivführer des Zuges, in dem der Ministerpräsident Platz genommen hatte, rechtzeittg benachrichtigt werden. Herriot traf in Nantes mit einer Stunde Verspätung ein. Die Polizei hat sofort eine eingehende Untersuchung eingelettet.
Herriot ist nach Nantes gereist, um dort an einer Feier zur Erinnerung an die Vereinigung der Bretagne mit Frankreichteilz unehmen. Zm Zusammenhang mit dieser Reise erinnert „QHatin“ an den Bombenanschlag von Rennes und behauptet, die Untersuchung scheine darauf hinzud?uten, daß die Täter damals ein Attentat gegen Herriot selbst geplant hätten: das Blatt spricht von einer
bretonischen Geheimsekte komm'unisttscher Tendenz.
Zu dem Anschlag a!uf der Strecke Paris- Nantes erfährt .,P a r i S M i d i", daß der Tatvtt ganz in der Nähe von Puhgarnier liegt.
Herriot wieder in Panis. - Buhastmsen in der Anschlagsangelegenheit.
k. Paris, 21. Nov. Ministerpräsident Herriot ist am Sonntag abend aus Narttes wieder in Paris ein getroffen. Die Untersuchungen über den Anschlag bei Nantes werden inzwischen mit großem Eifer fottgesetzt, ohne daß es bisher gelungen ist, die geringste Spur der Täter zu finden. Die Polizei ist im ubn- gen mehr und mehr der Auffassung, daß es sich weniger um einen Anschlag auf das Leben des Ministerpräsidenten gehandelt, als um eine shmbolischeGesteüber- hitzter autonomistischer Gemüter, die dadurch ihrer feindseligen Einstellung gegen den Ministerpräsidenten Ausdruck geben wollten. Diese Auffassung wird dadurch bestärft, daß man in unmittelbarer Nähe des Tatortes, an dem die Schienen durch die Explosion aufgerissen waren, 2 rote Lampen fand, die sicher dazu besttmmt waren, den Lokomotivführer des herannahenden Zuges zu warnen.
Zn Nantes sind eine Reihe von Verhaftungen durchgeführt worden, die aber zum größten Teil nicht aufrecht erhalten werden konnten. Sechs der Verhafteten sollen angeblich bereits bei dem Bombenanschlag in Rennes und dem versuchten Anschlag in Vannes eine gewisse Rolle gespielt haben, ohne daß man aber die Beweis- gegen sie. erbringen kennte, die eine Anklage ermöglicht hätten. .
(Fortsetzung siehe Seite 2)
ten Teil des Sonntags im Kaiserhof aufgehalten und eine Reihe von Besprechungen mit seinen engeren Parteifreunden gehabt. lieber den Inhalt der Verhandlungen zwischen Nationalsozialisten und Zentrum wird auf beiden Seiten aller- strengtes Stillschweigen bewahrt, weil man unter -allen Umständen vermeiden will, daß der weitere Verlauf durch Indiskretionen gefährdet werden könnte.
Reichstagspräsident Göring hat auch versucht, mit den Deutschnationalen in Fühlung zu kommen. Diese Absicht ist aber zunächst mißlungen, und zwar deshalb, weil die Deutschnationalen wohl erwartet hatten, daß Hitler selbst sich an sie wenden würde. Der „M o n t a g", der ja dem Geheimrat Hugenberg nahesteht, berichtet darüber, daß die Verhandlungen in der „etwas merkwürdigen Art" eingeleitet worden seien, daß Reichstagspräsident Göring am Sonntag nachmittag durch seinen Adjutanten Geheimrat Hugenberg in das Palais des Reichstagspra- sidenten zu sich bestellen ließ.
Dr. Hugenberg ließ nach der genannten Quelle darauf Mitteilen, daß er Herrn Adolf Hitler wie stets, so auch jetzt zu einer politischen Besprechung zur Verfügung stehe. Er müsse es aber nach den Vorgängen der letzten Wochen a b l e h n e n, einer in so ungewöhnlicher Form erfolgten Aufforderung des Herrn Reichstagspräsidenten Göring nachzukommen.
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Warum Göring verhandelte.
Berlin, 20. Nov. An die Verhandlungen, die heute nachmittag beim Neichs- tagspräsidenten Göring stattgefunden haben, schloffen sich noch interne Besprechungen bei den National- sozi ali st en im „K ais e r h o f", wo auch Adolf Hitler wohnt, und in engerem Kreise der Zentrumsführung. Von unterrichteter Seite erfahren wir, daß die Einladung Görings zu Besprechungen nicht nur auf das Zentrum und dis Deutschnationalen beschränkt ist, sondern sich auch auf Deutsche Volkspartei und die bayerische Volkspartei erstrecken. Es ist also sicher, daß auch mit den Führern dieser beiden Parteien verhandelt wird.
Zur Konstruktion dieser ganzen Verhandlungen werden von nationalsozialistischer Seite folgende Gesichts- o unkte unterstrichen: Die Nationalsozialisten sind bereit, positiv die Ausgabe der Regierungsbildung in Angriff zu nehmen, wenn der Reichspräsident ihnen die Führung überträgt, das beißt, Herrn Hitler >en Auftrag erteilt. Dieser Auftrag liegt msher nicht vor, und deshalb werden die Verhandlungen auch nickt von Adosi Hitler geführt. Vielmehr ist nach nattonal- sozialisiischer Auffaffung zunächst Reichs- taqspräsident Göring der gegebene Mann. Das werde einmal durch leine Stellung als Reichstaaspräüdent bedingt, noch stärker aber durch die Tatsache unterstrichen, daß er von den Parteien gerätst ist, die vom Reichspräsidenten zur Fraae der nationalen Konzentration gehört worden sind. Seine Unterhaltungen mit den Parteien gehen von der Frage bet Slei4^ tagseinberufung aus, gelten weiter . der Stellung der Parteien zum Kabinett Papen und von da aus den Möglichkeiten, die zur Bildung einer neuen Regierung führen können. Es wird betont, daß diese Verhandlungen nur informatorisch find und vorbereitenden Charakter haben. ,