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Anzeiger für (das frühere kurhesfifche) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Meuternde Truppen in Genf
Soldaten singen die Internationale — Auswärtige Truppen herangezogen — Der Generalstreik beendet
Genf, 12. Nov. In den späten Abend- stunden des Sonnabend kam es erneut zu einem Zusammenstoß zwischen den Truppen und der Masse, der jedoch ohne weitere Folgen blieb. Bor der Kaserne der Sicherheitstruppen hatte sich eine mehrhundertköpfige Menge angesammelt, die fortgesetzt die Internationale sang und die Truppen heraus- fordcrte. Plötzlich wurde eine Feuerspritze tn Tätigkeit gesetzt. Gleichzeitig gingen Soldaten und Polizisten mit Gummiknüppel auf die Menge los, die sich sofort zerstreute^ Um 23 Uhr ist die Polizei Herr der Lage. Sonnabendabend wurde der Sozialistenführer Isaak verhaftet.
Im Laufe des Tages wurden zwei weitere Bataillone Walliser Infanterie herangezogen. Es herrscht der Eindruck, daß diese Massnahme auf Grund von Vorgängen innerhalb der Genfer Garnison erfolgt istz die bedenklich erscheinen. Ein Teil der Soldaten hat in un- mihverständiicher Weise sein Missfallen über eine Rede des Kommandeurs der Truppen zum Ausdruck gebracht. Weiter hat ein Teil der Soldaten in den Kasernenräumen eme lärmende Kundgebung veranstaltet und in deren Verlaufe die Fensterscheiben zertrümmert. Vor den Postenketten, dre vor den Unterkunftsräunien der Soldaten gezogen sind, stand eine dichte Menschenmenge, die sehr erregt und äußerst gereizter Stimmung war. Die neuherangeführten Truppen wurden von der Menge mit Pfeifen und Zischen empfangen. Das Militär begnügte sich damit, die Menge zunächst von den Postenketten mit Waüerspritzen zurückzuhalten. Als die Menge sich jedoch dadurch nicht abschrecken lieh, muhte di« zweite Postenkette ihre Gewehre laden. Die Lage ist gegen Mitternacht noch sehr gespannt.
Die gestrigen Vorgänge bei der Truppe selbst haben zu mancherlei Kombinationen geführt. So heißt es. die gestern abend erfolgte Hinzuziehung der beiden Walli- sischen Bataillone habe sich deshalb als notwendig erwiesen, weil verschiedene Anzeichen darauf hindeuteten, daß man sich im Ernstfälle nicht unbedingt auf die Genfer Truppen hätte verlassen können. Der Zwischenfall bei der Ansprache des Kommandanten, Oberst Lederreh, dem aus den Reihen der Soldaten das Wort „M ö r d e r" zugemfen wurde, ist bereits gemeldet worden.
Es heißt aber auch, daß Teile der Genfer Truppen zeitweilig in bedrohlicher Weise von den Fenstern ihrer Kaserne aus mit der Menge zu fraternisieren begannen. Biele von ihnen sollen sich an de« Gesang der Internationale beteiligt haben.
Man spricht davon, daß die Lage zeitweise äußerst kritisch war. und erflärt es damit, daß die Truppen in verschiedene, etwas abseits gelegene Schulen der Stadt verteilt wurden. In die Kasernen kamen, wie gemeldet, die beiden neuen Btaillone aus dem Wallis, die man bereits vorsorglich in die Nähe Genfs transportiert hatte. Im ganzen waren gestern 4000 Mann Militär in Genf konzentriert.
Seit Sonnabend find insgesamt 20 neue Verhaftungen vorgenommen worden.
22 Soldaten der Seufer Garnison mutzte» wegen Gehorsamsverweigerung und anderer disziplinärer Ver- gehen verhaftet und dem Militärgericht übergeben werden.
In hiesigen schweizer Kreisen wird jetzt mit großer llebereinstimmung die Äus- fafiung vertreten, daß die Unruhen auf ausdrückliche Anweisung auswärtiger
Kommunistenführer erfolgt sind. Wie die „T.-ll." von maßgebender schweizerischer Seite erfährt, beabsichtigt die Regierung jetzt, mit der größten Schärfe gegen etwaige neue kommunistische Unruhen vorzugehen. Im Laufe des Sonntags sind Haussuchungen bei 22 verhafteten Kommunisten vorgenommen worden. Die Regierung soll entschlossen sein, alle Ausländer, die der kommunistischen Propa
ganda verdächtig sind, unverzüglich aus dem schweizer Bundesgebiet a u s z u - weisen. ■
Basel, 13. Nov. Nach am Smmtagfrüh aus verschiedenen Orten der Schweiz vorliegenden Meldungen ist die letzte Nacht ruhig verlaufen. 3n Zürich hielten die Kommunisten am Abend noch eine Kundgebung ab, die von etwa 1500 Personen besucht war. Etwa 1000 Personen zogen anschließend vor
die Kaserne und demonstrierten gegen das Militär. Die Polizei war aber m Bereitschaft, so daß es zu ernsten Zusammenstößen nicht kam. Die Sozialdemokraten haben ihren Mitgliedern die Weisung erteilt, sich an keiner Aktion zu beteiligen, ohne ausdrückliche Genehmigung des Gewerkschaftsbundes. In Basel kam es lediglich zu einigen kleineren Plänkeleien. In Lausanne wurde ein Anarchist und eine weitere verdächtige Person verhaftet.
Einheitsfront der Schuldner
Auch Belgien und Italien Litten um Zahlungsaufschub
Der Washingtoner Korrespondent der „Times", sagt, das Staatsdepartement erwartet jetzt von Italien und Belgien Roten über ihre Schulden an Amerika, deren Inhalt in der Hauptsache mit der britischen und der französischen Note übereinstimmen dürfte. Wenn auch die Gegner einer Schuldenverfion von einem Block der Schuldnerstaaten sprächen, so sei die Sache im allgemeinen doch nicht ungünstig. Senator B o r a h werde zweifellos seine Stimme zugunsten eines Zahlungsaufschubs erheben.
Die englische Schuldennote an Amerika veröffentlicht.
Das englische Außenministerium veröffentlicht am Sonntag abend den Wortlaut ihrer Note zur Schuldenfrage an Amerika. Die Note erinnert zunächst an die englische Unterstützung des Moratoriumsvorschlages Hoovers und sagt dann im zweiten Abschnitt, daß die Hoffnungen, die durch den Hoover-Vorschlag ausgelöst wurden, nicht voll in Erfüllung gegangen seien. Anknüpfend an die amtliche Verlautbarung, die aeleaent- lich des Besuches von L a v a l in Washington herausgegeben wurde, wird dann der Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß weitere Abhilfemaßnahmen gefunden werden müssen, um die Welt- depresfion zu überwinden. Im dritten Abschnitt wird auf das Lausanner Abkommen binaewiesen und betont, daß dieses das Höchstmaß desien darstelle, was die beteiligten Regierungen von sich aus zur Wiederherstellung der Wohlfahrt in der Welt beitragen könnten, an der das amerikanische Volk ebenso interessiert sei, wie die Nationen des englischen Weltreiches, und zu deren Erreichung die Mitarbeit Amerikas notwendig sei.
3m vierten Abschnitt wird erklärt, England glaube, datz das System der zwischenstaatlichen Finanzverpflich- tungen, wie es jetzt bestehe, einer Revision unterzogen werden müfie. Die englische Regierung halte schnelles Handeln für notwendig und hoffe, datz Amerika sobald wie irgendmög- lich in einen Meinungsaustausch eintreten werde.
Im fünften Abschnitt wird auf den eigentlichen Zweck der Note eingegangen, nämlich die Aussetzung der am 15. Dezember fälligen Kriegsschuldenzahlungen an Amerika während der angeregten Verhandlungen oder während irgend eines anderen Zeitabschnittes. über den man sich einigen
könne. Es sei unmöglich, in der kurzen Zeit von fünf Wochen eine Vereinbarung über einen Gegenstand von so großem Ausmaß zu erzielen. Dahei wird auf das Vorgehen hingewiesen, das während der Lausanner .Konferenz angebahnt wurde, um einen ungestörten Verlauf der Verhandlungen zu ermöglichen, die Zahlungen an die teilnehmenden Mächte aufgeschoben wurden. Die englische Regierung spricht die Hoffnung aus, daß in diesem Falle ein ähnliches Vorgehen wie in Lausanne ergriffen werden möge. Im sechsten Schlußabschnitt wird Washington als Ort für die Schuldenerörterungen vorgeschlagen.
„Petit Parisien" über die französischen Schuldenote.
Zur lleberreichung der französischen Note in der Schuldenfrage schreibt der offiziöse „Petit Parisi en": Trotz der absichtlichen Unterlassung jeder Bezugnahme auf die vielfach Deutschland in der Reparationsfrage gewährten Konzessionen besteht eine enge und logische Verbindung zwischen der französischen Note und dem Hoover-Moratorium vom Juni 1931, das den Poungplan zunichte gemacht habe. Man könne nicht annehmen, daß Hoover und Roosevelt sich weigern würden, einem Antrag nachzukommen, der vom Eerechtigkeitsstandpunkt aus gestellt sei, und desien Ablehnung sofort die Wirkung haben würde, nicht nur das mühsam in Lausanne erzielte Abkommen zu anullieren, sondern auch die Welt in das größte politische, wirtschaftliche und finanzielle Chaos zu stürzen.
Kein Zahlungsaufschub ohne Strukturveränderung.
Washington, 13. Roo. Senator Borah hat in einer neuerlichen Erklärung zum Kriegsschuldenproblem mit starker Betonung darauf hingewiesen, datz jede Fortsetzung einer Politik, die zu nichts anderem führt, als zu einem Aufschub der Zahlungen, die Zivilisation der Welt zu zerstören droht. Alle Moratoriumsvorschläge mühten seiner Ansicht nach durch Pläne, die einen grundsätzlichen wirtschaftlichen Kurswechsel sichern, ergänzt werden. Wenn England im Augenblick nicht imstande sei, Zahlungen zu leisten, so werde es später erst recht nicht ohne weittragendere Folgen zahlen können» sofern «icht das ganze internationale Programm einer Aenderung unterzogen werde. Borah fügte seiner Betrachtung die Bemerkung Hinz«, es sei kein bloßer Zufall, wenn am selben Tage, als England um Zahlungs
aufschub bat, 500 Farmer in Anmarsch auf Washington waren, wo sie erreichen wollten, von ihre« Schulden befreit zu werden.
Telegramm Hoovers an Roosevelt. — fl. Washington, 14. Nov. Zn seinem Telegramm an Roosevelt sagt Hoover unter Hinweis auf die Schulden- und Abrüstungsfrage, die Regierung sehe sich einem Weltproblem von grötzter Bedeutung gegenüber- gestellt.
„Wir sollten den Borschlägen unserer Schuldner zugänglich sein gegen fühlbare Kompensationen in anderer Form als direkter Zahlung, nämlich Erweiterung ihrer Märkte für die Erzeugnisse unserer Arbeiter und Bauer« und vor allem wesentliche Herab- setzang der Weltrüstnngen.
Weiter sagt Hoover, wenn Berhand- lnngen begonnen würden, so seien lange, ins Einzelne gehende Erörterungen notwendig, die während seiner Amtszeit nicht zum Abschluß gebracht werden könnten. Jede Verhandlung sei beschränkt durch die Kongretz-Resolution (Widerspruch gegen Streichung und Herabsetzung der Kriegsschulden). Jnfolgedesien könnten etwa von den europäischen Regierungen untereinander eingegangene Verpflichtungen sich nicht auf irgendwelche Zusicherungen seilens der Vereinigten Staaten gründen, lleberdies gehe der Tenor der von den Schuldner-Nationen gewünschten Verhandlungen über die Bedingungen der Resolution hinaus, in der eine Beschränkung auf eine zeitlich begrenzte, individuelle Aktion hinsichtlich der zahlungsunfähigen Staaten festgesetzt werde.
Ueber das M o r a t o r.i u m sagt Hoover, die europäischen Nationen hätten während dieses Jahres einen sehr wesentlichen Fortschritt in der Behandlung dieser finanziellen Angelegenheiten untereinander gemacht und ebenso einen Fortschritt in Richtung auf eine Rüstungs- Verminderung hin."