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311 dem Vortrag von Livian Strauber».

Am Freitag, dem 28. Oktober, sprach der ehemalige englische G en e r alst a bshairptmmm Divian Stranders im großen Stadttaat über die Kriegsschuldlüge. 2ßtr baden den Bericht über diese mit gemischten Gaumen aufgenommene Kundgebung brs nach den Wahlen zurückgestellt, da bie Voraussetzung, unter der ein grober Teil der Besucher er­schienen war, nämlich dre Ueb er pari er­lich leit, nicht gegeben war. Es hat aber, wie wir erfahren haben, weder rn der Ab- ixh des Veranlassers, der ja tn emlertendm Worten die lleberparteilichkert hervorhod, noch im Sinne der vom Redner oft ge­nannten Partei, die mit der Kundgebung nichts 3U tun hatte, gelegen, daß Herr Stran­ders die Schicksalsfrage des deutschen Volkes mit parteipolitischen Betrachtungen v«- knüpfte. Wir. wollen auf sie und manche andere Mängel nicht zurückkommen, glauben aber, mit dem durchaus brauchbaren Kern der Ausführungen Stranders einen werte­ren Kreis bekannt machen zu müssen. Herr Strwnders steht im Kampf gegen den Ver- sailler Vertrag und dre frankophile PolrtS der englischen Außenpolitik als Engländer nicht allein. Man kann englrschen PolMern, Wissenschaftlern und Offizieren das Recht, auf deutschem Boden ein Gewalttätern, das auch den Engländern nicht nur Vorteile ge­bracht hat, zu bekämpfen, nicht streitig machen. Hierüber haben schlieszlrch nicht rott, sondern dre Engländer zu befinden.

Stranders steltte in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen die Folgen der Krreasichuld- lüge als ein germanisches Problem. Diese Lüge ist der Eckpfeiler des ganzen Diktats von Versailles. Die Deutschen ha­ben sie wlitzu roenig und zeitweise ausschlretz- lich unter dem Gesichtspunkt der Repa­ration en bekämpft. Auf der Krregsschuw- lügt beruhen aber sämtliche verbrecherische Gewaltmahnahmen und Entrechtungen des deutschen Volkes, auf dem Vertrag letzten Endes sämtliche Krisen der Gegenwart, der Wirtschaft und der Außenpolitik, und größte Gefahren für die Zukunst der germanischen Rasse. Der Verstag mache Frankreich zum Herrn des Kontinents, er girrt ihm mit dem Völkerbund das Instrument, drese He­gemonie zu festigen. Er soll der, Festsetzung des Krieges mttfriedlichen" Mitteln dienen, also dem Ziel, 20 Millionen deutsche Men­schen zu vernichten. Deutschland aber ist der germanische Wall gegen den slawischen Osten.

Solchen Gefahren ist nicht durch Uuter- wüstigkeit zu begegnen, auch nicht durch wissenschastltche Untersuchungen, inwieweit die Kriegsschuldlüae unhaltbar sei. Man mutz beweisen, daß die anderen schuldig waren. Man mutz trogen, wer den Krieg' gewollt und wer ihn vorbeiettet hat. Dte Vol­ker find durch die grohe Presse (NosthcMe!) im Interesse des internationalen Erohkapi- tals aufeinandergehetzt worden/Dreses Grotz- kapital hat am Kriege dreifach verdient, an der Vorbereitung, an der Durchführung, an den Folgen. Der politische Zweck war die Befestigung der Monarchien, vor allem der Hohenzollern. Stranders belegte diese Aus­führungen mtt zahlreichen Quellen, dre leider koch viel zu wenig allgemein bekamst Md. Dem Hauptziel, der Vernichtuns Deutsch­lands, wurden alte Gegensätzlichketten dienst­bar gemacht oder geopfert, es gelE sogar, England mit seinem Erbfeind, Frankreich, und seinem gröhten Gegenspieler mn Ostm, Ruh- kmb, zu versöhnen. Das milttairsche 3m, der Einmarsch der Franzosen und Russen m Berlin, wurde nicht erreicht. Aber das Hauptziel, die Vernichtung Deutschlands, wird werter ver­folgt. Deutschland wird milstariich ferner Vesteidigungsmöglichketten beraubt, wrtt- schastlich der Möglichketten des Warei^lb- satzes und der Unterbringung seiner Men­schen. Das deutsche Volk wird rm Inneren gegeneinandergehetzt. Deutschland kann nur lieben, wenn es sich klar macht, datz Ge­walt schließlich nur mtt Gewalt zu brechen ist. Es braucht zur Ueberwindung der Ar- bestslofigkest Kolonien und ein starkes Seer, das Millionen Hände wieder beschäftigt und Hundesttausende zum Kampf stark macht. Es gehe um die Entscheidung, ob über Deutsch­land der Bolschewismus siegen soll oder nicht. *

Wi Versailler Diktat und einige andere Singe

Man hat mich in diesen Tagen mehrfach ge- ftggt, weshalb ich die Einführungswoste zu dem Vortrag von Stranders über das Ver­sailler Diktat übernommen hatte. Ich liebe eine offene und ehrliche Sprache. Hatte ich für eine Pastei werben wollen, dann hätte ich das gesagt und nicht so stark das überpartei­liche Ziel der Veranstaltung betont. Nichts weder eine äuhere Instanz noch mein eigenes Inneres zwingt mich zu einer Rechtfertigung. Aber der Vortrag Sttanders bietet mir willkommene Gelegenheit, in brei­terer Oeffentlichkeit einige fraglos Lberpastei- liche Gesichtspunkte zur Sprache zu bringen, die m E. eine allgemeinere Beachtung ver­dienen und von denen ich mich selbst in diesem Falle habe leiten lassen.

Natürlich weist ich sehr, wohl, datz et« Historiker, der sich mit diesen Fragen ein­

ODertefftiee Zeitung, Marburg «. S. Sonnabend, den 12. November 1932

gehend beschäftigt hat. in einem derartigen Vortrag ein sehr viel grötzeres Dokumenten­material vorgelegt haben würde. Das hatte Herr Sttanders, der sich eine grotze Samm- tung solchen Materials angelegt hat, ebenfalls tun können; er hielt aber anderes für wich­tiger, und auch ich teile diese Ansicht. Datz z. B. in der Kriegsschuldstage so wenig, ge- prochen und gehandelt wird, hat nach meinen Beobachtungen einen Hauptgrund in der lang, ährigen seelischen Zermürbung unseres Vol- es. Wir bringen die Wucht des Tempera­mentes im allgemeinen gar nicht mehr auf, die angesichts dieser grotzen Frage erforderlich ist. Wir halten uns dann lieber an die kleineren Dinge, die unser inneres weniger aufwühlen, und sagen uns zum Tröste vor. dah sie im Augenblick die wichtigeren seien. Aber die grotzen Hauptfragen werden durch diese seelische Selbsttherapie nicht aus der Welt geschafft. Da ist es wichtig und not-

wendig, datz von Z«'t zu Zeit ein, ftarbes Temperament vor die Menschen htnttltt und -durch die Wucht des eigenen Erlebens Die ganze Wucht dieser Fragen einem grötzeren Kreise wieder zu Bewußtsein bringt.

Es liegt an den unten noch zu berührenden tieferen Sachverhalten, dah wir jemandem, der mit starkem Temperament über etwas spricht, von vornherein mihtrauen. Er smeint uns nicht genügendAbstand von den Din­gen" zu besitzen, um ganz objektiv zu fern. Die Art in der unser Intellekt erzogen ist, er­fordert diesen Abstand. Aber die neuere Seelenlehre zeigt, dah diese Forderung tm strengen Sinne gar nicht verwirklicht werden kann und darum utopisch ist. Pfychologie und Biologie erweisen gemeinsam datz an je bei Funktion, auch an jeder seelischen Verrichtung des Menschen, der ganze Mensch beteiligt ist; an jedem Vorgang intellektueller Auf- fassung und sei er einfachster Art, zugleich der

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Der Friedhof von Louaemarf. auf dem die hingen deutschen Kriegsfreiwilligen, die hier den Heldentod fanden, ruhen.

Am 13. November wird wiederum des Tages feierlich gedacht, an dem im Jahre 1914 junge deutsche Kriegsfreiwilligen-Regimenter bei dem siandrischen Dörfchen Langemark mit dem Gesang Deutschland. Deutschland über alles" in den Tod stürmten.

Wille oder ein ihm verwandter Vorgang innerer Aktivität, populär gesprochen das Temperament. Wo dem Jntellett diese Mit­wirkung des Willens gänzlich fehlt. da ent­fernt er sich sehr leicht vom Wirklichen und begibt sich in chimärische Bereiche Das Wirk­liche um uns ist immer ein Widerstand, der sich unseren Willensimpulsen entgegenstellt und mit dem wir kämpfen muffen. Wo das nicht mehr der Fall ist, weil das Willens­moment vom Jntellett ganz abgelöst worden ist, da verliert der menschlich-e Eeist überaus leicht den Kontakt mit bet Wirklichkeit und verliert sich in Scheinwelten. Natürlich dient ein solcher Intellekt dann auch nicht mehr ber Praxis dem Leben und Handeln, und schlietz- lich entartet er selbst zu allerlei Degenerattv- sormen des Denkens, da er eben oh» «n Willensanteil auf die Dauer selbst nicht be­stehen kann Das Wesen descommon sense , des gesunden Menschenverstandes im angeb sächsischen Sinne, besteht eben darin, datz die so leicht erfolgende Trennung von Intellekt und Wille hier mit aller Entschiedenheit vermieden und die Verbindung beider ebenso entschieden aufrecht erhalten wird. Dieser common sense fehlt uns Deutschen durch­aus nicht. Es ist Nichts anderes als unser guter, handfester, zugleich idealistischer und realistischer, an den Kampf mit den Drngen gewöhnter deutscher Bauernverstand, in Jetnei niedersächsischen und friesischen Ausprägung. Er schlummert in uns allen, aber wir, sind aus den unten noch zu berührenden Gründen geneigt, ihn zu überhören und anher Dienst zu stellen. Er kann aber durch einen Menschen mit common sense in uns immer wieder seht leicht erweckt weichen. Bei einem solchen Reih ner besteht dann natürlich die Gefahr, datz Wille und Temperament einmal ins Uedei- gewicht kommen, und datz er sich in bejonbers aufgeregten Wochen, wie es die gegenwärtigen ja sind, von seinem Temperament etwas »» wett hinreihen läßt. Ich halte bas für den kleineren Nachteil gegenüber dem eben aufge­wiesenen Gewinn. Jedenfalls w« die Ab­weichung vom überparteilichen Programm « diesem Falle nicht vorgesehen.

Dagegen wuhte ich vovans, dah «^uckhe Ausdrücke fallen würden, die ganz bestimmt nicht im Anftand^nch von Knigge steh«, Ich erkläre es aber ganz offen für eine verhäng­nisvolle Verkehrtheit, datz rohr z. B einen Brief an einen uns unsympathischen Menschen mit der Formel ,,in vorzüglicher Hochachtung und Ergebenheit^ deschlietzen, während viell^cht das auch von Sttanders zttierte klassische Wori des Götz von Berlichingen ein ehrlicherer und wahrhettsgemäherer Ausdruck unserer inner­sten Ueberzeuauna wäre. We alle Teile des menschlichen Funktionsoanzeu, so beeinfluss« sich auch Sprechen, Denk« und Handeln,weq- selseittg. Wer in Wort« immer ratr säuselt und bei Sturm auf die aus dem Innern andrängenden Wogen der Sprache sofort eine besänstigende Oelschicht gietzt, bei wird damit, wegen der Einhett und Ganzheit alles .Or- aanischen, zugleich auch die Impulse fernes

Wollens und Handelns abschwächen. Auch das hängt, wie das Vorige, mit den tieferen Din­gen zusammen, auf die ich jetzt zu sprechen komnw, und die zugleich der Grund sind, wes­halb ich von der Bewegung, die heute unsere deutsche Jugend durchzieht und die wiederum als solche mit Partei nichts zu tun hat, eine grotze Erneuerung erhoffe, wofern ihr die rich­tigen Führer erwachsen.

Viele von uns, und am meisten die geistig führenden Schichten, sind wie von unsicht­baren Mauern umgeben, die uns den Kontakt mit bet Wirklichkeit erschweren. Sanet, etn hervorragender Arzt, Psychologe und Philo­soph, der mein Fach in Paris am College de France vertritt, hat zuerst gelehrt, datz .Ja fonction du reel, d. h. der Kontakt mit der Wirklichkeit, eineäußerst schwierige Funktion ist, die dem Menschen besonders leicht ver­loren geht. Wie grotz aber die Schwierigkeit dieses Kontaktes mit der Wirklichkeit i(t, bas haben mit voller Deutlichkeit erst die eideti- schen und typologischen Arbeiten der sog.Mar­burger Schule" dargetan, d. h. die in unserem Kreise entstandenen Arbeiten. Unser Et- ziehungs- und Bildungssystem birgt nun vieles tn sich was den so schwierigen Kontakt mit der Wirklichkeit eher schwächt als befördert. Für fast ein Jahrhundert hatte das Genre Wilhelm v. Humboldts dem Erziehungssystem in DentMand und wett darüber hinaus das Gepräge gegeben. Gegen gewisse Einseitio- keiten dieses sog.Neuhumanismus" ist auch schon von Seiten der älteren Generation hier und dort sehr eindringlich Stellung genommen und angekämpft worden So habe ich aus dem Munde Rudolph Südens, eines der Scholle noch nahestehenden Ostfrieseu, gelegentlich überaus harte Worte darüber gehött. Es läßt sich gar nicht leugnen, dah der Neu- humanismus und damit ein hundertjähriges Erziehäutgssvstem, von den Universitäten an durch alle Schulgattungen hindurch, einen wirk­lichkeitsfernen Zug hatte und zum Leben in Wirklichkeit sentvuckten Phantasiewelten, beson­ders ästhetischer Art. förmlich herausfotdette. Die Fahigketteu, die in bei Menschennatur überhaupt angelegt sind, treten nicht alle tn einem Menschen, ja auch nicht einmal in einem Volke in Erscheinung, sondern sind über die verschiedet»« Zeiten und Völker ver­teilt. Man gebrühte daher den Meu chen zur Totalität", b. b- zur vollen Entfaltung seines Wesens, am besten dadurch zu bringen, daß man ihn mtt den geistig« Erzeugnissen, besonders d« Literatur- und Kunstwerken, verschiedener Völker vertraut machte, beimchers aber der Griechen, die diese

Totalität" schon einmal im Höchstmaße be« Kffes hatten. Man glaubte uns also die Totalität", bas volle Menschentum, griechi- sther Jünglinge und Männer vom Jntellett aus dadurch anerziehen zu können, datz man unsere Rucken fortwährend über griechische Bücher beugte. Man übersah, datz von bet Dotttellungs- und Phantasiewelt, vom Ver­stand und Intellekt aus niemals bas Wesen

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das der

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eines Menschen geformt werden kann Um uns zu Griechen machen zu können, hatte man uns etwas von der Luft und Sonne von Hellas gönnen müffen. und vor allem das Eymnafion statt des Gymnasiums, in dessen Turnhalle wir, wenn wir es überhaupt taten, turnten, ohne Rock und Stiefeln auszuziehen. Em Leben in froher jugendlicher Kameradschaft wäre hierzu erforderlich gewesen, das M.abet durch ein Zufammenhocken auf Schulbänken und gemeinsames Bücherlesen tn lüft, und sonnenarmen Schulstuben nicht Herstellen lagt. Man sieht, datz wir hier nichts gegen den griechischen Geist sagen wollen und gegen den st»is von neuem hervortretenden Versuch, ihn mit dem deutschen in Verbindung zu bringen. Das wird aus einer inneren Verwandtschaft heraus immer wieder geschehen müssen, aber es mutz in anderer Weise geschehen als m dem Erziehungssystem, das uns geformt hat. Das Griechische ging mir damals so gut von der Hand daß ich bei Klaffenarbeiten manchmal eine vargelegte Dichterstelle nicht nut uber- sondern auch noch zu dem Versuch Zett sie in bas Originalversmah zu ubertra- Wenn rote aber bann, etwa tm Gebirge,

die uns damals entgegentraten, die vor dem zunehmenden Krämergeist tatenlos die Was- fcn streckten und sich davor, wie die Humanisten und die in ihrem Sinne humanistisch Ge­bildeten in ästhetische Scheinwelten und auf wirklichkeitsferne Phantafieeilande zurück- zogen Was wir ersehnten, war somit alles andere als Zügellosigkeit. Im Gegenteil! Abgesehen davon, datz unser Tag von un­lebendigen Studien ausgefüllt war, die uns dem wirklichen Leben dem wir zustrebten, eher zu entfremd« als anzunähern schienen, war ja die Erziehung in der sogenannten liberalistischen.Periode recht weich. Ich glaube heute, wir hätten gar nichts dagegen gehabt und es tm Grunde sogar ganz gern gesehen, in mancher Beziehung etwas fester und härter angefatzt zu werden. Bald darauf hat sich ja bann auch bie Junge Generation in ber hündi­schen Jugendbewegung solche feste Formen seihst gegeben und damit strenge Bindungen geschafM. Mit Recht bezeichnet es Carlyle als eine Verleumdung des Menschengeschlech­tes, wenn man glaubt, der Mensch verlange immer nur nach .Luckerbrot in dieser Welt oder in jener. So mag ber Mensch aus ber Perspektive bes Krämergeistes heraus er» scheinen. Von dieser Art ist aber unsere Ju­gend nicht. Sie verträgt auch in ber Er­ziehung Straffheit und selbst eine gewisse Härte wenn sie nur von Wohlwollen geleitet ist, besser als Unnatur, Als solche erschien

gen. Wenn rote aber Dann, eiroa im mit Bauern zusammentrafen, ober überhaupt mit Menschen, bie unter einfachen, natürlichen Bedingungen groß geworden waren, dann kamen wir uns ganz klein vor und . fragten uns enttäuscht: Wer hat denn nun eigentlich mehr von der an den Griechen so hoch gerühm­ten menschlichenTotalität"? Wir, die mir unter Anleitung unserer Lehrer fortwährend um die Erlangung dieser Totalität gerungen hatten ober jene, bie sich nie um Derartiges kümmerten? Unter allen Eindrücken, die mir bie Schule vermittelt hat, war es der stärkste, als wir in der Prima benAgricola des Tacitus lasen. Das war bezeichnenderweise das Allereinfachste und Schlichteste von allem, was man uns dargeboten hat: das Bild eines ganz schlichten, ehrlichen und aeradsinmgen Mannes, ber in einer durch und durch um- natürlich und ungesund gewordenen Um­gebung sich bie Natürlichkeit und moralische Gesundheit erhalten hatte. Der NameAgm- cola" der jaLanbmann" bedeutet, ist hier­für symbolisch; es würde uns heute nahe- liegen zu sag«: ein Mann, ber der schölle nahegeolieben ist, inmitten einer Umwelt, die sich weit bauen entfernt hatte. Gar nichts so Besonderes, wird man vielleicht erwidern, aber es ist eben doch bezeichnend, datz gerade dieser ganz schlichte Gegenstand für uns junge Menschen, die wir um bie Jahrhundertwende ins Leben eintraten, so viel bedeuten konnte. Das weist darauf hin, wonach wir selbst Der- langen trugen. Wir hatten inmitten einer raffinierten und überkompliziert gewordenen Umwelt bie sich von ber Natur immer werter entfernt hatte, bie Sehnsucht nach einfacheren, aber natürlicheren und gesünderen Lebens­formen, nach einer Daseinsweise, die dem natürlichen Menschenwesen besser Rechnung trüge und es nicht vergewaltigte, dadurch, datz man in allerlei Phantasie- und Scheinwelten festgehalten wurde, die von dem wirklichen Leben weit abseits lagen. Ich glaube nichts Srembes in meine (Erinnerungen hineinzu- tragen, wenn ich sage, daß wir rnstinttiv den­selben Eindruck von der Welt der Erwachsenen hatten. Es war gleichsam eine Ahnung da­von, daß bas natürliche Menschenwesen durch eine übertompli$iert gewordene Kultur eine Vergewaltigung und Umbiegung erfahren hatte. Die Jugend empfand das mit ihrem unverfälschten Instinkt besonders deutlich, was ja bann auch in ber Jugendbewegung zum Ausdruck gekommen ist. Mit alledem ist nicht etwa gemeint, daß uns nach dem soge­nanntenSmausleben" verlangt hätte. Wäre Fall gewesen, bann hätte man sich nicht gerade für eine so sittenstrenge und ali- römisch herbe Persönlichkeit, wie die bes Agricola. begeistern können. Es scheint mir, bag heute viele Deutsche aus einem ähnlichen Gefühl heraus zu Mussolini aufblicken. Er ist ihnen ein Symbol schlichter unb erdnaher altrömischer Mannestugend, ähnlich wie uns der Agricola, dessen Art uns Jungen vor 30 Jahren besser zusagte als das ganze moderne Gefeilsche tn unserer Umwelt, besser aber, auch als die Art der tiefer veranlagten Menschen,

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