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Sette 4

<^«r-essisihe 3rthmg, Marburg a. !?.. Feettelg, ben 11. November 1932

«r. 266

Werbewoche -es Lm-aba-es

Wie alljährlich, so fand auch in diesem Jahre ein Lehrgang zur Erlangung des Grund- bezw. Prüfungsscheines der Deut­schen Lebensrettung'sgesellschaft statt. Der Kursus endet dann mit der Prü­fung in der Werbewoche des Luisabades. Mit dieser Einrichtung hat sich der Stadtverband für Leibesübungen ein großes Verdienst er­worben. Auch bei der gestrigen Schlußprüfung konnten 6 Damen und 17 Herren der Grunb- schein und 4 Damen 20 Herren der Prü­fungsschein ausqehändigt werden. Zu Beginn begrüßte der Leiter des Kursus Prof. Dr. Jaeck, die zahlreich erschienen Zuschauer, schilderte in kurzen Worten den Zwech der Deutschen Lebensrettungsaesellschaft und be­tonte weiter, daß die Zahl der Ertrinkenden in den letzten Jahren immer im Abnehmen begriffen sei. Viele trage auch dazu bei, daß in den Schulen der Schwimmunterricht obli­gatorisch eingeführt worden sei. Die Zahl der ertrinkenden Kinder habe um 12—14 Proz. in dem letzten Jahre abgenommen. Dann legten die Prüflinge ihre einzelnen Hebungen ab, die von den Zuschauern mit großem Inter­esse und mit Beifall ausgenommen wurden.

Die Direktion des Luisabades hatte eine Anzahl Monats- ’ v Halbmonatskarten zur Verfügung gestelli oie in einem sehr inter- effanten Tauchwettbewerb von den nachfol­genden Prüflingen erworben wurden.

Gruppe A: Erna Fiedler, Erika Thiel, Rolf Fritzel, Hans Haller, Hermann Schick, 'I. Kaphingst, R. Herrmann.

Gruppe B: Else Schiller, Berta Fuchs, Heinz Mlodzik, H. Holzhausen, E. Hildebrand, !Seing Lübeck und Peilstöcker.

Für die besten Prüfungsleistungen erhielt Frau Herrmann (53 Jahre alt) eine sil­berne Plakette. Die gleiche Auszeichnung er­hielten noch Bodo Tönniges und v. Schlippen­bach.

Die Prüfungen, die erst lange nach 10 Uhr abends ihr Ende fanden, hatten folgendes Er­gebnis:

Erundschein (Damen): Berta Fuchs, M.S.V.; Elisabeth Herrmann (53 Jahre alt); Minna Jacobi, M.S.V.; Marga Müller, Univ.; Erika Thiel, M.S.V-; Gerda Pingel, Univ.

Erundschein (Herren): Benjamin Lurlon, Univ.; Rolf Fritzel, M.S.V.; Herbert Eöttig, T.S.V. 1860; Horst Sättig, TS.V. 1860; Hans Haller, Oberrealschule; Wilhelm Hellemann; Herm. Holzhausen, Univ.; Heinr. Koch, Oberrealschüle; Konrad Kühn, T.S.V. 1860; Günther Mlodzik, Gymnasium; Heinz Mlodzik, Gymnasium; Georg Preiß; Hans Walter Zimmermann, Augustinerg. 1; Erich Hildebrandt, Univ.; K. Goldschmidt, M.S.D.; Willi Müller; Fritz Bang.

Prüfungsschein (Damen): Erna Fiedler, M.S.D.; Märtel Kopp, MSV.; Else jg Schiller, M S.V.; Grete Stein, Univ.

Mi Prüfungsschetn (Herren): Richard Herrmann; Erwin Hildebrandt, M.S.V.; Gottlieb Körner, Ruderverein; Kurt Krüger, Student, Univ.; Hans Lübeck, T.S.V. 1860; Hans Peilstöcker, M.S.V.; Fritz Püschel,

Univ.; Dr. Karl-Heinz Rohde, Univ.; Max

Rösing, MS.V.; Hermann Schick, M.S.V.;

Bodo Tönniges, M.S.D.; Paul Wälkem.

Univ.; Hans Waschninski, Univ.; Leo Wiese, T.S.V. 1860; v. Schlippenbach, M.SW-; Ge­org Erebing, MS.V.; Richard Kaphingst, Kanu-Club; Joachim Kaphingst, Kanu-Club; Gustav Eleiser; Rudolf Eisentraut.

Heute, 20 Uhr, veranstaltet der Stadtverband für Leibesübung e'n Wettschwimmen für die Marburger Jugend im Alter von 14 bis 18 I ähren. Da weit über 100 Schwimmer starten werden ist mit spannenden Wettkämpfen zu rechnen. U. a. wird es recht interessant fein, wenn die Schüler der Oberrealschule, des Gymnasiums und der Müllerschen Lehranstalt um Sieger­ehren kämpfen und in der Gruppe der Be­rufsschule die Staffeln der Metzger, Schreiner, Bäcker u. a. an treten. Auch bei der weib­lichen Jugend werden die entsprechenden Be­rufszweige mit Ehrgeiz um die beste Leistung kämpfen.

*

Morgen, Sonnabend, bett 12. November, 20 Uhr

zweite Veranstaltung bes Aus- hildungs - Bataillons 15. Inf. - Regts. mit neuem Programm. Neben

Schwimmwettkämpfen mtb Kunstspringen wer- u. a. gezeigt: Fiohfackroettbewerb, Tauziehen in Floßsäcksn, Springen feldmarschmäßig und mit Gasmaske, Volleimern, ferner wirb auf vielseitigen Wunsch die Zeltbahndünbel-Pa­trouille wiederholt. Diese Vorführung soll einen Ausschnitt aus der eigentlichen und ernsten Tätigkeit des Sollmten geben und barstellen, wie eine Patrouille ohne, weitere technische Hilfsmittel in ber Lage sein muß, Flußhinbernisse zu überwinden. Aus Zelt­bahn unb Stroh werben Bünbel zum Tragen ber Kleidungsstücke unb Waffen hergestellt, mit benen bie Schwimmer unter bcm Feuer­schutz ber Waffen ihrer Kameraden bas an­dere Ufer erreichen müssen. Dieser.Feuer­schutz wird in kleinem Umfange durch em Ma­schinengewehr zur Darstellung gebracht.

Da eine lebhafte Nachfrage nach Emttttts- karten eingesetzt hat, wird empfohlen, Kar­ten im Vorverkauf an der Kaffe bes Lursa- bades zu entnehmen.

NlirMtz Sennlng so Fahre alt

Am 12. d. Mts. feiert Feldpolizeiwacht- mekster i. R. Henning seinen 80. Geburts­tag. In diesem alten Getreuen verehren wir noch ein Stück „Mt-Marburg". Von Be­ruf Schuhmacher, trat er am 27. 11. 72 beim Füf.-Regt. Nr. 80, 5 .Komp., ein und ge­nügte ferner Militärpflicht bis zum 18. 9. 75. Vom 1. 9. 73 ab war er als Ordonnanz zum Bezirks-Kommando in Marburg kom­mandiert, wo er sich unter dem damalrgen B^irksfeldwebel Müller (später Steuer­inspektor der Stabt unb auch Vorgesetzter bes Henning) bie ersten Grundlagen ber preußischen Gewissenhaftigkeit aneignete. Am 27. 3. 75 würbe er zum Gefreiten beför­dert. Henning trat am 1. 6. 89 als Flur­schütz und Hilfssteueraufseher in den Dienst ber Stabt, vordem hatte er schon längere Zeit den weniger angenehmen Drenist eines Nachtwächters versehen. Den Dienst als „Flurschütz" hat Henning im rechten Sinne bes Wortes ausgeübt unb er erfreute sich deshalb auch der allgemeinen Beliebtheit ber Bürgerschaft. Als echter Naturfreunb fand er in biefern Beruf feine besondere Befriedi­gung unb bie alten Marburger erinnern sich gern ber Zeiten, wo sie ben „Lorenz" zu den ungelegensten Zeiten draußen in ber Feldflur bei Ausübung seines Dienstes an« trafen, er war eben „auf der Scheibe". Als Hilfssteueraufseher wurde H. nur bis zum Wegfall der städtischen Steuerkontrolle (Ok- tura) beschäftigt, und wurde dann mit feinen Kollegen Schäfer und Müller der Städtichen Polizeiverwaltung unterstellt. Am 1. 7. 21 trat H. in den wohlverdienten Ruhestand und ist überall durch sein freundliches Wesen ein gerngesehener Mann. Im Januar 31 trennte ber Tob ihn von seiner lieben Lebensgefähr­tin, so baß H. seinen Lebensabenb allein be­schließen muß. Wir wünschen ihm anläßlich seines 80. Geburtstages noch einen recht schönen Lebensabenb. Dtch.

Nimm Sodener Pastillen

Mitteilung^ nuß dem LMkreA

Streikhetze?

Man schreibt uns:

Unverantwortliche Drahtzieher versuchen es durch Plakate, Bemalen von Planken und Verteilen von Druckschriften, die ruhige Belegschaft der Behringwerke zum Streik aufzureizen. Es liegt wohl im Allgemeininteresse, diesen Aeutzerungen von gewissenloser Seite einige Tatsachen gegenüberzustellen.

Die Behringwerke haben allerdings die 40stünbige Arbeitswoche eingeführt und haben insgesamt seit dem Frühjahr etwa 70 Menschen mehr einstellen und ihnen Arbeit und Brot geben können. Die in den letzten Notverordnungen vorgesehene Tarissenkung bei Mehreinstellungen haben die Behringwerke nicht durchgeführt, außerdem ist die für jede Neueinstellung laut Notverordnung vorgesehene Prämie von 400 Mark nicht in Anspruch genom­men worden. Dagegen haben die Beh­ringwerke der gesamten Beleg­schaft über die tariflichen Abmachungen hinaus trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeit eine Jahresprämie verteilt.

Man sollte kaum annehmen, daß es in der heutigen schwierigen Wirtschaftslage noch Menschen gibt, die zu solchem Treiben ihre Hand geben. Die Streikpsychose, die von gewissen losen Stellen ausgeht und sich über ganz Deutschland erstreckt, erfaßt hier und da einige Gemüter und es wirb höchste Zeit, hiergegen allgemein energisch Front gx machen. Wie können wir ge­sunden, wenn durch derartige Machenschaf­ten, Entstellen von Tatsachen, die ruhige Entwicklung unserer Industrie gestört und die Wirtschaftslage erschwert wird. Die Allgemeinheit muß wissen, daß jede Stö­rung einer ruhigen Entwicklung Geld kostet und ein Jeder an diesen Kosten in­direkt beteiligt ist. Darum sollten solche Drahtzieher der Oeffentlichkeit bekanntge­

geben werden, man sollte st« zur Rede stellen, den Firmen melden, damit ihnen das Handwerk gelegt wird. Ein Jeder kann dazu beitragen.

9n$ Frankfurter Radts-Programm

Sonnabend, ben 12. November.

6.15: Wetterbericht. — Anschließend: Mor- gnegymnastik. — 7.20: Schallplatten-Konzett. — 10.10: Schulfunk. — 12.00: Schallplat- tm-Konzert. — 13.30: Konzert. — 15.30: Kinder ber Schule ju Hornbach (Odenwald) spielen unb singen. — 16.30: „Em rheinit- scher Weberjunge erzählt", Improvisation. — 17.00: Konzert. — 18.25: „Arbeitsbe- schaffung unb Althausbesitz", Vortrag. — 18.50: „Die Maßnahmen ber Reichsregre- rung zur Erleichterung bes Gelb- unb Kre­ditmarktes", Vortrag. — 19.30: „Nacht­schatten", zwei Novellen. — 20.05: Orche­ster-Konzert. — Du schließend Bunter Teil. — 22.20: Zeitangabe, Wetterbericht, Tages­nachrichten, Sportbericht. — 22.45: Nacht­musik.

Sonntag, ben 13. November.

6.35: Hafen - Konzert von Bremen. — 8.15: Katholische Morgenfeier. — 9.30: Stunbe bes Chorgesangs. — 10.40: „Dichter unb Buchhändler", ein Gespräch. — 11.05: „Die Pläne ber Winterhilfe", Gespräch. — 11.30: „Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ', Kantate von Joh. Seb. Bach. — 12.05: Aus ber Singakademie Berlin: Sieber« stunde. — 13.00: Schallplatten-Konzert. — 14.00: Stunde des Landes. — 15.00: Stunde der Jugend. — 16.00: Schallplatten- Konzert. — 16.30: Unterhaltungs-Konzert. — 18.00: „Dom langen Asmus un fer'tn amerikanische Skizzebüchelche, eme Alt-Darm­städter Geschichte. — 18.25: Dreißig bunte Minuten. — 18.55: „Die Prophezeiungen des Nostradamus", Vortrag. — 19.20: Son- derwetterdienst für bie Landwirtschaft. — Anschließend: Sportnachrichten. — 19.30: Un« terhaltungs-Konzert. — 20.15: „Wald­meister", Operette in drei Auszügen. — 22.20: Zeitangabe, Tagesnachrichten, Wetter­bericht, Sportbericht. — 22.45: Nachtmusik.

Wetterbeobachtungen 10..11 Not.

Höchste Temperatur am 10. Novemb. 8,9 Celsius

Niedrigst' Temperatur letzte Nacht 5,1 Celsius

PHOTO-BÖHLER - BRILLEN-BÖHLER

Barometerst.

Relative

Zeit

Temve-

Luft-

reduziert

ratut

seucktig-

auf N. N.

leit

10.11.2 Uhr uachm.

766.5 mm

8.6 Tel!.

861.

10.11. 9 Uhr

766.1 mm

8.2 (Eeli.

861.

nachm.

11.11. 7 Uhr

766,4 mm

5.6 CeU.

961.

vorrn.

Wettergasse 30 Bahnhofstr. 1

Marburg/Lahn Fernruf 2248.

* Wetterbericht. Witterungsaussichten für Sonnabend: Viel­fach noch Nebel, aber Aufheiterung tagsüber länger anhaltend.

Marburger Stadttbeater

(Zweite Dorstellung des Stadttheaters.)

Schade, ewig schade! Ernst Eliüs Nieder- galls „Datterich" ist eine wirklich feine und tiefe Tragikomödie, eine unvergleichliche Charakterftudie des an der Bürgerlichkeit ge­scheiterten und dann am Bürgertum schma­rotzenden genialen Lumpen — aber das Stück' hat keinen Funken eigentlich dramatischen Lebens, keine Spur von Theaterblut! Der „Datterich" ist beileibe keine Lokalpoffe, er ist aber auch kein Lustspiel — sondern viel­mehr ein episches Gedicht, bas an einigen Stationen aus dem Leben seines Helden die sinnbildliche Summe ferner Existenz zieht.

Dies Leben hat aber keine dramatischen Höhepunkte, ebensowenig wie das Stück Akt- schlüsse hat. Es fließt dahin wie ein träger Strom. Und nur ganz selten blitzt hier und da etwas auf, was den ursprünglich vorhan­denen Trieb erahnen läßt, der hier kümmer­lich versanden muß.

Ernst Elias Riebergall hat mit einer wahr­haft überlegenen Ironie, mit dem echten Humor, der nach Schopenhauer ja der hin­ter dem Scherz versteckte Ernst ist, die Tragikomödie des Sütgertums im Vor­märz geschrieben. Das Werk entstand in den dreißiger Jahren des oorigen Jahrhunderts — das heißt in der Spanne zwischen 1813 und 1848! Das Volk, das Bürgertum und nicht zuletzt die Studentenschaft hatte sich in den Freiheitskriegen auch eine innere Frei­heit erworben, die von einer reaktionären Staatsführung erniedrigt und erdrückt wurde. Run, mancher wußte sich einzurichten und fand ein idyllisch-ruhiges Behagen in seinen vier Wänden — als Biedermeier lebt die Epoche in der Geschichte fort und auch Riebergall gibt diese biedermeierliche Bürger­lichkeit mit aller behaglichen Freude am De­tail wieder als tragenden Grund, auf dem fein „Tatterich" als Charakter wachsen muß.

Er zeigt aber, was eigentlich geopfert wer­ben mußte, um solch bürgerliches Idyll zu er­möglichen! Geopfert wurden nämlich all die Naturen, die mehr wollten als dies satte Behagen, denen dies laue, zähe und dumpfe Leben keine Möglichkeiten zur Entfaltung bot, die nicht einfchlupfen wollten und konn­ten in eine verspicßte und verbürokratisierte

Welt! Und wo blieben diese? Sie zogen aus in die weite Welt — unb hießen wohl List oder ähnlich. Oder sie lernten die Gefängnisse der Metternichschen Reaktion kennen und hie­ßen Reuter — und sie begannen auch zu trinken! Man fall das nicht vergessen, wie oft gerade deutsche Dichter aus Verzweif­lung an den Trunk kamen!

Auch der „Datterich" gehört in diese Gat­tung, wie sein Schöpfer Riebergall selbst, den die „Familie" auch als Nichtsnutz und Tauge­nichts verachtete. Irgendwann einmal ist er gescheitert. Und nun trinkt er und schlägt sich durch mit einem raffinierten Dorgsystem. Sein Geist, der vielleicht einmal zu Besserem berufen war, gibt sich nun damit aus, einer philiströsen Umwelt ein Schnippche« nach dem anderen zu schlagen. Darin erschöpft sich die .Handlung" des Stückes. Die Idee aber ist mehr: wie sich in diesem „Lumpen" als den ihn die bürgerliche Welt ansehen mutz, der Charatter gleich bleibt und gegen alle Wider­stände erhalt. Er läßt sich nicht unterkriegen. Er ist ein Zyniker, hat keinen heilen Schuh und kein Kerles Hemd — nun gut, aber: et bleibt doch der, der er ist. Er triumphiert, auch wenn er verprügelt und hinausgefchmis- sen wird, übet seine biederen, spießigen Mit­bürger.

Nut: die Tragik eines verschwendeten Le­bens bleibt nicht zu übersehen, selbst wo sie mit soviel Komik gewürzt erscheint, wie hier.

Eine Aufführung des „Tatterich" braucht zweierlei: Das biedermeierlich-votmätzliche Milieu — und einen Datterich! Mochte auch die gestrige Aufführung des Stückes durch seine epische Natur einmal und durch die Ungunst ber Bühne gewisse Längen auf- weilen, — diese beidon Grundbedingungen erfüllte sie wirKich ausgezeichnet: sie hatte die besondere räumliche und zeitliche Umwelt- särbung und sie hatte in Heinrich Hub etnme Datterich, den man mcht vergessen wird. Da war aber auch alles, was ein Datterich braucht: vom Körpertypus bis zum Sprech- ton. von der Redegewandhett bis in die Ge­bärde und jede Bewegung. Er hatte immer das SptÄ in bet Hanb — rote im ersten Bild, im einfachen Worismn. bas Skatspiek. Die Einfälle wachsen ihm stets aus bet Si- iuation zu, es gibt Mechterdings nichts, was

ihn aus ber Fassung bringt. Ach, man muß bas wirklich gesehen haben, wie bei Hub alles zusammenspielt: Wort, Bewegung unb Miene: wie er unter dem größten Rede­schwall nie bas ©las Wein aus den Äugen verliert, geschickt bte Lücken mit Eingießen unb Trinken ausfüllt, rote er auf leicht batte» rtgen Beinen burchs Lokal geht unb fte boch so zierlich zu setzen weiß, sowie er sich beobach­tet fühlt. Die große Bettszene bann, der Monolog vor dem Duell — unb vor allem bte letzte Szene, bte bte eigentliche Tragik seiner Eristenz erschütternd deutlich werden läßt: rote er, trotz Prügel und Haft, roteber ganz „oben" ist, mit nte versiegendem Rede­schwall auf die bürgerliche Familie emrebet — unb schon merkt, wie einsam unb verachtet er tst. Sein Mmtd spricht noch immer, aber seine Augen werden unruhig, wie gehetzt, seine Bewegungen fahrig — es ist wieder ein­mal aus: Die guten Bürger smd satt und zufrieden, der „Kall" bekommt seine Marte, ber Frttz Knippeftus, ber auch einmal mehr vom Leben wollte, ist lange ein tüchttger Metzgermeister — nur bet Datterich ist nichts, ein Wtrtshausiump, ein Stadtoriginal! Wer Hentrich Hub als Datterich gesehen hat, weiß, daß der Datterich mehr als eine Lokalposse — .unb daß Herr Hub ein Schauspieler mit Geist nub Witz und lebenbtget Innerlichkeit ist, bet sich nicht mit den billig zu erring enben Lorbeeren bes Lokcckkomikets begnügt!

Der Datterich hat keinen Gegenspielet. Ge­gen thn steht einfach die Bürgerwelt, wie sie nt soliden Bürgern, Handwerkern, Wittshaus- brübern, jungen verliebten Mädchen — und was so dazu gehört, sich darstellt. Datterichs Wirts Hausfreunde wqren bei Faf s ot, Brua und Stichel gut aufgehoben. Die solide Bürgerwell in ber Familie Dummbach stellten Karl Volck als zeitung-besessener, aufaekl örter Kannegießer und Handwerks- metfter, Luise Schubert-Jüngling als geschwätzige Mutter, unb Beatrice Doering als Tochter in erfreulicher Sttleinheitlichkeit dar. Vor allem Beatrice Doerings schwarzhaariger hübscher Kopf über bem toten Krinolinenkleid machte sich gut in der sau­beren. fteundlichen „guten Stube". Ihr Mundwerk ließ ebensowenia zu wünschen übrig wie ihre „Handschrift". Den tapsigen Ver­

liebten und angehenden Handwerksmeister gab Walter Michel — bie leichte Gehemmt­heit, bie er oft zeigt, kommt dieser Rolle nur zugute. Frisch und berb Elisabeth Wie- lanber als Schenkmädel, sehr hübsch anzu- sehen in ihrer schmalen Blondheit Liesel Beling (zum ersten Mal in Marburg). Bleiben zu nennen, lobend zu nennen Paul Nieren als Vetter Fritz, Gert Geiger unb JochenHauerals fürchterlich drohen­der, gewalttätiger Schuster. — Das Gieße­ner Ensemble kann schon eine ganze Muster­karte männlicher Charatter- und Berufstypen out "bie Beine Bringen. Auch die Frage des Dialekts („dammstädterisch") wurde von dm wohl durchgehend süddeutschen Spielern r.*",t ansprechend gelöst, wenn auch Hubs heimisches „Geschwätz" unerreicht blieb.

Ein besonderes Lob verdienen die stets tief unten auf dem Theaterzettel vermerkten Herten Löfflet, Keim, Huber als die Verantwortlichen für das „Milieu", soweit es in Kostüm, Bühnenbild, Beleuchtung, De- koration faßbar ist. Mtt welcher Liebe wat allem Datterichs Quartier aufgebaut, — wie hübsch Wrrtsstube, Wirtsgarten, Dummbachs gute Stube.

Daß bie Umbauten bei 10 Bildern ein biß­chen viel Zeit verschlangen, daß das Ganze durch den Mangel an dramatischer Steigerung, ben auch die Inszenierung nicht ersetzen kann, ein bißchen die Geduld her Zuschauer an­spannte, fei nicht verschwiegen, ^hne daraus einen Vorwurf zu machen. Die Aufführung war ein Erfolg, auch wenn der Beifall durch die mangelnden Aktschlüsse nicht gerade hef­tig war, — ein Erfolg des Schauspie­lers Hub und einer liebevollen, stillgerechten Inszenierung, die dem Dichter gab, was ihm gehührt, nichts übertrieb und nichts vernach­lässigte — unb an einem kleinen Ausschnitt etwas vom Geist Darmstadts ahnen ließ, der mit Merk, dem Urbild Mephistos, mit Riebergall und feinem genialen, sich rasch verzehrenden Zeitgenossen Georg Büch­ner — in unseren Tagen mit W o l f s k e h I und G u n d o l f — nicht unwichtige Beiträge, zur deutschen Geistesgefchichte lieferte.

—o. —r.