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Nr. 265

OderdeMsche 3ettmifl, Marburg a. L.. Donnerstag, den 10. November 1932

Seite 3

WsZm eines Haares an -en Galgen

Verbrecherwerkzeuge sehen dich an - Mörder sollten eine Perücke tragen

Es geschieht natürlich nicht, um der Sen­sationslust Vorschub zu leisten, daß die großen europäischen Kriminalmuseen eine reichhaltige Sammlung von Erinnerungen an jene Mordtaten auf weisen, zu deren Aufklärung es eines besonders großen Aufwandes von Scharfsinn bedurfte. Schauerlich ist der Anblick der Werkzeuge, deren sich die Anholde bei ihren Ver­brechen bedienten, all der Veile, Messer, Höllenmaschinen, Dynamopatronen, Haar­nadeln und sonstigen mehr oder weniger üblichen Instrumente, mit denen man sei­nen Mitmenschen das Lebenslicht ausblasen kann. Schauerlicher noch dürfte der An­blick der Werkzeuge sein, die von den Voll­streckungsorganen der staatlichen Gerech­tigkeit zur Aeberführung und Vestrafung der Sünder gehandhabt wurden. Dem Himmel sei Dank, daß dieses finstere Wit- telalter hinter uns liegt! Dagegen wird auch der gesittete Zeitgenosse mit Anerken­nung all die Gegenstände betrachten, die in der Hand des scharfsinnigen Detektivs zur Entlarvung des Missetäters führten und damit sowohl für das Wirken menschlicher Geisteskraft als auch für das väterliche Walten einer für unser Wohl sorgenden Obrigkeit Zeugnis ablegen.

Recht interessant ist in dieser Hinsicht der Inhalt eines kleinen Schrankes in einem der größten Kriminalmuseen. Darin fin­det man nämlich mir Haare, nichts als Haare. Die stammen nun nicht etwa aus dem Kapfschmuck von Schönheitskönigin­nen, sondern von den Häuptern von Ver­brechern oder ihrer Opfer und werden des­halb aufbewahrt, weil sie einst zur Ent­deckung des Täters führten.

So wird von einem Arzt Dr. Grippen berichtet, dessen Frau auf unmenschliche Art ermordet worden war. Gr hatte nach dem Geschehnis die Flucht ergriffen, und zwar gemeinsam mit seiner Geliebten, die Wännerkleidung trug. Es gelang den bei­den auch, ein Schiff zu erreichen. Am Haaresbreite wäre ihnen die Landung in Aeuhork geglückt. Aber fast im Angesicht der Freiheitsftatue wurden sie von De- tektiven ereilt. Da sie sich verzweifelt wehrten, mußte man sie in Ketten legen. Beide leugneten dann hartnäckig, mit der Ermordung der Frau des Arztes irgend etwas zu tun haben. Dem Mädchen konnte man auch tatsächlich nichts Nachweisen. Es stellte sich heraus, daß es unschuldig war. Der Arzt schwur, er wisse nicht, auf welche Weise „seine heißgeliebte Frau" ums Le­ben gekommen sei. Er habe nichts mit der Tat zu schaffen und verlange freigelassen zu werden. Mötzlich zuckte er zusammen: Einer der Polizeibeamten hielt ihm ein rötliches Haar vor. Es war von derselben Farbe wie das, was Dr. Crippen, wenn auch nur spärlich, auf dem Kopfe trug. Zwar fuhr er fort, hartnäckig seine An­schuld zu beteuern; aber sein Zusammen­zucken, als er das Haar scch, das man an der Leiche seiner Frau fand, genügte, um chn als den Täter erscheinen zu lassen. Einen Monat später wurde er wegen Gottenmordes vom Leben zum Tode be­fördert.

In ähnlicher Weise konnte man Hannah Dobbs ihrer Tat überführen. Eines Ta­ges hatte man eine alte Dame ermordet aufgefunden. Sie lag in ihrem Bette und wies eine klaffend« Kopfwunde auf. Zu­

nächst erstreckte sich die Antersuchung auf die Frage, ob diese Verletzung den Tod herbeigeführt hatte oder ob dieser schon vorher eingetreten war. Der ärztliche Befund sprach für die erster« Annahme. Aber von dem Täter war keine Spur zu entdecken. Das Zimmer des Dienstmäd­chens befand sich ziemlich weit von dem Schlafraum der alten Dame entfernt. Als man die Angestellte verhörte, gab sie an, in der Mordnacht nicht das geringste Ge­räusch vernommen zu haben, was auch glaubhaft erschien. Die Antersuchung der Räumlichkeiten förderte nichts Verdäch­tiges zu Tage. Da blickte einer der Detek­tive zufällig auf die Bluse des Mädchens und entdeckte dort ein langes graues Haar. Es gelang den Beamten, dieses unbemerkt an sich zu nehmen. Er ging damit zu

einem Chemiker unb ließ es untersuchen. Der fand Blutspuren darauf. Am nächsten Tage bestellte man Hannah Dobbs. das Dienstmädchen der Ermordeten, nochmals zum Verhör. Man hatte sie beobachten lassen, jedoch so unauffällig, daß sie es nicht bemerken konnte. Mitten in der Antersuchung wies der Detektiv dem ahnungslosen Mädchen, das sich schon ganz sicher gefühlt hatte, plötzlich das blutbe­fleckte Haar und sagte Hannah Dobbs auf den Kopf zu, daß man es auf ihrer Muse gefunden habe. Die Erschreckte verlor die Fassung, stammelte verworrene Worte und legte schließlich ein Geständ­nis ab. Dann brach sie zusammen. Ein Haar hatte genügt, sie ihrer Antat zu überführen.

L. H. Carlowrtz.

Zu Roosevelts Wahlsieg

MM

So sprach Roosevelt am laufenden Band zu den amerikanischen Wählermassen und überzeugte Re. dak nur keine Wahl die Rettung von USA. bedeutet.

Der Erreger -er Aaffkrankhett enlöeckt

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Lö­wen fand am Montag in der medizinischen Klinik zu Königsberg eine außerordent- liche Versammlung des Vereins für Wis­senschaftliche Heilkunde statt, die sich mit den Ursachen der Haffkrankheit beschäftig­ten, die im Laufe der Jahre viele Todes­opfer gefordert hat und in diesem Jahre besonders heftig aufgetreten ist. Prof. Stoeltzner teilte die Ergebnisse von Ver­suchen an Fischen und Katzen mit, aus de­nen sich ergibt, daß die Vergiftung der Fische durch Harzsäure entstanden ist. Wie von Prof. Kaiserling an Photogrammen und mikroskopischen Apparaten demon­striert wurden, ging das Haffgift mit den Abflüsien der Zellstoffabriken aus Konrgs- berg in das Haff, senkte sich dort auf den Grund, geriet in Fäulnis und vergiftete die Fische. Bei geringem Genuß von Fschen ist das Gift nicht sehr schädlich, da­gegen bei überwiegendem Fischgenuß außerordentlich gefährlich. Die Fischer, die hauptsächlich von Fischen leben, sind oft böse erkrankt und mitunter gestorben. Prof. Eichholz wies nach, daß sich die ex­perimentelle Erzeugung der Haffkrankheit wie bei Aalen auch durch Derfütterung von Zandern erreichen läßt. Aus den

Mitteilungen der Profesioren Bürger und Bachmann vom Hygieneinstitut der Uni­versität konnte man entnehmen, daß noch andere Stoffe (Phenole) ähnliche Verän­derungen Hervorrufen können. In keinem Falle dürfe angenommen werden, daß eine Infektionskrankheit vorliege. Die Mit­wirkung eingeatmeter giftiger Gase ist nach der überstimmenden Ansicht aller Redner nicht bewiesen und wird als we­nig wahrscheinlich bezeichnet. Rach den Forschungsergebnisien läßt sich nicht län­ger daran zweifeln, daß die Haffkrankheit durch den Genuß von Fischen entsteht, die durch Stoffe aus den Zellstoffabwäsiern krank gemacht sind. Voraussetzung dabei ist jedoch, daß der Genuß in Uebermaß und unter den besonderen Bedingungen erfolgt, wie sie im Fischerberuf gegeben sind. Trotzdem besteht kein Grund, daß die Bevölkerung sich etwa des Fischgenusses enthält. Diese Feststellung wurde von ver­schiedenen Rednern, namentlich vom Hy­gieniker der Universität, Prof. Bürger mit bewußter Betonung gemacht. Die Fischer­bevölkerung werde sich in ihren Lebens- gewohnheiten umzuftellen haben. Sache der Behörden sei es, Maßnahmen zu tref­fen.

Die Freiheitsstatue prostet Rocsevelt zu.

Bekanntlich haben die $emcL. tcn, deren Kandidat Roosevelt ist, den Kampf gegen die Prohibition auf ihre Fahnen geschrieben- USA erwartet, daß nun nach der Wahl Roosevelts und der gleichzeitigen Erreichung einer demokratischen Majorität im Senat und im Repräsentantenhaus bald wieder eine „nasse Zeit" anbrechen wird.

Die „WW Wkmmgkl des Totengräbers

Vor dem Brünner Strafgericht hatte sich dieser Tage der Totengräber von Mähr- Neudorf bei Lundenburg wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens zu verant­worten. Er war im vorigen Sommer mit dem Gastwirt Sickar wegen Bezahlung einer Zeche in einem Streit geraten, sollte aus dem Lokal entfernt werden und kratzte dabei den Gastwirt kaum sichtbar an der linken Wange. Die Wange begann anzu­schwellen und der Arzt schickte den Wirt in das Krankenhaus. Es war aber schon zu spät, denn der Gastwirt bekam als Folge der durch den Fingernagel des To­tengräbers erlittenen Vergiftung am gan­zen Körper eine Wundrose und starb nach wenigen Tagen unter qualvollen Schmer­zen. Der Totengräber verantwortete sich zwar, er wisie gar nicht, ob er den Gast­wirt wirklich gekratzt habe und außerdem habe er statt der linken Hand eine Pro­these, so daß er sich nur schwer waschen könne. Das Gericht verurteilte den Ange­klagten trotzdem wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens zu zwei Mona­ten schweren Kerkers, mit zwei Jahren Strafaufschub.

Der Oberleutnant als Rekrut.

Bei der Musterung in Littau (Böh­men) ist ein Privatbeamter für tauglich erflärt worden. Da der junge Mann einen guten Posten hatte und fürchtete, er werde ihn verlieren, schickte er bei der Einrückung am 1. Oktober seinen Bruder, der arbeitslos war, zum Olmützer Trup­penkörper. Dort wurde der Betrug an­fangs nicht entdeckt. Erst nach sechs Wochen fiel es auf, daß der Rekrut, der in Wirklichkeit bereits Oberleutnant der Reserve ist, sich bei den Hebungen auffal­lend geschickt benahm und über hervorra­gende Kenntnisse verfügte. Man leitete eine Untersuchung ein, in deren Verlauf die Unterschiebung entdeckt wurde. Die Brüder find verhaftet und der eine dem Divifionsgericht, der andere dem Kreis­gericht eingeliefert worden.

Der verbotene Atlanttkftug

Ms er noch nicht prominent war. — AnÄdoten um Gronau.

Nachdem Wolfgang von Gronau einige Tage in Rom zubrachte, wo er von den italienischen Fliegern gefeiert und von Mussolim empfangen wurde, tritt er nun seine Rückreise an und wird in diesen Tagen wieder in Berlin ein­treffen ...

Die Erfolge Wolfgang von Gronaus äs Flieger find seit seinem ersten Atlantik- fhig unbestritten. Es üt kein Wunder, wenn er nach seiner Weltteise jetzt mit allgemei- tter Begeisterung zurückerwartet wird. Er­eignisse auf seiner Fahtt, die um sein Leben fürchten ließen, brachten erst recht zum Be­wußtsein, was dieser Mann der Fliegerei heute bedeutet.

Es ist interefsamt zu erfahren, wie Gronau überhaupt zu seinem ersten Atlantikflug kam, da es auf die schnelle Entschlußkraft und (Eigenart dieses Mannes ein besonderes Licht wirft...

1930 unternahm Gronau einen Flug nach Island. Wetter zu fliegen war ihm von fei­net Behörde nicht gestattet, da dies eine ^sondere Genehmigung erfordert hätte. In Island aber gab Gronau dem Komman­danten des Vermessungsschiffes, das die Flug­sicherung übernommen hatte, einen Brief nut dem Bemerken, ihn erst nach einer Stunde ru öffnen. Gronau startete — nach emet Stunde erfuhr der Kommandant aus dem Brief, daß der Flieger nicht den Kurs auf

die Heimat, sondern auf die USA. zu ge­nommen hatte. Es blieb nichts anderes übrig als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Der Erfolg gibt Recht. Und ois Gronau dann glücklich wieder zurück war, wurde von einer Vermahnung nicht mehr viel her ge­macht, desto mehr aber von den Empfangs­feierlichkeiten. Und da ist es bezeichnend für den Helden des Tages, daß er sich bei dem großen Bankett, das zu seinen Ehren gegeben wurde, erhob, den Ehrenplatz oben an der Tafel verließ und sich an die Tür des ebenfalls vollbesetzten Nebenraumes be­gab. Don hier aus hiett er dann seine An- ftrache, in der er von seinen Erlebnissen unterwegs berichtete, „beim", sagte er, „als ich noch nicht prominent, sondern klein und häßlich bet derartigen Gelegenheiten hier saß, ärgerte ich mich immer, daß man kaum em Wort von der ganzen Rede hören konnte. Darum spreche ich von hier aus für alle..."

Bet seinem diesmaligen Flug erwarteten ihn große Begrüßungen in den USA. Stadt­oberhäupter und Kapazitäten hielten An­sprachen. Da bemertte Gronau mitten un­ter ihnen ein kleines Mädchen mit einem Blumenstrauß, das im Laufe der Feierlich­ketten noch aufzutreten hatte, aber schon jetzt vor Lampenfieber nicht aus noch ein wußte. Mitten in der Rede des ehrwürdi­gen Stadtoberhauptes trat Gronau zu dem Kinde hin, nahm ihm seinen Blumenstrauß ab, flüsterte ihm ein paar freundliche Worte zu, wandte sich wieder dem Redner zu und hörte ernsthaft den wetteren Sermon an, der fast aus den Fugen geraten war bet der unvorschriftsmäßigein Unterbrechung.

Kunst und Wissenschaft

— Der bekannte Kunstsammler Dr. Heinrich Stinnes gestorben. In einem Sanatorium in Kreuzingen am Bodensee ist der bekannte Mäzen und Kunstmaler Regierungsrat a. D. Dr. Heinrich Stinnes gestorben, ein älterer Bruder des Groß­industriellen Hugo Stinnes. Dr. Stinnes lebte seit Jahrzehnten in Köln, war vor dem Kriege an der hiesigen Regierung tätig und begann den Aufbau seiner wert­vollen Sammlung bereits in den neunzi­ger Jahren. Seine demnächst zur Verstei­gerung gelangende Eraphiksammlung war eine der geschlossensten und berühmtesten hi ganz Europa.

SoAschulnarbrlchten

x Wie wir hören, hat Professor Dr. Hugo Obermaier an der Universität Madrid den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der Vorgeschichte an der Universität Berlin als Nachfolger des verstorbenen Prof. Max Ebert abgelehnt.

xJn Warschau starb der Ordinarius der systematischen und morphologischen Zoologie an der dortigen Universität Dr. phil. Konstantin I a n i ck i im Alter von 56 Jahren. Gebürtig aus Moskau, absol­vierte Janicki seine Studien in Leipzig, Freiburg i. B., Basel und Rom besonders als Schüler von Leuckart, Weismann,

Zschokke und B. Erasfi. Im Jahre 1912 habilitierte sich Janicki in Basel und war zugleich Assistent an der dortigen Zoolo­gischen Anstalt. Nach dem Weltkrieg übernahm er den zoolgischen Lehrstuhl an der Universität Warschau. Seine Arbeiten betreffen u. a. das Gebiet der Cestoden und parasitischen Protozoen, ferner allgemeine Biologie.

X Amtlich wird die Ernennung des nicht- beamteten a. o. Professors Dr. Josef Juncker von der Universttät Bonn zum ordentlichen Professor für bürgerliches Recht und ZwAprozeß an der Universttät E r eiks- wald als Nachfolger von Prof. Erich Mei) bestätigt.

Das FraMrler Mis-IMamm

Freitag, den 11. November.

6.15: Wetterbericht. — Anschließend: Mor­gengymnastik. - 7.20: Schallplatten-Koniert. — 12.00: ftonsert. — 13.30: «Fallplatten- Konzert. — 17.00: Konzert. — 18.20: Junge Generation: Gespräch mit entern lungen Kain- marnt. - 18.55: „Die. Bedeutung der Mit­tel- und Kleinbetriebe m Industrie und Han­del", Vortrag. — 1930: :„T) r Prestlengs- gockel", Schwäbischer Schwank m drei Am- Jüacn _ 20.00: „SBarbarolia", Sympho­nische' Dichtung in drei Sätzen. — 21.00: Overn-Abend. - 22.20: Zeitangabe, Tages- nachtichten Wetterbericht, Sportbericht. - 22.45: Nachtmusik.