Sette 6
eierheniW Bernina. Mardnrq a. L.. Mfttwoch, den S. November 1932
Nr. 264
Aus der Umgegend
KretS Z'vrdurg
-o- Kirchhain, 8. Nov. Der Unterricht an der landwirtschaftlichen Winterschule hat heute begonnen. Der Besuch ist auch in diesem Jahre als gut crnzusprcchen. — Dem Vernehmen nach plant man auch hier die Gründung eines Vereins zur Förderung des Segelflugwesens. Verhandlungen hierüber sowie über die Beschaffung eines Segelflugzeuges sind bereits rm Gange. Als Flug- gelände kommt das Gelände oberhalb des städtischen Wasserwerks auf Bichmannshausen in Frage. — Die Nationalsozialisten, die am Sonnabend vor der Wahl nochmals eine grobe Kundgebung durchführt en, hatten am Wahltag einen großen Erfolg zu verzeichnen. Von etwa 1600 abgegebenen Stimmen konnten sie allein 1039 auf ihren Wahlvorschlag verbuchen. Es sind dies etwa 60 Prozent und eine Stimmenzunahme seit der Reichstagswatzl um weitere 59 Stimmen. Dann kommt die SPD. mit 245, die KPD mit 147 und das Zentrum mit 138 Stimmen. Die übrigen Parteien traten mit 96, 35 und 12 Stimmen kaum in Erscheinung.
S ich ertsh a u sen, 9. Nov. Die Witwe Naumann feierte in oofier geistiger und körperlicher Frische ihren 88. Geburtstag. Srau N. ist die älteste Einwohnerin unseres rtes.
Aus dem Ohmtal
Vom „Kalten Markt" in Homberg a. d. Ohm.
Homberg, 9. Nov. Der diesjährige „Kalte Markt" erfreute sich eines starken Besuches der Landleute aus der engeren und weiteren Umgebung. Der Markt war mit Waren aller Art beschickt, und die Verkaufsstände umsäumten den historischen Marktbrunnen am Marktplatz. Unter den Verkäufern lenkten die „billigen Jakobs" die Augen der Besucher auf die „Qualitätswaren", die mit derben Witzen angepriesen wurden. Die Kauflust litt aber unter der Geldknappheit. Für die Gastwirte war der Markt eine gute Einnahmequelle. Eifrig huldigte das Jungvolk dem Tanze. — Der „Kalte Markt" ist geschichtlich sehr alt und wird bereits im Jahre 1554 urkundlich erwähnt. Die Stadt selbst hat bereits 1360 Stadtrechte erhalten. Grohen Reichtum brachten ihr die verschiedenen Zünfte, von denen 1587 sechs aufgeführt werden, und zwar: Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Weihgerber, Lein- und Wollweber. Diese Zahl hat sich im Laufe der Jahre noch erhöht. Auf die Erzeugnisse dieser Zunft war das flache Land angewiesen, die Preise wurden durch vereidigte Zunftmeister festgesetzt. Durch dieses Verfahren wurde der freie Wettbewerb urtterbunden lind der Willkür Tor und Tür geöffnet. Dies sollte der freie Markt beseitigen, welcher zur freien Entfaltung der geistigen Kräfte und des Wettbewerbs führte. Bel der gebotenen grohen Auswahl konnten Bürger und Bauern preiswert kaufen. Am „Kalten Markt" hatte nach altem Herkommen jeder Bürger das Vorrecht, Kaffee und Kuchen gegen Bezahlung zu verabreichen, auch wurde selbstgebrautes Bier ausgeschenkt. Der zum Ausschank verabfolgte Wein oder Branntwein muhte von dem Stadtwitt bezogen sein, bei dem es ebenfalls „hoch herging". Nach altem Brauch hatte das gesamte Gesinde der Stadt und der Umgegend am
Markttage dienstfrei. Das wurde reichlich ausgenutzt, und die Dörfer der Umgegend hielten ihre Kirmes in unserer Stadt ab. Alte Sitte wollte es, dah jedem, der am Marktbefuche verhindert war. ein „Marktstück" mitgebracht wurde. — Die moderne Zett hat von der alten Marftherrlichkert vieles genommen, aber die Erinnerung von der einstigen Blüte des „Kalten Marftes" hat sich in der Bevölkerung erhalten.
Kreis Alsfeld
Einbrüche in Pfarrhäuser.
- Alsfeld. 6. Nov. In das katholische Pfarrhaus drangen Diebe während der Abwesenheft des Geistlichen und entwendeten einen erheblichen Eeldbettag. Auch in das evangelische Pfarrhaus brachen nachts zwischen 12 und 1 Uhr Diebe ein und versuchten zu stehlen. Die Bewohner wurden durch das Geräusch wach und vettrieben die Einbrecher. Es blieben ein Regenmantel und eine Anzahl Schlüssel liegen. Anscheinend ist es die gleiche Diebesbande, welche ht dem katholischen Pfarrhaus in Allendorf (Kreis Marburg) einen gröberen Geldbetrag entwendete.
Kreis ffrankenderq
br. F rankend e r g , 8. Rop. Am Sonnabend fand im Gasthaus „Zur Sonne" die Generalversammlung des Männergesangvereins 1840 statt. An Stelle der ehemaligen Vorsitzenden 1. Frost ,2. H. Eerke wurden als Vorsitzende 1. K. Schwaner, 2. Fr. Frost gewählt. H. Eerke wurde zum 1. Ehrenvorsitzenden ernannt.
Aus dem DillkreiS
Schwer« Einbrttchsdrebstckhl. — Etwa 900 Mark Bargeld und für 200 Mark Waren gestohlen.
0 Biedenkopf, 8. Nov. In einer der letzten Nächte wurde in Arfeld ein schwerer Einbruchsdiebstahl ausgefühtt. Die Diebe drangen gewaltsam, nachdem sie das Fenster eingedrückt hatten, nt das Haus des Kaufmanns und Bäckers Althaus ein. Die Dreistigkeit des Einbruchs geht daraus hervor, dah die Bande bis in das Schlafzimmer der Bewohner eindrang. Es gingen etwa 750 Mark an Bargeld und zwei Schecks in Höhe von 110 Mark mit. Dann stahlen die Diebe im Laden noch für etwa 200 Mark Waren, u. a. Kaffee, Tabak, Zigarren, Strümpfe u. a. mehr. Die Kassette, in der sich das Geld befand, konnte später unweit der Gemeinde gefunden werden. Die Untersuchung ist im Gange.
Kreis Ziegenhain
a. Steina, 5. Nov. Die Landwirte aus Steina haben sich zu einer Entwässe- rungsgesellschaft zusammengeschlossen, um etwa 100 Morgen der Gemarkung zu dränieren. Sie wurde als eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts aufgebaut, was nur dadurch möglich war, datz volle Einstimmigkeft der Besitzer in allen Fragen herrscht. Da die Arbeft als Notstandsarbeit ausgefühtt wftd, werden die Herstellungskosten außerordent- lich gering ausfallen. Der Preis für den Morgen wird auf etwa 50—60 Mark zu stehen kommen, während er im freien Arbeitsverhältnis vielleicht 100—200 Mark kosten würde. Zur Aufbringung der Un
kosten wird ein gemeinsames Darlehen aufgenommen, das in den nächsten Jahren aus den Mehreinnahmen abgetragen werden soll. Bei dem Unternehmen werden über 50 Arbeitslose beschäftigt, die für einige Monate Beschäftigung und Brot finden.
a. Christerode, 8. Nov. Hier wurde der im 55. Lebensjahre verstorbene Bürgermeister und Landwirt Wilhelm Pfalzgraf unter außerordentlich starker Beteiligung zu Grabe getragen. Pfarrer Schuchard- und Landrat von Steinrück-Ziegenhain würdigten die Verdienste des Verblichenen.
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Sessen-Rassan tmbWbargtbitlt
Liebestragödie in der Rhön.
Diedorf (Rhön), 8. Nov. Der 23- jährige Schuhmacher Gustav Demmer hatte ein Verhältnis mit der 17jäh- rigen Ida Limpert, das aber von der Mutter des Mädchens nicht gern gesehen wurde. Das nahm ^ch der junge Mann so zu Herzen, datz er dem Mädchen hinter dem elterlichen Hause auflauerte und es bedrohte. Als das Mädchen daraufhin in das Haus fliehen wollte, jagte Demmer vier Schütze hinter die Fliehende her, die das Mädchen lebensgefährlich verletzten. Darauf schätz sich der junge Mann eine Kugel in die Schläfe, die sofort tödlich wirkte. x
Wieder ein schwerer Autounfall an der Dörnigheimer Kurve.
Bier Personen verletzt.
Hanau, 8. Nov. Heute nachmittag gegen 5 Uhr ereignete sich an der gefürchteten Kurve in der Nähe der Dörnigheimer Brücke ein folgenschwerer Zusammenstotz zwischen einem von Hanau kommenden aus Duisburg stammenden Personenkraftwagen und einem Lieferwagen aus Alzenau. Die beiden Wagen rasten mit solcher Wucht zusammen, datz der Lieferwagen gegen einen Baum geschleudert und total zertrümmert wurde. Drei junge Leute, die auf dem Lieferwagen satzen, wurden herausgeschleudert und trugen Kopf- und leichtere Verletzungen davon. Auch der Personenwagen wurde total zertrümmert. Ein Handwerksbursche, der von den Insatzen des Personenkraftwagens unterwegs mitgenommen worden war, erlitt einen schweren Schädelbruch und innere Verletzungen, sodatz er in das Hanauer Krankenhaus gebracht werben mutzte. Der Unfall ereignete sich an derselben Stelle, an der seinerzeit ein Kaplan aus der Eelnhäuser Gegend sowie eine Frau aus Frankfurt (Main)-Bornheim mit ihren Motorrädern tödlich verunglückten.
13 Nationalsozialisten verhaftet.
Darmstadt, 8. Nov. Wie das Landeskriminalamt mitteilt, sind im Anschluh an eine sozialdemokratische Versammlung in Rimbach im Odenwald zwei Lastkraftwagen mit Reichsbannerangehörigen auf
(Nachdruck oerbotcn!)
Sn gonoling im Semkolea
Roman von Heinz Steguweit.
83. Fortsetzung.
Tobias Botz flüsterte mir zu: „Manes, es wird keinen Zweck haben. Die wollen nicht, die haben rote Watte in den Ohren. Eben jagten sie mir, sie kämpften nicht für Vror, sie kämpften nur gegen das System!"
Ich ging dennoch in die Waschkaue, wo die • fünfzig Arbeiter in andächtiger Erstarrung unter der Petroleumlampe bock- -ten: denn ihr Führer, der ausgebeutete Embryo, hielt einen Ziegelstein in der Hand und lehrte meine Poesie vom Feuerofen nach seiner Planier um: „Stein sein, durch- Feuer gehen, hart und... rot werden — !
Ich fiel dem billigen Philosophen in die Rede? „Kleiner, dp sagst Feuer? Meinst wohl, dein Feuerwerk sei schon ein Feuer? Wie alt bist du? Sechzehn? Siebzehn? Da magst du dich eine Lehmknolle nennen, und rot darfst du werden vor Scham!"
Der Junge oerzog sich hinter die Rücken der älteren Arbeiter, vielleicht brannte ihm noch meine Maulschelle auf der Haut. Dann wandte ich mich an die Wattenden: „Kameraden, ich habe mit dem Chef gesprochen, die Ziegelei ist in Not, also finb wir alle in Not. “
Die Versammelten kicherten ungläubig. Ich sprach weiter: „Der Chef hat vergessen, seinen Mitarbeitern vorher Bescheid zu sagen .."
Sie unterbrachen mich mit plärrendem Gelächter, endlich pfiffen sie mich aus, blökten, jaulten, zogen Trillerflöten aus den Joppen und machten ein höllisches Konzert: „Lump, Verräter, Mann einer Dirne, Arbeitermörder!"
Einer trat auf mich zu: .Himmerod, das hast tu dem all»s geglaubt?“ Und tippte sich auf die Stirn dabei.
Ein zweiter schmetterte mich an: „Mensch, hast dich einwickeln lasten!"
Dann dränget sie mit Fäusten und Metzern auf mich ein, ein Dritter sprang vor meine Brust Doch schrie dieser Dritte mit einem Hoi mut, der sich von der lleberheblichkeit Peter Selbachs nicht unterschied: „Latzt ihn, er hat ja nichts erlebt, er hat ju noch niemals Not gelitten --!"
Tob'us Votz ritz mich am Arm: „Komm, was hatte ich dir gesagt? Komm, komm!" Wir verlietzen tic Kaue, schlüpften aber ins Ketzelhaus, um uns zu verstecken. Tobias Votz meinte, die Besetzenen könnten die Fabrik zur Scherbenküche machen, könnten womöglich die Ventile verstopfen, um den Ketzel in tie Lust zu jagen. Zwar erfüllte sich diese Vermutung nicht, doch zogen die Arbeiter tn Marschkolonne durchs Tor und trugen Plakate, Stockschilder oder Transparente. Wie kamen sie so schnell an den Plunder? Für solches Theater hatten sie Geld!
Wir lasen die Schilder: Heil Moskau! Nieder mit den Blutsaugern...!
Wir sahen die Feldzeichen: Sichel und Hammer auf zinnoberfarbenem Stoff!
Wir spähten in die Marschkolonnen: Da tauchten zwei Gesichter auf, die nicht zu uns gehörten. Stumpfe, slavische Boxernasen. Gedrungene Kerle mit Speckhälsen und kantigen Backen. Wo kamen die Nutzen her? Wer duldete diese Keimträger?
Der Trupp zog singend durch Virnich, nahm Richtung zum nächsten Dorf, wo noch andre Ziegeleien rauchten. Hatte Vater Selbach nicht an die Landjägerei telephoniert? Wir sahen keine Landjäger. Dafür gingen irgendwo Fensterscheiben in Trümmer, man hörte das Klirren und Splittern durch die Nacht, die nichts mehr vom mailichen Frieden an sich hatte.
Tobias und ich krochen aus dem Ketzelhaus, standen unter den Sternen. Der
laue Frühlingswind wehte den Gesang der Amokläufer zu uns herüber. Und immer wieder peitschte ihr Sprechchor durch die Finsternis. Wer klärte diese Armen auf, ihr Programm habe nichts mit einer Idee und ihr Eallimathias nichts mit einem Bekenntnis zu tun? Wer predigte ihnen, eine Nation fei mehr als ein Ameisenhaufen? Nein, diese Arbeiter waren keine Mitarbeiter.
Tobias fragte mich: „Was wird mit ins, Manes? Der Alte ist ein Stiesel, die Kollegen toben, sollen wir zwischen diesen Mühlsteinen zerrieben werden? Ich mag kein Kuli werden mit einer Hand voll Reis als Tagelohn. Hörst du sie wieder? Was singen sie denn immer? Ich bin der Doktor Eisenbatt?"
Ich antwottete ihm: „Du' bist ja jung und frei und helle. Um Mitternacht ermatte ich dich vor meinem Fenster. Tu kennst unfern Pfiff. Bring deinen ganzen Kram mst, einen Koffer oder eine Pappschachtel wirst du noch besitzen. Also, pack deine Eummikragen, deinen Henkelmann und deine Stttckjacke, fei pünktlich, wir wollen türmen; hörst du? Wir türmen!"
Tobias lief heim, ich selber holte Lust, tief und mit ganzem Genuß. Bon meiner Stirn fiel eine Klammer, von meinen Rippen lösten sich Ketten. Ich war wieder stark und fttsch, hotte wieder die ratzeln- den Pappeln, hotte wieder den Bach, hötte wieder die Kühe in den Ställen und die Nachtvögel im Laub. Und meinte, ich sei monatelang taub und verstopst gewesen. Tobias pfiff noch einmal von weitem. Da hatte ich einen Freund gefunden!
3m Dorf viele Bauern vor den Türen und überall zornige Gespräche. Die Amokläufer hatten zwei bunte Chorfenster der Kirche zertöppert. Nun belagerten die Leute von Virnich das Haus der Pfarrers, forderten Rache, Sühne, Strafe und manche fromme Mutter ahnte nicht, daß ihr eigner
der Straße zwischen Rimbach und Mörlenbach von politischen Gegnern mit Steinen beworfen worden. Die Wagen wurden beschädigt. Von der Gendarmerie sind 13 Nationalsozialisten fest genommen worden, da sie im dringenden Verdacht stehen, sich an dem Ueberfall beteiligt zu haben. Die weiteren Ermittlungen sind im Gange.
Wie der Hessische Landtag nach dem Ergebnis der Neichstagswahl aussehen würde.
Darmstadt, 8. Nov. Nach dem Ergebnis der Reichstagswahl würden die Parteien im Hessischen Landtag wie folgt vertreten sein: Nationalsozialisten 29 (jetzt 32), Sozialdemokraten 16 (17), Zentrum 10 (10), Kommunisten 10 (8), Deutschnationale 2 (1) und Nationale Einheitsliste 3 (2) Sitze.
Mutter und Sobn von Giftgasen im Wein- J fettet getötet
Koblenz, 7. Nov. Am Sonntag abend wollte in Hatzenport ein in den 40er Jahren stehender Winzer aus seinem Keller zum Abendbrot Wein holen. Als er nach längerer Zeit noch nicht zurück war, suchte die 70 Jahre aüe Mutter nach ihm. Als sie in den Keller kam, fand sie ihren Sohn am Boden liegend bewußtlos not; die am Boden ruhenden Eärgase hatten ihn betäubt. Die Mutter wollte den Ner- gifteten ins Freie schaffen, bei diesem Versuch ist sie aber offenbar auch von den Gasen betäubt worden, denn als am Montag morgen im Hause des Winzers noch Licht brannte, fand man Mutter und SohntotimKellerauf.
Das Sranfiurter 3foMroi»nmm
Donnerstag, den 10. November.
6.15: Wetterbericht. — Anschließend: Morgengymnastik. — 7.20: Konzert. — 9.00: Schulfunk. — 12.00: Schallplatten-Konzett. — 13.30: Konzert. — 15.30: Stunde der Jugend. — 17.00: Konzert des Südwestdeutschen Rundfunkorchesters. — 18.25: Zeit- fragen. — 18.50: „Bilden Waren- und De» visen-Verrechnung eine neue Wittschafts» form?", Vortrag. — „Wie werde ich mit den Schwierigkeiten der Zeit fertig?": 1. Ergebnis des Vortragswettbewerbs, 2. Vortrag des ersten Preisträgers. — 20.00: „Er- pansion", ein Hörstück. — 21.00: Fideles Wien. — 21.30: Klarmetten-Trw. — 22.20: Zeitangabe, Tagesnachrichten, Wetterbericht, Spottbericht. — 22.45: Funkstille.
Gottesdienst.
Donnerstag, den 10. November.
Haus Bethanien am Ortenberg. 20.30 Uhr: Eemeinde-Bibelstunde, Vikar Fokken.
Elrsabethhaus. 20.15 Uhr: Bibel- besprechstunde der Männer.
Verlag Dr. C. H i tz e r o t h. Hauptschriftleiter und oerantwottlich für Po- lttik und Feuilleton: Dr. Ernst Scheller: für Kommunalpolitik, Provinz und Lokales: Lothar Schneider, sämtlich in Marburg.
Sohn mit den Rattenfängern gezogen war.
Ich kam heim, meine Frau saß mit ihren Eltern beim Abendessen. Die Glühbirne pendelte so verdrießlich über dem Tisch, als sei nur ein halber Strom im Draht. Maria sagte mir, Sebastian läge'fiebernd im Bett, das Kind habe sich über den Tumult der Arbeiter entsetzt.
„Der Junge kommt ganz auf seinen Nährvater", höhnte Peter Selbach. Und als ich meine Frau zum Gruß auf die Stirn küßte, knurrte er in den Batt, rch sei ein Schmuser und ein Pantoffelheld. Ueberhaupt: Nur Papa Selbach war in seiner Jugend ein richtiger Kerl gewesen!
Ich hatte mir angewühnt, die Randbemerkungen des Kranken zu überhören. Ich sah nur, daß er em gebratenes Kaninchen auf seinem Teller verhackstückte, während wir andern Erießmehlsuppe löffelten, von der mein Schwiegervater zu behaupten pflegte, er dürfe sie nun mal nicht essen, der . . . Krampfadern wegen.
Ganz still wurde es dann, keiner sprach ein Wort. Mir klopfte das Herz, Mutter Selbach weinte bitterlich vor sich hin. Matta streichelte unterm Tisch ihre alte Hand. Der Vater durste nicht sehen, oatz ein Kind den Schmerz seiner Mutter teilte. Mir war es, als wüßten die Frauen schon von meinem Plan. So blaß stierten sie aufs Tischtuch, während der Alte abwechselnd die Karnickelknochen und die eigenen Pfoten ableckte, schmatzend und mit Benagen. 3m Zimmer über uns jammerte der fiebernde Sebastian. Maria lief hinaus, ich war unruhig im Kopf, denn wie sollte das mit dem Abmarsch werden? Ein krankes Kind durfte man nicht in die Dschungeln der Zeit schleppen. Da blickte Vater Selbach vorn Teller hoch: „Nun? Wie ist cs?“
„Der Streik ist abgeblasen, aber jetzt ziehen sie mit roten Fahne a über die Landstraße!"
Fortsetzung folgt.