Nr. 263
Oderhesstsche Zeitung. Marburg c L. Dienstag, dm 8. November 1932
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genommen war es kein Trauerfest, da es allen Anwesenden streng verboten war, Sorge und Verstimmung zur Schau zu tragen. Die Kosten dieser eigentümlichen sechswöchigen Totenfeier betrugen 30 000 Mark, so daß der Zigeunerkönig leicht auf- atmete, als der letzte Tag der sechsten Woche zu Ende war.
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Seulsch wird wieder Umgangssprache in Eüdweitafrika
Ein deutscher Sieg ohne Waffen. — Der Frontkämpferbund der Askaris.
Deutschland hat einen Sieg errungen, den vielleicht keine Iubelfeuern und keine Fahnen zum Triumphfest erheben werden.
«nitro Adolf als lulherifcher Staatsmann
(Bon der politisch« Sendung des Lrtther- tums.s
Don Privatdozertt Pfarrer Lrc. Maurer, Marburg- Michelbach.
Wenn die evangelische Christenheit zum diesjährigen Reformationsfest das Andenken Gustav Adolfs feiert, dessen Todestag sich am 6. November zum 300. Male jährt, so bekennt sie sich damit zu einer bestimmten Art evangelischer Politik. Evangelische Politik treibt ein Staatsmann nicht, indem er religiöse Bekenntnisse ablegt — sie können sehr echt, aber doch politisch sehr, verfehlt fern —, sondern dadurch, daß er im Leben seines Volkes und der Völker dazu hilft, daß das Evangelium sich darin durchsetzen kann.
Gustav Adolf steht auf dem Boden lutherischen Evangeliumsverständnisses, und von hier aus ist fein politisches Werk zu begreifen. Und man kann sagen: Er ist der einzige lutherische Politiker weltgeschichtlichen Ausmaßes gewesen; die anderen groben politischen Gestalter des Protestantismus waren reformierter Konfession. Und so gering uns heute diele Unterschiede erscheinen mögen: für die Art des politischen Handelns sind sie nicht ohne Bedeutung gewesen.
Zunächst einmal: Gustav Adolf als Politiker ist der Träger der Obrigkeit, und all sein politisches Handeln ergibt sich aus seinem starken Gefühl für die Würde seines ihm von Gott verliehenen, obrigkeitlichen Amtes. Demgegenüber sind die Vorkämpfer der re- formterten Kirche die groben Volksmänner, die die Freihest, die Freiheit des Gewissens und die politische Freiheit des Volkes, gegen die Tyrannen verteidigt haben. Das Luthertum hat von jeher em fernes Gefühl dafür gehabt, dah in der agitatorischen Auf- veitschung der Massen, wie die kalvinistischen Prädikanten sie übten, in den Straßeittumul- ten und Bilderstürmen satanrche Gewalten wirksam sein können: und es hat der revolutionären Selbsthilfe gegenüber auf das Eingreifen des geordneten Amtes verwieg en, im übrigen aber den leidenden .Gehorsam ccks die wirksamste, weil innerlichste Waffe gegen zugefügtes Unrecht empfohlen. Man tarnt der Meinung sein, das Luthertum habe
Worms, und da sie ihm zujubelte und sich vor ihm entsetzte zugleich, als er mit allzu derber Faust hineingriff in den allzu heftigen Krampf der deutschen Revolution rm Bauernkriege. Und jetzt wieder da die Revolution von oben mtt dem Restrtutions- ebift von 1629 die Errungenschaften der deutschen Reformation zunichte zu machen drohte, da die Rosse der siegreichen kaiserlichen Armee ganz Deutschland zerstampft hatten und von den übermütigen katholrchen Legionen am Ufxr der Ostsee getränkt wurden und da auf den Fluten des Baltischen Meeres sich die kaiserliche Armada schaukelte und auf die Befehle ihres neuen Admirals Wallenstein wartete. Da ging ein Erschrecken durch das deutsche evangelische Volk; während die evangelischen Fürsten in unbegreiflicher Verblendung ihre kleinlichen Hausmachtpläne und Hausmachtängste weiter trieben, wuhte das Volk, was gespielt wurde. Und als bann, infolge jener unseligen Schwächlichkeit bei der Verfolgung gemeinsamer deutscher evangelischer Aufgaben im Mat 1631 Magdeburg in Flammen aufging, sah der emfadfe Mann — die neu gesammelten Flugschriften der Zeit beweisen es —, im Schicksal von „unseres Herrgotts Kanzlei" sein und seiner Kirche Schicksal ab- gebildel. Um so gröber war dann die allgemeine Freude, als der Löwe aus Mitternacht den Fangstrick des Jägers zerriß und das Gehege der bellenden Hunde zersprengte. Mochten auch die protestantischen Fürsten sich seiner Gefolgschaft entziehen oder, widerwillig sich seinen Fahnen anjchliebend, durch ihre Jagden und Gelage den gemessenen Ernst des schwedischen Lagers stören — das evangelische Volk muffe seine -Befreiet zu ehren. Bet seinem Zuge von der Elbe d.s zum Rhein und vom Rhein über das evangelische Franken bis zur Donau begrüßten ihn die Glocken von den Türmen und die Choräle der evangelischen Gemeinden; der einfache Mann steht m bem leuti^en Fürsten ben gottgetanbten Retter teiner Kirch? Der Bauernkonig, bei als Urenkel Vbilivvs des Grotzmütigen von Heuen selbst deutsches Blut in den Adern hatte, hatte den Zugang zum Herzen des deutschen Volkes- ganz gottgeiandter yurit von Gottes ©naben, burch natürliche Ordnung und gemeinsamen Glauben ganz volksoerbunden — fo ist er rechter lutherischer Staatsmann.
(Schluß folgt.)
sich dadurch selbst politisch gehemmt. Aber das ist sicher: wo der Träger emes geordneten Amtes, von seinem Gewissen getrieben, die ihm zu Gebote stehenden Machtmittel einsetzt, zum Kampf um die Befreiung der Gewissen von widergöttlicher Tyrannei, da findet er im Bewußtsein seiner, ihm von Gott auferlegten Amtspflicht auch die politischen Mittel und Wege, um. zu fernem Ziele zu kommen. Das haben die wahrlich doch teilweise recht schwach begabten evangelischen Fürsten der Reformationszett bewiesen, das hat Gustav Adolf auf fernem Sregeszug durch Deutschland wahr gemacht. Es ist kem prophetisches Selbstbewußtsein, das ihn treibt, und das ihn hätte die Grenzen zwischen dem manchmal so blutbefleckten poltti- schen Tun und religiöser Verwirklichung verwichen lassen. Sein wendungsbewußtsem gründet sich ganz auf sein Anttsbewußtsem: weil ihm als evangelischer Obrigkett die nötigen Machtmittel, durch die Ansttengun- gen der Gegenreformation, die sich auch mi Norden von Polen her geltend machten, noch ungehrochen, zur Verfügung standen, deshalb hatte er sie im Kampf um die Freihett des Evangeliums in Deutschland einzusetzen.
Und indem er so die Macht seines gott- gegebenen Amtes in Gottes Auftrag zur Geltung brachte, war innerlich eins mtt seinem evangeliumsgläubigen Volk. Keme Obrigkett kann bestehen, die nicht verwurzelt ist im Volke; trotzdem stammt sie nicht vom Volk, sondern von Gott. Evangelische Obrigkett ist dadurch dem Volke verbunden, daß Führer und Geführte einander begegnen im Gehorsam gegen Gottes Gebot und miteinander leben von dem evangelischen Heil. Das schafft eine Bindung, bie fester hält als bie Bande des Blutes. Gustav Adolf bat beides besessen. Das Königsgeschlecht der Wasa war so volkstümlich wie kein anderes in Europa. Bauernhaß gegen die bäniV< Fremdherrschaft und gegen bie verweltlich.e katholische Klerisei hatte nach dem furchtbaren Stockholmer Blutbad von 1520 die einheimische Adelsfamilie auf den Schild erhoben: und die fernen spanischen Kavaliere am Wiener Hofe hatten es leicht, ihre Furcht vor den nordischen Helden mtt dem Spott über den Bauernkönig zu verbergen. Den Kern seines Heeres bildeten die blonden Bauernsöhne aus dem schwedischen Norden. Die führten den Krieg nicht
nach Landsknechtsweise, bald auf dieser, bald auf jener Seite, mtt Rauben und Plündern und Huren. Aus angestammter Treue folgten fte der Fahne ihres königlichen Herrn; und noch länger als ein Jahrzehnt leuchtete durch bie blutige Nacht bes zu Ende gehenden Dreißigjährigen Krieges das Bild des toten Königs seinen Bauerngenerälen Tor- stenson und Bauer voran.
Aber dieses Bauernheer ist zugleich ein evangelisches Heer. Es weiß, daß es für die evangelische Sache ficht und bewahrt dadurch seinen Zusammenhalt und seine Schlag- fettigkett. Und so waltet als ein christlicher Hausvater der König und Heerführer in der Mitte seiner.Truppen; als Hausvater übt er Zucht, vereinigt er sich. mit der Mannchaft in täglicher gottesdienstlicher Gemeinschaft. Da ist nichts von dem reltgtöien Fanatismus, der die psälmensmgendsn Rei- tergeschwader Cromwells so unwiderstehlich machte. „Verzage nicht, du Häuflein Ilern", singt das bisher unbesiegte schwedische Heer nach einem Siegeszug ohnegleichen vor der Schlacht bei Lützen; so ganz nüchtern davon überzeugt, daß das menschliche Herz em zittriges und verzagtes Ding ist im. Donner der Schlacht, so ganz sich ergebend m die ge» wattige Hand des allmächtigen Gottes, und dsehalb so ganz unverzagt und ohne Grauen m den Greueln der Schlacht. Ein lutherisches Volksheer mtt einem Dolkshelden an der Spitze, der zugleich gottgeschenkte Obrigkett war, — das hat die Welt nur einmal gesehen, auf der Siegesbahn, die von Sachsens Ebene bet Breitenfeld ausgehend m dem Stammlande der Reformation mtt dem blutigen Tage von Lützen endete.
Und weil Gustav Adolf ein Volkskönig war, deshalb juhette das evangelische Volk in Deutschland ihm zu, wohin er auch kam; der gedrückte Bauersmann, der bei ihm Zuflucht fand vor dem Treiben einer zügellosen Soldateska; und besonders das Bürgertum der ichwerbedrohten süddeutschen Reichsstädte wie Nürnberg und Augsburg. Es hat eigentlich nur zweimal in Deutschland eine wirkliche lutherische Volksbewegung gegeben: zuerst in ben Frühlingstagen ber Reformation, da die ersten deutschen reformatorischen Schriften und bie ersten deutschen Bibelteile durchs Land flogen und nicht schnell genug gedruckt werden konnten; da die deutsche Seele trauerte um ben so plötzlich verschwunbenen Helden von
Dre sechswöchige Totenfeier für den „Zjgeunerkronprinzen"
Die 300 Fahr Gedenkfeier -er Schlacht -ei Lützen
Los Angeles toar während der letzten I sechs Wochen der Schauplatz einer höchst I eigenartigen Zeremonie, die sich täglich wiederholt. Einige hundert Zigeuner waren versammelt, um die Trauerfeierlichketten für den verstorbenen „Zigeuner- Kronprinzen" „Jonny Adams zu begehen. Seit Jahrzehnten sind die Zigeuner in verschiedenen Tellen der-Vereinigten Staaten ansässig. Zn manchen Städten, wie z. D. in Chicago, bewohnen sie in kom- patten Siedlungen einzelne Stadtteile. Sie haben sich der modernen Zivilisatton an« gepaßt und besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft, bilden aber in vieler Hinsicht eine Att Staat im Staat und werden von ihren gewählten „Königen" regiert, denen sie Ehrerbietung und Tribut zollen.' Der einflußreichste unter den arne- ttkanischen Zigeunerkönigen ist Markus Adams in Los Angeles. Er lebt in bescheidenen Verhältnissen, soll aber über ein großes Vermögen verfügen, dessen Ursprung ziemlich dunkel ist. Vor etwa sechs Wochen brachten die Zeitungen die Meldung, daß sein einziger Sohn plötzlich gestorben sei. Auf diese Aachricht Krönt» ten aus allen Teilen Kaliforniens und aus den benachbatten Staaten die treuen Untertanen, um dem Totenfest beizuwohnen. Erne Totenfeier von einer solchen Dauer hat Kalifornien noch nie erlebt. Aach der Bestattung des „Zigeunerkronprinzen" begann das Mahl, das sich sechs Wochen lang hinzog. Etwa dreihundert Gäste waren an der Tafel versammelt, die Frauen nicht einberechnet. Aach altem Zigeunerritus dürfen die Zigeunerinnen an solchen Festlichkeiten nicht teil* nehmen und müssen sich mtt den Resten dorn Tische ihrer Herren und Gebieter begnügen. Eine Zigeunerüberlieferung besagt, daß die Seele eines Dahingegangenen sechs Wochen in ben überirdischen Gefilden wandelt, bis sie vor die Tore des Paradieses gelangt. Während dieser Wander- zett der Seele wird der Dahingegangene alltäglich gefeiert. Zeder Gast betrat den festlich geschmückten Saal mit einer an* gezündeten Kerze in der Hand. Als letz* ter erschien der Zigeunerkönig, von dem neuen Thronfolger, dem fünfzehnjährigen Moreno, begleitet. Dieser hatte Kleider hon demselben Stoff und demselben Muster an, tote sie fein verstorbener älterer Bruder auf seiner letzten Fahrt trug. „Der Himmel sei meinem armen Sohne gnädig. Zch teile mit Zhnen die Zuversicht, daß die Pforten des Paradieses sich vor dem jungen Ankömmling öffnen werden." Mtt dieser kurzen Ansprache begrüßte Markus Adams die Versammelten, worauf das tägllche Trauermahl begann. Zm Grunde
der aber bedeutungsvoller und erhebender ist, als die erste schlichte Nachricht von ihm es vermuten läßt.
Deutfch-Südwestafrika, diese herrlichste unter den ehemals deutschen Kolonien, ist zwa nicht Deutschland, aber dem Deutschtum zurückgewonnen worden.
Vor der Mandatskommission des Völkerbundes hat der Vertreter Südwestafrikas ohne Umschweife erklärt, daß die deutsche Sprache in Deutsch-Südwestafrika unter allen Umständen wieder als eine der offiziellen Sprachen des Landes, wenn nicht sogar als die alleinige Umgangssprache anerkannt werden mich. Er selbst stelle offiziell mit dieser Erklärung den entsprechenden Antrag. Ebenso seien alle bisher noch bestehenden Hindernisie, die Naturalisation deutscher Einwanderer und Farmer betreffend, endgültig beiseite zu räumen.
I Um die gleiche Zeit, da in der Mandatskommission vor dem Völkerbund diese aufsehenerregende Erklärung erfolgte, er,
schienen in Windhoek und allen größeren Ansiedlungen des- Landes entsprechende Anschläge.
Wie man in eingeweihten Kreisen wissen will, ist der Entschluß des Mandats- kommisiars nicht ganz und gar freiwillig erfolgt. Die Stimmung im Lande und insbesondere das dringende Ersuchen einer Organisation der ehemaligen Askaris, die sich voll und ganz als deutsche Frontkämpfer fühlen und die gesamte Negerbevölkerung des Landes hinter sich haben, sollen diesen Entschluß des Kommisiars erzwungen haben.
Wie es auch fei, wenigstens moralisch ist uns Südwestafrika wieder zurückgewonnen worden.
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Ser Alterspräsident des neuen Reichstags
Die Ehrengäste beim Abfchreiken der Ebrenkomoagnie, in der vordersten Reibe von links nach rechts- General Mannerbeim, Führer der Weißen Armee im finnischen FreiheitskrieS. General von öammerstein. Chef der deutfchen Heeresleitung, und Kronprinz Gustav Adolf von Schweden
In Lützen an der Stätte, an der vor 300 Jahren der große Schwedenkönig den Heldentod starb fand fetzt die deutsche Sauptgedenkfeier statt, zu der. vor allem aus Skandinavien, dem Heimatland des protestantischen Vorkämpfers, viele hervorragende Persönlichkelten herbeigekommen waren. ___
General Karl Litzmann
der als nationalsozialistischer Abgeordneter in den neuen Reichstag gewählt wurde, wird die Eröffnungssitzung als Alterspräsident leiten. General Litzmann ist 82 Jahre alt.
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— Geh. Prof. Dr. Bernhard Rocht, dem großen Hamburger Tropenhygienier, ist zu seinem 75. Geburtstage vorn Reichspräsidenten die Goethe-Medaille für Wiffen- schaft und Kunst verliehen worden.
Prompte Hilfe durch Radio.
In einer Hamburger Straße wurde von unbekannten Leuten ein Personenwagen gestohlen. Der Diebstahl wurde durch Radio bekanntgegebeii, worauf sich prompt eine Hörerin meldete und mitteilte, der Wagen stehe herrenlos in ihrer Straße. Das Auto konnte tatsächlich von der Polizei beschlagnahmt werden.