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«Sette 4

OderdesMtve Bettung, Marvirg «. S Freitag, den 4. November 1932

Nr. 260

Marburger SMzetkimg Aenderung -er Wv-Ifa-rtserwerbs- lofenfürsorge

In den nächsten Tagen wird, wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet, eine neue Verordnung des Reichspräsi­denten über Aenderung in der Wohlfahrts- erwerbslosenfürsorge erscheinen. Diese Verordnung enthält zunächst die ange­kündigte Erhöhung des Reichs­zuschusses für die Gemeinden, die -bis­her einen Reichszuschuh im Monatsdurch­schnitt von 60—65 Millionen bekamen. Künftig soll dieser Betrag auf 75 Mil­lionen erhöht werden. Zugunsten Der Lardgemeindea, die im Winter eine be­sonders hohe Erwerbslosenziffer haben, ist auherdem eine Aenderung des Ver­teilungsschlüssels vorgesehen. Be­sonders wichtig ist für die Gemeinden die Ankündigung, dah vom 1. November bis 3 0. April kein Unterstützungs­empfänger mehr aus der Krisen­unter st Ltzung ausgesteuert wer­den soll.

Es kann also keine Erhöhung der Wohl­fahrtserwerbslosenziffer eintreten, sodah die Gemeinden vor einer Steigerung ihrer Wohlfahrtslasten bewahrt bleiben. Oie Reichsregiernng glaubt, so schreibt das Blatt weiter, zu diesen Mahregeln greifen gn können, weil sich heravsgesteM hat, dah die Durchschnittsziffer der Erwerbslosen, die nach den Berechnungen vom Juni nach 8,9 Millionen betrug, gegenwärtig nur «och 5,53 Millionen beträgt.

Sie Werbetvoche des Luifabades

Wie wir bereits mitteilten, findet die dies­jährige Werbewoche des Stöbt. Luifabades in der Zeit vom 7—13. November statt. Mit den Werbevorführungen beginnt diesmal das Ausbildungsbataillon 15 unter Mit­wirkung der Musikkapelle. Am Dienstag fin­det dann das Wettschwimmen für Mädchen und Knaben aller Schulen statt. Den Rei­gen der Vereine eröffnet dann am Mittwoch die T u r n g e m e i n d e 18 85, die mit einem besonderen Programm aufwarten wird. Der Donnerstag gehört -dem Mar­burger Stadtverband für Leibes­übungen, der während der Woche einen Lehrgang für Rettungsschwimmen durchführt und am Abend die Schlußprüfung für Grund- nnd Prüfungsschein des D.L.R.G. abnimmt. Der Freitag ist wieder dem Stadtver­band für Leibesübungen gewidmet, der Wettkämpfe für männliche und weibliche Jugend durchgeführt. Daran beteiligen sich die Berufsschule und die schulentlassene Jugend von 14—18 Jahren; außerdem die Schüler der höheren Lehranstalten von 14—18 Jahren. Das Ausbildungsbataillon wird bann noch bcn Sonnabend ausfüllen. Am Sonntag findet eine Besichtigung der techni­schen Anlagen des Luifabades . statt. Um 16.30 Uhr wird der Turn- und Sport- verein 18 60 ein großes Werkeschwimmen abhalten. Den Schluß der Werbewoche be­streitet diesmal die Marburger Studenten­schaft.

Sie KreiswablvorWage in Seilen Rossau

Die KreiswMvorschläge für den Wahlkreis 19 sHessen-Nassml) wessen an den ersten Stellen folgende Namen auf:

NSDAP: Jak. Sprenger, Oberpostinspektor, Frankfurts Fritz Weitzel, Schlosser, Frankfurt; Walter «cidler, Landwirt, Landershausen; Karl Linder, Obersteuerstkretär, Frankfurt; Kurt v. Ulrich, Oberstleutnant a. D., Kassel: Hans Oberlindober, Kaufmann, München.

Sozialdemokraten: Philipp Scheidemann Oberbürgermeister a. D., Tharlottenburg: Franz Metz, Geschäftsführer, Berlin; Heinrich Becker, Gewerkschaftsseft., Herborn; Michael Schnabrich, Vertreter, Hersfeld; Otto Witte, Landesrat, Wiesbaden; Ernst Mulanski, Ge­schäftsführer, Frankfurt; Friedrich Hofacker, Eewerkschaftssekretär, Kassel.

Kommunisten: Willi Münzenberg, Schrift­steller, Berlin: Karl Barthel, Metallarbeiter, Kassel; Franz,ska Kessel, Verkäuferin, Frank­furt.

Zentrum: Dr. Heinr. Brüning, Reichskanz­ler a. D-, Berlin; Dr. Friedr. Dessauer, Pro­fessor, Frankfurt' Dr. August Trone-Münzc- brock, Dr. phil^, Berlin; I. A. Schwarz, Mit- telschullehrer, Frankfurt.

Deutschnationale Bolkspartei: Dr. Alfred Hugenberg, Gutsbesitzer, Gut Rohbraken; Ds- kar Hergt, Staatsminister a. D., Eötttngen.

Radikaler Mittelstand: Helmuth Mylius, Schriftsteller, Frankfurt; Dr. Herbert Wörbel­auer, Rechtsanwalt, Frankfurt.

Deutsche Volkspartei: Rich. Merton, Kauf­mann, Frankfurt; Dr. Franz Becker, Ober­studiendirektor, Kassel; M. Roether, Haus­frau. Wiesbaden.

Deutsche Staatspartei: Dr. Ernst Leitz, Fa­brikant, Wetzlar.

Christl.-Sozialer Bolksdienst: Franz Beh­rens, Berlin.

Reichspartei des deutschen Mittelstandes: Professor Bredt, Marburg.

Deutsches Landvolk: Heinrich Rutzh, Land­wirt, Langendiebach bei Hanau.

Die Kreiswahloor schlüge liegen aus.

Das Wahlamt weist darauf hin, daß das Regierungsamtsblatt mit den Kreiswahlvor­schlägen für den 19. Wahlkreis im Einwohner­meldeamt (Rathaus) zu jedermanns Einsicht ausliegt.

Stimmscheine können nur noch bis heute nachmittag 5V- Uhr ausgegeben werden.

* Wäschediebstahl. Der Polizeibericht meldet: In der Nacht zum 3. d. Mts. wurden auf einer Bleiche in der Nordstadt folgende Wäschestücke gestohlen: ein leinenes Herren­hemd, im Kragen mit Firmenzeichen Hart­mann u. Sohn, eine weiße Unterhose, eine seidene hellrosa Damenhose, ein seidenes hell­rosa Damenhemd. Sachdienliche Mitteilung erbittet die Kriminalpolizei.

'^Sonderzug nach Marburg. 'Zu dem am kommenden Sonntag hier stattfinden Fußballspiel VfB.-Kurh. — Borussia Fulda, haben die Fuldaer einen Sonderzug arran­giert, mit dem rd. 400 Borussenanhänger nach Marburg kommen werden. Der Zug trifft hier 11.40 Uhr ein.

* Der neue Rektor. Am Sonntag, dem 13. November, 11 H§r, findet in der Aula der Universität die feierliche Ein­führung des neuen Rektors, Prof. Dr. Merk, statt.

• Reformierte Gemeinde. Der b^Ahr-Äachmittags-Gottesdienst der re­formierten Gemeinde wird am kommenden Sonntag mit dem Militär-Gottesdienst auf vormittags 1130 Ähr verlegt werden.

Berkin ehemaliger Niger und Schützen

Qlm 23. Oktober beendete der Verein fein diesjähriges Königs-, Wanderprers- und Preis-Schiehen.

«Als König ging Kamerad Karl Dam- ber ger mit 166 Ringen hervor. 1. Rit­ter wurde Kamerad Bette r mit 158 Ringen und 2. Ritter Kamerad OSkar Wiegand mit 150 Ringen. Bester Schütze auf den Wanderpreis, der vorn Landesverband Hessen—Hessen-Rassau ge- ftiftet ist. wurde Kamerad Heinrich Balzer mit 82 Ringen. Die Ehren­scheibe Vetter errang mit 12 Ringen Ka­merad Altrichter und die Ehrenscheibe Griebel mit 11 Ringen Kamerad John Schneider. Au fder 100-Meter-Scheibe gingen als beste Sieger drei Kameraden mit 35, vier mit 34, zwei mit 33 Ringen hervor. Auf der 175-Meter-Scheibe gingen als beste Sieger je ein Kamerad mit 59, 57 und je zwei mit 56 Ringen hervor.

Wends fanden sich die Kameraden zur Abschlußfeier mit Preisverteilung im Iä- gerheim ein. 1. Vorsitzender, Kamerad Hans Bersch, überreichte mit herzlichen Worten dem neuen König, Kamerad Karl Bamberger, die Ehrenkette. Dem vor­jährigen König Kamerad Vetter wurde die Goldene Medaille überreicht. Ms 1. Und 2. Ritter wurden die Kameraden Vetter und Wiegand mit Auszeich­nungen bedacht. Mit einem kräfttgen „Horrido" wurden König und Ritter ge- ehtt. Trotz der ungünsttgen Wirtschafts­lage hat es sich ermöglichen lassen, einen der Zett entsprechenden Gabentisch her- zunchten. so daß durchweg fast alle Ka­meraden mit einem Preis bedacht werden konnten.

• Heute Zusammenkunft ber Ostmärker. Heute abenb 8i/s Uhr treffen sich bei Bopp alle Ostmärker zu einem ge­mütlichen Beisammensein. Zweck ber Zu­sammenkunft ist die Pflege bes Heimatgeban- kens unb des Zusammengehörigkeitsgefühls. Auch ost märkische Stubenten, bie in Marburg finb, sinb zu biesen Abenben herzlich willkommen.

' Evangelische Frauenhilfe. Frei­tag, den 4. November, werden die Flick- und Nähabende der Ev. Frauenhilfe wieder be­ginnen, die von jetzt ab regelmäßig um 8 Uhr im Phsiippshaus stattfinden werden. Im Gegensatz zum vorigen Winter sollen in diesem Jahr zur Hauptsache nur Flickarbei­ten und Kinderkleidung vorgenommen wer­den.

* Teenachmittag des Vereins für verborgene Armut. Wie aus der heutigen Anzeige ersichtlich ist, fin­det der Teenachmittag im kleinen Stadt­saal am 7. November um 16.30 Uhr in gewohnter Weise statt. Die Vorsitzende und die Vorstandsmitglieder, denen wie früher Herr Superintendent Landau jetzt Herr Pfarrer Veerhoff hilfreich zur Sette steht, bitten herzlich um zahlreichen Be­such ihrer Veranstaltung, die den Zweck hat, Mittel zu Weihnachtsgaben für ihre Schützlinge herbeizuschaffen. Es sei • hier auf verschiedene Anfragen erwidert, daß der Verein weder politisch noch konfessionell eingestellt ist und unbeirrt seiner Aufgabe, verschwiegene Not aufzusuchen und zu lin­dern, seit 82 Jahren treu bleiben konnte dank der Unterstützung, die er zu jeder Zeit durch freiwillige Gaben aus allen Kreisen Marburgs fand. Er hat nicht Mitglieder im eigentlichen Sinne, sondern Mit­helfende und Freunde. Willkommen sind Alle!

• Heute Wahlkundgebung bet Deutschnationalen Bolkspartei. Ueber bas Thema „Partei ober Staat?“ sprechen um 20.15 Uhr in den Stabtfälen Lcmbtagsabgeorbneter Steuer unb Pfarrer Zeibler von bei Deutschnationalen Volkspartei. Auf den Besuch ber fan Hinblick auf bie bevorstehenden Reichstags­wahlen und bie neuesten politischen Ereignisse befonbers interessanten Wahlkundgebung sei hiermit nochmals hingewiesen.

* Oöffentliche Versammlung der NSDÄP. Gestern abend sprach ber Land­tagspräsident Äerrl in den Stadtsälen vor 2000 Menschen, einer Menschenmenge, wie sie bisher noch nie in diesen Sälen ver­sammelt war. Wir werden über die Aus­führungen des Redners morgen berichten.

* Hindenburg - Grupp«. Heute abend 8.15 Uhr spricht im Freidhofsackl für die Hindenburg-Gruppe General d. Inf. Schniewindi über die „Krise der Ab- r ü st u n g". Der (Eintritt ist frei. — Dauer­karten für die Vortragsreihe sind tm Vorver­kauf bei Elwert und Ebel zu haben.

Tagesanzeiger.

Freitag, den 4. Rovember.

Bergnügungsanzeiger.

Kratzfche Bierstube, Marktgasse: Ab 16.30 und 20.30 Ah: Künstlerkonzert der Ku- pelle Willy Otto.

Cafe Markees, Reitgasse: Ab 20 Ahr: Konzert Hansi Ruttsch mit seinem Orchester.

Cafä Vetter, Reitgasse: Ab 20 Ahr: Bobby Müller und seine Solisten.

Stadtkeller: 20 Uhr: Oktoberfest.

Restaurant Daub, Frankfurter Stt.: 20 Ahr: Konzett mit Tanzeinlagen.

Capitol, Biegenstraße: 17 und 20.15 Ahr: „Marschall Vorwärts".

Kamera, Kasernenstrahe: 17 u. 20.15 Ahr: „Der träumende Wund".

Versammlungen, Vorträge, sportliche Veranstaltungen nsw.

Volkshochschule: 20.15 Ahr im Hörsaal 29 des Landgrafenhaus es: Dr. Könitzer: „Die deuffche Ballade und ihre Dichter. —DeSA 20.15 Ahr in der Südschule: Lektorin Teichmann: „Englisch" und Leh­rerin Doelihsch: „Französisch". — Desgl. 20.15 Ahr bei Spangenberg, Bahnhof­straße : „2. Schachabend".

Deutschnationale Volkspattei: 20.15 Ahr Ahr in den Stadtsälen: Wahlkundgebung „Pattei oder Staat?"

Hindenburggruppe: 20.15 Ahr im Freidhvf- saal: „Krise der Abrüstung".

Ostbund: 20.30 Ahr bei Bopp, vorderes Zimmer: Ostdeutscher Abend.

Stabt. Bekanntmachung

Durch Verordnung des Herrn Preuß. Mi­nisters des Innern vom 15. 10. 1932 ist der Ausschank von Branntwein und der Klein­handel mit Trinkbranntwein am Sonnabend, dem 5. und Sonntag, dem 6. November 1932 bis zur Polizeistunde verboten.

Zuwiderhandlungen werden mit Haft und mit Gell>strafe Bis zu 150 R^k oder mit einer dieser Strafen bestraft.

Marburg, den 3. November 1932. (6145

3. D. Voß.

Sie ieutige Hummer mW i« Seiten

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öo&en Sie schon einmal von Crea gehört? m ich 2hnen glauben.

reff k? Baedeker letzter Auflage verrät kwU: Aber das ist gut Und mag so bleiben. Wir mußten studienhalber hin: Künstler, die out dem hl. Berge von Varallo gearbeitet patten, Daren auch dorthin ge- zc^en worden. Aber mehr als daß es jenseits bes Po, d. h. südlich liege und über Casale Monserrato hinaus und daß es auch von Franziskanern betreut werde, wußte uns der beratende Pater m Otta auch nicht zu sagen. Also nach Casale, dem einstigen starken Sitze der politisch soviel umworbenen Mattgrafen von Monferrato! Dott endlich wurde uns Bahnverbindung und -Haltestelle angegeben nachdem man uns das Jahr zuvor auf eine Kleinbahn hatte weisen wollen, die es nicht gibt, oder an eine Mietauto-Garase — für 80 £.! 1

Der Bummelzug nach Turin setzt uns an der Haltestelle der einst ruhmreichen Sperrfeste Serralunga ab. 3m Verkehrsauto aehts an der Flanke des langgestteckten Höhenzuges, den sie krönt, langsam aufwärts, dann aber steil aus schlechtester Straße hinan. 3m Nach­sommer kommen nur noch Pilger, Büsser oder heilungsuchende Kranke her, daher allge­meines Staunen über die Landfremden mit der photographischen Apparatur als Gepäck.

Von der Talseite ein gespitzter Kegel, def- sen untere Hänge Feld- und Weinbau ge­widmet, dessen obere von dichtem Baum- und Strauchschlage in Mischung von Nordischem und Südlichem bestanden sind, hat er nur eine schmale Satteloerbindung zum gebreite­ten, schnell ansteigenden Apenninoorlande. So wird man erst knapp vor der Einfahtt auf den -iirchplatz der langgestreckten Pilgerherbergs-.

bauten, der südlichen Kirchen feite und des köstlichen Heinen Gasthofes ansichtig mit sei­nem dreistöckigen Erker und springenden Fensterreihen. Voriges Jahr war Sonntag und große Wallfahtt bei strömendem Regen, wir erhielten knapper Not ein Zimmer, bas eigentlich keines war, auch am folgenden Tage nicht die Photographiererlaubnis und fuhren llatschnaß nach einer Nacht der Schrecken wie­der zum sonnensatten Casale. Um so tadel­loser war diesmal auch das Zimmer, die Aufnahme durch die Mönche.

Wir arbeiteten drei Tage die wieder 23 Kapellen durch und genossen abends kühlende Berglust, unfaßbar weite Aussichten auf den Hochalpenbogen, vom Monte Rosa über den Mont Blanc bis ans Ende der Seealpen. Auf den west- und südwestwätts dem kahlen Hochlande aufgesetzten Tüpfeln leuchten hohe Villen und Kastelle aus Patt und gepflanztem Gehege, steht die Kuppel der Kirche von Morazzone gegen den wolkenstreifigen Abend­himmel. Das ist der Heimatott des zeitbe­rühmten Malers der auf hiesigem Sacro Monte wie auf dem von Otta und Varallo in einigen Kapellen, Meisterglorien geschaffen hat, die noch heute bedeutend anmuten. Die Dunkelheit erweckt die statten Silberschimmer von Astt, der Schaumweinstadt, und dem pttckelnd lebendigen Casale in weiter Ferne der Niederung und einer Talsenkung.

Auch das wehende Kreisen eines mächtigen Leuchtturmscheinwetters aus NW. belebt den Nachthimmel: das ehrende und mahnende tfgnal des Gefallenendenkmals von Tuttn-- Piemente! Dann ist es ganz still auf der hei- Iigen Höhe, nur die jüngste Wirtstochter singt mit wohltönender Stimme ein Ritornell oder eine Canzone irgendwo im hallenden Hause und alle Viertelstunden geht mit Kling-Klang dasselbe Mattenlied vom .Glockenspiel bes

Turmes der stattlichen Kirche über die Lande. Stimmender ists, wenn um 9 Uhr etwa das volle Abendläuten hinausschallt und wie schon halb verschlafen die hellen kurzatmigen Glocken der Städtchen und Dörfer aus der Ebene und den Talfalten und von Bergkuppen und Höhenrücken Antwotten lallen. Das ist Abend­feier für den Ohrbegabten, ,^rhnungsreich", tiefergreifenb.

Schon von 6 Uhr an schnauben unb puffen Privat- unb mächtige Gesellschastsautos, manchmal von geistlichen Herren selbst ge- steuett herauf, um Schulen, Bruberschaften. Orden, einzelne Heilsuchende und Gelübde­lösende erst zur Kirche, dann zum Bittgang von einer zur anderen Kapelle zu entlaßen, die da zwischen Busch und Baurn verholen ausgeftreut sind um und an die höchste Spitze. Sie enthalten auch hier wieder in Gruppen und zugehöttgen Wand- und Wölbungs­malereien das Mattenleben von den mystischen Vorankündigungen bis zur Himmelfahrt, dem „Paradiso", deren Kapelle die oberste Kuppe krönt, umzogen von köstlichem Säulen-Lauben- gange zu luftigem Verweilen und prangender Fernsicht. Die gedanllich fesselndsten ersten drei Kapellen, eben die der Verkündigungen, finden bei den Gläubigen unb Besuchern ber Kultstätte nur Beachtung, wenn wir unserem sehr weltlichen Beginnen oblagen unb bazu bie Türen geöffnet hatten. Als wir am zweiten Tage nach Arbeitsschluß auf den Stufen einer Kapelle saßen, ließ sich daneben eine Familie von Landleuten nieder zum Abendessen. Es war erst nach 5 Uhr und wir fragten erstaunt, weshalb so ungebräuchlich früh. Bereitwillig kam die Antwort: sie hat­ten eine Bußfahtt zu machen gehabt, also zu Fuße und müßten nun die vier Stunden wie­der so nachhause wandern. Priestermacht oder Unerbittlichkeit ber Gewissensnot? Jetzt

waren sie ganz beruhigt, haderten auch nicht mit der letzten Leistung, vettauschten Sonn­tagsschuhe mit Schlappen unb machten sich munter auf bcn Weg.

Was bie Franzosen als „Kulturträger" unb Segenbringer Ende 18. 3hbts. in den Kapellen nicht gründlich zerstört haben unb dann Ende vorigen und jüngst abwttchend, theatralisch und scheußlich erneuert worden ist, oder noch in Trümmern liegt, gehört zum Ueberraschendsten unb Besten dieser Kunstart (Hochzeit von Kana, Marias Gebutt und Himmelfahtt, Steinigung bes hl. Bischois Eusebius).

Anlaß zu Anlage, Ausgestaltung unb Er­neuerung dieses hl. Berges bot der Umstand, daß dieser Bischof von Vercelli auf ber Heim- fabrt aus langer Verbannung durch den attamschen Kaiser Constans eines der drei aus Jerusalem mitgebrachten Madonnenbil­der' eigenhändiger Schnitzwerke des hl. Lucas, mer in kleiner Kapelle heimisch machte. Seine Wundertaten brachten das kleine Httligtum so m Ruf und Verehrung, daß die heute so prächtige große Kirche an der hinter dem prunkhaften Matteniabernakel verborgenen alten Apsis mit Malereien des späten 14. 3hdts. noch erkennen läßt, wie stattlich die Ausmaße des damaligen Baues schon gewesen sind.

Und so haben Fürsten, Herren, Kapitel, Städte und Dörfer die schlichten Kapellen und die wettvollen Kunstwerke bann bis ins 18. 3hdt. hinunter gestiftet und nach langer Unterbrechung des Zustromes der Spenden geht man jetzt aufs neue an das Wiederherstellen und -auffüllen von Schäden und Lücken, die die ersten „Gottlosen'., da­mals von Westen, in die Reihe ber Leistun­gen gotifreubiger Gebundenheit schlugen. «