Einzelbild herunterladen
 

Rach Feieraben-

Unterhaltungs-Beilage der Oberhessischen Zeitung

Das himmlische November-Feuerwerk

200000 Sternschnuppen in einer Stunde

In der sternenklaren Nacht des 16. No- oember 1833 zählte der große deutsche Natur­forscher Alerander von Humboldt mit seinem Assistenten stündlich 200 000 bis 220 000 Sternschnuppen. Er selbst und seine Zeitge­nossen schildern dieses himmlische Ereignis mit Tönen der tiefsten Erschütterung. Da die Stcrngeschosse sämtlich aus einem bestimmten Himmelsabschnitt Quollen, steigerte sich noch der Eindruck dieser Erscheinung und brachte zaghafte Gemüter sofort wieder in Welt­untergangsstimmung. Und die bestand hier ausnahmsweise einmal zu Recht, wenn auch nicht für unsere geliebte Erde. Die Sternen­kundigen wiesen die Sternschnuppen längst als Reste untergegangener Welten nach. Glück­licherweise sind die Himmelsboten nicht so grob, dab sie unserer Erde gefährlich werden konnten. Sie leuchten nicht mit eigenem Licht, sondern entzünden sich durch Reibung mit dem Luftpanzer der Erde. Wenn sie aufflammen, um uns für wenige Sekunden ein grohartiges und noch von jedem Menschen bewundertes Schauspiel zu bieten, sind sie wenigstens 100 bis 150 Kilometer von uns entfernt. Und wenn sie verlöschen, buchstäb­lich laufgebrannt sind, dann haben sie sich, obwohl sie mit der Geschwindigkeit von 15 bis 75 Kilometern in unser Lustreich einfallen, uns immer nur erst auf 90 bis 70 Kilomeier genähert.

Vielleicht werden in diesem Jahre die Leoni- den, Löwen-Sternschnuppen, so genannt, weil sie aus dem Sternbild des Löwen hernieder­regnen, wieder in so gewaltigen Schwärmen sichtbar wie vor rund 99 Jahren. Dann braucht niemand voller Besorgnis ins Bett zu flüchten und die Decke über die Ohren zu ziehen oder den Strumpf mit dem Spargeld an sein Herz zu drücken, weil nun die letzte Stunde der Erde geschlagen habe oder irgend ein ähnliches unfaßliches Unglück eintreten könnte. Sondern jeder darf und sollte das himmlische November-Feuerwerk geniebend be­trachten: denn nur wenige von uns werden es ein zweites Aial erleben. Nur alle 33Vt Jahre gibt es einen Massenansturm der Leoni- den. Diese bekommen wir zwar im Novem- «ber jedes Jahres zu sehen, wenn wir bei un- 4 serer Reise um die Sonne den Schnittpunkt der Erd- mit der Leonidenbahn erreichen. Denn diese steinen Himmelskärperchen oder eigentlich bescheidensten Splitter von solchen, verstreuen sich über ihren ganzen Welten­raum. Ein Löwen-Sternschmippenjahr bauest 33Vt Erdenjahre. Deshalb stoßen wir mit ihrem Hauptschwarm nur in diesem langen Abstande zusammen. Viele von ihnen stürzen sich uns entgegen, viele werden von unserer Schwerkraft an uns geriffelt, und viele davon fassen wir beim Heberholen, weil wir etwas schneller durch den Weltenraum geschleudest werden.

Das ist aber noch nicht alles, was wir von dm Leoniden wissen. 3m Jahre 1866 entdeckte der Engländer Ternple einen an­geblich unbekannten Kometen, der dann zu fernen Ehren feinen Namen erhielt. Die Stemenwissmfchastler fanden sehr bald her­aus, daß der Unbekannte doch schon einmal die Augen eines ihrer Kollegen erreicht hatte. Die Nachrichten darüber erinnern etwas an Eider, der Ewigjunge", der aste fünfhun- dest Jahredesselbigen Weges gefahren"

kommt. Denn das erste Mal sah ihit ein Astronom im Jahre 1366, und der Engländer, der ihn das zweite Mal erblickte, lebte volle fünfhundert Jahre später. Der Templesche Komet steht in irgendwelchen Beziehungen zum Schwarm der Leoniden. Diese Erkennt­nis verdanken wir dem italienischen Sternen- kundigen Schiaparelli. Den meisten von uns ist er viel bekannter als Schilderer der so­genannten Marskanüle. Sein Name wurde aber doch in Verbindung mit dem Temple und ben Leoniden zum ersten Mal durch die ganze Welt getragen, als Schiaparelli un­widerlegbar nachwies,, das; die Leoniden der Straße des Kometen folgen.

Mit Spannung erwartete die wissenschaft­liche und die übrige Welt die Leoniden- schwärme des Jahres 1866. Sie boten, wie­derum um Mitte November, erneut ein Prachtbild, wenn sie vergleichsweise 1833 auch viel zahlreicher auftauchten. Alle Hoffnungen auf ein neues großes Himmelserlebnis rich­teten sich auf 1899. Aber im November die­ses Jahres wurde beinahe die ganze Vor- stestung abgesagt. Es gab in jenen Novem- bernächten so wenig Sternschnuppen wie noch

niemals. Die Oeffentlichkeit war durch wochenlang geführte Schilderungen der bevor­stehenden großen Dinge am Novemberhimmel derart in Spannung versetzt worden, daß die Enttäuschung sehr groß war und die Ach­tung vor den Astronomen, die so vielerlei ver­sprachen und so herzlich wenig hielten, auf den Nullpunkt zu sinken drohte. Sie erklär- ten dann einige Wochen später, nachdem sie sich tüchtig in ihre Rechentabellen gekniet hat­ten, daß der Jupiter ihnen ins Handwerk gepfuscht und den Neugierigen die Freude am Schauspiel verdorben hätte. Er hatte die Leoniden aus ihrer ursprünglichen Bahn etwas hinausgedrängt, so daß sie in jenem Jahre an der Erde vorbeiflitzten.

Das soll nun aber in diesem Jahre umge­kehrt fein. Jetzt wird angenommen, daß Ser Jupiter die verbogene Leonidenbahn wieder ausgebeult hat und daß sie nun wieder zur Stelle fein werden. Optimistische Astronomen behaupten sogar, daß wir Zeugen eines ähn­lich gewaltigen Sternschnuvpenfalls, wie ihn unsere Vostahren vor 99 Jahren sahen, wer­den könnten. Die Nacht vom 16. auf den 17. November bringt vermutlich den Höhepunst.

Gustav MM LMStag Mt II» zum 300. Rate

1

M V

A

ff MM

Nlick in die Dorfkirche von Meuchen bei Lützen, wo Gustav Adolf am 16. November 1632 den Tod fand. Neben dem Altar links das Standbild des Königs.

In Anwesenheit hoher Vertreter aller protestantischen Länder darunter des Kronprinzen von Schweden, findet ietzt in Lützen die Hauptgedenffeier des Eustav-Adolf-Jabres statt. Der Tag der Feier ist der 6. November, an dem nach der vorgregorianischen Kalenderrechnung, die da­mals eingefühst wurde, der Schwedenkönig bei Lützen den Heldentod fand.

Diese Annahme kann aber auch täuschen; viel­leicht treffen wir Sen Kern des Leomden- fchwarms schon ein paar Nächte eher. Alle Fermohre der Erde suchen jetzt schon eifrig nach dem Temple. Bekommt "man "ihn zu sehen, dann rechnet man mit einem herrlichen Sternschnuppenfall. Und da die Sage geht, daß sich alle Wünsche erfüllen, die man inner­lich beim Fast einer Sternschnuppe ausspricht, würde sich uns eine buchstäblich glänzende Gelegenheit bieten, alle unsere Sorgen loszu- werden. "Einen Haken hat die Sache aller­dings. Unglücklicherweise ist gerade der Temple auch als13. Komet" in den Sternen­büchern eingetragen. Das gibt zu denken: das gibt sehr zu denken, wird Sa mancher lägen. Karl Busse-Hellwig.

zum 125. robemg der Malerin Angelika KauWww

Vor 125 Jahren, am 5. November 1807, starb Angelika Kauffmann, wohl die berühmteste Malerin, die die deutsche Kunstgeschichte kennt. Angelika Kauffmann, die lange Zeit sich in London niederließ, wurde dost Mitglied der Königliche.; Akademie, nach ihrer Uebersttdlung nach Rom lernte sie Goethe auf seiner 'italie­nischen Reise kennen. Ihre Stoffe entnahm sie hauptsächlich der anstken Mythologie und Geschichte, doch liegt ihre Hauotstärke in Por­träts und in Einzelfiguren, von denen dir Destalln" in Dresden am bekanntesten wurde.

Eine ehrenvolle Hinrichtung.

Auf einer der Inseln der unter tranzösisch- englischer Eemeinherrschast stehenden Gruppe der Neuen Hebriden in der Südsee wurden kürzlich sechs Eingeborene wegen eines ge­meinschaftlichen Mordes an einem franzöfif- schen Missionar zum Tode verurteilt und hin- gerichlet. Die rinnen Sünder erfuhren da­bei eine ganz besondere, wenn auch reichlich zweifelhafte Ehrung. Für die Vollstreckung der Todesurteile fand nämlich dieselbe Guil­lotine Verwendung, auf der im Jahre 1793 während der Französischen Revolution die unglückliche Königin Marie Antoinette ihr Leben hatte lassen müssen. Man dast an« nehmen, daß die schwarzen Mörder die ihnen damit erwiesene Auszeichnung kaum verstan­den haben und ganz gern darauf verzichtet hätten.

3on Sermetr van Delft

Sur 300. Wiederkehr seines Geburtstages. Von Dr. Johannes Jahn, Privatdozent für Kunstgeschichte an Ser Universität Leipzig.

Niemals hat ein Volk mit solcher An­schaulichkeit, mit solcher Brette, mit solcher Naivität sich selbst geschildert wie die Hol­länder des 17. Jahrhunderts, deren Land­schaft, Wohnung, Leben und Erscheinung als Bauern, Bürger, vornehme Leute in vielen Tausenden von Bildern noch heute sichtbar vor unseren Augen stehen. Von den vielen, vielen Malern, die sich dieser Aufgabe hin­gegeben haben, ist der größten einer Ian Vermeer van Delft, dessen Eebuststag sich un Ottober dieses Jahres zum dreihundert­sten Male gejähst hat. lleber fein Leben wissen wir wenig. Am 31. Ottober 1632 ist er in Delft getauft worden: wenige Tage vorher wttd er zur Welt gekommen sein. Schon 1653, also mit 21 Jahren, wurde er Meister, und im gleichen Jahre hat er auch geheiratet. Acht Kinder gebar ihm seine tfrau, und so kam es denn, daß er offenbar stets in bedrängten Verhältnissen gelebt hat, obgleich seine Bilder schon zu seiner Zett recht K bezahlt wurden heute gehören sie zu höchstbezahlten der gesamten niederlän­dischen Malerei. Beretts mtt 43 Jahren ist Vermeer gestorben und am 15. Dezember 1675 in seiner Vaterstadt begraben worden.

-in h int erlassenes West ist llein: es um« "ch nicht 40 Arbeiten.

Wie viele Menschen mtt kurzer Lebens­dauer so war auch Vermeer ein Frühvollen­deter. Das einzige sicher datierte Gemälde Bei der Kupplerin" von 1656, der Stolz der Dresdener Galerie, ist ein wahres Meisterwerk und zeigt den Vierundzwanzig­jährigen beretts auf der Höhe seines Kön­nens und seines ihm eigentümlichen Stiles. In den nun folgenden zehn Jahren find die besten und einflußreichsten seiner Werke ge­malt worden, während gegen Ende seines Lebens sich ein Abstieg bemerkbar macht. Heber den künstlerischen Entwicklungsgang Vermeers sind wir nicht sehr genau unter­richtet. Er war ein Schüler von Karel Fabrttius oder hat doch wenigstens in en­gerer Beziehung zu ihm gestanden. Ferner ist die Einwttttmg Rembrandts zu spüren und in einigen wenigen Bildern die der Italiener. Beziehungen sind auch vorhan­den zu den drei vostrefflichen Leidener Stt- tenmalern Jan Steen, Metsu und Frans Mieris. Aber zu wenig Jugendarbetten, d. h. solche, die vor dem Meisterwerk von 1656 entstanden, haben sich erhalten, so daß dieser rasche Anstieg wohl immer in Dunkel gehüllt bleiben wird.

Welche Eigenschaften der Kunst Vermeers sind es aber nun, die ihn zum Range eines Großmeisters der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts erheben? Sprechen wtt zunächst vom Gegenständlichen! Dieses ist denkbar einfach. Nichts von der Abgründig- kett Rembrandtscher Schöpfungen läßt sich bei Vermeer finden. Die meisten seiner Bil­der zeigen nur eine Figur oder gar nur

Halbfigur im Innenraum, Frauen bei irgend einer belanglosen Beschäftigung, die Brief­leserin, die Milchgießerm, die Spitzenklöpp- lerin usw. Selten geht er über zwei Figu­ren hinaus. Der Ruhm dieser Kunst ist in erster Linie die Farbe, und man darf Ver­meer als einen der größten Koloristen aller Zeiten bezeichnen. Eine geradezu elemen­tare Fmbensinnlichkeit leuchtet aus seinen Bildern hervor, aber nicht erregend und ver­wirrend, sondern kühl, Kar und gelassen. Niemals hat er wie Rembrandt Figuren und Gegenstände aus dem geheimnisvollen Spiel von Licht und Schatten entwickelt bei ihm gibt es keine Geheimnisse. Licht und Schat­ten durchdringen einander nicht, sondern sind als Kontraste gegeneinander gesetzt, doch ohne Hätte. Auch die Farben bilden Kontraste, zuweilen von einer bis dahin niemals ge­sehenen Zusammenstellung. Auf dem ge­nannten Dresdener Bilde ist das zttronen- gelbe Mieder des Mädchens gegen das zin­noberrote Wams des Mannes dahinter ge­stellt, und es ergibt sich kein Mihton, son- bern ein wundervoller Doppelklang. Bewußt werden Komplementärfarben verwendet, so in dem herrlichen Bilde der Wiener Samm­lung CzerninIm Atelier": Eine Dame steht dem Maler Modell in hellblauem Ge­wand mtt einem großen, leuchtend gelben Buch im Arm. Vermeer hat fich eine ganz eigene Technik ausgebildet, um bei allem Reichtum des Polychromen dem Ganzen doch eme gewisse Weichheit zu geben. So nimmt er den Konturen die Schärfe, wie in der Photographie eine Vergrößerung dem Ori» gauri die Schärfe nimmt. Durch Aufsehen

von reinfarbigen, hellen Tupfen versteht er es, die Oberfläche der Dinge in ihren Far­ben zittern zu lassen. Alle Vorzüge Der- meerscher Farbgebung erscheinen gesammelt in den beiden einzigen Landschaften, die sich von seiner Hand erhalten haben, vor allem in derAnsicht von Delft" im Mauittshuis im Haag. Heber einen Kanal hinweg blicken wir auf die Stadt, die sich mit ihren roten Backsteinhäusern und spitzen Türmen in zier­licher Silhouette vor uns aufbaut, überragt von dem hohen holländischen Himmel. Sel­ten ist das Gesicht einer Stadt, wie es sich uns so auch heute noch fast unverändert zeigt, mit solcher Treue und mtt einem so kennzeichnenden Ausdruck gemalt worden. Die unbeschreibliche Farbenharmonie zwilchen dem Rot der Häuser und dem lichten Blau des Himmels mit feinen hellen, krischen, kühlen, vorn Seewind berget rag enen Wollen wurde hier festgehalten und erscheintem zweites Mal gedämpft und zitternd im Wasserspiegel des Vordergrundes. Von dieiem Bild hat dr: Vermeerverehrung unserer Zeit ihren Aus- aana genommen. Denn als es im Jahre 1842 der französische Kunstkritiker Bürger- Thorö, dem wtt für die ästhetische Erfassung der Wette der niederländischen Malerei sc viel verdanken, zum ersten Male sah. be^ richtete er voll Begeisterung darüber nad Paris. Der bis dahin völlig unbekannt, Meister wurde von nun an in stets wachse'' dem Maße Gegenstand der Forschung, un" seine Kunst errang sich in unseren Augen di Hochschätzung, die sie durch ihre Reinheit r Schönheit vollauf verdient.