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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Dr. Held gegen von Papen
Ter Tank für den Besuch in München — „Ich habe den Glauben an das Kabinett v. Papen verloren"
Stuttgart, 1. Nov. In zwei Zentrumsversammlungen sprach am Montag abend der bayerische Ministerpräsident Dr. Held. Er wandte sich zunächst gegen Hilgenberg, den er als den bösen Deist des deutschen Volkes bezeichnet?, und führte dann gegenüber den Plänen der Reichsregierung aus, er habe nicht die lleberzeugung,' daß diese Regierung föderalistisch eingestellt sei.
Die Rede des Herrn v. E a y l am letzten Freitag mit dem Lobe des Einheitsstaates habe ibn sehr stutzig gemacht.
Der Ministerpräsident sprach dann von einem „merkwürdigen" Kampf Papens gegen die Parteien. Haben denn, so fragte Dr. Held, die Parteien den Krieg verloren, die Revolution angefangen, die Inflation nach Deutschland getragen? Es müsse anerkannt werden, datz auch die Sozialdemokratie nach dem Kriege dem Staate in vielen Dingen sehr gute Hilfestellung geleistet habe. Das sage ich, so betonte Dr. Held, der ich-es immer abgelehnt habe, mit der Sozialdemokratie eine Koalition einzugehen. Das sage ich um der Wahrheit willen.
Wer gegen das Parlament kämpft, kämpft gegen das Volk.
Den Zustand, datz in Deutschland wieder eine Oligarchie herrscht, die dann auch wie früher den Katholizismus an die Wand drückt, können wir nicht herbeisehnen. Dr. Held sagte weiter, die vom Reichskabinett geplanten Reformen müsse er entschieden ablehnen. Der Reichsrat dürfe nicht zu einem Präsidialrat herabqedrückt werden, sondern müsse vielmehr die Rechte des alten Bundesrats wieder erhalten.
Die Bestellung und die Tätigkeit des Reichskommissars in Preuhen halte er nach wie vor als nicht der Verfassung entsprechend. Entgegen dem Rat des Etaatsgerichtshofes gehe die Reichsregierung gerade heute daran, ihren Willen in Preuhen durchzudrücken, «ad zwar ohne die Einwilligung der Länder. Dieses Vorgehen bedeutet, so behauptete Dr. Held, das Ende des y Rechtsstaates. Wer aber den Rechts- ftandpunkt verlasse, müsse damit rechnen, dah er den stärksten Widerstand entgegengesetzt bekomme.
Die Tage seien so ernst wie kaum jemals seit 1918. Was man wolle, sei offenbar geworden, nämlich die Verpreutzung b e s Reiches. Die Massnahmen in Preussen kehrten die Grundlagen der Reichsverfassung völlig um. „Ich habe Ietzt", sagte Dr. Held, „den Glauben an das Kabinett v. Papen ver- 1 a r e n. Ich muh bekennen, datz ich heute auf das Schwerste enttäuscht bin. Es ist unmöglich, auch nur eine einzige Minute Mu stillzuschweigen. Wenn ich meine Pflicht als bayerischer Ministo^räsident, als Anhänger verfassungsmätzigen Lebens erfüllen will, dann bin ich gezwungen, affentlich gegen Papen aufzu- L* c t e n und zum Kampf gegen seine Pcatznahmen aufzufordern. Hier entschei- allem unser Rechttzbewutztsein und das
<ebeizsinteresse der deutschen Länder. Die Umstellung der Konservativen, die den Kanzler mahnen, „doch nicht über juri- l'llche Zwirnsfäden zu stolpern", ist geradezu revolutionär. Gegen solche Äußerungen einer gewissen Rechtspresse ich - ber. Reichsjustizminister längst ein»
Das Echo der Heldrede in der Reichshauptstadt.
Die Rede, die der bayerische Ministerpräsident Dr. Heldin Stu ttgart gehalten hat, findet in Berliner politischen Kreisen einen lebhaften Widerhall. Eine offizielle Antwort wird aber nicht erfolgen. Als Begründung dafür wird angegeben, daß man es vermeiden möchte, auf die ungewöhnliche Tonart zu erwidern, in der der bayerische Ministerpräsident die Reichsregierung und ihre Maßnaymen angegriffen hat. Es erscheine aber nicht als ausgeschlossen, daß die Rede Dr. Helds gewisse Konsequenzen in dem Verhältnis Milchen der Reichsregierung und der bayerischen Regierung haben wird.
Der Einbruch, den man von der Stuttgarter Rede in Berliner politischen Kreisen hat, ist umso bitterer, als die Reichsregierung immer wieder den größten Wert darauf gelegt hat, die Beziehung zu Bayern als dem zweitgrößten deutschen Land so eng wie möglich zu knüpfen und den bayerischen Auffassungen und Wünschen
tunlichst entgegenzukommen. Das sei besonders deutlich bei dem Staatsbesuch des Reichskanzlers in München zum Ausdruck gekommen. Reichskanzler von Papen habe auch gerade von München aus — vor den bayerischen Industriellen — eine seiner wichtigsten Reden gehalten.
Schließlich wird noch darauf hingewiesen, daß auch der Reichsminister Freiherr von G a h l sein Verständnis gerade für die bayerischen Interessen durch die Bereisung des bayerischen Osthilfegebietes bekundet habe. Die Aufnahme, die alle drei Mitglieder der Reichsregierung nicht rtur der den offiziellen Stellen, sondern besonders herzlich auch in der bayerischen Bevölkerung gefunden haben, hatte nach Auf- Bung politischer Kreise der Reichshaupt- t eigentlich eine andere Stellungnahme des bayerischen Ministerpräsidenten erwar- | ten lassen. Umsomehr wird es bedauert, 1 wenn die überaus krasse Stellungnahme Ides Ministerpräsidenten Held in der Zusammenarbeit zwischen Reich und Bayern naturnotwendig ihre Konsequenzen nach .sich ziehen müsse. .
Herriot macht Propaganda
Er stellt die Dinge auf den Kopf
Die Ausführungen H e r r i o t s vor den Vertretern der spanischen und ausländischen Presse in Madrid scheinen — den Blättern zufolge — anders gelautet zu haben als die gestern verbreitete offizielle Version.
Ein spanischer Journalist richtet an
Herriot die Frage, ob Frankreich auf eine Abänderung des Versailler Arrtrages betreffend die Frage der .Kriegsverantwortung einzugehen bereit sei.
Herriot antwortete: Glauben Sie, datz die Zustimmung Frankreichs au dem wirklichen Verlauf der Ereignisse irgend etwas ändern könnte? Die Geschichte wird über die Ereignisse ihr Urteil fällen müssen.
Man wirft uns vor, ein Hindernis für die Abrüstung zu bilden. Warum? Frankreich verlangt unablählich die Abrüstung. Der Plan, den wir in einigen Tagen in Genf unterbreiten werden, ist bereits der dritte. Wir werden trotz aller Schwierigkeiten nicht locker lassen. Was will man von uns?
Gewitz gibt es finanzielle Fragen.
Run wohl. In Genf haben wir auf alles (?) verzichtet.
Was will man noch mehr, nachdem wir alles hingegeben haben? Etwa unser Hemd?
Bei diesen Worten habe Herriot sich erhoben und im Ton bitterer lleber- zeugung ausgerufen: Run wohl; dann mutz man kommen, am es zu holen!
Der Besuch Herriots in Madrid.
Die ftanzöfische Presse fährt fort, in großer Aufmachung die Reise Herriots nach Madrid zu feiern, und bemüht sich, alles, was auf dieser Reise nicht wunschgemäß verlaufen ist, durch eine bis ins Einzelne gehende Chronik der festlichen Empfänge »u übertönen. Dennoch
fehlt es nicht an Stimmen, die sich dem Konzert der großen Presse nicht anpassen. Der sozialistische „Populaire" erklärt ausdrücklich, daß der Eifer der großen Presse den zurückhalte nden kalten Empfang, der Herriot bereitet wurde, nicht zu verbergen vermöge. Wenn man sich daran erinnert, dah Herriot vor seiner Abreise den General-Residenten Lu- cienne Saint empfangen habe, der nach Marokko zurückgekehrt sei mit der Absicht, seine unglückliche Politik dort fort» zusetzen, so müsse man zugeben, dah die Spanier nicht unrecht hätten, dem Besuch des ftanzösischen Ministerpräsidenten zu mißtrauen.
Das „Echo de Paris" findet eine andere Erllärung für die Anstimmigkeit, die es in Madrid gegeben hat. Von französischer Seite hatten sich zu viele Leute in die inneren spanischen Angelegenheiten eingemischt.
Laudesaerräter Förster.
Paris, 1. Nov. „E ch o de Paris" berichtet über einen Vortrag, den Prof. Förster am vergangenen Sonntag vor der Union Chretienne in Paris gehalten hat. Danach hat Förster England und Frankreich angefleht, endlich eine energische Haltung gegenüber den unbegrenzten Ambitionen des „imperialistischen D e u t s ch l an d s" einzunehmen. Die Karte Europas, wie der Versailler Vertrag sie geschaffen habe, sei die denkbar gerechteste. Die Schaffung des Polnischen Korridors behindere Deutschland in nichts und sei nur eine gerechte Wiedergutmachung der einstigen Zerstückelung Polens.
Man wird sich hoffentlich auch in Frankreich keine Jllussionen über die politischen und moralischen Qualitäten dieses Landesverräters machen, der seit Jahren unter dem Deckmantel des Pazifismus bei jeder Gelegenheit geradezu scham- Quertreibereien zur Verstärkung des Mißtrauens gegenüber Deutschland und damit zur Vereitelung jeder Art von Ver- itanbiauna oder Ährüftu nn unternimmt.
Die Komintern wühlt
Mittel- und Westeuropa ist zur Zeft so sehr m feine eigene Sorgen verstrickt, datz der Blick dafür, was sich hinter den eigenen Erenzpfählen abspielt, sich zu trüben beginnt. Wahlen hier und da, Austragung verschärfter innerer Gegensätze und gar die leidige Abrüstungsfrage in ihrem unaufhör- lichen Auf und Ab — das alles ist das ideale Betätigungsfeld für eine Einrichtung, die das Chaos wie nichts anderes für ihre Zwecke verwenden kann. — Die kommunistische Internationale in Moskau, die angesichts der schweren Not, in der sich das Mutterland des Bolschewismus befindet, sowie der drohenden Hungersgefahr im Winter un letzten Halbjahr scheinbar sich etwas zurückhaltender zeigte, die insbesondere durch dir Schlappe, die sie durch Iapan auf dem asea- tischen Schauplatz im Fernen Osten bezogen hatte, etwas ins Hintertreffen geraten war, ist mit neuem Mut an die alte Aufgabe der Revolutionierung der Welt unter dem Stichwort der proletarischen Diktatur herangegangen.
Dieser Tage hat sich in der Kommunistischen Partei Deutschlands ein Borgang abgespielt, der der breireren Oeffentlichkeit sogar zum größten Teil entgangen war. Während der Parteigott in Moskau, Stalin, wieder einmal mit eisernem Besen in den Reihen der bolschewistischen Partei Ruhlands säuberte, hielt, wie das Zentralorgan der Komintern, die 'Moskauer „Prawda", jetzt mitteilt, auch die „bolschewistische Partei Deutschlands" ihren ersten selbständigen Kongreh ab. — Wohlgemerkt: Bisher galt die KPD ähnlich anderen kommunisti'chen Parteien des Auslandes nur als eine Sektion der Moskauer Zentrale, die in allem an die Direktiven aus dem Kreml gebunden war. Zwar bezeugen die „Richtlmien", die Moskau neuerlich für die KPD ausgegeben hat, datz sich hierin auch in Zukunft nichts ändern wird, jedoch ist allein die Tatsache des ausdrücklichen Hinweises auf den „ersten Kongreß der bolschewistischen Partei Deutschlands" schon bezeichnend dafür, datz man in Deutschland — wahrscheinlich un Zusammenhang mit der günstigen Beurteilung der Wahlchancen — dazu übergegangen ist. den deutschen Bolschewisten nur noch „Richtlinien" zukommen zu lassen, ihnen im übrigen aber hinsichtlich der Organisations-, Propaganda- und anderen Fragen eine gewisse Selbständigkeit zu gewähren. Dafür mutzten sich die deutschen Kommunisten freilich verpflichten, den Mo-- kauer Leitsätzen, die für sie nach wie vor den alleinigen kategorischen Imperativ bilden, treu Folge zu leisten. Das Scherbengericht über Heinz Neumann, den „Rechtsoppositionellen", der einen Kurs des Paktierens mit der SPD empfahl, ist ja auch der beste Beweis dafür.
Wie sehen aber diese Richtlinien aus? Die „Prawda" war ehrlich genug, sie mit aller Offenherzigkeit in einem langen Leitaufsatz zu besprechen, der am 31. Oktober erschienen ist.
In ihm heitzt es, datz Deutschland in einen neuen Abschnitt des verschärften Klassenkampfes eingetreten sei. In diesem weroe es sich darum handeln, die kommunistische Idee gegen die nationalsozialistische Massenbewegung sowie gegen die kleinbürgerliche Sozialdemokratie in immer weitere Kreise der deuischen Arbeiterschaft zu tragen. Denn — so heitzt es wörtlich weiter, — „von allen kapitalistischen Ländern ist Deutschland der proletauschen Revolution am nächsten." Rach dieser iteststel- lung, die so unoerhüllt die Moskauer Hoffnungen zum Ausdruck bringt, datz der kommunistische Weizen mit b:r zunehmenden Not in Deutschland blühen werde, ergeht sich die „Prawda" in längeren Auseinandersetzungen über den Kern der kommunistischen Taktik, wobei sie sagt, dah Hitler nicht allein die Verkörperung des deutschen Faschismus sei, dah vielmehr auch die Sozialdemokratie mit ihren kleinbürgerlichen Neigungen und ihrer Tolerierungspolitik ein erbitterter Feind des anmmnnicmKc M»be. Die KPD. allein