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Anzeiger für (das frühere kurheffische) Ob er Hess en
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Reichsratsausschuß am 3. November
Rerchsrat erst nach den Wahlen — Am Freitag Oberpräsidentenkonferenz
Zur Vorbereitung der Wiederaufnahme -er Reichsratsarbeiten hat der Reichsminister des Innern, wie das Nachrrchten- büro des Bdz. erfährt, den Reichsratsausschuh für Verfassung und Geschäftsordnung auf Donnerstag, den 3. November, vormittag 10 Uhr, einberufen.
In dieser Sitzung, die allerdings, wie alle Ausfchuhfitzungen des Reichsrats, vertraulich ist, dürfte auch bereits Gelegenheit fein, die schwebenden politischen Fragen zu besprechen, insbesondere die Differenzen zwischen dem Reichskommissar und der preuhischen Regierung.
Hierzu teilt das preußische Staatsministerium mit: Die preußische Staatsregierung hat der Absicht der Regierung, den Reichsrat erst in der nächsten Woche zusammntreten zu lassen, widersprochen. Auf ihren Antrag ist nunmehr eine Sitzung des Ausschusses für Verfassung und Geschäftsordnung bereits auf Donnerstag, den 3. November, anberaumt worden, um die durch das dreimonatige Ruhen aller Sitzungen entstandene Geschäftslage zu besprechen und die weiteren Sitzungen vorzubereiten.
Am Freitag OberpräsidentenKonferenz.
Berlin, 31. OKt. Reichskommissar Dr. Bracht hat, wie das Nachrichtenbüro des Vdz. erfährt, die preußischen Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten und den Berliner Polizeipräsidenten für Freitag, den 4. November, zu einer Sitzung im preußischen Innenministerium eingeladen. Die Tagesordnung foll erst zu Beginn der Besprechung bekanntgegeben werden. Derartige Konferenzen haben auch bisher schon wiederholt statt- yefunden. Neben einer Aussprache über die politische Lage dürfte der Zweck der Zusammenkunft vor allem auch in einer Erörterung der sich aus der Neuregelung der volitischen Verhältnisse in Preußen und der Verwaltungsreform ergebenden Fragen bestehen.
Die Verhandlungen mit Mini^erial- direktor Dr. Brecht.
Wie wir erfahren, geht die Einberufung des Reichsratsausschusses auf den 3. November aus eine Bespre- Mrng zurück, die zwischen dem preußischen Ministerialdirektor Brecht und dem Reichsinnenminister Freiherrn von G a y l stattgefunden hat. Die alte preußische Staatsregierung hat sich also Amit einverstanden erklärt, daß vor den Wahlen nur die vertrauliche Sitzung des «us^ckusses stattfindet, und daß es für
öffentliche Sitzung des Reichsrats bei einem Termin nach den Wahlen bleibt.
sind übrigens Bemühungen im Gange, Ministerialdirektor Brecht in der «tellung des Etatsreferenten des Reichs- ^ats zu erhalten. Außerdem hat Dr. ^recht noch mit dem Reichsminister "rächt verhandelt. Diese Besprechung erstreckte sich aber nur auf technische und äußerliche fragen der Arbeiten der alten Staatsregierung.
Staatspräsident Bolz über dir Ser« — fassungsreformpläne.
Die „Dosfische Zeitung" veröf- Mttlicht heute einen Artikel des ivürttem« bergischen Staatspräsidenten Dr. Dolz b^r als erster aus der „Wahllarnpftribüne^
Mattes zu Worte kommt. Anter dieser ^pitz marke sollen führende Vertreter der
Gruppen in dem Matt Gelegenheit zur Meinungsäußerung haben, die sich „zur Verfassung als dem Grundgesetz der 2la- tion bekennen".
Staatspräsident Dr. Eugen Dolz schreibt unter der Aebcrschrift „Keine Experimente!" u. a., wer sich ernsthaft mit den politischen Aufgaben und ihren Lösungsmöglichkeiten befaßt, findet Gegebenes und Zwangsläufiges und wird bald zu der Erkenntnis kommen, daß alles Experi- menfieren mit dem sogenannten grundsätzlichen „Herumwerfen des Steuers" nichts helfen kann.
Ruhe möchte das Volk finden. An diesem berechtigten Verlangen des Volkes versündigen sich diejenigen, die ohne zwingende Rot die Zahl und das Maß der Sorgen des deutschen Volles vermehren. Auf einmal gibt es auch noch Verfasfungs- sorgen. Es ist wahr, daß einige Verfas- sungsbestimmungen änderungsbedürftig sind. Das alles aber zu seiner Zeit. Mchr übertreiben und wahrhaft bleiben! Daß man die Parteien nicht meistern kann, daß man auf dem Instrument des Parlaments nicht zu spielen versteht, ist noch kein Deweis für dringende Reformbedürftig-
keit, höchstens für mangelnde persSMche Eignung, für schlechten Willen.
Gegen unseren Willen sind die Der- fassungsfragen mit in den Wahlkampf geworfen worden. Wir nehmen den Kampf auf. Wir sind überzeugt, daß das Doll begreift, um was es am Ende geht. Wir sind überzeugt, daß gerade diese Fragen geeignet sind, gleichgültiges Doll aufzu- rütteln. Wir hoffen, daß die Fragen der Verfassung, der Kampf um die Grundrechte einen starken Antrieb zur Zusammenarbeit nach der Wahl bilden. Eine Rotgemeinschaft der Parteien ist die entscheidende polifische Frage nach den Wahlen. Kommt sie nicht zustande, dann ist der Verfassungsbruch und die Diktatur unvermeidbar.
Der bayerische Minister Präsident gegen die jetzigen Reform-Maßnahmen.
Regensbura, 31. Ott. Am Sonntag hielt Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held in Würzburg eine zweieinhalbstündige Rede in einer Versammlung der Bayerischen Volkspartei, in der er nach dem Bericht des „Regensburger ^Anzeiger" u. a. sagte:
Wer heute unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Parteien den Parlamentarismus und die Volksvertreter selbst an- greise, der sei in Wahrheit ein Feind des Vaterlandes. Das ganze Volk fei es, das bei der Schmälerung der Rechte der Volksvertretung die Rechnung zu bezahlen habe. Was das Vorgehen des Reiches in Preußen betreffe, so schaffe die Aushöhlung der Länderrechte dieselbe verderbliche innen- polffische Spannung wie eine Verpreutzung des Reiches. Der Reichskommissar habe mit der Besetzung von preußischen Ministerien mit Reichsministern die Grenze seiner Befugnisse nach der Entscheidung des Staatsgerichtshofes bereits überschritten. Die Entscheidung des Staatsgerichtshofes habe den bayerichen Standpuntt voll und ganz gerechtfertigt. Als erste und vordringliche Notwendigkeit einer Verfasfungsreform sei sest- zustellen, welche Grenze der Artikel 48 in seiner Anwendung habe. Eine Reichsreform, wie sie jetzt bereits betrieben werde, sei Verfassungsbruch. Man könne nicht opportuner Föderalist sein, sondern man müsse es aus Ueberzeugung sein. Bayern wolle eine genaue und feste Umreißung der Zuständigkeiten von Reich und Ländern und eine Finanzhoheit der Länder mit eigenen Steuern
Tk Vorwürfe gegen Stnatssekreiär Dr. Weißmann.
Berlin, 31. Ott. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, sind die in der Oeffentlichkeit gegen den Staatssekretär Dr. Weißmann erneut erhobenen Vorwürfe auf Anweisung der kommissarischen Staatsregierung durch einen Senatspräsidenten des Kammergerichtes in der Richtung nachgeprüst worden, ob Möglichkeit und Anlaß zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens vorliegen. Diese Nachprüfung hat ergeben, daß ein Disziplinarverfahren um deswegen nicht eingeleitet werden kann, weil sämtliche Vorwürfe sich aut Vorgänge beziehen, die in rechtsverjährter Zeit liegen.
Staatssekretär Dr. Weißmann von Hindenburg empfangen.
Wie die „V o s s i s ch e Zeitung" meldet, ist der Staatssekretär im preußischen Staatsministerium, Dr. Weißmann, der bekanntlich in den Ruhestand tritt, vor einigen Tagen vom Reichspräsidenten empfangen worden, der ihm dabei sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift überreicht hat. Rcrcks- kanzler von Papen hat Dr. Weißmann bereits vor einigen Wochen für das Land Preußen ein Dankschreiben übermittelt.
Die neue Regierung
Durch den Reichskanzler ernannt
Berlin, 31. OKt. Amtlich wird mitgeteilt: In seiner Eigenschaft als Reichs- Kommissar für das Land Preußen hat der Reichskanzler folgende Ernennungen vorgenommen:
Zu seinem Stellvertreter für den Ge- >^,tsbereich des Finanzministeriums hat er den Staatssekretär z. D. Professor Dr. Popitz ernannt;
zu seinem Stellvertreter für den Geschäftsbereich des Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten den Reichsminister Freiherrn v. Braun;
zu seinem Stells rtreter für den Geschäftsbereich des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung den Universitätsprofessor Dr. K a e h l e r.
In der kommissarischen Leitung der übrigen preußischen Ministerien tritt keine Veränderung ein.
Der Herr Reichspräsident hat den stellvertretenden Reichskommissar für das Land Preußen, Staatssekretär z. D. Oberbürgermeister Dr. Bracht, und den Stellvertreter des Reickskommissars für das preußische Finanzministerium, Staatssekretär z. D. Prof. Dr. Popitz, für die Dauer ihrer Betrauung mit diesem Auftrag zu Reichsmini st ern ohne Beschäftigungsbereich ernannt.
Der Herr Reichspräsident hat heute die durch das Reichsministergesetz vorgeschriebene Vereidigung der neuernannten Reichsminister ohne Geschäftsbereich Dr. ing e. h. Bracht und Dr. Popitz vorgenommen.
Staatssekretär Dr. Popitz.
Berlin, 31. Okt. Der zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich ernannte Staatssekretär z. D. Professor Dr. Ioh. Popitz, der im 48. Lebensjahre steht, wurde in Leipzig geboren. Nach Vollendung der juristischen Studien wurde er 1910 preußischer Regierungsassessor und war von 1914 bis 1918 Hilfsarbeiter im preußischen Ministerium des Innern. 1919 wurde er Geheimer Regierungsrat und Vortragender Rat im Reichsfinanzministerium sReserent für die Umsatzsteuer) und 1921 Ministerialdirektor und Leiter der Abteilung für Besitz- und Verkehrssteuern, 1925 wurde er zum Staatssekretär im Reichsfinanzministerium ernannt, welches Amt er bis 1929 innehatte. .Seit 1929 lehrt Dr. Popitz als Honorarprofessor an der Universität Berlin.
Dr. Hölscher.
Heinrich Hölscher wurde am-11. 4: 1875 in Wellingholzhausen, Bezirk Osna
brück, geboren. 1906 war er Amtsrichter in Könitz und später Landrichter. 1917 wurde er Landgerichtsat, 1919 Kam- niergerichtsrat, 1921 hauptamtliches Mitglied der Justiz-Prüfungskommission, 1928 Ministerialrat im preußischen Finanzministerium und 1925 Vizepräsident des juristischen Landesprüfungsamtes. Seit 1. 10. 1927 ist er Staatssekretär im preußischen Justizministerium.
Professor Dr. Koehler.
Professor Wilhelm Kaehler wurde in Halle am 5.2.1871 geboren. Er studierte in Halle und Greifswald Nationalökonomie und war später Privatdozent an der Universität Halle und sodann Professor an der Technischen Hochschule und an der Universität Greifswald. Er gehörte als deutfchnationalrr Abgeordneter der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung an. 3m preußischen Landtag war er später Vertreter des Wahlkreises Pommern. Prof. Kaehler besitzt die juristischen und philosophischen Doktorgrade sowie den theologischen Dr. h. c.
Die preußische Staatsregierung zu den Ernennungen.
Wie das Nachrichtenbüro des Vdz. meldet, nimmt man bei der preußischen Staatsregierung zu den Ernennungen im Reich folgende Stellung ein:
„Die Ernennung von Reichsministern ist an sich Sache des Reichs, Preußen hat dabei lediglich im Rahmen des Reichsrats wegen der haushaltsmäßigen Unterlagen mitzusprechen. Die Ernennung ist nach der grundsätzlichen Auffassung der vreußischen Staatsregierung deshalb überflüssig, weil die Verwaltung preußischer Angelegenheiten durch das Reich auf Grund von Artikel 48 Äbs. 2 der Reichsverfassung nach ihrer Ansicht nicht notwendig ist. Wenn sie aber für notwendig gehalten wird, kann die Beschränkung auf Preußen nicht gerechtfertigt werden. Die Bezeichnung der Kommissar? als „Reichsminister" ist immerhin zutreffender als die Bezeichnung als „Landesminister" oder „Landesregierung", die mit der Entscheidung des Staatsperichtshofes nicht in Einklang steht. In der Ernennung von Popitz wird man eine gewisse Abkehr der Reichsregierung von der bisherigen Verurteilung der früheren Finanzgebahrung des Reiches zu erblicken haben, an der Herr Popitz, der Staatssekretär im Neichsfinanzministerium bis Ende 1929, alp mahkibender Fachbearbeiter mitge- wirkt hat."