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Anzeiger jAr (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Das friedliebende Frankreich
Der Mann mit der Goethemedaille an die englichen Arbeiter —
_ Zwei deutsche „Invasionen" in einem Jahrhundert
Die bösen Deutschen
Verzögerte Preußenreform
st. Paris, 31. Okt. Im „Daily Herald" erscheint eine Friedensbotschaft" des französischen Ministerpräsidenten Herriot an das werktätige Volk Englands. Herriot bittet die englischen Arbeiter, niemals zn glauben, datz Frankreich den Wunsch der Vorherrschaft habe. Es wäre sehr ungerecht, zu glauben, datz wir nicht wahre und aufrichtige Demokraten und entschlossene Pazifisten sind. Man müsie nur nachdenken, um zu verstehen, datz die französischen Bauern und Industriearbeiter nicht wünschten, in das Blut und den Schmutz der Schützengräben zu gehen.
Wir wünschen das brüderliche Verstehen aller Mächte, wir wünschen nur, datz kein Feind nach Frankreich einmarschiere und datz wir nicht unsere Freiheit verlieren.
Wir wollen nicht Sklaven eines angreifenden Militarismus fein. (!) Wir wünschen, datz das grotze englische Volk das versteht und bitten es, nicht den- senigen Gehör zu schenken, die eine Lüge über die wahre Absichten aller französischen Demokraten erzählen. Schliehlich kennen wir — Engländer und Franzosen — zu wenig voneinander. Ich würde mich freuen, wenn eine grötzere Anzahl englischer Arbeiter unsere Heimat, unsere Familien und unsere Provinzen besuchte, dann würden sie mit ihren eigenen Augen sehen, wie Frankreich, das zweimal in we- »iger als einem Jahrhundert unter einem feindlichen Einmarsch gelitten hat, wirklich den Frieden liebt.
„Verständigung möglich"
ft Paris. 31. Okt. Die Agentur H a v a s veröffentlicht den Inhalt einer Unterredung, die Reichskanzler v. P a - pen mit dem europäischen Vertreter der in Buenos Aires erscheinenden Zeitung ,.R a c i o n" geführt hat. Der Reichskanz- ker bezeichnet die französisch-deutsche Annäherungspolitik als den Hauptpfeiler des Weltfriedens. Die Beunruhigung Frankreichs angesichts der angeblichen militärischen Vorbereitungen der deutschen Jugendorganisation sei unbegründet. Sie seien nichts anderes als die amerikanische Legion oder die französische Vereinigung Ehemaliger Kriegsteilnehmer.
Er hatte eine deutsch-französische Berständigung für wünschenswert und möglich.
Während der letzten Jahre sei es gelun- Sen, eine ganze Reihe sehr heikler Fragen, “tte die Rheinlandräumung und die Reparationen, zu lösen, und er sehe nicht ein, weshalb man nicht auch zu einer Regelung «er Eleichberechtigungsforderung Deutschlands gelangen sollte. Er könne nicht glauben, daß Frankreich, das immer wieder von Menschenrechten spreche, Deutschland die gleichen Rechte verweigern werde, ^tner Berständigung mit Frankreich über dwse grundsätzliche« Fragen könne nicht Ermöglich sein.
Grotzbritanniens Stellung zu Frankreichs neuem Plan.
Der Pariser Korrespondent der „Times" schreibt, aus näheren Mitteilungen von unterrichteter Seit gehe hervor, datz der neue französische Abrllstungsplan sich nicht auf Erotzbritannien beziehe, sondern nur auf die Armeen der Länder des Kontinents. Erotzbritannien werde nicht aufgefordert werden, die Dienstpflicht einzuführen oder die fetzige Organisation seiner Armee in irgend einem Pukt zu ändern. Auch wurden in dem Plan Erotzbritannien keine Verpflichtungen auferlegt, die über die Verpflichtungen des Locarno-Vertrages hinausgehen. Die einzige neue Forderung, die gestellt werde sei, datz Großbritannien mit einem System internationaler Untersuchung und Kontrolle durch den Völkerbund sein Einverständnis erklären soll Die Abstimmung in der französischen Kammer sei tatsächlich der Anfang einer Revision der Friedensverträge durch Frankreich.
Berlin, 30. Okt. Die Verhandlungen über die für Montag angekündigten Minister-Ernennungen sind am Sonnabend z«m Abschluh gekommen. Wenn die Bekanntgabe noch nicht erfolgt ist, so hat das seinen Grund darin, datz zwei der Herren sich noch eine kurze Bedenkzeit ausgebeten haben. In unterrichteten Kreisen wird aber nicht daran gezweifelt, datz am Montag oder Dienstag die Neubesetzungen bekanntgege-ben werden können und datz es bei dem bleibt, was bereits berichtet wurde, datz nämlich drei Reichsminister mit Wahrnehmung der Geschäfte preußischer Ministerien betraut werden, und zwar: Innenministerium Dr. Bracht, Finanzministerium Dr. P o p i tz, Landwirtschastsmini'terrum - Reichssrnährüngsminister Braun. Autzer- I dem soll das Kultusministerium dem I Professor Kaehler-Greifswald, das
Deutsches Flugzeug verschollen I- Wahrscheinlich im Kanal versunken
Berlin, 30. Okt. Das Postflugzeug der Strecke London—Köln, das am Sonnabend um 19 Uhr von London abgeflogen war, sandte etwa 40 Minuten nach dem Start funkentelegraphische Hilferufe. Da sich das Flugzeug zu dieser Zeit in der Nähe des Kanals befinden muhte, wurde sofort der gesamte Küstenwachtdienst alarmiert. Es gelang jedoch nicht, eine Spur von dem vermitzten Flugzeug zu finden. Im Kanal herrschte schweres stürmisches Wetter. Auch die Besatzung eines heute nach Tagesanbruch zur Nachsuche von Köln nach London entsandten Flugzeugs konnte keine Feststellungen machen.
Nqch keine Spur von den verunglückte« Postflieger«.
Brüssel, 30. Okt. Entgegen einem früheren Gerücht, das von der Rettung der Besatzung des verunglückten deutschen Postflugzeuges sprach, fehlen bis zur Stunde alle Nachrichten über deren Schicksal. Wie verlautet, sollen Teile der Maschine nahe der englischen Küste westlich treibend gesichtet worden sein. Das deutsche Eegenflugzeug D 2009 hat sich auf die Suche nach den Resten und nach der Bemannung des verunglückten Flugzeuges begeben und wird über dem Kanal kreuzen.
Man nimmt an, datz ein Brand den Unfall verursacht hat, weil Kanaldampfer in den gestrigen Abendstunden Flammen in der Luft beobachtet haben wollen.
Die verunglückten Postflieger find der Flugzeugführer Wilhelm Cuno, der bereits 300 000 Kilometer im Luftverkehr und davon allein auf der Nachtstrecke nach London 120 000 Kilometer zurückgelegt hat, und der Funker und Maschinist Wer
ner Diebes, der bereits feit zwei Jahren mit Cuno auf dieser Linie fliegt.
Die Suche nach dem verschollenen Postflugzeug.
fk. London, 31. Okt. Leim englischen Ministerium für Luftfahrt waren in den späten Abendstunden des Sonntags keine neuen Nachrichten über den Verbleib des deutschen Postflugzeuges D 2017 eingetroffen. Das Luftministerium erklärte, datz das Flugzeug wahr- schienlich im Kanal verschwunden sei. In eine« Sturm, wie er in der Nacht zum Sonntag im Kanal gewütet habe, könne kein Flugzeug sich lange über Wasser halte«.
Die Suche «ach den verschollenen Flieger« wnrde während des Sonntags fortgesetzt. Auch englische Flugzeuge suchten de« Kanal kreuz und quer ab Mehrere Dampfer und Rettungsboote durchsuchten den Kanal, ohne aber eine Spur von den deutschen Fliegern »der ihrem Flugzeug zu finde«.
Heftige Kämpf« in Nicaragua.
Newyork, 30. Okt. Wie aus Managua (Nicaragua) berichtet wird, ist eine Kompagnie Nationalqarde in der Nähe von Chichi- galpa von den Aufständischen in einen Hinterhalt gelockt warben, wobei sich heftige Kämpfe entwickelten. Nach ein« fünfstündigen blutigen Schlacht wurden bei den Aufständischen 5 0 lote, bei den Nationalgardisten 12 Tote gezählt.
Blutige Kämpfe bei Sanfin.
T o k i o, 30. Okt. Nach einer Meldung des japanischen Oberkommandos versuchte eine Kavallerie-Division, die zur Armee des Generals Ma gehört, Sanfin (am Sungari-Flutzf anzugreifen. Die Japaner haben jedoch den Agriff der Chinesen abgeschlagen. Nach japanischen amtlichen Mitteilungen haben die Chine'en dabei über 220 Tote verloren.
Ministerium für Wirtschaft und Arbeit dem Bankenkommisiar Staatssekretär Dr. Ernst und das Justizministerium dem Oberlandesgerichtspräsidenten Dr. A n z übertragen werden.
Keine Einigung am Sonnabend
fk. Berlin, 29. Okt. Reichspräsident v. Hindenburg empfing heute den Reichskanzler v. P a p e n und den preutzi- schen Ministerpräsidenten Braun.
Der Reichspräsident führte aus, datz e r und die Reichsregierung in jeder Beziehung auf dem Boden des Leipziger Urteils ständen. Es müsie beiderseits der loyale Versuch gemacht werden, eine praktische Zusammenarbeit zu ermöglichen, die einerseits die dem preuhischen Staatsmini st e- rium zuerkannten Rechte berücksichtige, andererseits die Befugnisse des Reichskommissars und die Notwendigkeit einer einheitlichen Reichspolitik wahre.
Ministerpräsident Braun gab eine Darlegung seiner Auffassung von den Folgerungen, die aus dem Urteil zu ziehen find. Das Staatsministerium müsie in die ihm zuerkannten Rechte wieder eingesetzt werden. Die Befugnisie des Reichskommisiars sollten, wenn sie überhaupt noch nötig wären, auf solche Matz- nnahmen beschränkt werden, die zur Aufreckterhaltung der Ruhe und Ordnung notwendig seien. Mit den personellen Veränderungen solle aufgehört werden. Ueber die Vereinfachung und Zusammenlegung im Reich und in Preutzen könnten alsdann Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und der preutzischen Regierung stattfinden.
Reichskanzler v. P a p e n erklärte zunächst, datz die Reichsregierung die persönliche Integrität des preutzischen Ministerpräsidenten und seiner Amtskollegen nie angezweifelt habe, und datz nur staatspolitische Erwägungen zu ihren Matznahmen geführte hätten. Er legte dann seine Auffasiung der Lage dar und betonte, datz der Reichskommisiar sich nicht darauf beschränken könne, nur für den Schutz von Ruhe und Ordnung zu sorgen, sondern weiterhin die gesamte Exekutiv« einheitlich in der Hand behalten müsie. Daraus ergebe sich ohne weiteres die Verpflichtung, die für notwendig erkannte preugische Reform durchzuführen und damit eine spätere endgültige Regelung durch die matzgebenden Körperschaften vorzubereiten. Personelle Veränderungen seien nur aus sachlichen Gründen vorgenommen worden. Der Reichskom-