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kn 29. Oft. 1912
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt «nd Kreis Marburg.
H erriot fordert Auflö sung d er Reichswehr
Internationale Kontrolle — Internationale Sicherheitsarmee — Internationale Schiedsgerichte
Vertrauen für Herriot mit 430 gegen 20 Stimmen
Paris, 29. Oft Die Kammer hat In früher Morgenstunde durch Annahme der vertranenstagesordnuna der Radikalen Francois Albert «nd Genossen mit 430 gegen 20 Stimmen der Regierung das Vertrauen ausgesprochen. Für die Bertranenstagesordnung stimmten die Sozialisten, die Radikalen und die meisten Mitglieder der Abgeordneten der Mitte. Die 20 Gegner gehören der Rechten «nd der Republikanischen Föderation Louis Marins an. Der Rest der Kammer enthielt sich der Abstimmung.
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Ministerpräsident Herriot hat in seiner gestrigen Kammerrede den französischen konstruktiven Plan charakterisiert Das offizielle Resume dieses Planes lautet folgendermaßen :
Frankreich würde für einen noch zu bestimmenden Zeitpunkt die Verallgemeinerung der Herabsetzung der kurzfristigen Dienstzeit für die im Mutterland stehenden Landstreitkräfte unter folgenden Bedingungen annehmen:
1. Daß alle Formationen, die dieser Heeres- organisation zuwiderlaufen, wie die Reichswehr, aufgelöst und die Polizei- streitkräfte reglementiert würden;
2. daß di« internationale Kontrolle organisiert und das Jnvestiga- tionsrecht obligatorisch einbegriffen würde;
X, daß, um den Locarno-Vertrag zu ergänzt ein regionaler Pakt für gegen- 'eitige Hilfeleistung derart abgeschlossen würde, daß jede europäische Nation daran teilnehmen könne, und daß die auf diese Weise vorgesehene Kollektivmacht ausreiche, um den Angriff zu unterdrücken, wobei diese Streitmacht eine erste Staffelung von nationalen spezialisierten Kontingenten umfassen müsse, die sofort verfügbar wären und über ein mächtiges Material verfügen würden;
4- daß die Vereinigten Staaten Sicherheitsgarantien, wie sie sie selbst ins Auge gefaßt haben, bewilligen würden;
S. daß di« Mitgliedsstaaten des Völkerbundes sich verpflichten würden, alle Verpflichtungen aus Artikel 16 des Dölkerbundspaktes 2« erfüllen, und
6. daß das Schiedsgerichtsverfahren für alle Teilnehmer am Pakt obligatorisch sein würde.
Nachdem Herriot den Inhalt des konstruktiven französischen Planes bekanntgegeben hatte, schloß et mit der Bemerkung: Wenn dieserPlan abgelehnt werde, könne Frankreich nicht für das Scheitern der Konferenz verantwortlich gemacht werden.
»Petit Pari'ien" betont, wenn man ben Plan ablehne, habe Frankreich wenigstens alles getan, was in seiner Möglichkeit liege, und es werde nicht aufhören, im Völkerbund am Werk der Organisierung des Friedens mit« Marbeitnr,
»Echo de Paris" weist auf die einschneidenden Peränderungrn der bestehenden militärischen Einrichtungen hin, wenn der Plan allgemein angenommen werde. Alle Heere würden in Defensiv-Miliz umgestaltet, die in den Feldlagern und in den Kasernen nur sehr kurze Zeit Dien st tun würden.
Wenn der französische Maximalplan durchführbar wäre, würde er sehr viel Besorgnis rechtfertigen: würde er nicht Deutschland, dem der Versailler Vertrag die Qualität einräumt, die Möglichkeit geben, auch die Quantität hinzuzufügen, wenn es dies zu tun sich anschickt?
Die neue „Gleichberechtigung"
Die ersten Pressestimmen zum Abrüstungsplan Herriots
Die Würdigung, die die Ausführungen Herriots vor der Kammer in der Pariser Presse finden, entspricht dem überaus günstigen Ergebnis der Abstimmung für das Kabinett Herriot. Herriot habe, so schreibt, das »Echo.de Paris", den Ernst der Lage richtig bezeichnet, als er erklärte, daß es nicht mehr um das Geld, sondern um das Leben der Kinder Frankreichs ginge.
Die „Volonte" erklärt, Herriot habe Frankreich einen unschätzbaren Dienst erwiesen, denn zum ersten Male seit 10 Jahren habe ein Ministerpräsident vor der Kammer und vor dem Lande die Sicher- hetts- und Abrüstungsfrage in ihrer tragischen Bedeutung aufgerolü.
Die „R e p u b l i q u e" schreibt, der Ministerpräsident habe der Kammer die ersten Mitteilungen über einen kühnen Plan gemacht, dem zugesttmmt werden müsse. Das Dokument unterstreiche die diplomatische Vernunft der Ausführungen Herriots.
Eine sachliche Stellungnahme zu dem Abrüstungsplan ist zunächst in den Pariser Morgenblättern noch zu vermissen. Augenscheinlich haben die Mitteilungen Herriots nicht dazu ausgereicht. Im „E ch o de Paris" bemängelt Perttnax die Tatsache, daß die Erklärungen Herriots lückenhaft gewesen fein. Er wirst Herriot vor, daß er nur von dem Maximalplan, nicht aber von dem Minimalplan gesprochen habe, der auf alle Fälle geschaffen werden soll, nachdem er einmal ausgearbeitet worden ist, und den gegenwärtigen Sicherheitsbedingungen entspricht.
„Republique" begrüßt den Gleich- hettsgedanken, der in dem französischen
Plan zum Ausdruck komme, «nd verlangt die Angleichung nach unten. Das sei auch die Auffassung der französischen Regierung, also auch die der ungeheuren Mehr- hett der Kammer.
„Homme,Libre" schreibt, Frankreich sei bis an die äußerste Grenze gegangen und habe sich sogar berett gefunden, den deutschen Plan einer Rüstungsgleichheit zu berücksichtigen. Deutschland sei in seine eigene Falle gegangen.
News Chronicle
zum französischen Abrüstungsplan.
Pariser Meldungen über den von Herstot in der Kammer mitgeteilten Ab-> rüstungsplan nehmen in der Londoner Morgenpresse breiten Raum ein. „R e w s Ehronicle" schreibt, wenn die Rede wirklich bedeutet, was sie zu bedeuten scheint, dann ist der Plan durchaus nicht kleinlich. Er läuft in der Tat auf eine praktische Anerkennung der deutschen Forderung hinaus. Die meisten Punkte der Vorschläge Herstots werden von England sicherlich angenommen. Frankreichs Bereitwilligkeit, Deutschlands Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht mit anzusehen, muß einige Aeberraschung verursachen.
Aber Frankreich fühlt wahrscheinlich, daß die allgemeine Wehrpflicht ihm weniger gefährlich ist als eine Berufsarmee. Die Schwierigkeit des ganzen Manes liege im Augenblick in der Ansicherheit über einige seiner Punkte. Jedenfalls ist sicher, daß der Man einen entschiedenen und sogar dramattschen Wechsel in der Abrüstungspolitik Frankreichs bedeutet.
Mussolini an di« Schwarzhemden.
Rom, 28. Okt. Muffolini hat heute aus Anlaß der 10. Wiederkehr des Marsches auf Rom eine Botschaft an die faschistischen Formationen ganz Italiens gerichtet, welche u. a. wie folgt lautet: Schwarzhemden von ganz Italien! Das erste Dezenium der Revolution schließt unter der erhebenden Begeisterung des gesamten Volkes. Während die großen öffentlichen Werke in Jahrhunderten unseren Ausbauwillen verkünden werden, stellt die Aufstellung der faschistische» Revolutton den heiligen, ausdrucksvollen und feierlichen Beweis der von uns gebrachten Opfer dar. Das zweite Dezennium wird neue Aufgaben, neue Anstrengungen und Opfer von uns verlangen. Wir werden ihnen mit dem wachsamen Sinn der Verantwortung und unangetasteter heiliger Brüderlichkeit ge- possen entgegentreten. Die Erinnerung an die. überstandenen Prüfungen durch-
I weht unsere Herzen und macht sie stark für die Zukunft.
100 bolivianische Soldaten im Chaco verdurstet.
Asuncion, 28. Ott. Rach einer Mitteilung des Kstegsmiuisteriums habe» sich drei bolivianische Soldaten einem paraguayischen Vorposten gestellt und erklärt, daß sich vier Liniere und 170 Mann ihres Regiments im Urwald verirrt hätten. Daraufhin ist eine Rettungskolonne abgeschickt worden, die im Charo die Leichen von 100 bolivianischen Soldaten aufgefunden hat. Allem Anschein nach si»d dir versprengten Bolivianer verdurstet.
Schnellzug Nanking—Schanghai verunglückt. 90 Opfer.
Schanghai, 28. Okt Der Schnellzug Nanking—Schanghai ist heute bei souchon entgleist. Der Lokomotivführer hatte • die Halresignale, die Rottenbauarbeiten anzeigten, übersehen. Die Zahl der Toten und Verwundeten wird auf etwa 90 geschätzt. , ..... ; . <
Nachtsitzung der kommissarischen Regierung fk. Berlin, 29. Okt. Unter Vorsitz des Reichskommisiars ist die kommissarische Regierung am Freitag abend z» einer Nachtfitzung zusammen getreten, «m abschließend die V e r w a l • tnngsreform in Preußen z« beraten. Es werden wichtige Beschlüsse über die Neuverteilung der Aufgaben erwartet.
Der neuen preußischen kommissarischen Regierung soll u. a. eine neue Gemeindeordnung vorliegen, die u. a. eine Stärkung der Befugnisse der Magi st rate gegenüber den Gemeindevertretungen vorsieht. ____
Vortrag des Reichskanzlers beim Reichspräsidenten.
Berlin, 28. Okt. Der Reichspräsident empfing heute nachmittag den Reichskanzler von Papen zum Vortrag.
Staatsminister Sauckel beim Reichspräsidenten.
Berlin, 28. Okt. Reichspräsident v. Hindenburg empfing heute den Vorsitzenden des thüringischen Staatsministeriums Staatsminister Sauckel zur Entgegennahme eines Berichtes über die Notlage im Thüringer Waldgebiet.
Der Reichspräsident empfing ferner den deutschen Gesandten in Bagdad Dr. Grobba.
Die Staatspartei für Tolerierung des Kabinetts Papen.
Kassel, 28. Okt. In einer Versammlung der Deutschen Staatspartei sprach der Spitzenkandidat im Wahlkreis 19 (Hessen-Nassau), Fabrikant Leitz (Wetzlar) über die Stellung der Partei im Wahlkampf.. Das wirtschaftliche Denken und Handeln sei in der Politik der vergangenen Jahre zu kurz gekommen. Wenn man auch gegen die Regierungsmethode des jetzigen Kabinetts und einzelne seiner Vorschläge ernste Bedenken haben könne, so sei doch nicht zu verkennen, daß in dem Wirtschaftsprogramm der Regierung viel Wertvolles enthalten fei, von dem man bei vernünftiger Anwendung eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse erwarten dürfe. Bei aller Gegensätzlichkeit der staatspolitischen und kulturellen Anschauungen werde die Deutsche Staatspartei daher das Kabinett Papen tolerieren, ohne dabei auf Kritik zu verzichten.
Z« der bevorstehenden Einführung der Steuerfcheine zum Börfenhandel.
Berlin, 28. Okt. Wie der DHD. hört, ist ein Antrag, die Steueranrechnnungs- fcheine zu notieren, beim Berliner Bör- fenvorstand bisher nicht eingegangen. Man nimmt aber an, daß der Antrag Anfang nächster Woche vorliegen wird. Im Freiverkehr hört man Kurse von 91 Prozent, Tas Plenum der Maklerkammer hat die Steuerfcheine bereits einer Maklergruppe zugeteilt, die nach der offiziellen Börsenzulassung der Steuerfcheine deka»' t gegeben wird.