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C6tr6efiifd»t 3ettnng, Marvurg a. L. Freitag, bot 28. Dfioba 1932

Nr. 254

Aus -er Amseven-

Kreis Mlirdurg

-o- Kirchhain, 28. Ott. Die hiesige Ortsgruppe der National sozia- l i st e n veranstaltet heute abend m -der städtischen Jahn-Turnhalle eine grobe öf­fentliche Kundgebung, zu der sie drei nam­hafte Redner gewonnen hat. Es werden spre­chen: Landtagsabgeordneter Pg. Backe-Han­nover über das Thema: Nationalsozialis- mus und Agrarpolitik. Anschliehend spricht Landtagsabgeordneter Schmidt - Wiesbaden über Landwerkerfragen. Pg. Schmidt ist Jnnungsobermeister m Wiesbaden und ge­hört dem Vorstand des Reichshandwerker- bundes schon seit Jahren an. Zum Schluß • spricht dann noch Pg. Dr. Adolf Wagner- Marburg über Mittelstandsfragen.

-o- Kirchhain, 28. Okt. Durch den hiesigen Ortsausschuß für die Abnahme des Turn- und Sportabzeichens wurden im ver­flossenen Sportjahr 42 Prüfungen mit Er­folg abgenommen. Don diesen Prüflingen erhielt einer das Turn- und Sportabzeichen in Gold, und zwar Oberturnwart Ewald Engstfeld. 2n Silber erhielten die gleiche Auszeichnung die Herren Dr. Drücke, Heie Knüppel vom Turnverein Kirchharn und Franz Finster vom Turnverein Rauschen­berg.

-o- Amöneburg, 27. Okt. Die unter Leitung von Regierungsbaumeister Lütcke- Marburg vorgenommene Renovation der Stadtkirche neigt sich ihrem Abschlüsse zu. Der Chor mit dem Hochaltar und die bei­den Seitenattäre haben eine würdige Aus­gestaltung erfahren, wobei'die alten Farben entfernt und die roten Sandsteine in ihrem Naturzustand freigelegt wurden. Wegen der vorgeschrittenen Jahreszett werden bauliche Veränderungen au der Kirche im nächsten Jahr ausgeführt.

R.-Holzhausen, 27. Ott. Der 13- jährige Sohn des Arbetters Petar Stei stürzte beim Spielen so unglücklich von einem Baum, daß der sofort hinzugezogene Arzt, der Armbruch und Rückgratoerletzung feststellte, seine Ueberführung in die Klinik anordnete.

-o- Allendorf, 28. Ott. Einen drei­sten D i e b st a h l verübte ein Fremder, an­scheinend ein Obdachloser, im hiesigen Pfarr­haus. Während der Pfarrer und der Kap­lan in der Kirche waren, benutzte der Dieb diese Gelegenheit, nahm sich die Haustür­schlüssel aus einem Fenster, drang in die Wohnung und raubte einen erheblichen Geld­betrag. Bei seiner Flucht nahm er noch das oahrrad des Pfarrers mit. Die Landjägerei verfolgt mehrere Spuren.

Aus dem Ohmtal

-o- Aus dem O h m t a l, 28. Ott. Durch das anhaltende Regenwetter der letzten Tage sind Ohm, Wohra und Klein ausgeufert und haben erhebliche Wiesenflächen über- icywemmr. Auf den Fluten tummeln sich allerlei Wasservögel. Zwischen Schweins­berg und Erfurtshausen ist die (5trabe stel­lenweise unter Wasser gesetzt.

KreiS ffrankenberg

—. Frankenberg, 26. Okt. Der Aus­bau der Landstraße von Wildungen nach Battenberg wurde an die Baufirmen Neuschä­fer und Mentzel in Frankenberg, Herzog in Marburg und Mitteldeutsche Stratzenbauge- sellschast in Kassel in einem Gesamtbetrag von rund 50 000 Mark vergeben. An den Hauptkurven im Hainbach nach Geismar hin und bei Röddenau werden neue Packlager neben Geradelegungen vorgenommen, welche Arbeiten bei günstiger Witterung 70 bis 80 Arbeiter bis zu Weihnachten hin beschäfttgen werden. Auch sind verschiedene neue Durch­lässe herzusteilen. Die dazu notwendigen Steine werden im Kreisbruch des Hunold, im Steinbruch des Herrn Oberlies bei Viermün­den und in einem Steinbruch bei Haine ge­wonnen werden. Im Frühjahr wird alsdann die ganze Straße von Löhlbach bis nach Bat­tenberg hin neu geteert. Die Ausführung dieser Arbeiten ist aufs höchste zu begrüßen.

AUS Sem Sttlkrelö

Niedereisenhausen, 28. Okt. Der kommende Sonntag wird wieder für unser Dorf und die Einwohnerschaft der Umgebung ein großer Tag wird doch der Männergesang­verein Breidenbach in Verbindung mit einem vorzüglichen Streichorchester im Saalbau „Zum Anker", nachmittags 4 Uhr, ein großes Chor- und Jnstrumentalkonzert veranstalten. Allen Sängern und Freunden guter Mufik ist Gelegenheit gegeben, sich in den Genuß einiger schönen Stunden ju setzen. Man muß dem rührigen Verein für sein lobenswertes Unter­nehmen dankbar sein und dies durch regste Teilnahme an der Veranstaltung bekunden. Der Eintrittspreis ist den Zeitverhältnisien entsprechend äußerst niedrig gehalten.

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Wsen-Nassau und NaObambiete

Oberbürgermeister Dr. Jung Honorarprofessor

Göttingen, 2 7. Okt. Oberbürgermeister Dr. Jung, der schon seit mehreren Jahren an der rechts- und staatswisienschaftlichen Fakultät Vorlesungen über Wohlfahrt und Fürsorge hält, rst zum Honorarprofes­sor ernannt worden.

Goldenes Priesterjubiläum des Bischofs von Fulda.

Fulda, 27. Ott. Bischof Joseph Da­mian Schmitt, der bekanntlich im März d. Js. sein silbernes Bischofsjubiläum be­gehen konnte, kann am 28. Ottober auf den

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50. Jahrestag der Priesterweihe zurückblicken. Der Bischof, der im 74. Lebensjahr steht, wird am Jubiläumstage am Grabe des Heiligen Bonifatius das hlg. Opfer darbrin­gen. Am folgenden Sonntag hält er im Dom ein Pontifikalamt.

Schwerer Unfall beim Kirchen bau.

Frankfurt a. M., 27. Ott. (Beitem kurz nach 11 Uhr ereignete sich hier en; schwerer Bauunfall. In der Bruchfeldstratze wttd eine katholische Kttche gebaut. Der Neubau ist noch mit einem Gerüst versehen. Aus bisher noch nicht geklärten Gründen fielen plötzlich zwei Bauarbetter in die Tiefe, und zwar ein gewisser August Müller aus der Köniasbacher Straße und Jakob Philipp Schultheiß aus der Haardtwaldstraße. Sie wurden mit schweren inneren Verletzun­gen ins Krankenhaus gebracht.

3um Kreisarzt in Alsfeld ernannt.

Offenbach, 27. Ott. Der Amtsarzt Medizinalrat Dr. Ernst Jakob Görisch in Offenbach wurde unter Belassung seiner Amtsbezeichnung als Medizinalrat zum Kreisarzt des Kreisgesundheitsamts Alsfeld ernannt. Der Assistenzarzt bei der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Gießen Dr. Adolf Otto wurde unter Berufung in das Beam­tenverhältnis zum Amtsarzt bei dem Kreis- gesundhettsamt Offenbach mit der Anttsbe- zeichnung Medizinalrat ernannt.

Liebestragödie in einem RLeinhoiel.

Camp a. Rh., 27. Ott. In dem Rheinstädtchen Camp ereignete sich gestern eine furchtbare Bluttat. Ein unverheiratetes Paar war in einem hiesigen Gasthaus ab- gestiegen und hielt sich gestern morgen noch lange auf seinem Zimmer auf. Gegen 10 Uhr hörten die Hausbewohner mehrere dumpfe Schläge, die man aber nicht weiter beachtete. Bald darauf hörte man aus dem Zimmer schweres Stöhnen, und als man die Tür gewaltsam aufbrach, fand man den Mann tot im Bett. Er hatte sich eine Ku­gel in den Kopf geschossen. Di» Frau, die ebenfalls eine Schußwunde am Kopf auf­wies, lebte zwar noch, wurde aber bewußt­los ins Krankenhaus gebracht. Nach einem bet dem Paar gefunden en Zettel handelt es sich um Leute, die zuletzt in Rotterdam an- sässig waren. Nach Lage der Dinge dürste Selbstmord vorliegen.

SöirWf und Sandel

Berliner Börsenbericht vom 27. Oktober.

(Sie Tendenz der Effektenmärkte war heute im großen und ganzen freundlicher. Schon vormittags regte der feste Schluß Neuhorks etwas an. Zu Beginn des offi- ziesten Verkehrs berftimmte aber ein neuer 'Rückgang des englischen Pfundes sowie der Prerseinbruch an den amerikanischen Weizenmärkten und die Verflauung des Kupfermarktes. Diese Momente wirken sich naturgemäß nur auf die Spekulation aus, das Publikum verharrt in seiner Reserve. Die Berichte aus der deutschen Wirtschaft lauten im Durchschnitt ziemlich günstig. Die Anspannung des Berliner Geldmark­tes wurde natürlich kurz vor dem Ultimo

größer, und der TageSgeldsatz zog an der unteren Grenze auf 4y2 Prozent an. Es war nur noch vereinzelt mit 43/s Prozent erhältlich, MonatSgeld blieb 5—7 Prozent. Privatdiskonten waren in Vorbereitung zum Ultimo weiter angeboten, Reichs­wechsel und Reichsschatzanweisungen blie­ben fast umsatzlos.

Berliner Devisenbericht vo« 27. Oktober.

Helsingfors 6,024—6,036, Wien 51,95 bis 52,05, Prag 12,465—12,485, Budapest —, Sofia 3,057—3,063, Holland 169,63 bis 169,97, Oslo 70,53—70,67, Kopenhagen 71,88—72,02, Stockholm 71,93—72,07, Lon­don 13,83—13,87, Buenos Aires 0,918 bis 0,922, Aeuhort 4,209—4,217, Belgien 58 54 bis 58,66, Italien 21,56—21,60,, Paris 16,545^—16,585, Schweiz 81,26—81,42 Spa­nien 34,53—34,59, Danzig 82,12—82,28 Japan 0,939—0,941.

SBarenmärtfe

Berliner Eetreidemarkt vom 27. Oktober.

Weizen 188—190, Roggen 151—153, Braugerste 170—180, Futter- und Jndu- striegerste 162—169, Hafer 129—134, ei* zenmehsl. 23,50—27,00, Roggenmehl 19,25 bis 21,75)'Weizenkleie 9,00—9,40, Roggen* fleie 8,25—8,60.

Frankfurter Schlachtoiehmarkt v. 27. Okt.

Der Auftrieb des heutigen Aebenmark* tes bestand aus 100 Rindern, 929 Kälbern, 653 Schafen und 822 Schweinen. Ver* glichen mit den Auftriebsziffern des letz­ten Rebenmarttes der vergangenen Woche waren 18 Rinder weniger angetrieben, da­gegen standen 14 Schweine, 196 Kälber und 229 Schafe mehr zum Verkauf. Markt* verlauf :Kälber und Schafe mittelmäßig, geräumt. Schweine schleppend, geringer Aeberstand. Bezahlt wurde pro Zent­ner Lebendgewicht in RM.: Kälber: a) —, b) 41—43, c) 37—40, d) 30—36; Schafe: al) 23-25, b) 19—22,'ystL—18; Schweine: a) —, b) 41—43, c) 40—42, d) 37—41. Im Preisverhältnis zum letzten Rebenmartt verloren Kälber 2—3, Schweine 2, und Schafe 1 RM.____________

):( Wenn einer eine Reise tut, so tarnt « was erzählen. Dieses Sprichwort ist aus einer Zeit, da das Reisen noch eine Selten­heit war und in der Postkutsche ausgeführt wurde. Heute, beim Reisen tm Schnellzugs­wagen, ist eine Reise trotz der ost größeren Strecke vielfach erlebnisarmer und gar zu ge­wissen Jahreszeiten läuft man Gefahr, auf die Frage: „Was haben Sie von der Reise mitgebracht?" immer wieder die Antwott zu bekommen: „Nichts als eine tüchtige Er­kältung, Husten und Heiserlett." 3a, so sind wir nun einmal, wir empfindlichen Menschen des 20. Jahrhunderts. Gar zu leicht er­kälten wir uns in unseren Atmungsorganen. Es würde dies aber viel seltener passieren^ wenn wir auf jede Reise einen Beutel oder eine Dose der echten „Kaiser's Brust-Cara- mellen“ mitnehmen und so die Atmungs­organe gegen Erkältungen schützen würden. Der kluge Mann baut vor!

(Nachdruck verboten!)

Ser günelina im gtutrolen

Roman von Heinz Stegnwett.

73. Forsetzung.

Der Doktor lachte und ging. Schwester Rosa Viterbo blieb und tröstete mich ich dürfte nicht erschrecken, es würden fast, alle Tage lebensmüde Mädchen ins Haus gebracht, damals sei noch Kriegsbetrieb gewesen, einzelner Ramen und Gesichter könnte man sich unmöglich erinnern.

„Aber die Maria Selbach hat doch hier ihr Kind zur Wett gebracht —!“

Die Nonne senkte die Augen, strich sich über die wächserne Stirn: „3a, der Name kommt mir jetzt bekannt vor, — aber wissen Sie, bei uns war das schon so oft--so

viele Mädchen--Kinder zur Welt —“

Es war mir, als würden meine Augen in die Stirn gedrückt. Hätte ich jetzt um Obdach und warmes Essen gebeten, wäre ich wie ein Hochstapler erschienen. Unser Schicksal teilten viele? Unsre Not war nicht so groß gewesen, daß man sich ihrer erinnerte?

„Schwester, es gibt wohl viele Hospi­täler in Deutschland?"

„Viele sehr viele, man kann sie gar nicht zählen!"

Da ging ich. Und meinte, die Pflaster­steine wären weiche Kissen. Ich torkelte und hatte doch nichts getrunken. Meine Knie zitterten, Angst quoll aus allen Po­ren, ich wurde erst wach, als ein Menschen­knäuel auf der Brückenrampe lärmte. Zwei Offiziere zerschlugen sich mit den Fäusten. Ein Engländer und ein Franzose. „Gib ihm Saures" schrien die Kölner dem Tommy zu. And er gab ihm Saures. Entente cordiale. Ein Militärpolizist machte dem Spuk ein Ende, der Franzosenleutnant wurde in die nahe Kürassierka ferne ge­tragen, den Tommy hoben die Kölner auf die Schultern. „The Frogs are di ritz people", fluchte der Brite. Würdig war das Spettakulum mitnichten, aber der Fran­zose hatte einen deutschen Zivilisten an* gerempelt, Tommy wollte das nicht gut­heiße»

Ich lief dem Menschenstrom nach, kam wieder nach Köln, sah die gläsernen Dächer der Markthalle, dachte an Witwe Iodokus Himmelreich. And kam in den lärmenden Palast, wo es wieder Gemüse, Aepfel, Fleisch, Käse und Eier in protzigen Ber­gen gab, — wie hungrig und ausgequetscht waren wir doch 1918 gewesen! Ich suchte den Stand, auf dem ich den Handlanger gespiett hatte, aber das Schild der Mutter Himmelreich aus Efferen am Vorgebirge war verschwunden. Ich fragte andre Markt* frauen, niemand wollte etwas wissen. Nur ein aller Sackttäger knurrte mich über die Seite an, die Witwe Himmelreich sei längst tot. Das konnte stimmen, die Alte hatte damals schon die Beine voll Wasser.

Ich ging wieder zur Frankenwerf und öffnete die Kneipe, wo mir das Gesicht Sebastians entgegenlachte. Man hatte den BengÄl mit Schokolade gefüttert, starrte vor brauner Schmiere, die Menschen aus dem Volke kreischten. Sie hatten schon ein Herz, vielleicht war die Tugend ge­wichtiger als alle Anwissenheit?

Maria hockte bleich in der Ecke. Ich sah. daß sie welk war und Augenränder hatte wie eine schwindsüchtige Wöchnerin. Frau Sorge. Ihr stumpfer Blick erlöste sich auch nicht, als ich den mutigen Äch» ler spielte. Da fühlte ich mich schuldig und mußte mich entscheiden.

„(Maria — komm!" „Wohin, Manes?" „Mit mir!“

Sie zögerte nicht, sie nahm nur den Jungen, griff nach dem Koffer, ftanb auf. Ich wußte: Sie folgt mir wieder blind und fragt nicht, weil ihr dieses Folgen ein Gesetz ist.

Die Leute aus der Kneipe verstummten. Sie hatten schon alles für Maria und ihr Kind bezahlt. Einige hundert Milli­arden. Ich dankte den Freigebigen, und jeder schien sich zu schämen. Boche win­selte, er fürchtete wohl die schneidende SM* des Rheinufers. Auf der Straße mertte ich, baß ich den Korb mit den Klei­dern vergessen hatte. Da ging ich zurück in die verqualmte Budike, schon wndräng*

ten mich die Männer und Weiber. Sag­ten, sie hätten noch Platz daheim, eng aber friedlich. Ich schlug es aus, und alle waren gekränkt.

Wir flohen von neuem, die Laternen brannten schon, im Stapelhaus spielte die Musik der Engländer eine vertraute Melo­die: Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr . . .!

„Wohin gehen wir Maria?“

Sie keuchte Dampf wolkenn, der kalte Wind machte ihr die Augen naß.

„Ich möchte zum Bahnhof, Maria. Wir fahren zu deiner Mutter!"

Da stolperte sie vor Glück. Da kam es stockend aus ihrem Munde: Das sei wie 4m Traum. Der Vater werde sich wohl versöhnen lassen. Der Alte müsse doch einsehen, daß sein Kind die Prüfung be­standen habe . ..

Maria redete sich heiser und schluckte und schluchzte dabei. Gewiß, ihre Prüfung war bestanden. Meine Frau wäre zum Nordpol mit mir gewandert, wenn ich das verlangt hätte.

Sebastian war eingef chlummert auf dem Arm der Mutter, während sich Boche die besten Bäume und Laternenpfähle aus* suchte. Zuweilen blieben, die Leute stehen, zeigten auf meine Körbe Und Koffer und Pakete: „Die sind ausgewiesen!“

Wir sahen die Schwurfinger des Doms, wir sahen auch ein Heer von fremdländi­schen Reisenden, die in Köln alle Läden leer kauften, well die Mark in den Ab­grund kollerte. Für einen Doller oder einen Franc gab’s Kleider, Schuhe, Fet­tigkeiten und Weiber nach Bedarf. And diese Fremden lärmten vor dem Bahnhof, als hätten tausend Dohlen eine Leiche ge­funden. In den Schaufenstern wurde schon wieder der Multiplikator erhöht, ein Käse­händler zeigte durch einen Aushängezettel an, daß er einen Lehrling mit Primareife suche und dreimal in einer Straße lasen wir die Schilder von Massageinstituten für moderne Damen und Herren.

Ja, Manes Himmerod hatte in Most­heim alles verschlafen, was ein Fort­schritt war. Daher dröhnten mir jetzt die

Ohren so laut, daß ich beinah mit Kind und Kegel unter ein Auto gekommen wäre. Der Wagen bremste, rutschte, stellte sich quer, aus dem Derschlag kroch eine lange Zigarre „an der langen Zigarre hing das fettige Maul eines Schiebers mit Pelz­kragen: „Können Sie nicht hören?“

Die berittenen Militärposten standen wie Denkmäler in ihren Sätteln. And krümm­ten den Rücken nicht, daheim war ja alles in Ordnung, daheim war Geld noch Geld geblieben, jeder Bettler schwur auf sein Vaterland.

Maria hörte und sah nichts, sie dachte nur an die Mutter und rechnete sich die Stunde ihres Glücks nach dem Zifferblatt der Bahnhofsuhr aus. In der Halle mußte ich anstehen, um Fahrkarten zu lösen. Menschen aller Rassen zertrarnpellen sich die Füße tausend Hände schleppten Pa- Eete, Wien und Deutel. Der nächste Personenzug in der Richtung nach Trier ging in sieben Minuten. Da liefen wir Trab mit unferm Vermögen. Die Ab­teile waren schon überfüllt, hier johlende Soldaten, dort qualmende Europäer, zu- toeilen tropfte ein deutsches Wort durch das Palaver der Polen, Briten, Fran­zosen, Holländer und Wallonen. Wir rannten vom letzten Wagen bis zur zischenden Lokomotive und von der Lo­komotive wieder zurück bis zu den rubinen Lampen, aber keine Erbse hatte mehr Raum. Und der Zeiger der Bahn- hosisuhr ruckte beharrlich weiter, in zwei Minuten war Abfahrt, die Schaffner knallten schon die Türen zu. Maria zitterte, Sebastian krähte, Boche war prompt zwischen die Schienen gefallen, wo er jämmerlich winselte. Ein Hotel­diener holte ihn heraus, während ich einem Beamten offenbarte, daß wir Aus­gewiesene seien und keinen Platz hätten. Der Uniformierte wärmte feine Hände auf der Bauchlate.rne, er können leider nichts daran ändern; dann quetschte sich ein Vorsteher mit Zinnobermütze durch die gepferchten Massen, riß ein Abteil erster Klasse auf, stopfte uns hinein und hob den Kochlöffel: „Abfahren!"

Fortietzung folgt