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Marburger Sladtzeitimg
Lufts« im Regierungsbezirk «asset
Nachdem das Reich den sogenannten „Zivilen Luftschutz" in die Hand genommen hat, haben die Regierungspräsidenten die ersten Anordnungen zu treffen, um die dielen Verbände. Zndustrie- gruppen, Vereine und sonstigen Zusarn» menschlüsse, die sich zum Zweck des Luft- und Gasschutzes gebildet haben, nach einheitlichem Plan zusammenzufassen. Es kommt darauf an, für den Fall eines Angriffes mit Luft- und Gaskampfmitteln für die Bevölkerung die notwendigen Schutzmaßregeln zu treffen. Es ist llar, daß diese Schutzmahregeln der sorgsamsten Vorbereitung, der genauesten Bereitstellung der Rettungsmittel, namentlich aber eines geschulten Führerpersonals bedürfen, das vom Vertrauen der Bewohnerschaft getragen wird und mit der erforderlichen Befehlsgewalt ausgestattet ist. Ohne eine scharfe Gliederung und ohne bedingten Gehorsam werden alle Maßnahmen im Augenblick der plötzlich hereinbrechenden Gefahr zwecklos sein. Vor allem müssen Panik und Verwirrung vermieden werden. Glaube niemand, daß irgend eine Stadt, irgend ein Landesteil nicht überfallen werden wird. Die größten Lleberraschungen sind möglich. Der Luftschutzbezirk Kassel steht unter dem Kasseler Polizeipräsidenten von Kottwitz. Der Regierungsbezirk ist in 16 Luftschutzunterbezirke geteilt. Auch Marburg wirb einen solchen bilden. Weiteres wird demnächst angeordnet werden.
Bon der Universität
Wie wir hören, ist jetzt durch ministeriellen Erlaß Landaerlchtsrat L R. Geh. Iustizrat Wenzel- Marburg als Vertreter des bisherigen Kurators Geh. Oberregierungsrat Dr. von Hülsen bestimmt worden.
Der Ordinarius der Psychiatrie an der hiesigen Universität Dr. Ernst Kretschmer hat einen Rus an die Universität Bern als Nachfolger von Prof. Wilhelm v. Speyr abgelehnt. Prof. Kretschmer ist geborener Württemberger, studierte bei Gaupp und Kraepelin und erhielt 1918 in Tübingen die venia legendi. Dort wirkte er auch als Assistenzarzt bezw. Oberarzt an der Nervenklinik. 1923 wurde Kretschmer Extraordinarius in Tübingen und siedelte drei Jahre später als Nachfolger von Stertz nach Marburg über.
* Heute spricht Dtvian Stranders Wir werden gebeten, noch darauf hinzuweisem daß der englische Hauptmann V i o i a n Stranders deutsch spricht. In unserer gestrigen Notiz muh es selbstverständlich in dem Hinweis auf den heute abend ftattfinden- den Vortrag in Zeile 9 von oben heißen: „Nicht nur im Interesse Deutschlands ....."
(nicht „Englands").
<wert>«Mihe Zeitung. Marburg <l L, Freitag, den 28. Oktober 1932
At. 254
Die Beamtanratswahlen bei der R.B.D.
Nachstehend gebm wir das amtliche Endergebnis der diesjährigen Beamtenrätewahlen im Eesamtbereich der Reichsbahndirektion Kassel wieder. Es wurden abgegeben für:
B-rufsbeamtemchutz. Zentrcrl-Eewerkschafts- bund Deutscher Reichsbahnbeamten und Anwärter e. V. (ZEDR.) 3711 Stimmen, Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer 1903 Stimmen, Zurück zum Reich (EDE./Eeteb.) 1998 Stimmen, Emheitsverband 1019 Stimmen, „National und Sozial", Arbeitsgemeinschaft nationaler Reichsbahnbeamten und Anwärter (ANRB.) 1957 Stimmen, Ungültig 130 Stimmen; wahlberechti^ find
* Polizeiliches. Augenblicklich werden wieder Eintrittskarten für ein Blindenkonzert verkauft, das hier am 26. November d. Is. veranstaltet werden soll. Es handelt sich auch in diesem Falle wieder um ein Konzert, das nicht zugunsten unserer BLnder^tudienanstalt oder der Blinden der Provinz Hessen- Nassau veranstaltet wird Die Personen, die die Eintrittskarten verkaufen, dürfen Geldbeträge ohne Abgabe der Eintrittskarten nicht annehmen, auch dürfen die Karten nicht zu einem höheren Betrage als auf der Karte angegeben, verkauft werden, weil eine Erlaubnis zur Veranstaltung einer Sammlung von Haus zu Haus nicht vorliegt.
* Eine üble Angewohnheit bet Äinber ist es, sich an fahrende Kraftwagen zu hängen. Die bösen Folgen eines solchen „Scherzes" mutzte ein Junge bei Hatzfeld erfahren. Er klammerte sich an das Ersatzrab eines Autos und bet Autobefitzet fuhr ab, ohne ben Jungen bemerkt zu haben. Durch einen Wege- wärter würbe schließlich das Auto zum Halten gebracht, nachdem sich bet Junge bereits bte Schuhe völlig durchgerutscht und an den Knieen Verletzungen davongetragen hatte.
'■"Subertusjagb. Am Sonnabend, 29. Oktober, reitet bas Offizierskorps des Ausb.- Batls. seine diesjährige Subertusfagb. Stell« bichein um 15 Uhr bei ben Drei Linden an der Straße Ockershausen - Hermershausen. Halali und Platz für Zuschauer im Wiesental 600 Meter westlich Damm-Mühle.
* Konzertvereinschor. Für Drcresekes Große Totenmesse und Bruckners Tedeum, zwei der allerbedeutendsten geistlichen Tonwerke des ausgehenden 19. Jahrhunderts, beginnen heute 20.15 Uhr im Iubiläums- bau die Proben für volles Orchester und Chor.
* V.D.A., Frauengruppe. Wir machen unsere Mitglieder auf ben Vortragsabend des englischen Generalstäblers V. Stranders besonders aufmerksam. Je mehr Ausländer mit uns gegen das Versailler Diktat Kämpfen, desto mehr Aussicht besteht für unsere jetzt geknechteten Grenz- und Auslanddeütschen auf Erleichterung oder Befreiung von zu Unrecht auferlegten Leiden.
• Mittel st andskundgebung der NSDAP. Wie bereits schon mitgeteilt, findet heute abend in den Steinwegsälen eine Mittelstandskundgebung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei statt. Es sprechen der Landtagsabgeordnete G. W. Schmidt, Wiesbaden, der Oberinnungsmeister und Mitglied des Vorstandes des Reichshandwerkerbundes ist und Dr. Adolf Wagner. Gerade in der heutigen Zeit, wo das Handwerk und Gewerbe darnieder- liegt, dürfte diese Kundgebung allgemeines Interesse finden.
* Vortrag Marga von Etzdorf.
Deutschlands kühnste Fliegerin, die besonders durch ihren Derlin-Japan-Flug bekannt geworben ist, wirb am Dienstag, 1. November, 20.15 Uhr. in ben Stabtsälen, die fesselnbe Darstellung ihrer mannigfaltigen Flugergebnisse geben. — Der Vorverkauf be- finbet sich bei ber Elwett'sHen Hnioerfitäts» buchhanblung, Reitgasse.
* Kammermusikabenb in ben Stabtsälen. Am Mittwoch, 2. November, 20.15 Uhr, wird den Marburger Musikfreunden wieder eine musikalische Feierstunde geboten. Das an der Spitze deutscher Ouar- tettgemeinschaften stehende „Klingler- Quartett" wird 3 auserwählte Werke: 1. Streichquartett F-Dur, op. 3 Nr. 5, Joseph Haydn: 2. Streichtrio (Divertimento) Es- Dur, Mozart; 3. Streichquartett Eis-Moll, op. 131, L. van Beethoven zu Gehör bringen. Gerade diese Zusammenstellung mit einem Streich-Trio wird ganz besonders begrüßt werden. — Nach dem wiederholten Auftreten der Künstler weiß man, daß sie die höchsten Ansprüche zu erfüllen berufen sind. Dies leitet sich her aus echt kammermusikalischer Fühlung des 1. Geigers, Professor Karl Klingler, ber prachtvoll dazu abgestimmten zweiten Violine Richard Heber, dem mit feinsten musikalischem Empfinden Bratsche spielende Fridolin Klingler und dem sicher fundierten Cello des technisch hervorragenden Ernst Silberstein. — Der Vorverkauf hat bei der Elwert- schen llniversitätsbuchhandlung und Neufeldt- schen Musikalienhandlung bereits begonnen.
* Wenn die Fische sterben... Rechtzeitig Anzeige erstatten. Anzeigen über Verunreinigungen von Fischgewässern, die das Absterben von Fischen zur Folge haben, werden heute zu spät erstattet, so daß die Ermittlungen über die Ursache der Verunreinigung erfolglos bleiben, weil die Zuführung der schädlichen Abwässer oft heimlich während der Nacht geschieht und nur kurze Zeit bauert. Oertliche Ermittlungen versprechen nur bann Erfolg, wenn sie unverzüglich vorgenommen werden. Für die Ausführung Derartiger Untersuchungen ist in der Provinz Hessen-Nassau der hauptamtliche Oberfischmeister Dr. Lowartz in Kassel (Adresse Oberpräsidium) zuständig. Mtt- teilur.gen über ein Massenfischsterben müssen daher diesem Sachverständigen oder der OrtSPolizeibehörde sosott erstattet werden.
Tagesanzeiger.
Freitag, den 28. Oktober.
Vergmigvngsanreiger.
Eafä Mattees, Rettgasse: Ab 20 Uhr: Konzert Hansi Auttsch mit seinem Orchester.
Eafe Detter. Reitgasse: Ab 20 Ahr: Bobby Müller und seine Solisten.
Stadtteller: 20 Uhr: Oktvberfest.
Restaurant Daub, Frankfurter Srr.: 20 Uhr: Konzert mit Tanzeinlagen.
Capitä, Biegenstraße: 17 und 20.15 Uhr: „Zonnh stiehlt Europa".
Kamera, Kasernenstraße: 17 «. 20.15 Uhr: „Der Schützenkönig".
Versammlungen, Bortrage, sportliche Veranstaltungen usw.
Konzertvereinschor: Orchester mit Chor.
Volkshochschule: 20.15 Uhr im Hörsaal 29 des Landgrafenhauses: Dr. Könitzer: «Die deutsche Ballade und ihre Dichter". —Desgl. 20.15 Uhr in der Südschule: Englische, französische und spanische Sprachkurse. — DeSgl. 20.15 Uhr bet Spangenberg, Dahrchofstr.: Erster Abend des Schachkursus.
Stadffäle: 20.15 Uhr: Große Kundgebung „Kampf dem Versailler Diktat".
NSDAP.: 20.30 Uhr in den Steinwegsälen: Mittelstandskundgebung. Thema „Das Papenprogramm und der deutsche Mittelstand".
Letzte WirtMaklsmeldimgen
r. Frankfurt, 28. Ott. Die Gvund» sttmmung für Aktien scheint auch heute Wetter freundlich zu sein, nachdem sich schon gestern abend Keine Kursbesserungen Durchgesetzt hatten. Zuverlässige Kurse, mit Ausnahme von Farben mit 95 Gelb, waren nicht zu hören. Der eher festere Schluß der gestrigen Neuhotter Börse und freundliche Nachrichten aus der Witt- schast gaben der Tendenz Stütze und schienen dte Spekulatton zu wetteren ®edtatgen zu veranlassen.
x. Berlin, 28. Okt. Die Grundstimmung am Produttenmarkt ist fester. Das Angebot an Brotgetreide bat sich verringert, und nur zu erhöhten Preisen besteht Verkaufslust. Auch Hafer und Gerste war mitgezogen. Die Lieferungspreise für Weizen und Roggen waren 2 M höher. Hafer und Gerste ebenfalls 1,50 M höher.
Gottesdienst.
Sonnabend, den 29. Oktober.
Die Christengemeinschaft (Bewegung f. religiöse Erneuerung), Rikolaistr. 1. 9.30 Uhr: Feier der Menschenweihehcrnd- lung.
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Eröffnung des Theater Winters
Der 18. Oktober.
Diese erste Aufführung des Marburger Theaters stand unter einem guten Stern. Gemeint ist dabei nicht so sebr der große und begeisterte Beifall, den das gut inszenierte und ausge- zeicknet gespielte Schauspiel Walter Erich Schäfers mit Recht fand. Gemeint ist auch nicht nur die glückliche Wahl eines Stückes, das durch seine innere Spannung und seine Eegenwartsnähe trotz des historischen Stoffes em gut Teil der sogenannten Gegenwartsdramatik aus dem Felde schlägt. Gemeint ist vielmehr dies, daß dieses Schauspiel endlich wieder aus der bürgerlich-privaten Sphäre vorstößt in den Raum, in dem große Dramatik überhaupt erst möglich ist. Es schien lange Dei= Wfen, daß em echter dramatischer Konflikt mcr bart vorhanden ist, wo menschliche oder zwischenmenschliche Wettsetzungen in Wider- tzreit geraten mit höheren Wertforderungen. Solche Wertforderungen find entweder religiös oder politisch begründet und haben ihre Würde und Kraft dadurch, daß sie menschlicher Willkür entzogen sind. Innerhalb des Politischen ist nun nicht nur, wie beim Kleistischen Drama, der Staat allein di« höhere Wertordnung. Der Kampf kann ebenso um Bindungen des Volkstums gehen. Solch einen Konflitt legt Schäfer feinem Werk zugrunde.
Der 18 Oktober 1813 entschied das deutsche Schicksal für ein Jahrhundett- Der Sieg bei Leipzig vernichtete den Versuch Napoleons, Europa von Frankreich aus zu ordnen und zu beherrschen. Die preußisch-deutsche Erhebung bereitete die Möglichkeit einer deutschen Ordnung Mitteleuropas vor — die freilich heute noch nicht beendet ist. Noch am Vorabend der Schlacht stehen stch Deutsche und Deutsche gegenüber. Rheinbundtruppen, derew Fürsten, ohne Ahnung einer gemeinsamen deutschen Aufgabe durch Rangerhöhungen an Napoleons Schicksal stch binden ließen, liegen dicht vor den preußischen Linien. Sie spüren dumpf die Sinnlostgkeft ihrer Lage, folgen aber unge- fragt ihrem Führer dem Obersten Bauer. In ihn legt das Schicksal die Entscheidung. 2n ihm spricht^ die Stimme der H e i m a t, des Blutes: Dörfer, die er nachts durchreitet unter dem Banner des Kaisers Napoleon, find deutsche Dörfer wie die der Heimat. Derwun. dete und gefangene Gegner sprechen mit deutscher Zunge. Der gefallen« preußische Freiwil,
lige gemahnt ihn an den eigenen Sohn, der von Smolensk fiel. Aber ihn hält der Eid. Sein soldatisches Pflichtgefühl läßt ihn appellieren an die Einficht seines ftanzöfisch sprechenden Fürsten — erfolglos. Jetzt beginnt die Schicksalsnacht des 18. Oktober, die ihn in die ausweglose Entscheidung drängt.
Mit dramatischer Steigerund preßt Schäfer die Handlung in wenige Stunden zusammen.
Soldaten des Obersten Bauer lagern vor einem zerschossenen Dorf, unruhig schlafend und in dumpfer Erwartung des kommenden Tages. Gegenüber dem vom Hauptquartier kommenden ftonzöfifchen General Delarede entläd fich die Spannung in Tumult, die der Oberst, echter soldatischer Führer, sofort stillt. Delarede begründet dem Obersten das Ausbleiben der Reserven mit dem Uebergang der Sachsen zu den Preußen. Die Soldaten erfahren nach dem Fortgang der Offiziere die gleiche Tatsache durch einen preußischen Freiwilligen, der als Fuhrmann vertteidet zu ihnen stößt und ihnen von D e u t s ch la n d spricht. Sie ahnen was es heißt, daß der preußische Soldat für die Sache der Freiheit, die deutsche Sache kämpft, wo sie — ein ewig verlorener Haufe — um Geld einem Fürsten dienen, der nichts von ihnen weiß. Aber ohne ihren väterlich-kameradschaftlichen Oberst wollen fi« nichts unternehmen- Er soll für fie entscheiden, wie er immer für fie gesorgt hat.
Der „Fuhrmann" wird vom hinzukommenden Offizier als preußischer Soldat entlarvt. Delarede verlangt seine standrechtliche Beftta- fung. Oberst Bauer soll fie ausführen. Seine innere Stimme zieht ihn zu dem preußischen Angeklagten. Er läßt ihm lange, trotz des Einspruchs des Generals, das Wort zur Verteidigung. Aber der junge Preuß« verteidigt nicht fich, er spricht für die deutsche Sache, er spricht, mit den Worten des Freiherrn vom «tein. für das deutsche Volk, vor dem die Fürsten nur Werkzeuge find. Und auch er schiebt dem Obersten die Entscheidung zu, dr« ihm kein Fürst abnehmen kann. — Das Standgericht spricht den Preußen schuldig, auch Oberst Bauer muß als Soldat ihn schuldig sprechen. Aber er bittet, er, ein alter Soldat, bittet den General um Gnade. Der ver- wergert sich kalt. Oberst Bauer folgt dem Befehl zur Exekution nicht- Er hat sich durchgerungen zur Klarl>«it, zum festen Willen, nicht einen Blutstropfen mehr dieser verlorenen
Sache zu opfern. Das ist Meuterei. Er muß seinen Degen abliefern, sein Kommando niederlegen.
Aber damit ist seine Truppe ohne Haupt. Der Hauptmann, der an des Obersten Stelle die Exekution an dem Preußen ausführen soll, kehrt nicht zurück. Die Kugeln, die den Preußen treffen sollten, trafen ihn. Die jungen Leutnants, überzeugt von der guten Sache der Preußen, wollen ihren Obersten bestimmen, den letzten Schritt von der Erkenntnis zur Tat zu tun. Doch sie müssen erkennen, daß er ihnen weit voraus ist — im Geist und in der Tat. Er weiß, ^aß seine, Leute der befferen, der deutschen Sache gehören. Er gibt dem Leut- nant Befehl, das Regiment den Preußen zuzuführen. Und hält doch seinen Eid — die letzte Äugel güt ihm selbst. Er sieh: das neue Land, Deutschland, — und darf es doch nicht betteten.
Der gestrigen Aufführung gelang es, vor gut beiets-em Hause dem Stück zu emem ganz großen Erfolg zu verhelfen. Das gestalte- riiche Können Schäfers entspricht nicht ganz seinem ethischen Willen. Seine Personen sind zum großen Teil zu sehr Typen. Aber die Gießener Schauspieler brachten es fertig, ste zu überzeugender Wirklichkeit und erschütternder Menschlichkeit zu gestalten. Vor allem erreichten sie in gutem Zusammenspiel ® w ausgesprochen echte, rem männliche Atmosphäre ,wie sie der inneren Gewalt die- >^-wi^iischen Schicksals angemessen ist. Das Stuck steht und fällt natürlich mit dem Obersten Bauer, der einzigen ganz erfüllten Figur- der einzigen, die eigenes Schicksal bat. P et er Fassot hat das innere Gewicht, das diese Rolle braucht. Er hat die väterliche Güte und die männliche Hätte, die Möglichkeit, sich von der Jugend ergreifen zu lasten — und die rauhe und unerschütter- liche Eradheit, der ein Eid em Eid bleibt, wenn auch Vernunft und Her; dagegen spricht. Man muß es hören, wie er offen mit [einen Soldaten spricht, wie er sie rauh zur Ordnung ruft, wie feine Stimme schwingt, wenn er von Deutschland spricht, wie sie brüchig sich verbergen möchte, wo er bitten soll — und wie sie metallisch dröhnt, wo er den General warnt vor der letzten Unmenlchlichkeit. Und man muß ihn sehen ht seinem stummen Spiel! Fassot hat mit diesem Obersten Bauer eine Rolle von nicht alltäglichem Rang restlos ausgefüllt! Ihm gegenüber
Heinrich Hub als General Delarede — eine ausgezeichnete Leistung. Den Ton des lernen Soldaten, scharf und bestimmt, traf er gut. Die fremde Klangfärbung verbunden mit der leichten nervösen Gereiztheit machten die Schwierigkeit seiner Position, als Vorgesetzter fremden Blutes, deutlich. Er ließ dem General, vor allem bet dem Appell an die Blutsbrüderschaft der napoleonischen Soldaten. soviel sympathische Züge als er braucht, um als dramatischer Gegenspieler gleichen Ranges gelten zu können.
Die übrigen Offiziere geben ein gutes Bild militärischer Möglichkeiten: H e ih e r als Adjutant von Arco kühler, rauher Pfficht- mensch: Wolfgang Kühne als Hauptmann von Massa herzlich unsympatisch, kaltschnäuzig und ohne inneren Kontakt mit der Mannschaft: Paul Nieren und Alfred Fier- ment offen, ehrlich und begeisterungsfähig. Aus der Mannschaft spielte sich Jochen Hauer als rechter Landsknecht, grob, unbeholfen in der Sprache, aber mit dem Herzen aur dem rechten Fleck, leicht jn den Vordergrund. Bruck, Geiger, Dielen und der Neuling K. P. Hamel, dieser mit sym- patsich jungen Ton, rundeten das Bild ab, dem Volk als Korporal die rechte Altersfarbe gab — so hat ein alter Korporal nun mal auszusehen. Besondere Erwähnung ver- Sient der andere „Neue": Rainer Eggemann als preußischer Freiwilliger Fabricius. Jung und blond, von mitreißender Begeisterung und zugleich preußischer Knappheit. Seine Sätze klangen zwar Anfangs ein wenig „gelernt" — aber das liegt zum Teil am Tert. Man möchte (Eggemann gern mal wirkliche dichterische Sprache sprechen hören.
Die technische Seite: Ausbau, Bühnenbild, Beleuchung ließen nichts zu wünschen Übrig- Die nächliche Stimmung des ersten Bildes war ganz ausgezeichnet. Herr Schöffler zeigt« wieder, was man selbst aus einer so ungünstigen Bühne wie der Marburger machen kann.
Noch einmal: Der Abend war ein wohlverdienter Erfolg, an dem der Schauspieler wie der Svielleiter Fasiot gleichen Anteil hat. Wir hoffen, daß dieser Erfolg der Leitung Mut macht, weiterhin (und vielleicht auch etwas schneller) sich für Werke einzusetzen, die wie dieses dem echten Bedürfnis nach einer zeitnahen und zukunstweisenden Schauspielkunst entsprechen. —o. —r.