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CBetDemw Zeitung. Marburg e. L. Domwrstag, dm 27. Oktober 1932

Nk. Z5S

Aus der Umgegend

Kreis MMuri

r. Rauschenberg, 24. £11. In einer ^besuchten Wahlversammlung der NSDAP .ahm der erste Redner, Elmshäuser- Laprel, Stellung zu den Programmen der poli.l chen Parteien. Er stellte im Gegensatz dazu das Wollen der nationalsozialistischen Bewegung, insde andere die Maßnahmen der NSDAP in den einzelnen Ländern, ferner die weltanschauliche Auffassung seiner Partei chatt heraus. Als zweiter Redner sprach der Gauleiter Weinrrch aus Kassel. Er schil­derte leine Erfahrungen im Landtag u,.o gab damit wertvollen Ausschluß über viele Fragen, die von der Presse verschiedener Richtungen im allgemeinen abweichend von dieser Darstellung gebracht worden sind. Man hatte den Eindruck, daß ein erfahrener Füh­rer und Kämpfer sprach, dessen Seele schwingt im Kampf für Deutschlands Freiheit und Zukunft.

- N e u st a d t, 27. Okt. Unser städtischer Zuchtviehwärter, Herr Wilhelm Mann, kann morgen auf eine 25sährige Dienstzeit zurückblicken. Er ist der erste Zuchtviehwärter, welcher das Zuchtvieh betreut, nachdem die Stadt im Jahre 1907 einen Luchtviehstall im Betrage von eiwa 15 000 RM.am Struthfeld erbaute und die Pflege des Zuchtviehs in eigene Regie übernahm. 2m Jahre 1920 erhielt Herr Mann von der Landwirtschafts­kammer Kassel ein Diplom und die Bronze- Medaille für gute 'Pflege des Zuchtviehs.

Eroßseelheirn, 27. Okt. Der Reichs- wehr-Obergefr. H. Le sch von der 5. Kom­panie Inf.-Regt. Nr. 15 Weimar, Sohn des Bäckermeisters Lesch von hier, erhielt bei dem diesjährigen Kompanie-Preisschieben den 3. Preis, eine Standuhr. Bei dem Bataillons- Preisschieben errang er den 1. Preis, eine goldene Herren-Taschenuhr: beim Divisivns- Preisschieben den 3. Preis: Stoff für einen Herrenanzug und Wintermantel.

- Speckswinkel, 26. Okt. Der g e- meldete Ueberfall auf den Arbeiter Paul Breuer ist nach den Feststellungen der Landjäger als fingiert anzusehen. Breuer hat eingestanden, daß ihm das Vieh durchge­gangen sei. Um von seinem Arbeitgeber nicht entlassen zu werden, habe er den Ueberfall vorgetäuscht. Breuer wird sich noch gericht­lich zu verantworten haben.

Eb s dorf, 27. Okt. Schweinemast findet hier morgen Freitag statt.

Die Messerstocherei von Niederwaügem.

Niederwalgern, 27. Okt. Zu unserer Meldung über die Messerstecherei in Nieder­walgern können wir heute mitteilen, dah der verhaftete Täter namens Hormel aus Argenstein ein Geständnis vor dem Un­tersuchungsrichter abgelegt hat. Er ist dar­aufhin aus der Haft entlassen wor­den. Nach diesem Geständnis will er von den Fronhäuser Burschen überfallen worden sein, was aber im Wiederspruch zu anderen Zeugenaussagen steht. Ob die Angaben des Täters stimmen, wird die fol­gende Gerichtsverhandlung ergeben. Die Ver­letzungen des Arbeiters Konrad Gom­bert aus Fronhausen sind sehr schwer. Der Stich, der mit einem Dolch ausgeführt wurde, hat allem Anschein nach das Rücken­mark getroffen, denn der verletzte liegt ge­lähmt in der Klinik. Wie wir weiter hören, soll der Stich dem Verletzten nicht ge­golten haben.

Kreis Frankenverg

Oeffentliche Kundgebungen der NSDAP.

Br. Frankenberg, 26. Okt. Freitag. Sonntag und Montag fanden im „Hessischen Hof" öffentliche Versammlungen der NSDÄP statt. Freitagabend sprach der Eaufachbera- ier für Handwerk und Gewerbe, Bern­hardt, über den deutschen Mittelstand. Un­ter anderem führte der Redner aus: „Das deutsche Handwerk ist im Aussterben begrif­fen, durch die Industrie verdrängt. Damit wird Abertausenden der Lebensunterhalt ge­raubt. Für das Handwerk will die NSDAP kämpfen, um Tausenden von Familien Eri- stenzmöglichkeiten zu schaffen." — Sonntag führte Otto Baugert über das Thema: „Fort mit Papen! — Gebt Hitler die Macht!" aus: „Nicht klammern wir uns an Parteigeist und Parlamentarismus, wie man uns vorwirft. Nein, wir bilden nur eine Parte: ,um auf legalem Wege über das Par­lament zur Führung gelangen zu können. Wir verzichten auf Vizekanzlerposten, son­dern scharen uns um unseren Führer Adolf Hitler, um mit eiserner Energie das Steuer des Staats schiff es in die Hand zu bekommen." — Am Montag fanden die Kundgebungen der NSDAP in der Rede des Dr. Roland Fr ei sl er-Kassel über das Thema: „Hit­ler ober Papen!" ihre Krönung. Schon der Name Freisler hatte eine grobe Besucherzahl, auch aus der Umgebung, angelockt. Der Redner führte aus: „Was hat uns die De­mokratie gebracht, eine Verfassung, in der steht: Die Gewalt geht vom Volke aus! Doch wo bleibt heute die Volkssouveränität? Warum stand in den letzten Jahren das Volk auf, der Bauer, der Arbeiter, der Handwer­ker, der Bürger? Weil das Volk jahrelang von einer Bonzokratie beherrscht wurde, die aus seinem kostbaren Schweiße Gold müngte, die seine Freiheit dem Zentrum opferte. Und warum haben wir heute 5 Millionen, die arbeiten wollen, doch nicht dürfen? Warum haben wir hn Fernen Osten Raum ohne Volk und hier, bet uns, Volk ohne Raum? Noch dehnen sich weite Heideflächen und Moore aus, die Tausenden von Fa­milien eine Heimat geben können. Doch heute wohnen die Deutschen in den Höhlen der Städte, und eine verkümmernde Jugend wächst heran. Hier wollen wir mit unserem Führer etngretfen, wollen den Lebensmotor wieder ankurbeln. Doch, um das zu können, brauchen wir eine vollkommene innere Er­neuerung. Wir ringen in hartem Kampfe in dieser heiligen Stunde um die Freiheit, die Wahrheit, die Schlichtheit und die Arbeit. Und daß diese Stunde schlägt, zeigt das all­mählich aus seinem Dämmerschlaf erwachende Deutschland."

XX Ro senthal, 26. Okt. Vor eini­gen Tagen traf der von Schleswig-Holstein nach hier versetzte Pfarrer Lief!and ein. An seinem Einzüge nahm die ganze Ge­meinde teil. Eine besondere offizielle Be­grüßung fand durch die kirchliche Vertretung der Gemeinde und durch die kirchlichen Chöre und den Männergesangverein statt, welche dem neuen Ortspfarrer cm Begrüßungsständ­chen brachten. In bewegten Worten dankte der Pfarrer u. hob besonders hervor, daß er sich freue, int schönen Hessenland wirken zu können, das er schon seit seiner Jugend liebe. Mit dem Choral „Nun danket alle Gott" nahm die eindrucksvolle Feier ihr Ende.

xx Frankenau, 27. Okt. Durch den rrandespfarrer Herrn Dettmering wurde am vergangenen Sonntag der hiesige Pfarrer Kraft in sein neues Seelsorgeranrt einge­führt. Die feierliche Handlung wurde durch den Posaunen- und Kirchenchor eingeleitet. Außer dem Kreispfarrer Fischer und einigen anderen Pfarrern hatte es sich auch Herr Landrat Winterfeld nicht nehmen lassen, die­ser Feier beizuwohnen.

AUS dem SMrelS

Dir Unterschlagungen im Biedenkopfer Landrat samt.

Vor der Marburger Großen Strafkammer, die im Sitzungssaal des neuen Kreishauses in Biedenkopf eine Verhandlung abhielt, hatte sich der frühere Beamte der Kreiskommunal- kafse, L ö b e r, wegen erschwerter Amtsunter­schlagung, -schwerer 'Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug zu verantworten. Es handelte sich um die schweren Unterschlagun­gen, welche bekanntlich jm vorigen Jahre im Biedenkopfer Landratsamt aufge- deckt wurden. Insgesamt wird der Schaden, den die Kreiskommunalkasse durch die Unter­schlagungen erlitten hat, auf 30 000 RM. geschätzt. Einer der Hauptbeteiligten, der Rendant Prentzel, machte bei Aufdeckung der Verfehlungen seinem Leben durch Erschießen ein Ende. Der 22jährige Supemumerar Stecker, welcher auch in die Affäre verwickelt war, erhielt 7 Monate Gefängnis mit drei­jähriger Bewährungsfrist, während der Be­amte Löber mangels Beweise freigesprochen wurde. Die von der Staatsanwaltschaft ein­gelegte Berufung gegen diesen Freispruch führte heute dazu, daß Löber wegen erschwer­ter Amtsunterschlagung zu IVe Jahren Zucht­haus und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt wurde. In der Beweisaufnahme konnte fest- gestellt werden, daß die Herren Prentzel und Löber neben der ordnungsmäßigen Kreis- kommunalkafle noch eine Nebenkasse, die sie „schwarze Kasse" benannten, eingerichtet hat­ten. In diese Kaffe, die nach Angabe des Angellagten manchmal bis zu 6000 RM. um­faßte, kamen Beträge, welche eigentlich in die Kreiskommunalkaffe gehörten. Wenn sich dann in der Kreiskommunalkaffe Differenzen er­gaben, machte man sie mit Hilfe der „schwar­zen Kasse" stimmend. Irgendwelche Bücher wurden über diese Kasse nicht geführt. Die Herren Löber und Prentzel handelten im gegenseitigen Einverständnis und entnahmen, wenn sie für private Zwecke Geld brauchten, der „schwarzen Kaffe" Beträge in beliebiger Höhe. Löber bestritt irgendwelche Unter­schlagungen und führte zu seiner Verteidigung an, daß die fehlenden Gelder wahrscheinlich gestohlen worden seien. Durch Zeugenaus­sagen wurde ihm jedoch die Unterschlagung von mindestens 10 000 RM. nachgewiesen.

0 Battenberg, 26. Okt. Der Regie­rungspräsident weilte mit dem Kommunal­dezernenten im Edertale und besichtigte verschiedene Anlagen, u. a. auch die Eder- goldguelle bei Mendorf. Anschließend wur­den dem Präsidenten die neuen Ibreisaus- schußmitglieder vorgestellt.

xx Battenfeld, 27. Okt. Am Mitt­woch fand der hiesige Vieh - und Kram- markt statt. Daß der Battenfelder Vieh­markt noch immer für die Bewohner des Edertales und der Umgegend seine alte An­ziehungskraft bewahrt hat, beweist der trotz des schlechten Wetters noch starke Besuch.

Der Auftrieb der Tiere — es waren rd. 100 Stück — war stark durch die schlechte Witte­rung beeinflußt. Der Handel war oen Zeiten entsprechend flau. Gezahlt wurden für Jung- tiere bis zu 1 Iahr 75—85 RM., für Färsen bis 150 RM., trächtige Rinder kamen bis zu 250 RM. Für Kühe erster Qualität wurde 250—300 RM. und für schlechtere von 200—250 RM. gezahlt. Trotz aller Un­bilden herrschte auf dem gut besuchten Markt ein reges Leben.

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Skssm-Rlissmiimd NMmgMtk

3m D-Zug betäubt und ausgepkünderi.

Frankfurt a. M., 26. Ott. Ein ge­heimnisvoller Vorfall hat sich in dem D-Zug Wtesbaden-Frankfurt-Berlin zu- getragen. Als heute vormittag dieser Zug fahrplanmäßig um 8.41 Uhr in Berlin env traf, fand der Zugschaffner zwischen den Stationen Friedrichstraße und Aleranderplatz in einem Abteil dritter Klasser einen sehr elegant gekleideten etwa 35jäh­rigen Mann bewußtlos auf. Dem Schaffner war dieser Reisende schon feit Kassel wegen seines dauernden Schlafens aufgefallen, er hatte jedoch den Mann nicht stören wollen, da er bereits feine Fahrkarte kontrolliert und in Ordnung befunden hatte. Wie weiter festgestellt wurde, war dieser Rei­sende vor Kassel in ein leeres Abteil urnge- ftiegen. Die Durchsuchung seiner Kleider am Schlesischen Bahnhof ergab, daß ihm sämt­liche Äusweispapiere, Barmittel und auch die Fahrkarte fehlten, es wurde bei ihm lediglich eine Armbanduhr und ein deutiry-englisches Wörterbuch aufgefimben, in dem der Name „Rolf Raibom" eingeschrieben war. Der so­fort hinzugezogene Bahnarzt ordnete die Ueberführung des Mannes ins Krankenhaus im Friedrichshain an. Dort liegt der Un­bekannte noch immer bewußtlos darnieder, so daß die polizeilichen Ermittlungen, die sofort in Angriff genommen wurden, bisher noch keine Klärung des Tatbestandes bringen konnten.

Gefängnis wegen Herausgabe eines Ersah» Mattes.

Darmstadt, 26. Okt. Vor dem Be­zirksschöffengericht hatten sich heute der Her­ausgeber der nationalsozialistischen „Hessischen Landeszeitung", Kichler, und der Letter der nationa!sozialistischcn Gaupressestelle, Dr. Röder, zu verantworten. Ihnen wttd zur Last gelegt, daß sie bei dem int Sommer d. 3s. erfolgten Verbot der Zeitung an diesem Tage ein Ersatzblatt herausgegeben haben, wofür der erste Angellagte als Herausgeber, Dr. Röder als verantwortlicher Redakteur zeichneten. Die beiden Angeklagten erklär­ten, es handle sich nach ihrer Auffassung lediglich um ein Wahlflugblatt und die sonn- täglrch erscheinende illustriette Beilage, die ebenfalls mit verbreitet worden war, falle nicht unter das Zeitungsverbot. Das Gericht verurteilte die beiden Angeklagten wegen Vergehens gegen die Verordnung vorn 14. Juni 1932 zu der Mindest strafe von je drer 'Monaten Gefängnis, billigte jedoch den Verurteilten eine zweijährige Be­währungsfrist zu.

Aus unbekannten Gründen erschossen.

Hanau, 25. Okt. Der 46 Jahre alte verheiratete Prokurist einer großen Fabri­kationsfirma, Heini. Thielemann, hat sich aus bisher unbekannten Gründen erschoffen.

lNachdruck verboten!)

Skk Rngling Im Stttttefcn

Roman von Heinz Steguweit.

72. Fortsetzung.

Za, hier tat sich die Seele eines Reiches auf, in dem man noch ans Glück der Ar­beit glaubte. And als ich helfen durste beinr Stemmen, Hacken und Messen, schlug mein Herz wie in einem beschenkten Knaben.

Als wir am Deutschen Eck von Koblenz vorübertrieben, muhte ich an Fritz Dillen denken, dem man den Arm von der Schul­ter geschnitten hatte. Auf der Uferprome­nade paradierten bewaffnete Regimenter, vom Turm des EhrenbreitsteinS böllerten Kanonen, die Marseillaise schmetterte übers Wasser. Da war ein hoher General auf Besuch gekommen, zuweilen flatterten Silben seiner Ansprache herüber, und man ahnte, daß da wieder ein Haß trainiert wurde. Meine Flößer hörten und sahen nichts, weil sie nichts hören und sehen wollten. Der Rhein war ihr Eigentum, — wer konnte solc^n Sinn mit der Wurzel verbrennen? Meister Erl kam über die Hölzer gerannt, schreiend und tobend, das Floß gitterte unter den Sprüngen seines Körpers: „'Re Käfer, 'ne ttchttge Marien­käfer!"

Der Floßführer stürzte vom Koch zum Borarbeiter und vom Dorarbeiter ya den Männern und Lehrlingen. Auf der Spitze seines klobigen Zeigefingers fr abbeite ein Käfer mit roten Flügeln und schwarzen Tupfen. Jeder mußte die winzige Krea­tur bewundern, während die Augen des Meisters leuchteten in täppischer Verzük- kung: „'Re Marienkäfer, un bat bald mit* ter; em Winter I"

Da stand der Kerl auch vor mir, breit­beinig, ein erratischer Block. And der Kä­fer flatterte fort, alle blickten ihm nach,

das war ja unendlich wichtiger als tausend Paraden am Ufer. Mir, dem Fliehenden und Verirrten, wurde das Floh zur Insel Schetta, und jeder dieser Männer war ein glücklicher Phäake!

Meister Erl zeigte in die Wälder auf den Bergen, wo französische Pioniere viel zu junge Bäume fällten. Forsttegie! Man sah die Kahlschläge meist an solchen Kan­ten, wo der Wald ein Dorf gegen bas Wetter schützen sollte.

Am linken Afer die Trümmer einer Eisenbahnkatastrophe. Eine Lokomotive fauchte senkrecht auf den Hinterrädern, neben ihr ein Chaos von qualmenden Brettern, verbogenen Schienen und mitt* lings geborstenen Wagen. Eisenbahnregie! Sieben Autos mit roten Kreuzen nahmen die Verletzten und Toten auf, das war das achtunddreißigste Anglück, seitdem man die Stellwerke am Rhein von fremden Igno­ranten verwalten ließ.

Als die Dunkelhett kam, wurde in der Ducht von Arfeld das Afer angefteuert. Nachts durfte kein Floh auf dem Strom treiben. Befehl der Polizei. Anser Schlep­per gab Glockensignale, die Flößer ant* wotteten mit winkenden Armen, dann prallten die Anker aufs Wasser und in die Tiefe. Der Vorarbeiter goß Oel in die Laternen, man setzte Warnungslichter. Wir speisten bei Meister Erl, heißen Kaffee gab's, auch Brot und Blutwurst. And zur Nacht schlief man getrennt. Die Allen für sich und die Jungen für sich. Maria und Sebasttan streckten sich neben dem Floß­führer ins Sttoh, da gab es keine Zimper­lichkeiten. Ich selber war zu unruhig, um Schlaf zu finden. Darum wartete ich drau­ßen auf die Finsternis, der Wind bih scharf, am Himmel fielen Sterne, — Hungerjahre kündeten sich an. And Wildgänse hörte ich die zogen als schnat­ternder Keil dem Süden zu, well es hier vorbei war mit der Heimat.

Ams Morgengrauen hotte ich das Küchenbell und spaltete Holz. Dann machte ich Feuer, daß alle im Warmen erwachen sollten. Einer der Lehrlinge wollte sich heimlich vom Waschen drücken, well der Rhein so eisig war. Meister Erl donner- wettette, daß das Floß ans schaukeln kam. Ich fammlete die Laternen ein, der Schlep­per läutete, die Anker wurden gelichtet. Wieder nahte ein Abschied, abermals muß­ten wir uns von einer Wett trennen, die uns das Herz erwärmt und die Seele auf- gerichtet hatte. In Rodenkirchen kam schon einer nach dem andern in die Bude Mei­ster Erls, um uns die Hand zu geben. Doch sprachen die Flößer nicht viel, weil sie sich nicht heucheln wollten. Jeder wußte, daß wir einsame Leute waren.

^Mach et kurz", knurrte Meister ®rL küßte Maria, er küßte mich, er küßte den jammernden Sebasttan. Boche kläffte frech unterm Rock meiner Frau. Dort war es am wärmsten.

16.

Nach Muttern!

Mit Sack und Pack standen wir an der Kölner Frankenwerft, ich fühlte mich nicht daheim. Zwar waren die Spitzgiebel am Äser immer noch rissig und schief, zwar hatten die Schellen der Elekttischen immer noch ihren bellenden Klang. Aber das Gehabe der Menschen! Als ich noch Knabe war, liefen wir Gören den Hundefängern fünfzig Meter voraus, um jeden Köter zu verscheuchen. Die Kinder von heute hatten andre Freuden: sie lungerten in Rudeln umher, weil Schülerstreik war. Und diese khattgelben Engländer! Jeder dritte fühtte eine Bulldogge an der Leine, wunderbar gepflegte Exemplare. Es gab mehr Tier- liebhaber als Menschenfreunde unter den Siegern.

»Wohin, Matta?"

Sie zuckte imt den Schullern, als wollte sie sagen, ich müßte das besser wissen. Nichts wußte ich besser, doch brachte ich Matta und den Jungen mit allem Gepäck in eine Kaffeewirtschaft, wo es von fetten Gassenweibern wimmelte. Die Bude war blau vor Qualm, am Schanktisch kippten Kutscher, Matrosen und Sackträger ihre Schnäpse, aber irgendwo mußte meine Familie solange ins Warme, bis ich ein Dach für sie fand. Die Männer und Wei­ber an den Tischen sahen, daß sich aus­gewiesene Leute hierher geflüchtet hat­ten. Da gab der eine den Kaffee der andre den Streuselkuchen, der brüte warf Boche eine Wurstpelle hin. Doch lachte man mich einmütig aus, als ich von den unmenschlichen Franzosen sprach. Hier im St»mmlokal der Primitiven warf man alle Schuld und allen Haß auf die deutschen Unternehmer. Warum? Es hätte so in der Zeitung gestanden. Und als ich schüchtern meinte, im Rheingau seien die Großen zusammen mit den Kleinen ins gallische Gefängnis gewan­dert, da schwiegen die Erhitzten zwei Herzschläge lang, bis em junger Täto­wierter auch diesem peinlichen Verstum­men aus der Verlegenheit hals: Den Unternehmern sei jedes Mittel recht, um die Kleinen zu chloroformieren!

Ich verließ entwaffnet die Kneipe, ging über die Hängebrücke, wollte ins Deutzer Hospital. Fragte dort nach Schwester Rosa Viterbo, fragte auch nach dem Dok­tor mit der Brille und den gutmütigen Chinesenaugen. Beide kamen, beide 'üttelten die Köpfe: Wer ich denn sei? Was ich denn wollte? Die Zunge keilte stch in mir in den Gaumen. Ich stockte, stammelte, nannte meinen Namen, fügte, ich sei doch derjenige, der damals im November 1918 das Mädcken aus dem Wasser geholt habe, ich hätte doch unten rechts in der Stube gelegen...

Fortsetzung folgt.