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Sette 6

Oberdessische Zeituna, Marburg tu L. Ttensteg, den 25. Oktober 1932

Nr. 251

Aus der Umgegend

Kreis Morkura

Musiknachmittax, der Städtischen Mittel­schule Kirchhain.

-o- Kirchhain, 25.. Oft. Für den Soniftagnachmittag hatte die Städtische Mit­telschule in die Zahnturnhalle zu einem Mu- siknachmtttag eingeladen. Groh und klein, Stadt und Land folgten diesem Rufe. Der Musiknachmittag wurde durch die überaus zahlreiche Beteilrgung und durch das, was geboten wurde, wirklich zu einem Nachmittag deutscher Kultur. Die Voftr^ssolge brachte Ernst und Frohsinn, zeigte tSottestum und Soldatenfrische, Lenzeswehen und Liebes­freude in ihrem klingenden Gewand. Mit dem machtvollen Bach-Choral: „Zwingt die Saiten in Cythara" begann die Folge. Cel­lis, Bratschen und eine grohe Anzahl von Geigen erklangen in wuchtigem Chor, zu dem sich dann die Stimmen der Mädel und Jun­gen gesellten. Eine andere Musizierform zeigte dann das Lied: „Der Winter ist ver­gangen". Ihm schloß sich an im polyphonen Satz: „Nun wird der Lenz uns grüßen" und mtt Walter Reins: „Jetzt kommt die Zeit, daß ich wandern muh" und „Es wollt ein Jägerlein jagen" kam die neuzettliche Chor­schulung zu ihrem Recht. Im instrumenta­len Teil Höften wir Schuberts „Eccocaissen" und Teile aus dem „Diveftimento". Be­sonders freudig schlugen die Herzen, als mtt frischen Soldatenliedern alte Erinnerungen wieder aufwachten. Mit wuchtigenSprech- chören wurde das Erundthema „Deutschland, du bist unser Feldgeschrei" angeschlagen und Heller strahlten alle Augen im Saal und auf der Bühne, als Liliencrons „Die Musitk kommt" vorgetragen wurde. Mit dem ge­meinsamen Gesang des Liedes „O Deutsch­land hoch in Ehren" schloh der erste Teil. Der zweite Teil der Vortragsfolge wurde von den Schülern und Schülerinnen der un­teren Klassen bestritten. Die Boftragsfolge brachte Gesang, Musik und Tanz in angeneh­mer Abwechselung. Einen wohlgelungenen Abschluß der Veranstaltung bttdeten vier Bauerntänze, ausgefühft von den Schülerin- nen der Quarta und Untertertia.

lleberfalf.

« Speckswinkel, 24. Ott. Der Ar­beiter Paul Breuer aus Neustadt hatte zwei Stück Rindvieh aus Erksdorf geholt und trieb diese nach Neustadt. In der Nähe des Külbacher Holzes wurde Breuer gegen 8 Uhr abends von zwer Männern angehal­len, welche sein Geld verlangten. Da Vreuer ohne Barmittel war, entrissen sie ihm die beiden Stück Vieh und jagten sie in die Fel­der. Die Tiere fanden sich später wieder in in Erksdorf ein.

Ein fetten« Bogel.

Hachborn, 25. Ott. Vor einigen Tagen wurde hier ein seltener Vogel gefangen, der den Namen Wasserralle führt. In einer Scheune, wo er wahrscheinlich übernachten wollte, wurde er von einem Mitglied der Zweigberingungsstelle Marburg gefangen. Man zog dem Vogel einen Ring an und lieh ihn wieder fliegen. Hier im Kreise Mar­burg findet man diese Tiere nur ganz selten. Die Wasserratte gehöft $u den Vögeln, die am schwersten zu beobachten sind. Sie hält sich

an überwachsenen Wassergräben und Teich- ufern auf. Sie schwimmt nur im Pflanzen­dickicht und kommt fast nie auf die Obeftläche hinaus, das Versteckenspielen ist ihr zur zwei­ten Natur geworden. Sie ist ein ausgezeich­neter Läufer und eilt mit Hilfe ihrer langen Zehen sicher und ohne einzusinken über die Blätter der schwimmenden Wasserpflanzen da­hin oder huscht bei ihrem schmalen Körperbau mit auherordentlicher Gewandtheit durch das dichteste Gestrüpp. Die Wasserratte hat einen sehr langen Schnabel und sehr hohe Beine.

Die praktische Teerdecke.

Wenkbach, 25. Ott. Bei dem anhal­tenden Regenwetter mertt man erst, wie gut es ist, dah die längste Strecke unserer Haupt- doftstrahe mit einer Teerdecke versehen wurde. Während man sonst den mit Was­ser gefüllten Schlaglöcher kaum ausweichen konnte und dazu noch von den vielen vorbei­eilenden Kraftfahrzeugen beschmutzt wurde, ist die Teerdecke völlig sauber trotz der starken Regenfälle, und Radfahrer und Fuhgänger brauchen nicht mehr vor einem vorbeifah­renden Auto in den Straßengraben zu sprin­gen. Hoffentlich läht die Kreisverwaltung auch noch den kleineren Rest der H a u p 1 st r a h e bald teeren. — In der Gastwirtschaft Witwe Wagner fand eine Wahlkundgebung der NSDAP statt, die gut besucht war. Herr Carsten sprach über das Thema: „Papen und Nationalsozialismus". Mit reichem Beifall dankte man dem Redner.

Wenkbach, 24. Oft. In diesen Tagen waren es 10 Jahre, daß unser Kirchenchor be­steht. Aus diesem Grunde wurde am Sonn­tagabend eine liturgische Abendfeier in der Kirche abgehalten, bei der Orgelvorträge, Reden und Gesänge des Chors und der Ge­meinde abwechselten. Trotz des schlechten Wet­ters hatten sich etliche Veftreter der benach­barten Kirchenchöre eingefunden, so daß unser Gotteshaus überfüllt war. — Unsere Kirche hat nun seit einigen Tagen zwei neue Oefen erhalten, da der alte Ofen stark abgenutzt war. Da die Kosten durch den Bau eines zweiten Schornsteins gestiegen sind, wurde eine freiwillige Ortssammlung veranstaltet, von der man erwartet, daß sie alle Auslagen decken wird. — Dieser Tage waren es 25 Jahre, daß Lehrer Eeitz im Schuldienst tätig ist. Der Gesangverein „Germania" brachte ihm ein Ständchen.

Wenkbach, 24. Oft. Des anhaftenden Regens wegen konnten unsere Landwifte den schweren Lehmboden noch nicht fertig bestellen. So ist noch Roggen und auch noch Weizen auszusäen. Hier und da stecken sogar noch die Rüben und fast alle Stoppelrüben. Selbst den Feldmäusen scheint die Witterung zu feucht zu fein, denn hier und da sieht man sie tot auf dem Acker liegen. 3m Gegensatz zu den Nachbardörfern hatte die hiesige Gemeinde eine schöne Obsternte und zwar nicht nur Zwetschen, sondern auch Aepfel und Birnen. Es mag daran liegen, daß wir hier sehr viel Obstbäume haben. Der „Obstbaum- wald" Wenkbachs ist so dicht, daß selbst eine ganze Anzahl Eichhörnchen ihn zum dauernden Wohnplatz gewählt hat. Außer von den Obst- werden sie noch von Walnuß- bäurnen und Haselnußsträuchern angezogen.

Aus dem Kreise Marburg, 25. Ott. Die Deutschnationale Volks­partei hielt am Sonntag, 16. d. Mts. Wahlversammlungen ab in Rollshausen, wo Buchhändler Sonnenschein-Marburg, so­wie in Altenvers und in Kirchoers, wo Bürgermeister a. D. Wolff-Marburg sprach. Die zahlreich erschienenen Zuhörer folgten gespannt den Ausführungen der Red­ner und zeigten durch lebhafte Fragen, wie groß ihr Interesse an der Sache war. Man sah, daß die eindringlichen Wofte und Mah­nungen ihre Wirkung nicht oeftehlten.

Bellnhausen, 25. Oft. In einer gut besuchten Versammlung der NSDAP, sprach hier Herr S t oe v e sa n dt-Marburg. Er befaßte sich eingehend mit den Taten der Re­gierung Papen und führte dabei aus, daß die Regierung Papen dem deutschen Volke klar zu machen versuche, ihre Taten seien entsprungen aus nationalsozialistischen Gedankengängen. Das sei jedoch in Wirklichkeit nicht der Fall. Die Ziellosigkeit in der deutschen Außen­politik, die halben Maßnahmen zur Rettung der Landwirtschaft, insbesondere die falsche Aft der Kontingentierung und die Mittiarden- spenden an die Industrie seien restlos zu ver­urteilen. Dieser Wahlkampf sei für das deutsche Volk der teuerste, den man je ge- fühft habe. Nutz- und sinnlose Versprechun­gen würden gegeben und das deutsche Voft in einer immerwährenden politischen Unruhe gehalten. Eine Wirtschaftsankurbelung und gleichzeitige Neuwahlen seien nicht möglich. Des Redners Wofte wurden mit großem Bei- fatl ausgenommen.

Kreis ffrankendery

Generalvisitackro-n der luthsrffchen Kirche.

—. Franken berg, 23. Ott. In der Zett von heute bis zum 1. November findet in den Gemeinden des Kirchenkreises Fran­kenberg c : Gencrrlvisitation durch den Lan­despfarrer des Westsprengels unserer Lan­deskirche, Eeneralsuperintendent D. Dettme- ring, statt, die heute lchr in der lutherischen Kirche ihren Anfang nahm. Die große Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Ltturgie, die Herr Pfarrer Lehmann abhiett, wurde ausge'chmückt durch den drei­stimmigen, von Lehrer Böttner geleiteten Kinderchor: „Wach auf, du deutsches Land!", worauf die Gemeinde mit dem Lied: „Er­halt uns Herr, bei deinem Woft!" antwor­tete. Die Hauptpredigt hatte Herr Pfarrer Sauer, übernommen. Nach der Predigt prüfte Herr Pfarrer Lehmann die Konfir­manden, worauf der Landespfarrer eine An­sprache hielt, in welcher er an die Predigt an« schloß und betonte, daß alle mtt die hohe Verantwortung tragen und daß die Gemeinbe recht beten solle. Das Gebet sei der beste Kampf gegen die Gottlosigkeit. Nach dem Gottesdienst fand eine interne Unterredung zwischen dem Kirchenvorstand und dem Lan- despforrer statt. — Die große Visitation, die sich noch auf die Gemeinden Frankenau, Bottendorf, Höringhausen, Eimelrod, Atten- lotheim, Röddenau, Viermünden, Geismar, Löhlbach, Vöhl und Obernburg erstreckt, fin­det ihren Abschluß durch eine Pfarrerkonfe­renz am 1. November.

Kreis Ziegenhain

a. Treysa, 23. Ott. Der Stahl­helm, Bund der Frontsoldaten, hielt gestern abend im vollbesetzten Burgsaale unter Mitwirkung der Stahlhelmkapelle aus Kassel eine öffentliche Kundgebung ab, die frei von allen politischen Bindungen das Motten des Stahlhelms zeigen sollte. Der Oftsgruppenführer Dr. Wittneben begrüßte die Stahlhelmfreunde, insbesondere die aus Kassel, Frielendorf und Fulda gekommen waren und verbreitfte sich kurz über den Ge­danken des Stahlhelms. Die Festrede hielt der Stahlhelmführer Reichard aus Kassel. Sie begann mit einer Kundgebung für die 2 Millionen Gefallenen des Weltkrieges, der das Lied vom guten Kameraden folgte. Des weiteren sprach der Redner über die Forde­rungen des Stahlhelms, zu denen er vor allem die Gleichberechtigung in der Welt rechnete und von jedem einzelnen Opfer, Hin­gabe, Treue und Wehrwitten forderte. Das Deutschlandlied beschloß die ernsten Ausfüh­rungen. Als Vertreterin des „Königin Luisenbundes" sprach Frau Bürgermeister Wolf aus Marburg. Sie gedachte des 75. Geburtstages der verstorbenen Kaiserin Auguste Viktofta und verbreitete sich über die Ziele des Luisenbundes, der das Sammel­becken aller anderen Frauenvereine fein soll. Vorträge der Stahlhelmkapelle, vor allem die schneidigen alten Armeemärsche, Gedicht­vorträge, lebende Bilder aus dem Stahlhelm und dem Luisenbunde, aus der Zeitgeschichte und humoristische Darbietungen füllten die Pausen wohltuend aus. Das Auftreten ber Ortsgruppe des Stahlhelms, die Schlußan­sprache des Vorsitzenden und der Zapfenstreich ber Kapelle geben dem schön verlaufenen Abend einen hochbeftiedigten Abschluß.

- Wiera, 24. Ott. Bei der letztem Treibjagd in unserem Interessentenwald wurden 9 Hasen, 3 Füchse und 3 Rehböcke zur Strecke gebracht.

« Zella, 24. Ott. Die orkanartigem Stürme der letzten Tage, welche über das Schwalmtal hinweg fegten, haben auch das Storchennest auf der Scheune des Land- roirts Kirschner zu Fall gebracht. Heber Hundeft Iahre hat das Nest hier feinen Stand gehabt. Die Iugend ist hiervon nicht erfreut und erwartet, daß das Storchenpaar iw Frühjahr sein Nest wieder neu auftxnrt

Kreis Wittgenstein

b. Laasphe, 10. Ott. Am Freitag abend gab in der Aula der Aufbauschule Prof. Dr. Wachtsmuth, Marburg, <m Hand von Lichtbildern einen Heberblick übet die Ausgrabungen in Babylon und Ktessphon, die zum größten Teil unter feiner Leitung standen und von denen er erst in diesem Früh­jahr Mtückgekehft ist.

Der

5902

neue

Kaffee!

PreisauHdiroihen! ElnunHu! EH!

(Nachdruck verboten!)

Der Wog Im Smerttm

Roman von Heinz Stegnweit.

70. Fortsetzung.

Dieses Eeschluchze meiner Frau. Welchen Zweck sollte es haben. Davon konnte man freilich krank werden. Ich hatte gelernt, die Nachbarschaft des Todes zu ertragen, Maria aber schrie die Wände zusammen, so daß auch Sebastian krähte und Boche jämmerlich im Körbchen kläffte. Wenn dieser Tumult nur nicht alles verdarb, wo die Offiziere scharf waren wie witternde Wölfe--!

Unterdessen packte ich die Bündel, alles wurde reifefertig an die Tür gestellt: Ein Ballen voll Kleider und Wäsche, ein Korb mit Blechgeschirr, ein Klappstuhl und eine Pfanne. Ich hatte unterm Gerüm­pel auch meinen Ehrenbürgerbrief gefun­den, den ich jetzt zum Andenken an die Tür nagelte. Schmücke dein Heim. Alles qndre mußten wir im Stich lassen, aus einem Floß war kein Raum für Kommo­den und Porzellantöpfe. Welcher Kampf, bis Maria das einfehen wollte. Eine Flucht war doch keine Völkerwanderung, | der Kahn eines Warschauers kein Mö­belwagen.

Da wir Abschied nahmen, wußten wir erst, was uns lieb geworden war: jeder Riß in der Decke, jeder Klammer in der Wand, jeder Sprung in der Fenster­scheibe.

Ich zog Rock und Weste aus, um mich noch einmal mit dem weichen Pumpen­wasser aus Mostheim zu waschen. Da ich das Hemd an Hals und Armen umrollte, sah mir Maria auf den Rücken: „Du bist schwarz unterm Nacken, Manes?"

„Blut, Maria. Schorf vom Messer­stechen!"

Ich hatte schon meine Wunde verges­sen. Meine Frau aber küßte mich und bat um Verzeihung, weil sie schwach ge­wesen sei.

Was hatte ich schon zu verzeihen? Die mütterliche Dulderin war mir lieber als em modernes Lraf tweib.

Schlag halb sechs flohen wir. Immer an den Häusern entlang. Wie Spitz­buben. Maria trug den Freßkoffer und das Kind, ich selber patschte von einer Pfütze in die andre, weil ich vor lauter Ballast nichts fehen konnte. Was sollte nur aus Boche werden. Ich konnte den Köter doch nicht aufs Floß nehmen. Und Boche trappelte so vergnügt hinter uns her, als könnte er sich auf feine Leute unbedingt verlassen.

Der Himmel war noch finster, jedes Gebüsch sah wie lauernde Franzosen aus, in jedem Tümpel badete ein Stern. Und bann die Möven, die der Hunger wieder hierhergetrieben hatte. Krähend segelten sie über unsren Köpfen, es mußte kalt sein auf der Nordsee.

Bald standen wir am Werth. Zehn Mi­nuten vor sechs. Kein Warschauer in Sicht, solche Herolde waren nie pünkt­lich. Wie wollte der uns aufs Floß brin­gen, wenn er eine volle Stunde voraus­rudern mutzte?

Boche schlug an. Der Hund hatte im­mer gute Witterung: Ueber die Land­straße kam ein Poilu. Ich sah genauer hin: Ein Offizier mit Gamaschen und Reitpeitsche. Wenn der nur nicht...

Schon sprang er vom Deich in die Uferwiese, warf eine Zigarette fort, daß die Funken sprühten, kam spomsfteichs auf uns zu. Das war ja--, das war

ja der jüngste Leutnant, der seit vier Jahren schon so etwas wie Takt hatte. Er grüßte soldatisch und fragte mich Stückweise, ob ich noch fähig sei, einem Franzosen die Hand zu geben---

Ich gab sie ihm und dachte halt dies: Irgendwo hat man als Frontler eine eimat in Frankreich. Irgendwie zehrt in uns eine Sehnsucht nach den Aeckern, die mit uns gegeißelt wurden. Was sollte ich dem Leutnant noch sagen? Er war verlegen wie ich: „Wissen Sie, der Friede weht um alle Häuser, ihr aber haltet krampfhaft die Türen und Fenster zu. Ihr seid das große Sperrfeuer'"

Er verstand mich nicht. Und ich war so stolz auf meinen Satz. Also mußte ich den Außenseiter ziehen lassen, ohne mei­nen Händedruck gerechtfertigt zu haben. Und doch war ich glücklich bei allem Elend, weil diesen Poilu das Gewissen getrieben hatte. Getrieben zu haben schien.

Wir warteten, froren, warteten. Sechs Uhr. Halb sieben. Sieben Uhr. Wenn der helle Himmel kam, waren wir ver­kaufte Leute. Ich trat von einem Fuß auf den andern. Maria stellte hundert ungeduldige Fragen, mein Kopf wollte platzen. Dieses ewige Abschiednehmen. Meme Frau flennte schon wieder.

„Sei still, wir sterben noch nicht!"

Boche zitterte vor Kälte, Sebasttan pennte im Tuch der Mutter. Her Knirps war blau vor Frost. Meine Seele mühte sich mit wirren Gedanken ab, doch meinte ich jetzt, es sei etwas Gutes daran, daß wir dieses Nest verließen. Noch zwei Jahre, und das Kind hätte schon den Klatsch' der Leute verstanden. Ich wollte doch Sebastians Vater fern.

Ich zog die Summe meiner letzten Mo­nate und bildete mir ein, wir hätten fett gelebt. Da war es für meine Verhält­nisse höchste Zeit, daß es mir wieder dreckig ging.

Boche schlug an. Auf dem Rhein ein blinkendes Laternchen. dazu das Plät­schern kräftiger Ruderschläge. Die Wein­berge reckten sich in den aufhellenden Himmel, das Licht des Morgens kroch zaghaft durch die Löcher der Burgruinen. Ich pfiff auf zwei Fingern, Maria zuckte zusammen dabei: „Das Kind wird wach!"

„Egal, — der Warschauer kommt!"

Er rief mich von weitem an, ob ich der Manes Himmerod sei. Und schimpfte sich dann ein saftiges Register vom Herzen. Er habe mich schon bei Trechtinghausen r*m Werth erwartet, eine volle Stunde sei da zum Teufel gegangen. Es war nicht meine Schuld. Hauptsache, daß wir uns endlich fanden. Die Zunft der

Schiffer hatte für mich gesorgt, heiliger Nepomuk, bleib ihnen gut.

Der Kahn des schwitzenden War­schauers konnte sich des seichten Ufers wegen nicht vor die Buhne legen. Also mußte ich bis zu den Knöcheln ins Was­ser, um zuerst Maria ans Boot zu tra­gen. Dann nahm ich Sebastian auf den Rucken und dachte an Sankt Christophe­rus aus dem Kölner Dom. Der War­schauer schimpfte schon wieder: „Su vill Gepäck?"

„Mensch, wir sind doch Ausgewiesene!"

Der Zünftige riß sich die Kappe vom Schädel. Er hatte uns bisher für Som­merfrischler gehalten.

Lösses, bat han ich niiff gewußt. Minge Broder Hütt'mir bestallt, in Most- Heim wollt einer et Fahrgeld spare!"

Und kratzte sich spaßig im Genick: „Do riskieren ich äroroer allerhand...!“

Ich fragte ihn: ,/Du bist aus Köln?"

,/Du och?"

„Ich auch!"

„Giv mir en Butzche?"

Ich hatte es zu eilig. Auf der Land- stratze klapperten schon Soldaten. Wir stießen ab, Boche blieb am Ufer, bellte, beulte, wedelte mit dem Schwänzchen. Wir gondelten rüftig fort. Da fprong der Hund ins Wasser, schwamm uns nach, strampelte, jammerte---

Ich fühlte mich schuldig. Der War­schauer stemmte sich in die Riemen, aber Boche faßte es nicht, daß sein Herr ihn vergaß. Mafta hielt sich die Augen zu. Da stoppte der Schiffer, wir warteten, ließen uns treiben. Bis Boche in der Nähe war. Da packte ich ihn am Wickel, zog ihn ins Boot. In Gottes Namen. Das Tierchen ffteckte sich crfdiörH r,if die Planken, die Zunge flatterte, die Lefzen troffen, die lahmen Beinchen bibberten. Manes Himmerod hätte Prü­gel verdient, wenn so viel Treue ersoffen wäre. Meine Hand strich über das natschnasse Fell, und der Hund beleckte heulend meine Finger. t

(Fortsetzung folgt.)