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SünSlag, tenlS.9tt.1932

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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Erneute Einladung nach Eens

Die Reichsregierung lehnt abermals ab Eine bemerkenswerte Rede Macdonalds Ein englischer Abrüstungsplan?

Wie rott erfahren, ist der englische Ge­schäftsträger Newton gestern nachmit­tag wieder beim Reichsaußenminister ge­wesen, am ihm nochmals die Einladung zu der Mächtekonferenz in Genf zu über­bringen. Der Reichsaußenminister konnte ihm nur die frühere Antwort wie­derhole«, daß Deutschland aus den be­kannten Gründen Genf als Ort der Kon­ferenz ablehnen müsse.

Es ist nunmehr anzunehmen, daß fetzt Verhandlungen über einen anderen Kon­ferenzort beginnen werden. Jedenfalls gelten die Verhandlungen noch nicht als gescheitert. Man rechnet viel­mehr in politischen Kreisen nach wie vor mit dem Zustandekommen der Konferenz.

Macdonald beschwört Deutschland.

London, 17. Oft. Vor dem Aus­schuß der nationalen Labour-Party hielt Macdonald eine bedeutsame politische Ansprache, die er selbst als

neue Erklärung der britischen Ne­gierungspolitik in der Abrüstungs- frage

bezeichnete.

Deutschland wisse genau, erklärte Mac­donald, daß England sich seinem A n - spruch auf die Gleichberech­tigung nicht widersetze. Deutsch­land habe aber gewußt, daß England be­strebt war, die Gelegenheit zu nutzen, zwischen ihm und seinen Nachbarn Be­ziehungen stärkeren Vertrauens herzustel­len. Das müße jetzt im Jnteresie der Ab­rüstung und des Friedens geschehen. Der Premierminister betonte sodann, daß alles auf die Notwendigkeit hindeute, zu einer Vereinbarung in der deutschen Forderung und aller ihrer einzelnen Punkte zu kommen. Deutschland sollte an der Vorbereitung und dem Zustande- bringen dieser Vereinbarung sehen, daß seine Anwesenheit an den Verhandlungen erforderlich ist, um mit allen Betei­ligten Ansichten austauschen zu können und die Informationen zu geben, die nötig find.

Deutschlands Abwesenheit schließe die

Gefahr in sich, daß seine Stellung- nahme mißverstanden werden kann.

Oer einzige Wunsch, den die nationale Re­gierung hat, ist, daß Deutschland an den Besprechungen teilnehme, damit wir am Ende der Besprechungen gemeinsam zur Abrüstungskonferenz gehen können, um zu sagen: Ihr seid stecken geblieben, da euch gewiße Dinge verhindert haben, vorwärts zu kommen. Wir haben die Hindernisse gemeinsam beseitigt, nun fällt eure Ent­scheidung!

Der Premierminister betonte dann noch, daß Italien und Großbritannien die gleiche Ansicht haben. Auch Frankreich habe schließlich zugestimmt, mit Deutsch­land, Italien und Großbritannien zusam­men zu kommen. Macdorvld bedauerte zum Schluß, daß Deutschland nicht nach Genf gehen wolle. Er fügte hinzu, den Grund der deutschen Weigerung nur schwer verstehen zu können. Er hoffe auf­richtig, daß Deutschland sein letztes Wort «och nicht gesprochen habe. Die englische Regierung, so endete seine Ansprache, ver­folge ihr Ziel und hoffe, schon in wenigen Tagen eine neue Erklärung geben zu können.

Die neue englische Einladung und die Erklärungen Macdonalds.

Die meisten Zeitungen bringen die Be­richte über die erneute Einladung Eng­lands nach Genf in großer Aufmachung. Gleichzeitig erörtern sie die Bedeutung der Rede Macdonalds.

DieDeutsche Allgem. Zeity." glaubt annehmen zu dürfen, daß bei die­ser Unterredung auch noch andere als die offiziell zugegebenen Gesichtspunkte eine Rolle gespielt haben, vielleicht so­gar der Gedanke eines direkten deutsch­englischen Meinungsaustausches, ferner die Frage eines Ersatzortes der Konfe­renz.

DieB ö r s e'n z e i t u n g", die sich am ausführlichsten mit den beiden Themen beschäftigt, hält die Rede Macdonalds für umso bemerkenswerter, als sie die Trag­weite des in London erzielten englisch- französischen Kompromisses erkennen laste. Es wäre schlecht um England be­stellt, wenn sein Ministerpräsident wirk­lich nicht fähig wäre, dieSubstanz, der deutschen Gründe" zu entdecken! O ckein.

hier hapere es nicht an politischem Ver­stand, sondern an gutem Willen.

DieVossische Zeitung" meint, daß der erneute Schritt der englischen Regierung in Zusammenhang mit der be­deutsamen Rede stehe, die der englische Ministerpräsident gestern in London bei einem Frühstück gehalten habe. In die­ser Rede wende sich Macdonald noch ein­mal mit sehr ernstem Nachdruck an Deutschland im Sinne eines letzten Ver­mittlungsversuches. Offenbar verspreche sich der englische Premierminister dann einen Erfolg, wenn eine entgegenkom­mende Haltung der deutschen Außenpoli­tik Frankreich das Beharren auf Gens als Konferenzort erschweren würde.

DerT a g" bezeichnet die Ausfüh­rungen Macdonalds als in doppelter Hinsicht beachtenswert einmal, weil Macdonald ausdrücklich den Standpunkt vertrete, die deutsche Gleichberechtigung dürfe nur moralisch aneruannt werden, also keine Verbesserung der deutschen Landesverteidigung nach sich ziehen, und zum anderen bleibe auch er entsprechend den französischen Wünschen bei Gens. 4

Schwere Eisenbahnkatastrophe

24 Arbeiter in Rumänien tödlich verunglückt

Budapest, 17. Okt. Wie der Pester Lloyd aus Bukarest erfährt, entgleiste heute abend im Bahnhof von Ternes- var ein Eifenbahnzug. Nach den bisher vorliegenden Meldungen sind 18 Tote zu beklagen. 16 Personen wurden fo schwer verletzt, daß die meisten aller Vor­aussicht nach den Morgen nicht überleben dürsten. Bei dem verunglückten Zuge han­delt es sich um einen Eüterzug, der als letzten Waggon einen Personenwagen mit­führte, in dem 34 Bahnarbeiter saßen, die auf dem Bahnkörper tagsüber gearbeitet hatten. Der Weichensteller, der seit 21 Jahren an dieser Stelle den Posten versieht, hatte die Weiche umgestellt, be­vor noch der letzte Wagen, in dem die 34 Bahnarbeiter faßen, die Weiche passiert hatte. Der Wagen sprang aus den Schie­nen und rannte mit voller Geschwindigkeit gegen einen Eisenmast ver Telegraphen­leitung. Der Waggon wurde völ­lig zertrümmert.

Temesvar, 18. Okt. Von den bei dem Zugunglück bei Temesvar Schwer­verletzten find noch sechs ihren Verletzun­gen erlegen, sodaß sich die Zahl der Toten bisher auf 24 beläuft.

Nach Meldungen aus Bukarest erzählten Augenzeugen der Eisenbahnkatastrophe, daß der dem Personenwagen folgende Postwagen auf dem entgleisten zer­trümmerten Wagen aufgefahren sei. Dadurch seien zahlreiche Jnsasten förmlich gerädert worden, wodurch es sich erkläre, daß dip meisten Leichen verstümmelt seien. Der Weichensteller soll angeblich an dem Unglück keine Schuld haben, da die Weiche auf elektromagnetischem Wege umgestellt worden sei. Der verunglückte Wagen soll aus den 60er Jahren stammen und voll­kommen baufällig gewesen sein. In

Temesvar glaubte man anfangs, daß der Simplonexpreß verunglückt sei, und als­bald strömten große Menschenscharen an die. Stätte des Unglücks.

Eisenbahnunglück kn Innsbruck. Zwei Tote.

Wien, 17. Okt. Im Innsbrucker West- bahnhof entgleiste aus bisher unaufge­klärter Ursache der letzte Wagen eines Personenzuges. Zwei Personen kamen ums Leben, darunter die Frau eines reichsdeutschen Lokomotivführers.

Vertreter der Kriegsbeschädigten bei Hindenburg.

Berlin, 17. Oft. Amtlich wird mit­geteilt: Der Reichspräsident emp­fing am Montag vormittag den Vorstand des Reichsausschusses des Kriegsbe- schädig ten- und Kriegerhinter­blieben en»Fürsorge, die ihm die Wünsche und Sorgen der Kriegs­beschädigten und Kriegerhinterbliebenen dvrtrugen, insbesondere die starken Ver­schlechterungen darlegten, die durch die letzten Aowervrdnungen in der Kriegs­opfer-Fürsorge eingetreten sind. Der Reichspräsident brache seine wärmste Teil- nahme für das Los der Kriegsopfer und seinen Willen zum Ausdruck, sobald es die finanzielle Lage des Reiches irgendwie gestattet, allmähliche Be­seitigung der Kürzungen eintreten zu lassen. Der Reichsarbeitsminister konnte alsbaldige Milderung einer Reihe von Härten in Aussicht stel­len, die sich bei der Durchführung der letz­ten Aotvervrdnung gezeigt haben und mit­teilen, daß hierfür ein besonderer Fonds von fünf Millionen Mark bereitgestellt sei, der für die Zeit bis zum Schluß des Haushaltsjahres bestimmt ist und im Benehmen mit den Vertretungen der Kriegsopfer Verwendung finden soll.

Ein neuer Vorschlag Macdonalds

Der politische Korrespondent derMor- ning Post" schreibt: Wenn nicht alle An­zeichen trügen, wird das Abrüstungs­problem jetzt entschiedener in den Vorder­grund rücken. Es verlautet, daß Mac­donald morgen in der Kabinettssitzung einen neuen Vorschlag zur Behand­lung der durch den Fehlschlag seiner Lon­doner Besprechungen mit Herriot einge­tretene Lage in großen Zügen unterbreiten wird.

Es ist beachtlich, aber für Kenner der englischen Verhältnisse nicht verwunder­lich, wie wenig Rücksicht die amtliche eng­lische Politik in den letzten Wochen auf die Stimmung im eigenen Lande genommen hat. Diese Tatsache hat vielfach dazu ge­führt, daß sich die öffentliche Meinung in anderen Ländern Täuschungen hingegeben hat. Es sollte nicht übersehen werden, daß die englische Politik seit jeher in Whitehall, dem englischen Regierungs­viertel, und nicht in der Fleetstreet, dem Zeitungsviertel, gemacht worden ist. Es ist wichtig, sich diese Tatsache immer vor Augen zu halten.

Die Umbesetzung des Völkerbunds- sekretariats.

Genf, 17. Oft. Sir Eric Drummond reist am Donnerstag nach Rom, nm mit Mussolini über die Besetzung des Postens des zweiten stellvertretenden Generalsekre­tärs, für den der italienische Gesandte in Wien, Auritti, in Aussicht genommen ist, zu verhandeln. Von dort begibt sich Sir Eric Drummond nach Berlin, wo er die Reubesetzung des durch den Rücktritt Dufour-Feronces freigewordenen Unter» generalfekretärpostens mit der Reichsregie- rung besprechen wird. Im Dudgetaus- schutz der Dölkerbundsversammlung hat Sir ®ric Drummond bereits angekündigt, daß der neue deutsche Vertreter die Leitung der Finanz- und Wjrtschastsabteilung erhal­ten soll.

Der neue Generalsekretär A v e n v I wird sein Amt am 1. Juli antreten.

Schlaganfall Gandhis.

fk. L o n d o n, 18. Okt.Daily H e - r a l d" zufolge hat Gandhi im Gefäng­nis einen Schlaganfall erlitten. Persönliche Freunde Gandhis in London hätten diese Nachricht durch einen ge­heimen Nachrichtendienst erhalten. Die Erkrankung Gandhis sei kurze Zeit nach Beendigung seines Fastens im Gefängnis erfolgt. Aus diesem Grunde habe die indische Regierung plötzlich seinen Verkehr mit den auswärtigen Besuchern untersagt. Im Unterhaus wird heute eine Anfrage an den Staatssekretär für Indien gerichtet werden.

Keine Antwort des Reichspräsidenten an Lobe.

Berlin, 17. Oft. Wie wir von zu­ständiger Stelle erfahren, wird Reichs­präsident von Hindenburg den ge­stern vomVorwärts" veröffentl:chten Brief des früheren Reichstagspräsidenten L öbe, der gegen die Verfafsungs- reformpläneder Regierung protestiert, . nicht beantworten. Man hält es in po­litischen Kreisen für möglich, dah der Reichskanzler in einer seiner näch­sten Reden auf dieses Schreiben Lobes eingehen wird.