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Anzeiger für (das frühere kurhefsische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Englisch-französische Einigung
Deutschland lehnt Genf als Konferenzort Ab — Umschwung der englischen Meinung — Die übliche Schuldfrage
London, 14. Okt. Der französische Ministerpräsident Herriot hat gestern vorMttag die Besprechungen mit Mac- d o n a l d über die Abrüstungssragen im Auhenministerium fortgesetzt.
Das französische Auhenministerium veröffentlicht folgendes Communiqu^:
„Gestern und heute hat in London, Downingstreet 10, ein Meinungsaustausch zwischen Macdonald, Sir John Simon und Herriot über den englischen Vorschlag aus Einberufung einer Zusammenkunft stattgefunden, an der Frankreich und Eroh- britannien mit Deutschland und Italien teilnehmen würden, um die Schwierigkeit zu beenden, die sich gegenwärtig in Genf zeigt. Die französischen und englischen Minister haben sich dahin geeinigt, dah die Zusammenkunft die soeben ge- «annten vier Mächte umsasien mühte und dah Genf der geeignete Versammlungsort wäre. Die englische Regierung hat infolgedessen die Zustimmung der beiden anderen an diesem Vorschlag interessierten Regierungen erbeten. Die Zusammenkunft würde einen offiziösen und präliminaren Charakter haben. Ihr Zweck wäre, die Mittel zu suchen und vorzuschlagen, um in wirksamer Weise das von der Abrüstungskonferenz i« Rahmen des Völkerbundes unternommene gemeinsame Werk wieder aufzunehmen.
Dieses amtliche CommuniguS wird in bemerkenswerter Weise durch folgende
Erklärung Herriots
ergänzt, in der er behauptet, dah die Diermächte-Konferenz „im Rahmen des Völkerbundes" stattfinden werde:
„Ich hatte keinerlei Schwierigkeit, völlige Einigung mit meinen englischen Freunden zu erzielen. Frankreich hat sich bereit erklärt, an einer Konferenz mit Italien und Deutschland teilzunehmen und die Engländer haben zugestimmt, dah die Konferenz in Genf innerhalb des Rahmens des Völkerbundes stattfinden soll, und dah die Konferenz im Charakter präliminar fein soll. Leider bat allein Italien die von Sir John Simon gestern abend nach Rom und Berlin telegraphierte Einladung angenommen. Deutschland hat es abgelehnt, teilzunehmen. Was ich jedoch ausgezeichnet finde, ist. dah es möglich ist, Dinge mit Euch Engländern zu erörtern, ohne dah irgend eine der beiden Seiten verärgert wird."
In französischen Kreisen wird die Nachricht, dah die Konferenz in Genf tagen wird, mit Genugtuung ausgenommen. Der französische Ministerpräsident Herriot, der Freitag nachmittag um 16 Uhr London verläßt, trifft um 23.23 Uhr französischer Zeit in Paris ein.
Deutschland geht nicht nach Gevf.
Berlin, 14. Okt. Ja Berlin ist heute die Londoner Einladung zu einer Biermächte-Konferenz nach Genf eiuge« gange«. Diese Einladung nach Gens ist von deutscher Seite abgelehnt war« den, da Deutschland zur Klärung seiner Glrichberechttguagsforderung es ablehue« Muh, «tt der Abrüstungskonferenz in Berührung zu kommen, was bei einer Tagung ia Genf nicht ja vermeiden seiu würde.
In London hofft man noch auf Zustandekommen einer Biermächte-Konferenz.
London, 15. Okt. Wie das Reuter- sche Büro am Freitag in später Nachtstunde meldete, sei man in britischen Kreisen nach wie vor optimistisch hinsichtlich der Möglichkeit des Zusammnetrittes einer Bier- mächte-Konferenz, trotz der Ablehnung Deutschlands, nach Genf zu gehen.
Der Haag als Konferenzort für die Biermächte-Konferenz.
fk. Berlin, 15. Okt. In Berlin verlautet neuerdings, dah die englische Regierung nach der Ablehnung von Genf als Ort der Biermächte-Konferenz durch Deutschland nunmehr sowohl in Paris als auch in Berlin einen dritten Ort in Vorschlag bringen werde. Dafür käme eine neutrale Stadt, etwa der Haag, iu Frage.
Die gefährliche Schupo
Ein neuer französischer Vorstotz
Genf, 14. Oft. 3« dem Ausschuß für die Herabsetzung und Begrenzung der Heeres stärken hielt heute nachmittag der französische delegierte Massig!: die die von der französischen Presse angekündigte Rede, in der er sich hauptsächlich mit der deutschen Schutzpolizei beschäftigte. Die Sitzung war nichtöffentlich.
Aus Kreisen des Ausschusses verlautet, daß Massigli etwa folgendes auSgesühtt habe: Er bedauere, daß es ihm durch die Abwesenheit Deutschlands von der Abrüstungskonferenz nicht möglich sei, seine Ausführungen vor deutschen Vertretern zu machen. Er wolle hier keine Gerüchte weitergeben, sondern Dinge dortragen, die jedermann bekannt seien. Massigli legte eine Reihe von deutschen Provinzzeitungen vor, die Photographien über angebliche
Manöver der deutschen Schutzpolizei in verschiedenen Teilen des Reiches enthielten.
Er behauptete, dah die Betätigung der Schutzpolizei den Verträgen
i widerspräche.
Massigli' führte u. a. an, daß die Schutzpolizei Maschinengewehre habe und leitete aus seinen Darlegungen die Forderung ab, daß man bei der Berechnung der Effektivstärken, die bekanntlich auf der Grundlage der Verhältnisse bei den abgerüsteten Staaten erfolgen soll, außer der Reichswehr auch die Polizeikräfte hinzu rechnen müsse. Massigli fühtte im übrigen noch aus, dah die Schutzpolizei offiziell 140 000 Wann umfasse. Es könne aber niemand beweisen, ob diese Zahl auch wirklich sttmme.
Wo bleiben die Kontingente?
Beschlüsse des Reichskabinetts
fk. Berli», 15. Okt. Das Reichs- kabinett setzte am Freitaq seine wirtschafts- und sozialpolitischen Beratnngen fort, wobei u. d. in Anwesenheit des Reichsbank- präfidenten auch ein Brief des Reichsbankdirektorinm besprochen wnrde, in dem gegen die Kontingente Stellung genommen wird. Cs wird fest- gestellt, dah eine Gefährdung der Währung nicht eintrete« werde. I« der Frage der Neuregelung der Preu Heu - kaffe wurde deren Uebernahme auf das Reich beschlosien. Schliehlich find eine Reih« von Milderungen der sozialen Notverorduung bezüglich der Erhöhung der sozialen Leistungen beschlosien worden.
In der Arbeitslosen-llnterstLtzung soll ei« Winterz,«schlag eingeführt werden, der auf die Monate November bi» März beschrankt bleiben soll. Er beträgt in der 1. bi« 6. Lohnklasse für einen verheiratete« Arbeitnehmer 2 Mark.
Bon den amtlichen Stellen wird bestritten, dah durch die Kontingentierungssrage im Kabinett irgendwelche Differenzen aufgetreten seien, die Anlaß zu Krisenge- rüchten geben könnten. In der Tat sei diese Frage im Augenblick auch garnicht akut. Vielmehr habe sich aus der ganzen Entwicklung der Kontingentierungssrage,
namentlich aus den Verhandlungen mit dem Auslande doch ergeben, dah ein endgültiger Abfchluh kaum sehr schnell (!) erwartet werden kann, weil das Problem zu eiliger (Eilebigußg viel zu kompliziert sei.
Die Neusaffung des nationalsozialistischen Arbeitsbeschasfungsprogramms.
München, 14. Okt. In einer geschlossenen nationalsozialistischen Versammlung sprach gestern abend Gottfried Feder über das neu gefaßte nationalsozialisttsche Arbeitsbeschaffungs- Programm. Grundforderungen des Programms feien direkte Arbeitsbeschaffung für zwei Millionen Menschen auf Grund von Auftragserteilung für staatliche In- vstitionen im Ausmaß von 5 Milliarden Mark, Verstaatlichung des gesamten Geld- und Kreditwesens, Um- und Entschuldung der gesamten Wirtschaft durch Zentralisierung aller privaten und öffentlichen Schuldoerhälttnsse, Brechung der Zinsknechtschaft, Aenderung der Stillhalteabkommen und einheiltliche Regelung der Auslandsschulden, Stärkung des Binnenmarktes, _ Wegfall der produktionshemmenden Steuern, Wiederherstellung des deutschen Staatskredites durch Sanierung der öffentlichen Finanzen, staatliche Schutzmaßnahmen für die Landwirtschaft, Wiederaufbau des Haus- und Grundbesitzes und schließlich nationale Verkehrswirlschait und Neuregelung der Tarife
Herriot wieder ia Paris.
fk. Paris, 15. Okt. Der französische Ministerpräsident Herriot ist Freitag um 23.10 Uhr auf dem Nordbahnhof von seiner Londoner Reise zurückgekehrt. Er wurde vom englischen Botschafter, vier französischen Ministern, zwei Staatssekretären und mehreren höheren Beamten empfangen.
Die Aufnahme des Ergebnisies der Londoner Unterredung zwischen dem französischen und dem englischen Ministerpräsidenten und dem Außenminister ist je nach der politischen Einstellung der Morgen- blätter verschieden, wenn auch in allen Blättern mehr oder weniger deutlich eine heftige Beunruhigung über die weitere Entwicklung wenigstens zwischen den Zeilen zum Ausdruck kommt. Alle Morgenblätter stellen den guten Willen Frankreichs (!) der Unnachgiebigkeit Deutschlands gegenüber, um die Verantwortung der Reichsregierung für das Nichtzustandekommen einer glücklichen Einigung festzustellen. Hervorzuheben ist die Tatsache, daß von dem französischen Abrüstungsplan im Zusammenhang mit der Londoner Reise keine Rede ist.
Das „I o u r n a l" beschränkt sich auf die Bemerkung, dah dieser Plan nur dann Aussicht auf Verwirklichung habe, wenn der Weg für eine Beteiligung Englands offen bleibt. Es fei anzunehmen, dah Herriot bestrebt gewesen sei. vor allem dieses sicher zu stellen, und dah er sich nicht binden werde, es sei denn, dah er aus seiner Besprechung den Eindruck gewonnen habe, dah die Verwirklichung des französischen Planes möglich sei.
Der sozialistische „Populaire" redet eine deutliche Sprache, in der er feststellt, dah ein Erfolg der Abrüstungskonferenz nur möglich sei, wenn England, Amerika und Frankreich gleicher Ansicht wären, oder wenn wenigstens eine ausreichende Uebereinstimmung bestände.
Das „Echo de Paris" bemängelt die zweideutige amtliche Mitteilung des Foreyn Office über den Ausgang der Londoner Unterredung. Das Blatt verübelt es dem englischen Auhenamt, das in einer amtlichen Reutermeldung Frankreich und Deutschland auf die gleiche Stufe der Opposition gestellt wurde. Frankreich, weil es London, Deutschland weil es Genf als Tagungsort abgelehnt habe. Das „Echo de Paris" rechnet damit, dah Macdonald seine Vermittler-Tätigkeit fortsetzen werde. Wenn Reichsauhenminister Frhr. v. Neurath ihn besuchen würde, um sein Abrüstungsschreiben zu überreichen, werde Macdonald bestrebt sein, Deutschland durch Zusicherungen auf militärischem Gebiet wieder heranzuziehen und ihm die Abrüstung der meistgerüsteten Staaten, vor allem Frankreichs, anzubieten.
Der „Excelsior" rechnet mit einem Besuch von Neuraths in der nächsten Woche. — Das „I o u r n a I“ erklärt, dah der Wert des Herriot-Macdonald-Kom- promisies davon abhänge, welche Schluß- folgerung der Engländer aus der Tatsache ziehen würden, dah Frankreich guten Willen, Deutschland aber schlechten Willen bekundet habe.
Die Ablehnung Genfs als Konferenzort. »fk. London, 15. Oft. Ein großer Teil ber englischen Blätter zeigt für die deutsche Ablehnung Genfs als Kvnkurrenzott wesentlich weniger Verständnis als für die Weigerung Frankreichs, auf den ursprünglichen britischen Vorschlag, London als