Stcitsg, tenl4.0tt.1932
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Anzeiger für (das frühere kurhefsifche) Oberheffen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Besprechungen in London
Eine Diermächtekonferenz in Senf? - Die Gleichberechtigung als Nebenftage - Pessimistische Stimmung
Das amtliche Gommuniqitf, das nach den englisch - französischen Besprechungen des Vormittags ausgegebrn wurde, besagt lediglich:
„Ueber die Schwierigkeiten, die hinsichtlich der netten Entwicklung der Ab- rüstungsfrage ausgetaucht sind, haben heute vormittag in Dowingstreet zwanglose Besprechungen zwischen Ministerpräsidenten Herriot, 8ir John Simon und hem französischen Botschafter in sehr freundschaftlichem Geiste stattgefnnden. Sie werden morgen vormittag fortgesetzt werden."
Bier-Mächte-Konferenz?
Der Londoner Havasberichterstatter verzeichnet eine Aeußerung aus zuständigen französischen Kreisen, derzufolge die Wahl des Konferenzortes zur Prüfung der deutschen Eleichberechtigungsforderunz bereits gestern erörtert worden sei.
Der von der Agentur Havas nach London entsandte Sonderberichterstatter glaubt mitteilen zu können, daß Genf als Konferenzort gewählt sei. Macdonald habe natürlich versucht, Herriot für London als Ort der Viererkonferenz zu gewinnen. Herriot habe das jedoch abgelehnt, um nicht der Abrüstungskonferenz und indirekt dem Völkerbund dieses Problem zu entziehen. Um aber ein Entgegenkommen zu beweisen, habe der franzök"^e Ministerpräsident die Möglichkeit von Besprechungen zwischen den Vertretern der Haupt- mäckte zugelasien, vorausgesetzt, dasi_ sie in Genf, d. h. im Rahmen des Völkerbundes stattfinden und nur vorbereitenden und offiziösen Charakter trügen. Anscheinend habe Herriot Macdonald für seine Ansicht gewonnen.
Der Havas-Sonderberichterstatter meldet weiter, die französische Regierung bleibe dabei, datz
eine Rüstungsherabsetzung von zusätzlichen Sicherheitsgarantien abhängig gemacht
werden müsie, die sie durch Konsul- tativpakte und Regionalabkommen zu erzielen gedenke. Englischerssits sei man gegen jede neue internationale Verpflichtung und rege u. a. als Lösung an, 1. einen politischen Waffenstillstand für 10 Jahre, durch den Deutschland sich auch dem gegenwärtigen territorialen status guo verpflichten solle, 2. Freiheit für Deutschland, alle Rüstungskategorien zu besitzen, wenn auch in beschränktem Umfange, 3. eine progressive Rüstungsherab- jetzung der übrigen Mächte.
Skeptische Beurteilung der Besprechung.
Ueber die Besprechungen zwischen Macdonald und Herriot, die am Donnerstag nachmittag fortgesetzt wurden, wird von englischer Seite mitgeteilt, datz sie nur den Charakter eines freien Meinungsaustausches getragen hätten. Von französischer Seite wird von einem Eegenplan Macdonalds gegen den französischen Abrüstungsentwurf gesprochen, der u. a. die grundsätzliche Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung vorfieht. Anfänglich herrschte Optimismus über den Verlauf der Besprechungen, der dann aber wieder einer skeptischen Auffasiung wich. Einem Gerücht zufolge soll Macdonald sich auch mit Berlin in Verbindung gesetzt haben, um die deutsche Auffassung zu den in der Verhandlung berührten Fragen kennen zu lernen.
„Echo de Paris" zu den Besprechungen Herriot—Macdonald».
In der gleichen Weise wie die Agentur Havas, geben die Sonderberichterstatter der französischen Blätter Schilderungen über die gestrigen Besprechungen zwischen Macdonald und Herriot. Diese Einmütigkeit fällt auf, und daher mutz man die Nachrichten auch mit dem nötigen Vorbehalt aufnehmen und immer daran denken, datz es bei früheren ähnlichen Anlässen genau so gewesen ist, wo der französischen Oeffentlichkeit dargestellt wurde, als wenn nur auf der Gegenseite nachgegeben worden sei. Der Autzenpolitiker des „E ch o de Paris" bemerkt, man spiele mit Morten, wenn man behauptet, datz nach der Einigung der vier Mächte die Abrüstungskonferenz noch Entscheidungsfreiheit haben würde.
Entscheiduugeu würden immer ohne Befragung der Mehrheit der Staaten getroffen.
Herriot sei es den Verbündeten Frankreichs schuldig, sich formell das Recht vorzubehalten, während der gesamten Dauer einer Vierer-Konferenz frei mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Herriot möge den Präzedenzfall von Lausanne nicht ver- gesien. Im Grunde genommen hätten die französische und englische These nicht viel gemeinsame Punkte. Als solche könne man allerdings nennen: Keine Wiederaufrüstung Deutschlands und keine einseitige Kündigung internationaler Verträge. Praktisch bedeute dieser Grundsatz aber nicht viel.
Polens Angst vor Deutschland
Warschauer Hetze gegen die Abrüstung
In der nationaldemokratischen „E a - ] zeta Warzawska" ist man über die Abrüstungsaktion Macdonalds autzer- । ordentlich beunruhigt. Nach Meinung des Blattes sei Frankreich nur noch als einzige Großmacht übrig geblieben, die die Gleichberechtigung Deutschlands hinsichtlich der Rüstungen ablehne. Darum versuche auch Herriot' ein Zusammentreffen mit den deutschen Vertretern zu vermeiden und stehen nach wie vor fest auf dem Boden des Versailler Vertrages. Das Blatt befürchtet ferner die Möolichkeit eines Kompromisses. das vielleicht doch in London zustande kommen könnte. Ein solches Kom- promitz würde, wie dos Blatt nachdrücklich unterstreicht, keinen Wert besitzen, zumal auch alle die vorherigen KomvromifiVerträge, wie der von Locarno, der Kelloag- vatt und äbnliche. eigentlich nur Fiktionen leien, lkittione" seien sie nur de«bolb — fiter belleigt Te Gazeta" ibr beliebtes Steckenvierd — w-'l den Mächten infolae der vorzeitigen Rbeinlandräumung das letzte wirName Dru-*mittel geoen Deutschland obbanden aekommen sei. Daher könne Polen Komvromisie die durch rtfeue unreale Versvrechnnaen Deutschlands zustande kämen, keinerlei Vertrauen ent- oeaenbrinoen. zumal Deutschland durch sein Verhalten, insbesondere durch den Bruch der b»loischen Neutralität, kein Vertrauen verdiene.
Diese verschrobene Ansicht des Blattes kann nicht weiter mu"der nehmen. Seine autzenvolitische Auliaslung iit durch Kom- vlere erbeblich belastet und feine Urteils« mb-okeit durch anostgebyrene Wabnvor- stellunoen verdunkelt. Das Blatt alaubt nämlich, die sooenannte Sicherheit durch die Aufrechterhaltung des statt,s guo in Europa flies: an der volniichen West- Grenzel fei die wichtigste Aufgabe der Weltpolitik und könne und müsse durch unentwegte Niederhaltung Deutschlands erfolgen.
Einen äbnlichen Standvunkt vertritt tm Kurier Warszawski" auch der bekannte General Sikorski. Im Anschluß an den sogenannten Abrüstungsvlan Vaul Boncours, den er als zu ideal bezeichnet weist Sikorski darauf hin, datz im Hinblick auf die bestimmten Kriegsvläne (!) der deutschen Regierung sich auch das geringste Zuaeständnis. das den Deutschen eings-
räumt würde, verhängnisvoll auswirken könnte. Der General rechnet damit, datz die Deutschen diesmal nach einem umgekehrten Schlieffen-Plan vorgehen würden. Zuerst würde der Hauvtschlag gegen Polen als den schwächeren Gegner geführt, um dann mit ganzer Kraft sich gegen Frankreich zu wenden. Sikorski mahnt zur gröh- ten Vorsicht bei der Wahl neuer Friedensgarantien, denn nach seiner Meinung könne „der Wahnsinn der Abrüstung dieselbe tragische Rolle spielen wie einst der Rüstungswahnsinn".
„Vertagt."
Genf, 13. Ott. Der Völkerbundsrat vertagte die auf der Tagesordnung stehenden Petitionen über die An- wendung der polnischen Agrarreform zuungunsten der deutschen Min- derheit in Posen und Pomerellen auf die nächste Tagung, die im November stattfindet.
Die polnischen „Minderheitsbe- schwerden" wurden glatt abgewiesen.
Die deutschen Wünsche in Genf, unberücksichtigt.
ft. Genf, 14. Ott. In den geheimen Verhandlungen des vierzehngliedrigen Ausfchusses für die Neubildung der politischen Lettung des Völkerbund-Sekretariats ist am Donnerstag eine Einigung der Mächte über die Umbildung des Sekretariats herbeigeführt worden, die alle deutschen Wünsche unberücksichtigt lätzt und sich in ihren Auswirkungen gegen Deutschland richtet.
Beuesch in Paris.
fk. Paris, 14. Ott. Der tschechoslowakische Auhenminifter V e n e s ch ist gestern abend in Paris eingetroffen und wird hier mehrere Tage bleiben. Der Genfer Korrespondent des „P e t i t P a r i s i e n" kündigt an, datz Benesch Gelegenheit haben werde, mit Herriot und Paul B o n - c o u r über die endgültige Lösung des so- geannten konstruktiven Sicherheitsplanes zu verhandeln.
Dementi
Mich allem, was man bis zur Stunde über das französische Verhandlungsziel für die Londoner Besprechungen Unter vier Äugen gehört hat, hat es den Anschein, daß das „französisch-englische Cheuqers" einen neuen Abschnitt in den internatio- nalen Auseinandersetzungen über Ab- rüstungs-, Sicherheits- und Gleichberechtigungsfrage einleiten wird. Das ist das Kennzeichen der neuen Sage: Der Selbsteinladung Herriots und dem Hochdruck, mit dem die zuständigen französischen Stellen an dem neuen französischen Abrüstungsplan arbeiten, ist es gelungen, alle bisherigen Dispositionen auf den Kops zu stellen, die ursprünglich vorgesehene Verhandlungsgrundlage beiseite zu schieben und damit im wahrsten Sinne eine neue Sage zu schaffen. Es ist heute nicht mehr so, daß die Sondoner Zusammenkunft zwischen den beiden Ministerpräsidenten nur noch eine Vorbesprechung zu der folgenden Viererkonferenz in Bonbon ist. wie es anfänglich den englischen Intentionen entsprach,— vielmehr hat die französische Diplomatie einen neuen Feldzugsplan entrollt, in dessen Mittelpunkt Abr üstung und Sicherheit als die eigentlichen Verhandlungsthemen stehen, während es heute unsicher erscheint, ob über die deutsche Gleichberechtigungsfrage über Haupt mehr als nur nebenbei gesprochen werden wird.
Man wird in Deutschland gut tun, sich auf diese neue Situation einzustellen. Die Reichsregierung hält vorläufig, wie die Absage des Außenministers Reurath an Henderson erkennen läßt, an der Auffassung fest, daß für sie die amtliche englische Einladung zur Sondoner Vierer- Konferenz noch immer gilt Und das mit Recht! Es liegt für uns keinerlei Anlaß vor den neuen Vormarschplan Herriots etwa als eine Schicksalsfügung hinzuneh- men und nunmehr die verlorengegangenen Möglichkeiten zu betrauern, die das brutale Dazwischentreten Herriots auf den ersten Blick vernichtet hat. Gleichwohl hieße es Vogel-Strauß-Politik betreiben, wenn man bewußt die Augen vor den Gefahren schließen wollte, die diese neue französische Aktivität in sich birgt. Entscheidend für die Beurteilung des weiteren Ganges der Entwicklung wird das Ergebnis der Sondoner Besprechung fein.
Eine einsichtige britische Außenpolitik! mühte so sollte man meinen, die Ungeheuerlichkeiten erkennen, die der Her- riotsche Plan der „Abrüstung", Sicherheit und Schiedsgerichtsbarkeit, der Kontroll- mahnahmen und SanttionSbefugnisse, des alleinigen Anspruchs auf die Sicherheitsgarantie für Frankreich zu ungunsten aller anderen Bänder, der Internationallfie- rung, d.h. Französierung der Heere und Verteidigungsmittel — kurz gesagt, der Verewigung des Versailler Systems enthält. Vorderhand überwiegen in Bonbon auch bie betont kritisch eingestellten stimmen, ja, bie meisten Blätter schütten volle Kübel bes Spottes über diesen famosen Plan aus. Man finbet dort die treffliche Formulierungen, wie die, bah die französischen Pläne nicht etwa den Zweck hatten einen neuen Kfleg zu vermeid n, sondern sicherzustellen, daß Frankreich in einem neuen Krieg der Sieger sei. Rücksichtslos wird Herriot vorgerechnet, datz der Gedanke des allgemeinen Dertrauens- pakies von Stimsvn stamme, die Idee der Feststellungen des Angreifers von Belgien entlehnt sei, die der gegenseitigen Hilfeleistung aas dem Genfer Protokoll gestoh -