Mittwoch, kn 12. ort. 1932
Vie .vberhessische Zeitung' «• («feint sechsmal ivöck^entlich. 22 e- ^«preiS monctl. L Marburg 2.02 KM- auSschl. ZusievungSgebSbr, unsren Agenturen 1.93 GM.
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Anzeiger für (das frühere kurhefsifche) Oberhessen
Anzeiger der amttichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Ein unerhörter Schwindel
„Oskar Daubmann" entlarvt - Er heißt Hummel, ist Schneider und war nie in Afrika
Freiburst, 11. Okt. In der Ange- «genheit des Oskar Daubmann aus Endlingen scheint eine sensationelle Wendung eingetreten zu sein.
3m Verlaufe der letzten Zeit haben sich mehrere Persönlichkeiten bei den behördlichen Stellen gemeldet, darunter ein ehemaliger Fremdenlegionär aus Essen a. di. Ruhr, dem Oskar Daubmann am Montag abend in Endingen gegenübergestellt wurde. 3m Verlaufe der weiteren Feststellungen wurde Daubmann heute vom Landespolizeiamt Karlsruhe gesucht, da sein Aufenthaltsort nickt bekannt war. Daubmann befand sick auf einer Bortrags- reife, konnte aber ermittelt und zur Vernehmung auf die Polizerdirekt on Freiburg i. Br. gebracht werden. Neber Me’c Vernehmung durch die Beamten des Landespolizeiamtes Karlsruhe ist amtlich noch «ichts mit geteilt worden.
lieber ihr Ergebnis wurde auch an amtlichen Stellen jede Auskunft verweigert. Diese Verweigerung amtlicher Stellen beruht darauf, 'daß das Protokoll über die heute abend erfolgte Vernehmung Daub- manns noch nickt in Karlsruhe vorliegt und die Freiburger amtlichen Stellen eine Aussage ohne Vollmacht der Karlsruher Stellen verweigern.
Jedenfalls dürfte mit größter Sicherheit feststehen, daß die Vernehmung die Unrichtigkeit der Angaben Daubmanns ergeben hat.
Daubmann gesteht, nicht Daubmann zu sein.
Freiburg, 11. Okt. Wie aus zu- verlässtger Quelle verlautet, hat der angebliche Oskar Daubmann bei seinem «erhör durch Beamte des Landespolizeiamtes Karlsruhe gestand:«, nicht der wirkliche Oskar Daubmann zu sein. Er gab zu, daß seine Angaben nicht in allen Teilen auf wirklichen Erlebnissen beruhen. „Oskar Daubmann" ist heute abend verhaftet worden.
Daubmann soll Hummel heißen.
fk. F r e i b « r g, 12. Okt. Zu dem Fall des angeblichen Oskar Daubmann kann noch mitgeteilt werden, daß es sich bei dem verhafteten um eineu ehemaligen Fremden-Legionär namens Hummel handeln soll, der das SchneiderhanV- werk erlernt hat.
Diese Aufklärung des Falles Daubmann, der feit Ende Mai dieses 3ahres die Oeffentlichkeit stark beschäftigte, hat in Oberbaden größte Bestürzung hervorgerufen, Mmal es der angebliche Daubmann verstanden hat, viele ehemalige« Kriegskameraden dies richtigen Danbmaun und sogar deren Eltern »ud Angehörige zu tSuschen.
Die Entlarvung Daubmanns.
f«. Karlsruhe, 12. Okt. In einer Pressebesprechung machte Regierungsrat Ramsperger vom Lcmdespolizemmt Mitteilung über die Entlarvung des Schwindlers „Daubmann". Verschiedene Snzeichen, erklärte er, sprachen dafür, daß nicht alle Angaben „Daubmann" stimmten.
Barrikaden in Belfast
Blutige Stratzenkämpfe
fk. London, 12. Okt. 3n Belfast kam es in der Nacht zum Mittwoch trotz umfangreicher Vorsichtsmaßnahmen der Polizei zu schwer st en Arbeits- losen-Unruhen. Bei den Zusammenstößen zwischen Polizei und Arbeitslosen wurde ein Mann durch eine Kugel getötet und über 50 teilweise schwer verletzt. Zwei, von Kugeln getroffene Unruhestifter liegen im Sterben. 36 Arbeitslose, darunter ein kommunistischer Rädelsführer, wurden verhaftet.
2000 Polizisten standen etwa 15 000 teilweise mit Schußwaffen ausgerüsteten Arbeitslosen gegenüber.
Diese griffen die Polizei überall rücksichtslos w:t Steinen, Flaschen und anderen Wursgeschosien an, schosien nach Einbruch der Dunkelheit ans den Fenstern, errichteten Barrikaden auf den Straßen, plünderten viele Geschäfte, hielten den gesamten Verkehr auf, und legten Eroß- feuer an.
Die Polizei durchfuhr die Straßen mit Panzer- «np Maschinengewehrwagen.
- 1 Toter, 50 Verletzte
Teilweise führte die Polizei auf Wagen eiserne Käsige mit sich, in die die Verhafteten eingesperrt wurden. Um 23 Uhr trat die Verordnung in Kraft, wonach kein Einwohner mehr ohne Erlaubnis seine Wohnung verlasien darf.
Schützengräben in den Straßen.
Es kam zu regelrechten Massenangriffen auf die Polizei, an denen.sich auch Frauen beteiligten. Ein Schutzmann wurde von sechs bewaffneten Unruhestiftern angehalten und seiner Waffen und Munition beraubt. An einigen Stellen hoben die Arbeitslosen Schützengräben aus, in denen sie sich verschanzten. Schließlich mußte der ganze Straßenverkehr eingestellt werden. Nach Einbruch der Dunkelheit zogen mehrere Polizeikolonnen mit aufgepflanzten Bajonett im Scheinwerferlicht durch die Straßen und trieben die Ansammlungen auseinander. Sie wurden aus mehreren Häusern beschoßen, wobei einige Polizisten verwundet wurden. Zur Löschung der von den Arbeitslosen angelegten Brände mußte die gesamte Feuerwehr aufgeboten werden. Erst in den Morgenstunden des Mittwoch konnte die Ruhe wieder hergestellt werden.
9 Kampfflugzeuge verbrannt
fk. London, 12. Okt. 3n der Nacht zum Mittwoch wurde die Fabrik der englischen Faireq-Luftfahrtgesellschaft durch Großfeuer völlig zerstört. Neun Kampfflugzeuge vom schnellsten in der englischen Armee verwandte» Typ im Gesamtwerte von etwa zwei Millionen Mark wurden vernichtet. Die Brandursache ist noch unbekannt.
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Belagerungszustand in Mukden
Bor einer entscheidenden Schlacht?
fk. Moskau, 12. Okt. Die sowjetamtliche Telegraphenagentur bringt Meldungen aus chinesischer Quelle, die erkennen lassen, daß eine entscheidende Schlecht zwischen den chinesischen Frei- schstrlern und den javanischen Truppen in Mukden bevorsteht. Dis Freischärler marschieren in mehreren Gruppen auf Mukden; die nächste Kolonne befindet sich nur noch 20 Meilen von der ehemaligen mandschurischen Hauptstadt entfernt. Ueber Mukden ist der Belagerung«,u- st a n d verhängt worden. 3apanische Flieger kreuzen über der Stadt.
Im Laufe der Zeit meldeten sich immer mehr Leute, die den angeblichen Daubmann in der Fremdenlegion bezw. in Afrika gesehen haben wollten.
Es wurde daraufhin beschlossen, am Montag Daubmann erneut zu vernehmen. Er wollte zunächst keine Angaben machen und verschanzte sich wiederum hinter den italienischen Dampfer, den er nicht nennen wollte, um sein Wort nicht wurden bei Corps (Isere) von einem mit genüberstellung mit einem Manne namens Krüger, der Daubmann in der Fremdenlegion gesehen haben wollte. Als Krüger das Zimmer betrat, fiel auf, daß Daubmann den Mann fast anschrie: „Den Mann kenne ich nicht!" Daubmann war es ersichtlich unangenehm, daß man jeder seiner Bemerkungen nachging.
Der angebliche Bajonettstich Hal sich als eine ganz gewöhnlich« Magen- operation herausgestellt.
Auf ®runb der Fingerabdrücke, fuhr Regiernngsrat Ramsperger fort, ist es dann am anderen Tage gelungen festzustellen, daß es sich nicht um Daubmann, sondern um den Schneider K a r l Ignatz Hummel handelt. Das steht nun unumstößlich sicher fest. Hummel ist am 9. März 1899 m Oberwit im Kanton Basel geboren und war in Hofweiler bei Offenburg ansässig.
Regierungsrat Ramsperger hat schließlich .Daubmann“ auf den Kopf zugesagt: „Guten Tag, Herr Hummel." Humm^ leugnete zuerst hartnäckig, bis er sich doch zu einem Geständnis bequemte.
Es ergab sich weiterhin, daß Hummel in Offenburg verheiratet ist und schon seit längerer Zett von seiner Frau getrennt
lebt. Hummel gab zu, daß er 1909—1910 in Endingen die Volksschule besucht und dott mit Oskar Daubmann zusammen gekommen ist, mit dem er befreundet war. Hummel wußte auch, daß Daubmann im Weltkriege gefallen ist. Hummel ist nie in Afrika gewesen.
Der Fall Daubmann hat auch die Regierung beschäftigt und zu Schritten amtlicher Stellen in Paris geführt, wobei die Pariser Stellen bekanntlich die Angaben „Daubmanns gleich als unwahr bezeichneten.
Wie „Daubmann" gefaßt wurde.
„Daubmanns“ polizeiliche Vernehmung und Festnahme erfolgte im Anschluß an eine Autofahrt, die der Betrüger unternommen hatte und bei der er Zeuge eines Autounfalls bei Krozingen war. Er und fein Wagenführer leisteten dabei di« erste Hilfe und brachten den Schwerverletzten nach der chirurgischen Klinik nach Freiburg. Kurz darauf erfolgte die Borff ührung des angeblichen Daubmann vor die Freiburger Polizeidirektion.
Ein Deutscher, zwei Ungarn in Frankreich verunglückt.
fk. Paris, 12. Okt. Der 28jährige deutsche Staatsangehörige U I m i ch e r und zwei ungarische Arbeitsgenossen wurden bei Corps (Isere) von einem mit Beton gefüllten Verladekorb erschlagen, der von 60 Meter Höhe auf eine Gruppe Arbeiter infolge Versagens einer Trosse abstürzte. Sechs Arbeiter, ebenfalls größtenteils Ausländer, wurden verletzt.
Sinowjew und Kamenew ausgeschlossen
Ausschluß von 20 Oppositionellen aus der rusiischen Kommunistischen Partei.
Moskau, 11. Okt. Die Zentralkommission der Kommunistischen Partei hat 20 Mitglieder und Helfershelfer der konterrevolutionären Gruppe aus der Partei ausgeschlossen. Die Gemaßregelten hatten versucht, auf illegalem Wege eine Kulakenorganisation zur Wiederherstellung des Kapitalismus, zu schaffen. Unter den Ausgeschlossenen, von denen die meisten bereits früher wegen oppositioneller parteifeindlicher Tätigkeit einmal ausgeschlossen waren, befinden sich S i n o w - j e w und Kamenew.
Einigung zwischen Herriot und Titulesku.
fk. Paris, 12.Okt. Die französische Morgenpresse stellt mit Befriedigung fest, daß die Unterredung zwischen Herriot und Titulesku, die am Mittwoch fortgesetzt wird, die zwischen Bukarest und Paris entstandenen Mißverständnisse völlig geklärt habe, sodaß die französisch- rumänische Einigkeit wieder hergestellt sei.
Erwägung über eine Aenderung der Bankenaufsicht.
«Berlin, 11. Okt. In den letzten Tagen sind wiederholt in der Prell e Erörterungen über neue Bankenplane"der Regierung enthalten. Von Zuständiger Seite erfahren wir dazu, daß tatsächlich erwogen wird, die Bankenaufsicht den Erfordernissen des Wirtschaftsvrogramms der Reichsregieung anzupassen. Diese Ewägungen haben aber noch keinen Abschluß gefunden; vor allem sind personelle Fragen überhaupt noch nicht entschieden worden.