Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen fSr Stadt und Kreis Marburg.
Die Gegenseite hat das Wort
Deutschland lehnt alle bisherigen Kompromitzvorschläge ab — Erfreuliches Verständnis Italiens
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Nr.m 87.Fahrg. Marburg a. Lahn
MWe Landeszeums
Reichsaußenminister Frhr. v. Neurath äußerte sich gestern mittag vor Vertretern der Presse über seine Genfer Tätigkeit.
Bei den Arbeiten des Völkerbundes habe der Minister seine besondere Aufmerksamkeit den Wirtschaftsfragen gewidmet. Diese Arbeiten, führte der Minister aus, scheinen mir deswegen von besonderer Bedeutung, weil ja auch der Völkerbund an der kommenden Weltwirtschaftskonferenz und ihrer Vorbereitung besonders beteiligt ist. Ferner habe ich es mir angelegen sein lassen,
daß die Minderheitsfragen diesmal wieder zur Sprache komme« und habe Vorbereitungen getroffen, dah der deutsche Standpunkt dabei sowohl im Rat als auch in der Bundesversamm
lung nachdrücklichst zum Ausdruck kommt.
Sehr wichtig erscheint mir auch nach meinen Genfer Eindrücken, dah die Frage der Reorganisation der obersten Leitung des Sekretariats in einer Weife gelöst wird, die den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Mitgliedsstaaten auch innerhalb des Sekretariats des Völkerbundes bester als bisher verwirklicht. Der deutsche Vertreter in der vierten Kommission wird den Standpunkt vertreten, dah die Reorganisation vor allem nach dem Grundsatz der Sachlichkeit und der Sparsamkeit erfolgen muh. Personalfragen sollten daher nicht in den Vordergrund gestellt werden. Die Frage des Nachfolgers des Generalsekretärs wird erst im November zur Sprache kommen.
Der Reichsauhenminister berichtete dann über die Gespräche, die er mit verschiedenen Delegationsführern über politische Fragen geführt hat, die an sich nicht auf der Tagesordnung der Bundesversammlung standen. Diese Gespräche bezogen sich natürlich in erster Linie auf
die Abrüstungsfrage
Der Minister wies darauf hin. dah der Hergang des Kampfes um unsere Gleichberechtigung ja bekannt ist. Solange Aussicht bestand, dah die allgemeine Abrüstung sich nach dem Muster unserer eigenen vollziehen würde, war die Frage unserer Gleichberechtigung nicht akut. Sie wurde akut durch die bekannte Vertagungsresolution vom 23. Juli, durch die eindeutig klar wurde,
dah die anderen Mächte nicht daran dachten, so weitgehende Nindungen ihrer Wehrfreiheit zu übernehmen, wie wir sie tragen.
Die Frage, um die es sich für uns handelt. heißt: Welche Anwendung finden die Ergebniste ber_ Abrüstungskonferenz auf uns? Zur Klärung dieser Frage haben wir Frankreich Verhandlungen angeboten. Die französische Regierung hat aber die von uns vorgeschlagene Verhandlungsform der vertraulichen Vorbesprechung zu zweien abgelehnt und hat auf unsere Kar gestellte Frage nicht geantwortet. Sie ist dieser Frage vielmehr ausqewichen und hat uns gleichzeitig des Willens zur Aufrüstung bezichtigt.
Herrn Simons habe ich h» 6e«f meine Meinung über seine Antwortnote aef unser Memorandum vom 29. August nicht verhehlt und ihm klar gesagt, dah wir seine juristische Deduktion nicht an, erkennen können. Ich habe ferner ihm und de« audereu Vertretern keinen Zweifel darüber gelassen, dah ohne eine eiuwaud-
freie Klarstellung der Frage unserer Gleich, bevechtigung von unserer Wiederbeteiligung an de« Arbeiten de, Abrüstungskonferenz nicht die Rede sei« kann.
Die Unterhaltungen mit dem italienischen Vertreter A l o i s i haben gezeigt, dah Italien grohes Verständnis für unsere Forderungen hat. Herr Henderson bemüht sich in sehr anerkennenswerter Weise darum, eine Verständigung herbeizuführen. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dah er damit Erfolg haben wird. Ich bin einem Gespräch mit Herrn Herriot selbstverständlich nicht aus dem Wege gegangen. Wenn Herr Herriot mir etwas zu sagen gehabt hätte, so wußte er. daß ich ihm zur Verfügung stand. In seiner gestrigen Rede m der Dölkerbundsversammlung hat Herr Herriot erneut zum Ausdruck gebracht, daß Frankreich diplomatische Verhandlungen ablehnt. Es liegt nun aw den
anderen, uns Angebote zu machen. Etwas Neues haben wir nicht zu sagen. Was wir wollen, ist in unserm Memorandum vom 29. August mit aller Deutlichkeit gesagt.
Inzwischen wird der Versuch gemacht, uns in der Welt anzuschwärzen. In Amerika werden aus französischen Kanälen Enthüllungen über unsere angeblichen Ee- heimrüstungen veröffentlicht. Man sagt, sie stammten aus dem früher schon von Tardieu und neuerdings von Herriot erwähnten Dossier, mit dessen Veröffentlichung man uns Sange zu machen sucht. Mit keinerlei Verdächtigung kann die Tatsache der erfolgten deutschen Abrüstung irgendwie in Zweifel gesetzt werden. Mit keinerlei angeblichen Verfehlungen Deutschlands gegen die Entwaffnungsbestimmun- gen von Versailles kann die Tatsache verdeckt werden, daß die allgemeine Abrüstungskonferenz ohne nennenswerte po-
Grundsätzlicher Verständigungswille ' Aber erst Gleichberechtigung
Die bereits am Freitag von der „Re- pub l i q u e" angekündigte Unterredung seines Berliner Sonderberichterstatters mit Reichskanzler v. Pap en beschränkt sich auf eine kurze Erklärung des Reichskanzlers über die Eleichberech- tigungsfrage. v. Papen betonte einleitend, daß er dem französischen Ministerpräsidenten gegenüber in Lausanne den Wunsch für den Abschluß eines deutschfranzösischen Konsulativabkommens zum Ausdruck gebracht habe, damit die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht in Frage gestellt würden.
Ein Wiederaufbau Europas se» jedoch erst möglich, wenu Deutschland die Gleichberechtigung iu der Riistungs- frage zuerkannt worden sei.
Deutschland beabsichtige nicht aufzurüften. Es wünsche aber auch nicht gerade in dem Augenblick auf die
Grundlage feiner Sicherheit verzichten zu müssen, in dem alle anderen Mächte sehr modern ausgerüstet sein. Die Reichsregierung sei außerdem der Auffassung, daß die führenden Staatsmänner nach der Anerkennung der Gleichberechtigung Deutschlands und nach einer bekannt« Erklärung, daß keiner von ihnen irgend welche An- qriffsabsichten hege, ein llebereinkommen treffen würden, das den gerechtfertigten Forderungen Deutschlands Rechnung trage.
Dieses llebereinkommen vorznbemte« sei jedoch Aufgabe der anderen Machte.
Die Fortsetzung eines aufrichtigen Meinungsaustausches zwischen Deutschland und Frankreich könnte diese Aufgabe sehr erleichtern, da sie zur besseren Verständigung der beiderseitigen Auffassungen beitrage. Er habe den größten Wunsch, für den Frieden zu arbeiten, und er erwarte einen modus vivendi, der es der Reichsregierung ermögliche, an den Äbrüstungsbesprech- ungen teikzunehmen.
Sensation in Paris
Die Ablehnung aller Kompromisse
Die Erklärung, die Außenminister von Aeiurath am Freitag den Vertretern der deutschen Presse gegenüber abgegeben hat, wird in Paris geradezu als sensationell tezeichnet. Die Blätter betonen, d<H durch den Mund eines amt- lichen Vertreters der Reichsregierung zum ersten Wale die Versicherung abgegeben worden sei, daß Deutschland auch nicht an den Arbeiten der bevorstehenden A b - rüflüngskonferenz teilnehmen werde, solange es in Bezug auf die GleicMerechtigungsforderungen kine Genugtuung erhalten habe. Bisher habe man immer geglaubt, daß sich diese Richt- beteiligung auf die Arbeiten des Ab- rüstungsbüros bezögen.
Die Erklärung des Reichsaußenmini- sters stellte außerdem eine direkte Ablehnung des englischen Planes dar, de« Heuderfou bei Wiederbeginn
der Arbeiten des ASrüstungsbüros vs« Mitglieder« zur Annahme unterbreiten wollte.
Der „Petit Parifien" spricht von einer Art deutschen Ultimatums, das schon jetzt alle Vrrständigungsbe- mühunaen nutzlos und überflüssig mache. Der Genfer Sondrrbrrichtersatter des „Journals" betont, daß Ministerpräsident Herriot die Ausführungen des Reichsaußenministers mit einem Lächeln ausgenommen habe. Französischerseits sei man nicht böse darüber, daß die RsichS- regierung die von Henderson beabsichtigten Vorschläge äölehne. Pertinax bezeichnet im „Echo de Paris" die Haltung der RcichsregierUng als eine einseitige Vernichtung des Versailler Vertrages. Durch die Ausführungen des Reichsaußenministers mache Deutschland von vorneherein jede Verständigung und jede Angleichung unmöglich.
sttive Resultate nach sechsmonatigen Verhandlungen auseinandergegangen ist.
Mit nichts kann die Tatsache de, einseitige« deutschen Eutwaffnung und die Ueberrüstung anderer Staaten wegdiskutiert werden, ebensowenig die Verpflichtung der anderen Staaten, ihrerseits abzurüsten.
Wer mit angeblichen Verfehlungen Deutschlands gegen die Versailler Entwaffnungsbestimmungen operiert, vergiftet die Atmosphäre. Die Haltung der deutschen Regierung in der Eleichberechtigungsfrage kann durch solche Manöver in keiner Weise beeinflußt werden. Wir verlangen ttn Rahmen der Abmachungen über allgemeine Abrüstung, die die Abrüstungskonferenz treffen soll, die gleiche Freiheit in der Wehrfrage, wie die anderen Staaten. Mit der einseitigen Diskriminierung Deutschlands muß es ein Ende haben. Keine deutsche Regierung wird auf das Lebensrecht der deutschen Nation, auf Landesverteidigung und Sicherheit verzichten.
Scharfe deutsche Kritik am Völkerbund.
G e n f, 30. Sept. 3m vierten Ausschuß der Dölkerbundsversammlung für die Finanzlage des Völkerbundes und die Reorganisation des Völkerbundssekretariats übte am Freitag der Vertreter Deutschlands, Staatssekretär z. D. von Rheinbaben, scharfe Kritik an der Finanzgebarung des Völkerbundes. Gr forderte Reorganisation des gesamten Verwaltungsapparats, Abbau überflüssiger Beamter und der Deamten- gehälter. Rheinbaben übte weiter scharfe Kritik an der Tätigkeit der 3 n f o r m a - tivnsabterlung und wies auf die Erklärung des Vertreters Finnlands hin, daß nach Ansicht vieler 3ournalisten die von der 3uformativnsabteilung heraus- gegsbenen Mitteilungen einer Weitergab« nicht wert seien.
Der Vorstoß des deutschen Vertreters hat allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es ist besonders zu begrüßen, daß Rheinbaben auf die Rotwendigkeil der Reorganisation der 3nformationsaLteilung des Völkerbundes hingewiesen hat, die gegenwärtig mit einem Stab von 24 Beamten im wesentlichen lediglich den Propa- gandazielen der leitenden französischen Kreise dkent.
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Bomben in Belgrad
Belgrad, 30. Sept Am Frritagmor- gen wurde auf das hiesige Offiziers- kasin» ein Bombenanschlag verübt Di« Bombe oder Höllenmaschine — die nähere Untersuchung ist noch im Gang« — erplodiert« um 8 Uhr vor dem Eingangstor des von mehreren Posten ständig bewachten Gebäudes. Das Eingangstor wurde zertrümmert. Durch den Luftdruck wurden in der Straßenfront des Kasinos auch ^mehrere Fensterscheiben eingedrückt. Ecne Frau, die in der Nähe der Erplosionsstelle vor- Lbrrging, wurde schwer, mehrere andere Palsanten wurden leicht verletzt. Das Dffiziere- kasins liegt knapp neben der neuen Tkupsch- tina. Einzelheiten über beit Anschlag fehlen noch.
Bon anderer Seite wird zu dem Anschlag noch gemeldet:
Ein elegant gekleideter Manu übcrgab heute früh in der Nähe der Schiffsstation einem Träger em Paket mit dem Auftrage,