Mittwoch, den 14.6cpl.1932
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Anzeiger Mr (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Verschärfter Verfassungskonflikt
Briefe hin und her — Die Regierung erscheint nicht vor dem Ueberwachungsausschutz
Briefwechsel Goering-Hindenburg
Berlin, 13. Sept. Zwischen dem Reichstagsprästdenten und dem Reichspräsidenten von Hindenburg hat am Dienstag ein Briefwechsel stattgefunden.
Reichstagspräsident Eoering hat tr Sinne der Entschließung des Reichstags- ausschusies zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung an den Reichspräsidenten einen Brief gerichtet und darin den Reichskanzler und den Reichsinnenminister dtzs offene« Bruchs der Verfaffung beschuldigt. Er verlangt von dem Reichspräsidenten. als dem berufenen Hüter der Verfassung, die Anweisung, daß der Reichskanzler und der Reichsinnenmiuister ««- verzüglich vor dem Ausschuß erscheinen.
Der Reichspräsident hat darauf a« den Reichstagspräsidenten ein Schreiben gerichtet, in dem er die Beschuldigungen gegen den Reichskanzler und den Reichsinnen. Minister mit Nachdruck z « r L ck w e i st und Anerkennung seiner, des Reichspräsidenten, Order über die Auflösung des Reichstages und Anerkennung der damit geschaffenen Rechtslage verlangt. 3« diesem Falle würde dem Erscheinen des Reichskanzlers und des Reichslnnenministers vor dem Ausschuß nichts mehr im Wege stehen.
In Regierungskreisen ist es stark ausgefallen, daß der Brief des Reichstagspräsidenten an den Reichspräsidenten von Hindenburg ohne Anrede und ohne Schlußformel abgefaßt worden ist. Man weist darauf hin, daß dies ein erstmaliger bis jetzt noch nie dagewesener Vorgang sei. Der Reichspräsident habe daraushin in der gleichen Art geantwortet.
Eine Erklärung der NSDAP zu d-m Brief Görings.
Berlin, 13. Sept. Zu dem Schreiben des Reichstagspräsidenten Göring an den Reichspräsidenten, in dem, wie gemeldet wurde, die üblichen Höflichkeitformelnfehlen, teilt die Pressestelle der ASD2IP. mit, Reichstagspräsident Göring stehe auf dem Standpunkt, daß das erwähnte Schreiben kein Brief des Reichstagspräsidenten Göring sei, sondern daß es sich um einen amtlichen Bericht eines Reichstagsausschusses handele, den er als Reichstagspräsident pflichtgemäß mit seiner Unterschrift versehen habe. Zn amtlichen De- richken der Ausschüsse sei es aber üblich, jedeHöflichkertsformel fvrtzu- lassen.
Eoering fordert Rücktritt Papens
Berlin, 13. Sept. Reichstagspräsident E bring hat ferner am Dienstagabend an Reichspräsident von Hindenburg ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt:
Hochzuverehrender Herr Reichspräsident' Euer Exzellenz!
Der Reichstag gibt feiner Erwartung hierdurch Ausdruck, daß Sie, Herr Reichspräsident, rutsprecheud den Vorschriften der Reichsverfassung. die von der Abstimmung des Reichstags betroffene Slotverordnung unverzüglich außer
-»ft setzen werden. Die jelbstoerstäudliche
Folge der Annahme des Mißtrauensvotums | wird der unverzügliche Rücktritt der Regierung Papen fein, da eine Regierung, die zu 95 Prozent das deutsche Volk gegen sich hat, weder weiter die Politik im Innern bestimmen, noch Deutschland in der jetzigen schwierigen Lage dem Ausland gegenüber vertreten kann. Rach beiden Seiten fehlt der Regierung Papen jegliche Legitimation des deutsche» Volkes; besonders im Hinblick auf die zurzeit schwebenden Verhandlungen mit dem Ausland würde eine Regierung, die fast von dem gesamten deutschen Volk durch schärfstes Mißtrauen ab- gelehnt wird, «in«, «»mögliche Berhandlirngs- basis besitzen. Dem deutschen Volk muß daraus schwer« Schädigung erwachsen.
Göring schildert dann ausführlich den Sri» zmigsverlaus und gibt dann zu, daß formal der Reichstag hn Augenblick nach
Berlin, 13. Sept. Der Reichsparteivorstand und die Reichstagsfraktion des Zentrums haben eine Entschließung angenommen, in der es heißt:
„Am 4. Juni ds. Is. ist der Reichstag von der Reichsleitung mit der Begründung aufgelöst worden, daß er in seiner Zusammensetzung dem politischen Willen des deutschen Volkes nicht mehr entspreche. Am 12. September hat man ihn aufgelöst, weil, wie es heißt, „die Gefahr" bestand, daß der Reichstag die Aufhebung der erlassenen Notverordnung verlangte. In beiden Fällen waren Anlaß und Ziel gleich, der Wille zum Fortbestand einer Reichsregierung, die sich im Widerspruch zur Verfassung als „unabhängig" erklärt und in der Volksvertretung keinerlei Vertrauen hat. Das beweist unwiderlegbar das Ergebnis der entscheidenden Abstimmung im Parlament. Artikel 48 der Verfassung gibt dem Reichstage das Recht, N o t m a tz - nahmen außer Kraft zu setzen.
Das Auflöfangsdekret vom 12. Sept, hat dem Reichstag« die AusSbung dieses Rechtes ««möglich gemacht. Dar«« widerspricht dies« A«flSs«»g dem Siaee der Reichsvrrfassneg.
Die Regierung von Papen aber arbeitete tatsächlich gegen das Zusammenwirken der arbeitsbereiten Kräfte im Parlament. Ihr Bemühen ging dahin, den Reichstag von vornherein als arbeitsunfähig zu erklären und ihn arbeitsunfähig zu machen. Sie brauchte einen solchen Zustand, um ihre Daseinsberechtigung daraus herzuleiten. Verhandlungen des Herrn Reichskanzler mit Vertretern breiter Volksgruppen im Parlament sind von ihm zu einem seltsamen Doppelspiel benutzt worden. Statt sie zusam- menzuführen, spielte er die eine Gruppe gegen die andere aus.
Die Zentrumsftaktion hat sich mft beharrlicher Ausdauer um das Zustandekommen einer sachlich begründeten, arbeitsfähigen Grundlage im neuen Reichstage bemüht. Um dieses Ziel zu erreichen, war sie bereit, Fühlung zu nehmen mit jeder Partei, die den Gedanken positiver Zusammenarbeit verantwortungsbewußt bejahte.
Die Regier««- von Papen hat ihre« Wille« durchgesetzt. Das ganze deutsche
der Abstimmung aufgelöst worden fei. Er fügt hinzu:
Gegen die Begründung dieser Auflösungsorder muß ich jedoch als Präsident der deutschen Volksvertretung Verwahrung einlegen. Gewiß ist es m das Ermessen des Herrn Reichspräsidenten gestellt, den Reichstag aufzulösen, jedoch nremals aus dem gleichen Anlaß. Tatsächlich ist jedoch der Reichstag bereits am 4. Ium 1932 aufgelöst worden mit dem tatsächlichen Sinne, daß die damalige Regierung Papen nicht das Vertrauen der deutschen Volksvertretung gefunden hätte. Tatsächlich ist auch der neue Reichstag ausgelöst worden, weil die Regierung Papen wiederum kein Vertrauen gefunden hätte.
Der Reichskanzler habe bei seinem Eintritt in den Reichstag ostentativ und in emer für den Reichstag verletzenden Form mft der roten Mappe gegen die Diplomatenloge hm- aufgewmkt. Die Aufhebung emer Notver-
Volk wird di« Folge« z« trag«« habe«, vor allem in wirtschaftlicher Be- ziehung, weil es «ine« daner«de« Aufschwung des Wirtschaftslebens nur bei normale« und stabilen Verhalt- nisten gebe« kann. Die Schuld fällt auf diese Reichsregieruag."
Die gestrige Führerbesprechung der Nationalsozialisten.
Die nationalsozialistische Korrespondenz veröffentlicht über die am Dienstag mittag abgehaltenen Führerbesprechung einen Bericht, in dem es u. a. heißt:
„In Berlin fand heute in Anwefenhett Adolf Hitlers eine nationalsozia- Wische Führertagung statt, an der neben dem Reichstagspräsidenten G ö r i n g auch die nationalsozialistischen Ministerpräsidenten mehrerer deutscher Länder sowie die Mitglieder der noch in Berlin versammelten nationalsozialisftschen Reichstagsabgeordneten vollzählich teilnahmen. Nachdem Minister a.D. Dr. Frick einleitend die Bedeutung des gestrigen für die Regierung von Papen vernichtenden Mißtrauensvotums des deutschen Volkes hervorgehoben und Reichstagspräsident Göring über die Vorgänge im Reichstag und die sich daraus ergebenden ver- faffungsrechtlichen Folgerungen referiert hatte, gab Adolf Hitler die Richtlinie für die neue Phase des Kampfes bekannt, in den die nationalsozialistische Bewegung mit dem gestrigen Tage eingetreten ist.
Di« Regierung v. Papen hat es in der Hand, auf welche« Ebene sie diesen Kampf fechten will. Für welchen Tag und für welche Mittel sie sich aber entscheiden möge: Die nationalsozialistische Bewegung fürch- tet diesen Kampf nicht, denn auf ihrer Seite wird in jedem Falle nicht «ur das Boll, sonder« auch das Recht sei«. Die NSDAP wird allen Gegnern so entgegentreten. wie sie es nach ihren eigene« G«. setze« verdienen und erwarten müsse.
- Jede Unterdrückung des legalen Kampfes der nationalistischen Bewegung wird zur Waffe, die sich gegeu die Unterdrücker selbst richtet."
orbntmg gehöre zu bett verfasstrngÄsiäMW Rechten des Reichstages.
„Gewiß find Sie, Herr Reichspräsident, vor vier Monaten gewählt worden, aber es muß betont werde«, daß auch der Reichstag, und zwar, was hierbei von Bedeutung ist, zu einem späteren Datum ebenfalls durch das deutsche Bott als feine Vertretung gewählt nwtM ist."
Schließlich ser ja auch die Wahl durch Ne Organisation der Parteien und mft ihrer Hilfe bewerkstelligt worden. Wolle mckn die politischen Parteien restlos ausschalten, beziehungsweise vernichten, so schalte man praktisch den V olks willen selbst aus Md wende sich damit gegenEeistund Sinn der Reichsoerfassung.
„Ich darf Sie versichern, hochverehrter Herr Reichspräsident, daß das deutsche Volk sich zur Zeft m einem Zustand namenloser Unruhe und Empörung befindet, weil dieses Volk empfindet, daß seine in der Ver- assung niedergelegten Grundrechte rn Gefahr rnd. Das Volk kann und wird es nicht ver- tehen, daß es weiterhin regiert werden soll von einer Anzahl von Männern, der soeben durch den Reichstag bestätigt wurde, daß sie sich auf keinerlei Vertrauen des Volkes berufen könne.
So wertvoll die Autorität Eurer Exzellenz sein mag, so darf nicht übersehen werde», daß das Vertrauen des Reichspräsidenten zur jeweiligen Regierung seine Ergän. jung finden muß in dem Vertrauen des deutsche» Volkes."
Er, der Reichstagspräsident, dürfe daher der berechtigten Hoffnung Ausdruck verleihen, daß der Reichspräsident der Regierung ebenfalls sein Vertrauen entzieh«.
„Mft der Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung habe ich die Ehre zu sein Euer Erzellenz ergebenster sgez. Göring, Reichstagspräsident)."
Eine Antwort des Herrn Reichspräsidenten liegt noch nicht vor.
Goerrug und der Kanzler.
3n einem Brief an den Reichskanzler verlangt Reichstagspräsident Göring, der Kanzler möge den Vorwurf des Verfassungsbruches zurücknehmen, da die Voraussetzungen für eine solch schwere Ehrenkränkung nicht gegeben seien.
Ein zweftes Schreiben Görings hat folgenden Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Reichskanzler!
Nachdem ich mich überzeugt habe, daß auch Minister, denen der ReichÄag das Ver- trauen entzogen hat, zur Gegenzeichnung eines Auflösungsdekrets berechtigt sind, habe ich meine Auffassung bereits gestern abend dahin korrigiert, daß der Reichstag formal-juristisch zu Recht aufgelöst ist, und daher weitere Sitzungen ober Handlungen mit Ausnahme der in der Verfassung vorgesehenen Ausschüsse nicht stattfinden werden.. In vorzüglicher Hochachtung (gez.) Göring."
Staatsgerichtshof nicht angerufen
In parlamentarischen Kreisen erwartete man, daß einzelne Länder den Staatsgerichtshos anrufen würden, um fcstzustellen, daß der Reichstag nicht verfassungsmäßig aufgelöst sei. Wie das Vdz.-Büro hört, rechneff man jedoch heute nicht mehr damit, daß der Staatsgerichtshos zur Entscheidung in dem zwischen Parlament und Regierung ausgebrochenen Versassungsstreit angerufen wird. Tie Gründe für diesen Verzicht dürften in der Ueberlegung zu suchen sein, daß ■ eine Entscheidung des Staatsgerichtshofes mindestens einige Monate auf sich war-
Scharfe Opposttton des Zentrums
FührertagUNtz b« NSDAP.