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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadl und Kreis Marburg.
Ein ernster Verfassungskonflikt
Der Reichstag aufgelöst — Annahme der Anträge gegen das Reichskabinett mit 513 gegen 42 Stimmen
Goering vor der Presse Der Staatsgerichtshos soll entscheiden
Berlin. 12. Sept. Reichstagspräfi- betti Göring empfing heute nachmittag die Presse, um seinerseits zu der Reichstags- auflösung Stellung z« nehmen.
Er erklärte u. a.: Als keine der Fraktionen dem kommunistischen Antrag widersprach, sei er verpflichtet gewesen sofort zu Beginn der zweiten Sitzung mit der Abstimmung zu beginnen. Er habe das Wort zur Abstimmung noch nicht ausgesprochen gehabt als Herr v. Papen zunächst nur die Hand erhob, während aus der gleichen Richtung das Wort „namentlich kam, so daß er habe annehmen müssen auch Herr v. Papen verlange die namentliche Abstimmung.
„Nach meiner Auffassung «ob der des Reichstages", f- fuhr Präsident 63. ring fort, „hatte ich die Abstimmung bereits begonnen und eröffnet, als der 1
Reichskanzler «m tme Wort bat.
Nach der Verfassung bin ich verpflichtet, der Reichsregierung jederzeit das Wort zu geben, aber nicht, wenn em anderer Redner spricht oder eine Abstimmung vor sich geht. Ich habe dem Reichskanzler bedeutet, er würde sofort nach der Abstimmung das Wort erhalten. Der Reichskanzler legte daraufhin em Stuck Papier auf meinen Prästdententisch, das ich zunächst nicht angesehen habe.
Ich habe die Abstimmung durchgeführt; sie ist eine Handlung in sich, die nicht um terbrochen werden kann. Im Augenblick, wo eine Abstimmung beginnt, ist auch das Resultat der Abstimmung mit diesem Zeitpunkt vereinigt, und die Abstimmung ist ein unteilbares Ganze. Als ich das Resultat bekanntgab, hatte sich die Reichsregierung bereits entfernt, und ich habe nun angenommen, daß der Reichskanzler mir auf diesen Zettel eine Mitteilung über seine Entfernung gemacht hatte. Ich habe dann gesehen, daß es stch um die Auflösung des Reichstags handelt «nd den Standpunkt eingenommen,
baft eiet Regierung, die soeben durch eine überwältigende, noch nie dagewe- seae Mehrheit de, Vertretung des deutsche« Volkes gestürzt wurde, zur Gegenzeichnung eines solchen amtliche«
Ein offener Konflikt
Berlin, 12. Sept. Zu Beginn der heutigen Reichstagssitzung sind die Tribünen, auch die Diplomatenloge, bis aus den letzten Platz besetzt. Am Tisch der Reichsratsbevollmächtigten sitzt an der ersten Stelle, wie früher, der durch den Reichskommissar seines Amtes enthobene preußische Ministerialdirektor Dr. Badt. Die Mitglieder des Reichskabinetts sind vollzählig erschienen. Von den nationalsozialistischen Abgeordneten haben diesmal nur wenige die Parteiunisorm angelegt.
Reichstagspräsident Göring, der gleichfalls in Zivil erschienen ist, eröffnet um 15 Uhr die Sitzung und verkündet das bereits mitgeteilte Ergebnis der Schrift- führerwahl. Es sind unter den Schriftführern dieses Reichstages keine Sozialdemokraten und keine Kommunisten. Der Präsident gibt dann die Konstituierung der Reichstagsausschüsse bekannt.
Zur Geschäftsordnung begründet
Abg. Torgler (Komm.) eine Aende- rung der Tagesordnung.
Das Schicksal der Arbeiterklasse dürfe nicht abhängig gemacht werden von den Verhandlungen über das Schicksal des Reichstages. Früher hätten die Nationalsozialisten so etwas „Kuhhandel genannt. Von den Kommunisten werde darum beantragt, auf die Tagesordnung zu setzen den Antrag auf Aufhebung der Notverordnung und den Nitztrauensantrag gegen die Reichsregierung. Sollte, wie zu erwarten, diesem Antrag widersprochen werden, so beantragten die Kommunisten sofortige Anberaumung einer neuen Sitzung für heute.
Abg. Lobe (Soz.) beantragt, als zweiten Punkt auf die Tagesordnung der heutigen Sitzung den sozialdemokratt- schen Anttag auf Aufhebung der Notverordnung zu setzen. Es sei ja sicher, daß der deutschnationale Fraktionsfuhrer dem kommunistischen Antrag widersprechen werde.
«räftbeirt Goring richtet ««« an bas Haus die Frage, ob be« kommunistischen Antrag wiberfprochen werbe. Von keiner Seite kommt Widerspruch. Diese überraschenbe Wenbung wirb mit Bewegnag «nb Heiterkeit aufge- nomme«, bean damit wäre bie sofortige Abstimmung über Rotverorbnnng
unb Mißtrauensantrag beschlossen.
Abg. Dr. Frick (Natsoz.) beantragt die Sitzung auf eine halbe Stunde zu unterbrechen. Dieser Anttag wird mit den Stimmen der Nationalsozialisten und des Zentrums angenommen.
Nachdem Reichstagspräsident Göring seinen Platz wieder eingenommen hat, erscheint Reichskanzler von Papen und zeigt ostentativ eine rote Aktenmappe, das Wahrzeichen der Reichstagsauflösung in früheren Jahren. Die Kommunisten Machen entsprechende Zurufe.
Reichstagpräsident Göring eröffnet die Sitzung mit der Erklärung: „Nachdem sich vorhin kein Widerspruch gegen den kommunistischen Anttag erhoben hat, kommen wir jetzt zur gemeinsamen namentlichen Abstimmung über den Anttag Torgler auf Aushebung der Notverordnung und über das Mißtrauensvotum
1 gegen die Regierung."
Reichskanzler vonPapen erhebt die Hand, um sich zum Wort zu melden. Reichstagspräsident Göring sagt mit einer abwehrenden Handbewegung: „Wir sind bereits in der Abstimmung, wahrend der Abstimmung kann ich das Wort nicht erteilen.“ Von den Nationalsozialisten und der Linken wird diese Erklärung mit großer Heiterkeit und mit Zustim- mungskundgebungen begrüßt.
Reichskanzler von Pap e n gebt darauf zum Präsidententisch und legt dort ein Schriftstück nieder offenbar die Auflösungsorder des Reichspräsidenten. Reichstagspräsident Görmg schiebt das Schriftstück zurück und erklärt: „Wir führen jetzt erst die Abstimmung durch. Wir waren bereits tn der Abstimmung, I
und bevor-sie durchgefüyrt ist. Kann ich nichts anderes machen.“ x
Die Abstimmung.
Unter großer Bewegung wird hierauf die namentliche Abstimmung durchgeführt. Die Kommunisten rufen:. „Nieder mit der Hungerregierung!“ Die Regierungsmitglieder verlassen unter hoh- •rujajen Zurufen der Kommunisten den Saal.
Bei der namentlichen Abstimmung geben die Deutschnationalen rote Neinstimmen ab. Reichstagspräsident ©bring verkündet das Ergebnis der namentlichen Abstimmung über den Mißtrauensantrag und über die Aufhebung der Notverordnung:
Erst in dem Augenblick, wo der Reichspräsident diese Regierung in den Stand einer geschästsführenden wieder einfetzt und uns die Mitteilung zukommen latzr, gewinnt auch die Gegenzeichnung dieser Regierung wieder Wert.
Jedenfalls ist es ein Streitobjekt, und ich habe die Mitteilung erhalten, daß Landerregierungen die Absicht haben, augenblicklich und unverzüglich beim Staatsgerichtshof eine Entscheidung und einstweilige Verfügung herbeizuführen, da sie legitimiert find, während der Reichstag durch eine Lücke der Verfassung nicht legitimiert ist, diesen Streit beim Reichsgericht zu führen. Die Länder werden den Streit dahin präzisieren, ob eine gestürzte Reichsregierung überhaupt durch Gegenzeichnung einen Reichstag auflösen kann.
Die Frage, ob der Reichstag vor der Abstimmung bereits aufgelöst war, verneine ich auf das entschiedenste.
Fest steht, wie immer auch das Reichsgericht entscheiden mag, daß die Abstimmung unter allen Umständen zu Recht besteht, daß das Kabinett Papen mit erdrückender Mehrheit gestürzt worden ist.
Lis zur Eutfcheidung des Staats- gerichtshofes werde ich Amtshandlungen des Reichstages, soweit es sich nicht um die fortbestehenden Ausschüsse handelt, «uterlasie«.
Zu der Anftösung selbst erklärte der Präsident, daß der Reichstag mit Ausnahme der Deutschnationalen die Auftas- sung vertrete, der Reichspräsident könne zwar de jure den Reichstag auflosen so oft er wolle, de facto aber habe diesmal keine Begründung vorgelegen Es sei bisher in der Geschichte noch nicht dagewesen daß der Reichstag präventiv ausgelost wurde nämlich aus dem Grunde, daß die Gefahr bestand, es könnte eine Verordnung aufgehoben werden. Die Verfassung gebe dem Reichspräsidenten einen solchen Grund nicht an die Hand.
Auf Fragen teilte Präsident Göring noch mit daß er dem Reichspräsidenten dringlich'mitteilen werde, daß die Reichsregierung gestürzt fei. Es Jet möglich, daß das Reichsgericht auch einem gestürzten Ministerium das Recht zur Gegenzeichnung eines Auflösungsdekrets zublllrge, dann bleibe aber zum mindesten die bereits erfolgte Abstimmung bestehen.
Es sind abgegeben worden 559 Karten, 5 Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten, 42 Karten lauteten mit Rein. 512 haben mit Ja gestimmt. Der Mißtrauensantrag und der Antrag auf Aufhebung der Notverordnung find damit angenommen. (Stürmischer Beifall.)
Gegen die Anträge stimmten 42 Abge- ordnete, nämlich 35 Deutschnationale und die 7 Mitglieder der Deutschen Volkspartei. Von den Deutschnationalen hat sich jedoch der Abgeordnete Spahn der Stimme enthalten. Ferner haben sich der Stimme enthalten: die drei Abgeordneten des Christl.-sozialen Volksdienstes, Behrens, Schmidt-Westfalen und Simp- fendörfer, sowie der Abgeordnete der Volksrechtspartei B a u f e r - Stuttgart. Ueberhaupt nicht an der Abstimmung teilgenommen haben die vier Mitglieder der Staatspartei, die zwei Abgeordneten der Deutschen Bauernpartei und die zwei Wirtschaftsparteiler.
-Darauf erhob fich
Präsident Göring
zu folgender Erklärung: „Die Abg. Dr. Oberfohren und Torgler haben sich zur Geschäftsordnung gemeldet. Ich erteile jetzt das Wort dazu mcht. Nachdem bereits die Abstimmung begonnen hatte, hat der Herr Reichskanzler um das Wort ersucht. Nach der Abstimmung hätte ich ihm der Verfasiung gemäß das Wort erteilt. Während der Abstimmung war das nicht möglich.
Während dieser Abstimmung hat er mir eine Auflösungsorder des Herrn Reichspräfidenteti überreicht, ei« Schreiben, das nunmehr, da es gegengezeichnet ist von einem Reichskanzler «nd einer Regierung, die durch die nunmehr dnrchgeführte Abstimmung als gestürzt z« bezeichnen sind, hin- fällig geworden ist." (Stürmischer
Beifall bei den Nationalsozialisten.)
Der Reichstagspräfident verliest dann die Auflösungsorder und erklärt dazu dochmals, daß eine solche Auflösungsorder nicht rechtsgültig fein kann wenn sie gegengezeichnet fei von einer Regierung, der die überwältigende Mehrheit der deutschen Volksverttetung das Vertrauen entzogen habe und hinter der im Deutschen Reichstag nur 32 Abgeordnete stehen. Er werde dem Reichspräsidenten von dieser Tatsache Mitteilung machen und ihn bitten, unter diesen Umständen seine Auftösungsorder zurückzuziehen.
Die Auflösungsorder komme nicht überraschend. Schon beim Empfang des Reichs- tagspräfidiums habe der deutschnationale Vizepräsident Eraef-Thüringen dem Reichspräsidenten erklärt, daß seine Freunde gegen das parlamentarische Regiment seien. Im Gegensatz zu dieser Erklärung wolle er, Reickstagspräsident Göring, streng nach der Verfasiung weiterarbeiten und die Rechte der deutschen Volksvertretung wahren. (Stürmischer Beifall bei den Nationalsozialisten.)
Der Reichstagspräsident schlägt barm vor. morgen eine weitere Sitzung abzuhal- te«, mit einer Tagesordnung, die vom Aeltestenrat bestimmt werde« soll