Montag, den lLSrvl.urr
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Lage noch völlig ungeklärt
Der Empfang der Parteiführer verschoben — Findet er überhaupt noch statt?
In politischen Kreisen sieht man der neuen Woche mit gespanntem Interesse entgegen, weil man von ihr die Entschei- öung über die weitere innerpolitische Entwickelung erwartet. Am Anfang der Woche steht die R e g i e r u n g s e r k l ä- r u n g, die der Kanzler Montag nachmittag im Reichstag abgeben wird. Den Sonntag über ist an ihr noch gearbeitet worden. Sie wird auch wohl erst Montag vormittag fertig werden, da der außenpolitische Teil natürlich unter Berücksichtigung der französischen Note und der Reden abgefaßt werden mutz, die H e r r i o t und andere' Mitglieder des französischen Kabinetts gestern gehalten haben.
Wenn die Dinge im Reichstag pro- grammätzig verlaufen, schließt sich am : Dienstag die politische Aussprache an, die man aus zwei, vielleicht drei Tage berechnet. Ein etwas verworrenes Vorspiel zur Parlaments- tagung hat die Frage des Empfanges der drei Fraktionsführer beim Reichspräsidenten geliefert. Die verschiedenen Mitteilungen, die hierzu am Sonnabend abend erschienen, haben die Situation ®ncdi unklarer gestaltet.
Sicher ist nun, daß der Empfang am Montag nicht statlfin- d e t.
Am späten Abend des Sonnabend hat der Reichstagspräsident dem Büro des Reichspräsidenten mitgeteilt, daß der Besuch am Montag nicht möglich sei, und daß ec verschoben werden möchte. Das ist dem Reichspräsidenten am Sonntag vorgetragen worden. Ueber einen neuen Zeitpunkt hat er eine Entschließung noch nicht gefaßt. Es wäre auch denkbar, daß er abwartet, welchen Terminvorfchlag die drei Parteien nun machen. In ihren Kreisen kann man übrigens bereits die Auffassung hören, daß der Besuch jetzt ^überhaupt in Frage gestellt lei.
Bon besonderer Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang die halbamtliche Erklärung, in der ausdrücklich festgestellt wird, daß der Reichspräsident sich mit einer Vorverlegung des Empfanges auf einen Termin einverstanden erklärt habe, der der Kanzlerrede vorausgehen konnte. Damit wird die Bereitwilligkeit des Reichspräsidenten unterstrichen, den Terminwünschen der Parteien Rechnung zu tragen. Gemeint ist wohl die Möglichkeit, daß die Regierungserklärung auch am Dienstag hcittS abgegeben werden' können, nachdem der Empfang am Montag nachmittag vorausgegangen märe. Nach einer Meldung von Sonnabend abend, die ihren Ursprung im Reichstag hat, soll eine solche Verschiebung der Reichstagssitzung aber aus technischen Gründen nicht möglich gewesen sein. Welcher Art diese technischen Eründe sind, ist nicht bekannt geworden. 5n gewissen politischen Kreisen sieht man den Grund für den Verzicht auf den Rlontagsempfang darin, daß die Parteien letzt befürchten, es könnte schon gleich dach dieser Aussprache ein vollständiger Bruch offenbar und damit die Auslösung des Reichstages beschleu- "igt werden.
Interessant ist, daß der „Vorwärts" m seiner Sonntagsausgabe bereits mit der Möglichkeit der Auflösung für Montag abend rechnet. Die e Auffassung ist beim normalen Ablauf der Entwicklung nicht richtig. Vielmehr glaubt man in politischen Meisen, daß die Auslösung
erst Mitte der Woche kommen wird, und zwar spricht die stärkste Wahrscheinlichkeit für Donnerstag, immer natürlich vorausgesetzt, daß nicht aus dem echstag heraus Ueberraschungen austreten, die zu einer schnelleren Auflösung führen.
Ist die Krise noch zu meistern?
In der Sonntagsausgabe der „Kölnischen Zeitung" befaßt sich der Berliner Vertreter des Blattes unter der Ueberfchrift „Untaugliche Versuche, Alles noch in der Schwebe", mit der politischen Lage und nimmt dabei u. a. Bezug auf Artikel im Berliner „Angriff", der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" und der Börsen zeitung". Man lese jetzt, so heißt es u. a„ in der Regierungsprefse von den Bemühungen,
Neuwahlen zu verhindern. Auch in der Regierung wären, so versichere sie, gewichtige Kräfte am Werk, die nach der gleichen Richtung arbeiteten. Soweit aber erkennbar sei, dürften diese Versuche zur Verhinderung der Krise durchaus unbrauchbar sein, denn sie scheinen zum Ziele zu haben, eine Mehrheitsbildung von Zentrum und Nationalsozialisten zu verhindern und die Nationalsozialisten auf irgend eine Art zur Unterstützung dieser Regierung zu gewinnen. Aber jede Annäherung zwischen den Nationalsozialisten und dieser Regierung sei vollständig ausgeschlossen. Aus diesem Wege sei die Krise nicht mehr zu bemeiftern. Noch viel weniger würden gewisse versteckte Drohungen zum Ziele führen. Die „DAZ." schreibt, ein etwaiger Wahlkampf könne sich nicht in den glei-
Deutschland ist im Recht
Mussolini unterstreicht den deutschen Anspruch auf
Der „Berliner Börsen-Coutter" veröffentlicht unter der Ueberfchrift „Deutschland ist im Recht" einen aufsehenerregenden Artikel Mussolinis, in dem der italienische Regierungschef $d der deutschen Gleichberechtigungsforderung Stellung nimmt. Gr führt u. a. aus:
„Das bedeutendste Ereignis in der internationalen Politik ist zur Zeit der offizielle Schritt der deutschen Regierung in England, Frankreich, Italien und bei den kleineren Staaten: die Anmeldung des deutschen Anspruchs auf gleiches Recht auf dem Gebiet der militärischen Rüstungen. Diese Forderung ist bereits in Interviews unb anderen Aeußerungen des Generals von Schleicher erhoben worden, der immer mehr in den Vordergrund Au treten scheint und offensichtlich ein Mann von bemerkenswerter Entschlußkraft, wie überhaupt die stärkste Persönlichkeit des Kabinetts Pasten ist."
Mussolini stellt dann fest, daß mit dem Tage da Deutschland als Mitglied des Völkerbundes ausgenommen wurde und sofort einen dauernden Sitz im Völkerbundsrat erhielt, eine neue Sage entstand. Im selben Augenblick wurde Deutschland die juristische Gleichheit zuerkannt, nämlich die Gleichheit der Rechte und Pflichten mit den anderen Mächten. „Dann kam", fährt der Artikel fort, „Locarno, wo Deutfchland und Frankreich die Unter- stützung und Garantie Englands und Italiens erhielten. Diese Garantie bedeute offenbar, daß Deutschland und Frankreich auf Dieselbe Stufe gestellt werden, daß s.e aflo beide dieselbe Verpflichtung haben, nicht anzugreifen, und dasselbe Recht aus Verteidigungsschutz bei einem Angriff des anderen.
Dennoch ist Deutschland trotz seiner Anfnahme in den BSlkerbnnd, trotz des Locarno, und sogar des Kellogg-Paktes noch immer i, der Verfassung eines
Staates zweiten Ranges.
Es wurde durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags praktisch entwaffnet. Aber in demselben Versailler Vertrag war die Abrüstung Deutschlands nur als Einleitung zu einer allgemeinen Senkung des Rüstungsstandards auf die Ebene des deutschen gedacht. Das war eine feier».
Gleichberechtigung
lichs Verpflichtung, die bisher nicht ern- gehalten worden ist.
Die Enttäuschung ist allgemein, besonders in Deutschland, wo man sich bewußt geworden ist, daß die Signatarmächte des Versailler Vertrags — mit Ausnahme Italiens — keinen Versuch gemacht haben, eine wirkliche Abrüstungspolitik zu treiben, und daß sie daher nicht mehr zum Vertrag stehen.
Arsprung und Rechtfertigung der deutschen Forderung liegen in dem Versagen der Genfer Konferenz, die darauf hinzielt, das Bestehen zweierlei Rechtes zu einem Dauerzustand zwischen Deutschland und den anderen Staaten zu machen.
Deutschlands Ansscheiden würde de« endgültigen Zerfall oder die «nbe- fristete Vertag««« der «brüstungs- kvnferenz zur Folge haben. Es würde auch de« BSlkerbund den T-desst-tz versetze«.
Gme wirfliche Abrüstung ist nur ans der Basis deS Minimalstandards möglich, nicht nur durch die umgekehrte Methode. Folgerichtig ist Deutschland, wenn der Abrüstungsstandard nicht ermäßigt wird, in seinem Recht, wenn eS aufrüstet. Am Deutschlands Ausscheiden aus der Abrüstungskonferenz zu vechüten, ist es unvermeidlich .daß fein Recht auf Gleichheit in der Rüstungsfrage anerkannt wird.
Gleichzeittg muß festgestellt werden, daß es im ureigensten Interesse Deutschlands liegt, wenn es Auge in Äuge mit allen Staaten Europas, mit Amerika und der Weltmeinung einen maßvollen Ge- brauchvon seinem Recht auf Gleichheit macht Und dieses erst zur Geltung bringt, wenn die Abrüstungskonferenz — so oder so — ifjre Arbeiten endgültig abgeschlossen hat. Wenn aber die Abrüstungskonferenz mit einem Mißerfolg endet, muß die neue Organisation der militärischen Streitkräfte Deutschlands diesem Fehllchlag angepaßt werden.
Zu glauben, daß es möglich wäre, ein hoch zivilisiertes Volk wie die Deutschen, die nach Rußland die größte Be- völkerungSzifser in Europa aufweisen, für ewig zu knebeln, ist mir eine verderbliche Illusion. Man kann nicht den Weg in die Zukunft ebnen, wenn man sich ständig an das Gestrige klammert."
chen Formen und in der gleichen Ungebundenheit vollziehen wie die letzte Wahl. Diese dunkle Andeutung stimme ganz überein mit dem Geranne, das die Offiziösen in Umlauf gesetzt hätten und das dahingehe, es stehe durchaus noch nicht fest, ob nach einer Auflösung in der vorgeschriebenen Frist Neuwahlen statt- finden würden und ob man sich schließlich doch nicht noch auf das berühmte Notstandsrecht zurückziehen müsse.
„An den Ernst dieser Drohungen", so heißt es wörtlich weiter, „glauben wir deshalb nicht, weil sie dem Reichspräsidenten Verfasiungsbrüche zumuten. Alles das sind untaugliche Mittel, um die Lage noch zugunsten dieser Regierung zu wenden. Es hilft nun einmal nichts: eine Zusammenarbeit zwischen Reichstag und dieser Regierung ist unmöglich. Wir wiederholen nurmehrfach Gesagtes, wenn wir darauf verweisen, daß auch das Zentrum diese Tatsache, selbst wenn es wollte, nicht ändern kann, weil 74 v. H. des Parlaments (offne Zentrum) in der schärfsten Front gegen die Regierung Papen fiebern Wenn die Bestechung beim Reichspräsidenten keine Möglichkeit eröffnet, eine Präsidialregierung mit einer parlamentarischen Arbeitsmehrheit hinter sich ins Leben zu rufen, dann müssen die Dinge ihren verhängnisvollen Lauf nehmen. Daran ändert weder eine Regierungserklärung etwas noch erneute Anbiederungsversuche an die Nationalsozialisten oder gar Drohungen."
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Heber den Empfang der Patteiführer bei dem Reichspräsidenten wurde am Sonnabend eine Reihe widersprechender Meldungen verbreitet. Arsprünglich hieß es, daß die Patteiführer um eine Vorverlegung des Empfanges von Dienstag auf Montag gebeten hatten, wobei anscheinend gleich^itig die Absicht bestand, die Reichstagssitzung mit der Regierungserklärung auf Dienstag zu verschieben. Der Reichspräsident willigte in diese Vorverlegung ein und setzte den Empfang auf Montag 17 Ahr fest. Inzwischen hatte sich aber die Verschiebung der Reichstagssitzung als unmöglich erwiesen, so daß die Parteiführer nunmehr erneut den Reichspräsidenten baten, den Empfang bis nach der Aussprache im Reichstag zu verlegen.
Reichswehrminister Schleicher veröffentlicht eine EEärung, in der er den Gerüchten entgegentritt, wonach er angeblich bereit sei, in ein tatsächlich von den Parteien gebildetes Kabinett einzutreten. Er er- klätt dies als eine Verfälschung des Gedankens einer unabhängigen Prösidial- regierung und betont, daß er es als eine Untreue gegenüber dem Reichspräsidenten ansehen würde, wenn er irgend etwas tun würde, was den Bestand des jetzigen Kabinetts gefährden könne.
Das Konttngentierangs- programm wird eingeschränkt.
Berlin, 11. Sept. Der s-br heftige Kampf nm die Pläne z« einer Kontinoen- tiernng der Agrareinfnhr ist innerhalb der Reichsregierung noch nicht abgeschlossen, aber schon läßt fick überblicken, daß ein Teil der früheren Vorschläge nicht zur Verwirklichung kommen wird. So verlautet aus unterrichteten Kreisen, daß z. B. die Kontingentierung der Einfuhr von Därmen. Fellen und Häute« bereits jetzt aufgegeben ist und daß es weiter der Industrie gelang, die