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Sette B

Oberdessifthe Zettons. Marburg <l L. Dienstag, den 6. September 1932

Ät. ZOT

Aus dev Umgegend

Kreis A'ikr' uri

Einquartierung in Sterzhauseu.

er- Sterzhauseu. 6. Sept. Am Sonn­abend trafen hier SA.-Führer ein, die an einem Führerschulungsiag teilnahmen. Un­unterbrochen trafen nationalsozialistische Ba­taillone hier ein. An allen Zufahrtstrahen hatten Wachtposten Aufstellung genommen. Gegen 11.30 Uhr waren etwa 200 SA.-Männer eingetroffen. Um 12 Uhr fand auf dem Hof der Gastwirtschaft Kapeller der Zapfenstreich statt. Der Marburger Spielmannszug unter seiner vorzüglichen Leitung spielte den Tor­gauer-Marsch, worauf der Befehl kam: „Helm ab zum Gebet." Alle Anwesenden sangen das Lied: „Ich bete an die Macht der Liebe." Nun erscholl aus den begeisterten Kehlen der SA.- Männer das Lied: „Die Fahne hoch!" Darauf rückten die braunen Bataillone in ihre Quar­tiere ab. — Am folgenden Tag wurde um 6 Uhr das Signal „Wecken" geblasen. Gegen 7 Uhr gemeinsames Kaffeetrinken. Plötzlich ertönte das Signal „Sammeln!" Alle traten darauf an und rückten auf den hiesigen Reit­platz. Hier wurden die SA.-Führer geprüft. Jede Marschart wurde genau und exakt vor­geführt. 2n drei verschiedenen Abteilungen übte man Steinschleudern. Handgranaten­werfen und Daumstammstotzen. Indessen mußte auch der Spielmannszug tüchtig üben. Mittags zog alles ab zur Gulaschkanone". Vorher fand noch ein Vortrag des Herrn Stoeveiand statt, der aber nur für 591.= Leute uno Pg. zugänglich war. Nach der Mittagspause sprachen Herr Sturmbanner­adjutant E i ck und Herr Sturmführer Wolf über den neuen Dienstplan der SA. Mit einem „Sieg-Heil" auf den obersten 691.« Führer Adolf Hitler endete die Tagung. Wohlversorgt rückten die SA.-Männer ‘ wie­der ab.

Weidmannsheil'.

Reimershausen, 6. Sept. In der ver­gangenen Woche erlegte Hegemeister Riemen­schneider in dem hiesigen Staatsjagdbezlrk einen Zehnenderhirsch.

Das Schwimmbad ohne Wasser.

Kirchners, 6. Sept. Das mit hohen Kosten int Jahre 1930 auf dem Sauwasen er­richtete Waldschimmbad hat in diesem Som­mer wegen Wassermangels seine Hallen schlie­ßen müssen. Damit haben die Leute Recht be­halten, die s. Zt. gegen die Anlage waren.

KreiS Mrbbain

Die Wohraregulierung.

Kreis Kirchhain, 6. Sept. Sechzehn Wochen sind vergangen, daß der freiwillige Arbeitsdienst an der Wohra durch Herrn Lano- rat Beaucamp eröffnet wurde. In dieser Zeit ist ein hohes Matz von wirklich volkswirt­schaftlicher Arbeit geleistet worden. In der verflossenen Zeit hat der Herr Landrat öfters Gelegenheit genommen, die Regulierungs­arbeiten zu besichtigen. Der letzte Besuch des Herrn Landrats auf der Wohrabaustelle galt in der Hauptsache dem Abschiednehmen von den Arbeitsfreiwilligen. Der Herr Landrat gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß das Werk so gut gefördert sei. Dies fei der beste Beweis dafür, daß die Arbeitsdtenftwilligen den Sinn des freiwilligen Arbeitsdienstes voll begriffen hätten. Vielen Freiwilligen fei die

schwierige Arbeit neu gewesen. Fleiß, Aus­dauer, Kameradschaft und Vertrauen zu ihrer Führung hätten die Grundlage für die erfolg­reiche Arbeit gebildet. Im Namen der Kreis- vcrwaltung spreche er den Freiwilligen den Dank für die geleisteten Arbeiten aus; ihm selbst sei die Arbeit an der Wohra eine große Freude gewesen. Zum Schluß wünschte Herr Landrat den Freiwilligen, daß auch in den nächsten Jahren die Arbeiten fortgeführt und die Freiwilligen weiter beschäftigt würden. Er würde sich der Arbeiten stets gerne erinnern und später gerne Gelegenheit nehmen, das Werk nach seiner Vollendung zu sehen. Die Vorarbeiter und Eruppen-Ünterführer dank­ten Herrn Landrat int Namen der Baustellen­belegschaft für die Unterstützung und das Interesse, das er der Förderung vom frei­willigen Arbeitsdienst entgegengebracht habe.

Kirchhain, 6. Sept. Die Anfuhr von etwa 50 Kubikmeter Sand aus der städtischen Sandgrube an die Römerstratze, soll vergeben werden . Angebote sind mit entsprechender Aufschrift versehen bis zum 7. ds. Mts., mit­tags 12 Uhr. auf Zimmer Nr. 8 des Rathauses einzureichen .

h Eroß-Seelbeim, 5. Sept. Bei dem am vergangenen Sonntag auf der hiesigen Jungviehweide ausgetragenen Fußballspiel zwischen den Mannschaften Bortshausen 1. und Eroß-Seelheim 2. blieb erstere mit 5:1 Sieger. — Bei dem gestrigen Fluge des Driestauben- vereins Fürth in Bayern war der hiesige Ver­ein mit 20 Tauben beteiligt. Letzterem haben die Flüge seither viel wertvolles Material ge­kostet.

h. N i e d e r wa l d, 3. Sept. Seit dem strengen letzten Winter 1928/29 hat man an der Ohm sowie deren Nebenflüssen von dem Uferaas (Eintagsfliege) sehr selten etwas beobachtet. Jedoch in diesem Jahre — so gegen den 18. bis 20. August — konnten Fischer ihre Lieblingsschwärme von den klei­nen Schmetterlingen beobachten. Der Flug dieser seltenen Tierchen ist ein reines Natur­schauspiel, welches sich nur Mitte Monat August etliche Tage und zwar in der Abend­dämmerung eine Stunde und auch wohl etwas länger über dem Wasser abspielt. Es sieht aus, als ob kleine weihe Wolken über dem Wasser sich auf- und abbewegen, für die Fische ein Leckerbissen und die Fischer öfters ein guter Fang.

Kreis Frmikenberg

Autounglück.

br. Frankenberg, 5. Sept. Sonnabend gegen 17.45 Uhr wurden eine kleines Mädel und der 83jährige 2oh. Schmidt an der Kreu­zung Wilhelm-Bremer-Straße und Steinweg von einem aus der Richtung Corbach kommen­den Auto angefahren. Der Fahrer hatte das Verkehrssiannl, welches anstatt auf der rechten auf der linken Straßenseite stand, übersehen, und fuhr mit voller Fahrt in die Straßen­kreuzung, als ihm plötzlich zwei Kinder in die Fahrbahn sprangen. Auf ein gegebenes War­nungssignal lief der Knabe auf die rechte Seite, während das Mädel auf der Straße stehen blieb. Doch als das Auto in feine Nähe gekommen war, wollte es in demselben Moment auch auf die rechte Straßenseite, wurde jedoch noch vom Kotflügel gefaßt und zu Boden geschleudert. Der Führer des Wa­gens, der nun einen Zusammenstoß vermeiden

wollte, fuhr auf den Bürgersteig und warf den les Weges kommenden 83jährigen Mann auch noch zu Boden. Während das Mädchen eine Kopfverletzung, Hautabschürfungen und ver­mutlich Fuß- bezw. Zehenbruch erlitten hat, kam bei Mann mit einer Prellung am linken Fuß davon.

br. Frankenberg. 5. Sept. Ein leich­tes Motorradunglück ereignete sich in der Neu- städter Straße. Dort sprang dem vorschrifts­mäßig fahrenden Motorradfahrer ein Junge tn das Rad- Trotz des Sturzes kamen beide Teile mit Prellungen und Hautabschürfungen davon.

Frankenberg. 6. Sept. Die Liste der in hiesiger Stabt wohnhaften Personen, welche zu dem Amte eines Schöffen ober Geschwore­nen für bas Jahr 1932 berufen werden können, liegt vom 6. ds. Mts. ab eine Woche lang im Stadtsekretariat — Zimmer 3a — zu jedermanns Einsicht offen.

Kreis ttftgcriHfa

a Treysa, 5. Sept. In dem hiesigen Hospital, einer Stiftung der Elisabeth Vogel­sang, in dem vor etlichen Jahrzehnten ein Ee- meindesaal eingerichtet wurde, mußte auf Veranlassung der Behörden ein neuer Saas eingerichtet werden. Dieser ist im Laufe dieses Jahres fertiggestellt worden und konnte gestern durch eine schlichte Einweihungsfeier seiner Bestimmung übergeben werden. Dabei hielten Bürgermeister Stein und Pfarrer Hütteroth Ansprachen, der Jungfrauenverein wirkte durch gesangliche Vorträge mit. Nun­mehr wird der ältere Saal als Eemeindesaal und für die Zwecke der Kleinkinderschule ver­wendet werden, während im neuen Saaie der Mütter-, der Jungfrauen- und der Blaukreuz­verein eine Stätte finden sollen.

a Treysa, 5. Sept. Der Schützenverein Treysa hielt gestern sein Schützenfest ab, das wegen der schweren wirtschaftlichen Sage nur in einfachster Form begangen wurde. Bei dem Königsschießen auf 12er Ringscheibe erzielte Konrad Kieppe mit 9 Schuß 102 Ringe und wurde zum Schützenkönig ausgerufen. Kron­prinz wurde Karl Köhler mit 96 Ringen und Prinz Robert Meyer mit 92 Ringen.

a Treysa, 3. Sept. Heute vollendet die älteste Person unserer Stadt, der Bahnwärter a. D. Wilhelm H o o s, sein 93. Lebensjahr. Der Genannte erfreut sich trotz seines hohen Alters noch einer seltenen Rüstigkeit, sodaß wir ihm wünschen, es möge ihm vergönnt sein, auch den 100. Geburtstag zu erleben.

Kreis Biedenkovf

Eine (Bemeinbe will zu« Dillkreise.

0 Biedenkopf, 3. Sept. Die Gemeinde Wilsbach im Kreise Biedenkopf hat in einem Schreiben an die Regierung den Wunsch aus­gebrückt, bei ber Reform nicht zum Kreise Wetzlar, sonbern bem Dillkreise zugeteilt zu werben, ba geographisch unb auch wirtfchaft- lich eine berartige Zuteilung besser sei.

Kreis Alsfeld

-Wahlen, 4. Sept. Landwirt Schneider rutschte beim Heben des Jauchefasses auf dem Wagen aus und stürzte auf das Hemmwerk, wobei er sich eine schwere Darmverletzung zuzog. Schneider mutzte sich in der Anstalt Hevhata einer sofortigen Operation unter­ziehen.

Aus dem StNkrew

Fluglehrer Wiegmeqer

8 Stunden 16 Minuten in der Lust.

0 Hirzenhain, 4. Sept. Das Flieger­dorf Hirzenhain hatte am Sonntag wieder einmal einen großen lag. Um 9.45 Uhr mor­gens stieg bei günstigem Winde der Fluglehrer Wiegmeyer zu seinem Rekordflug auf, um kurz nach 6 Uhr in den späten Nachmittags­stunden auf dem herrlichen Gelände der Hirzen. Hainer Berge zu landen. Auf dem Flugzeug .^Dillenburg" nach dem Typ „Hols der Teufel" vollführte der Flieger einen prachtvollen Flug über den Höhen der Hirzenhainer Berge und schweifte auch mitunter in die weitere U m- gebung ab. Bei seiner Landung wurde er herzlich gefeiert. Durch den Flug wurde der Hirzenhainer Lokalrekord um etwa drei Stun­den ü^rboten.

Bas SrantWrter Mis-MWM

Mittwoch, den 7. September.

6.00: Wettermeldung, anschl. Morgengym­nastik. — 7.00: Zeitangabe usw. — 7.05: Kon­zert aus Bad Oeynhausen. — 8.00: Zeitangabe usw. — 9.00—0.45: Schulfunk: Wiedas Volks­lied vom Doktor Eisenbart entstanden ist. — 11.45: Zeitangabe usw. — 12.00: Unterhal- tungskonzert — 13.15: Zeitangabe usw. — 13.30: Mittagskonzert. — 14.00: Zeitangabe usw. — 14.10: Werbekonzert. — 1500: Zeit­angabe usw. — 15.15: Stunde der Jugend. — 16.55: Zeitangabe usw. — 17.00: Orgelkonzert. 18.15: Zeitangabe usw. — 18-25: Dortr. über „Land und Leute des deutschen Saargebietes". — 18.50: Vortrag über „Eine Reise im Lande der alten Inkas". — 19-15: Zeitangabe usw. — 19.30: Aus beliebten Opern (Konzert aus Mannheim). — 20.20: Niederdeutsche Anek­doten. — 20-30: Richard-Trunk-Liederstunde. — 21.00: Kammermusik. — 22.00: Gespräch über „Theater und Film". — 22 30: Zeitang.

Wetterbeobachtunoen am 5.6. Sept

Höchste Temperatur am 5. September 19.0Celsius

Niedriaiie Temperatur levte Nacht 9.5 Celstus

PHOTO-BÖHLER - BRILLEN-BÖHLER

Wettergasse 30 Bahnhofstr. 9

Zeit

Barometers!, reduziert auf N. N.

Tempe­ratur

Rela tive

Lutt- feuckti g» leit

5. 8. 2 Ubt nachm.

762.9 mm

18,4 Tel!.

58 1.

5. 8. 9 Uhr

763,3 mm

10.8 Tel!.

881.

nacfm"

12.1 Ueli.

861.

6. 9. 7 Ubr

762,0 mm

vorm.

Marburg /Lahn Fernruf 2248. Wetterbericht.

Mitteleuropa befindet sich im Bereich eines flachen Zwischenhochs, daß bei uns zwar be­wölktes. aber durchweg trockenes Wetter be­dingt. Ueber England hat sich ein neuer Tief­druckwirbel gebildet, der über der Kanalzone ein ausgedehntes Regengebiet besitzt. Diese Störung dürfte auch auf unser Wetter Ein­fluß gewinnen.

Witterungsaussichten für Mittwoch: Fort­dauer des unbeständigen unb zu einzelnen Niederschlägen neigenden Weilers, aber nicht durchweg unfreundlich.

(Nachdruck verboten!)

Skt Wit im Skilkkoftn

Roman von Heinz Steguweit. 2b. Fortsetzung.

7.

Fünfmal ein Mensch.,

Nun war es Frühling geworden am Rhein, es roch schon nach Knospen und Rindensaft. Im Lande hatte sich nichts zum Bessern gewendet, die Herzen waren nur noch schwerer geworden, überall taten sich Abgründe auf, auch in der Mitte Deutschlands, wo die Geschütze des Bür­gerkriegs auf den Unterweltsschreck mosko- witischer Söldner gerichtet werden mußten. Man wollte an die Macht des Teufels glauben, wenn man hörte, daß das Ufer­volk am Rhein seinen Opfe'rganz tat wäh­rend in den freien Bezirken des Reiches dem Verbrechertum Parteirechte einge­räumt wurden. Es hatte sich Ungeziefer in den Körper gesetzt, es tickten Würmer im Holz, es wurden Kadaver in die Brun­nen geworfen. Da machten sich Seuchen des Geistes breit, das Vernichten war Mode geworden. Also konnte den Pfiffi­gen der Weizen blühen; denn über den Streit der Klassen triumphierte der neue Stand der lachenden Dritten: Schieber und Wucherer nährten sich vom Zwist der andern wie die Kokken im Eiter der Wunde. Und zwischen den Mühlsteinen von Hoch und Niedrig ließ sich die hilf­lose Mittelschicht zerreiben, vielleicht starb mit ihr das Herz, während sich Faust und Hirn zu plumpen, wesenlosen Monster­gebilden entwickelten.

Das alles war im Gange und würde noch weiter im Gange bleiben; denn der Prozeß hatte erst begonnen, jeder wollte Kläger und Richter sein, indes die Wäh­rung, der äußere Wertmesser der Volk­schaft. starb und die hämische Welt sich die Hande rieb.

Da sollte ich zu Lebzeiten meines Vaters zum Vollsschullehrer gemacht werden, ich

I

hatte Brocken von Latein, Englisch, Alge­bra und andern Unverdaulichkeften schlucken müssen: Heute war ich Teller­wäscher und Vizegastwirt, ohne mich irgendwie heruntergekommen oder sklavisch bevormundet zu fühlen. Da ich weder un- lustig noch rebellisch werden konnte, mußte ich wohl eine Knechtsnatur sein. Und diente doch an dem Platze, auf den mich mein Schicksal gestellt hatte. Und floh doch nicht feige aus dem Schadenfeuer der West­mark, weil ich meiner Seele Zeit ließ, sich in diesen Flammen zu härten.

Ich fühlte mich wohl, wenn mich solche Gedanken heimsuchten. Ich hatte Zeit für sie, wenn ich abends schlafen ging, und ich gab mich ihnen hin. wenn mir der Sonn­tag eine Wanderstunde am Rheinufer gönnte. Und da es Frühling geworden war, kehrte die Lust zum Werk mit bren­nender Vielfalt in mir ein. Ich glaubte wie ein Baum zu sein, der wußte, wann es Zeit war zum Blühen, Reifen und Ruhen. Ich sog meine Kraft aus derselben Erde, die hier in Mostheim auch den Re­ben und Wiesen ihre Nahrung gab Ich zehrte von der gleichen Sonne, ich trank vom gleichen Regen.

Die Menschen ließen schon ihre Hauser und Viehstä.e offen, da mausten die Katzen wieder am Kellerloch und die Hähne stelz­ten durch den Hof. Und Küken und Katzen vertragen sich, die Seele des Dorfes kannte es nicht anders, nur die Menschen schlichen feindlich aneinander vorüber.

Adam Anker hatte aus Zweibrücken ge­schrieben, es ginge das Gerücht, er würde nach der Teufelsinsel verschickt werden, das Gefängnis fei schon zu klein geworden. Andre wußten zu erzählen, daß es noch viel strenger käme mit den Kriegsgerichten und Haßurteilen. Fabrikdirektoren, Ba"k- kassierer, Eisenbahnbeamte, Ae^zte. Arbei­ter, Journalisten, Hunderte von Rhein­ländern wurden wieder verhaftet, gefesselt und verdonnert, weil sie jeden Handlanger­dienst zu Gunsten der fremdländischen Tyrannei verweigerte». In Mostheim.

hatte man mit Adam Anker den Anfang gemacht, in der Silvesternacht mußte der Küster folgen, weil er auf der Kirchen­orgel keine Tanzmusik spielen wollte. Und am Sonntag Laetare war der alte Ge­meindevorsteher Pankraz Wendland zu sie­ben Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil man in seinem Speicher ein Seiten­gewehr gefunden hatte. Daß diese Waffe ein Andenken an Wendlands gefallenen Sohn war, hatte den fünfundsiebzigjähri­gen Greis nicht vor dem Kerker retten können. Solche Tollwut war überall zur Seuche geworden, wo die Trik-lor- sich im rheinischen Winde blähte. In Bonn, in Düren, in Neustadt, in Ludwigshafen, überall.

Seltsames mußte ich erleben: So hatte ein Küfergeselle das Gerücht ins Dorf ge­streut, die Wirttn vom „Goldenen Anker" verschmerzte ihren Mann schon, da ich ja im Hause sei. Am 7. April war es, als ich den Schuft zur Rede stellte. Heute hörte ich, er würde bald aus dem Krankenhaus entlassen.

Inzwischen hatten die Franzosen auch ihre Frauen nachkommen lassen, zumeist Squaws in voller Kriegsbemalung, ob­zwar die deutsche Bevölkerung nicht mehr wußte, wo sie zur Nacht schlafen sollte. Ueberall wurden gemeinsame Küchenbe- nutzung für die Familien anbefohlen; das setzte böses Blut, das hatte Zank und Handgemenge im Gefolge, und jeder Pro­zeß endete mit der Derutteilung der deut­schen Hausfrau, die sich den Schikanen der Gäste nicht unterwerfen mochte. So ver- schlimmette sich das Leid am Ufer, und die Nachttchten der großen Polittk wirkten täglich wie Keulenschläge. Am Niederrhein knattetten die Maschinengewehre der Bel­gier über den Rhein, sinnlos, planlos, nur aus Spaß am Radau. Und wieviel Deutsche warfen sich den Fremden an den Hals. Männer und Frauen, die einen aus geschäftstüchttger Sonderbllndelei, die an­dern aus Eeschlechtstrieb, beides wurde in bar bezahtt

Ich machte mich immer seltener im „Goldenen Ankers Es hatte seine Gründe. Soll ich beschönigen, daß ich Gefallen an der Wirtin gefunden hatte? Sie war üp­pig gewachsen und schon seit Monaten ohne Mann. Zum Sonntag Jubilate pflückte ich ihr Blumen, dafür streichelte sie mir die Wangen, so daß ich zehn Tage lang nicht schlafen konnte. Da biß ich endlich in die Kandare, blieb wachsam, kämpfte und schrieb meinen ersten Brief an Herrn Adam Anker, der immer noch in Zwei­brücken gefangen saß. Und teilte ihm mit, es sei alles im Lot, er brauche sich nicht zu sorgen, ich würde das Haus verwahren, bis er wieder in der Heimat fei.

Als der Brief zwei Tage unterwegs war erzählte ich der Wirtin von seinem Inhalt. Da wurde sie ernst und kargte mit ihren Freundlichkeiten. Es war eine Erlösung für mich. So konnte, ich ein Be­gehren in mir ersticken, das mir die Ruhe genommen hatte, doch hielt ich Frau Eva in Ehren, zumal sie sich der Zudringlich­keiten ihrer Ouarttergäste mit tapferer Abweisung erwehrte.

Obwohl ich mit jenen Dingen, die man Versuchungen zu nennen pflegt, über den Gipfel war. suchte ich nach andrer Arbeit, um nicht allzu oft in Frau Evas Nähe zu sein. Vielleicht hatte die Wirttn nicht minder gekämpft als ich; denn sie bot mir eines Morgen an, beim Vertreter des in­haftierten Gemeindevorstehers Pankraz Wendland einen Bittgang für mich zu tun. Ich könnte Tisch und Obdach im Gasthaus behalten, aber tagsüber sollte ich einem Geschäfte nachgehen, das seit Jahren schon in Mostheim notwendig geworden sei. Da lag nämlich am Nie, immer noch der höl­zerne Kahn, mit dem ich um die Jahres­wende durchs Treibeis nach Lorch gerudert war. Dieser Kahn sei herrenlos geworden, sagte Eva Anker, der Fährmann aus der Vorkriegszeit wäre in Rußland gefallen, der Nachen gehöre jetzt der Gemeinde.

(Fottsetzung folgt.)