Sette 8
Oderbellttche Zeitung. Marburg <L 2- Freitag, den 2. September 1932
Nr. 206
Aesfen-Raffau und Nach baeyebiete
Großfeuer.
Kassel, 1. Sept. In der Schreinerei Heuse in der Mombachstraße brach heute abend ein Feuer aus, das bald einen großen Umfang annahm. Zehn Zimmereinrichtungen fielen den Flammen zum Opfer. Als Brandursache wird Kurz- ichlug angenommen.
Eine dunkle Angelegenheit.
Kassel, 1. Sept. Gestern abend wurde der 23jährige Rudolf Altmeier aus Bettenhausen mit einem Steckschuß in der linken Wade in das Elisabeth-Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde die Kugel — es handelt sich um ein plattgedrücktes Blei- mantelgeschoß, wahrscheinlich aus einem Revolver — entfernt. Wie der Verletzte angibt, befand er sich mit feinem Bruder und einem Freund gegen 10 Uhr auf dem Fußweg an der Sckönen Aussicht unter der Gemäldegalerie. Plötzlich sei ein Schuß gefallen, der ihn getroffen habe. Sein Bruder gibt an. daß noch zwei weitere Schüsse gefallen seien. Die Polizei ist bemüht, die noch reichlich dunkle Angelegenheit zu erklären.
Selbstmord.
Nieste (Landkreis Kassel), 1. Sept. Die nervenkranke Frau eines Zimmermanns durchschnitt sich mit einem Brotmesser die Kehle. Sie wurde tot im Garten aufge- fnnden.
Jugendlicher Selbstmörder.
Gießen, 1. Sept. Heute vormittag wurde auf der Strecke Gießen-Eelnhausen kn der Näh« von Schiffenberg die Leiche eines 19jährigen Büroangestellten aus Watzenborn aufgefunden. Nach den Feststellungen scheint Selbstmord vorzuliegen.
Gin 100 000 R-F-Gewinn im Kreise Friedberg.
Friedberg, 1. Sept. Der 100 000- R^-Eewinn der Preußisch-Süddeutschen Klaffenlotterie, der gestern nach Heffen fiel, kommt im Kreis Friedberg zur Austeilung. An dem Gewinn find durchweg kleine Leute beteiligt, die den unverhofften Eeldzuwachs sehr gut gebrauchen können.
Brand in einet Möbelfabrik.
Nidda, 1. Sept. In einer hiesigen Möbelfabrik, die größere Aufträge für die Radiobranche au^uführen hat, brach Feuer aus, das zunächst den Lagerraum für Lacke vernichtete. Ferner wurde ein großer Teil der Radiokästen ein Raub der Flammen. Das Feuer griff außerdem auch üuf die Lagerräume für Fertigmöbel über, von denen ein großer Teil der Vernichtung anheimfiel. Nach zweieinhalbstündiger angestrengter Tätigkeit gelang es den Wehren, das Feuer auf einen kleinen Teil der Fabrik zu beschränken.
Furchtbare Liebestragöd<e im Taunus.
Sinzig, 31. Aug. In dem sonst so stillen Städtchen Sinzig bildet eine F a - milientragödie, von der zwei Familien betroffen werden, das Tagesgespräch. Ein 31jähriger verheirateter Mann, Sohn eines Fabrikanten, hatte mit der Frau eines im väterlichen Betrieb be- ichäftioten Arbeiters ein Liebesverhältnis. Das Paar reiste nach einem Tanzvergnügen nach Bad Langenschwalbach i. T. ab. Kurze Zeit darauf traf von dem Sohn des Fabrikanten ein Brief in Sinzig ein des Inhalts, daß sich die beiden Geflüchteten das Leben nehmen würden. In dem Brief war auch die Stelle im Taunus, wo die Tragödie vonstatten gehen sollte, angegeben. Ein zweiter Brief, den die Frau an ihren Ehemann richtete, teilte mit, daß sie entschlossen sei, mit dem Geliebten zu sterben. Ein Bruder des Lebensmüden reiste sofort an die bezeichnete Stelle im Taunus ab. Als er dort mit einem Polizeibeamten ankam. sah er von ferne, wie der unglückliche Bruder planlos umherirrte und wie er dann, als die beiden näherkamen, den Revolver zog u n d s i ch e r s ch o ß. Die Frau wurde in einiger Entfernung ebenfalls tot aufgefunden. Diese Tragödie ist umso trauriger, als in beiden von dem Unglück betroffenen Familien je zwei kleine Kinder vorhanden find, die nun so jäh den Vater bzw. die Mutter verloren haben.
Wegen politischen Totschlags verhaftet.
Wiesbaden, 1. Sept. Die Kriminalpolizei verhaftete heute den 20jährigen Nationalsozialisten Holz, der beschuldigt wird, vor einiger Zeit in Köln bei einem politischen Zusammenstoß einen andern jungen Mann erstochen zu haben. Nach der Tat war Holz zu seinen in Biebrich wohnenden Großeltern geflüchtet, wo er dann ermittelt wurde. Durch Kölner Kriminalbeamte wurde Holz heute noch nach Köln überführt.
Wirtschaft
Berliner Börsenbericht vom 1. September.
Die heutige Börse stand nicht unerheblich im Zeichen rein technischer Schwierigkeiten durch di« notwendige Limiterneuerung. Sonstig« Momente wirtschaftlicher bzw. politischer Matur traten demgegenüber etwas in den Hintergrund. Der eher schwächere Verlaus der Neuhorker Börse wurde kaum beachtet, auch der an Und für sich optt- misttschere Bericht des Institutes für Konjunkturforschung fand nicht die richtige Würdigung. Dagegen wurden die auhen- pofittschen Spannungen mit Frankreich hin- fichtlich der Rüstungsfrage interessierter verfolgt, zumal vielleicht bei einer evtl. Ausrüstung einige Industtien hiervon profitieren könnten. Schon gestern abend la-
Fast 2 Millionen Defizit in Heidelberg.
Heidelberg, 1. Sept. Der Oberbürgermeister hat jetzt dem Stadtrat mitgeteilt, daß der von ihm festzusetzende Voranschlag für 1932^33 mit einem Endbetrag von brutto 34.26 Millionen und netto 24.51 Millionen abschließt. Es bleibt ein Fehlbetrag von 1918 040 Mark, der nicht gedeckt werden kann und der daher vorläufig mit in das Verwaltungsjahr genommen werden muß. An Einzelheiten wird noch bekannt, daß der Oberbürgermeister die Bürgersteuer auf 400 Prozent des Landessatzes erhöhte, womit Heidelberg an der Spitze aller badischen Gemeinden steht.
Das Arresttokal angezündet.
Pirmasens. 1. Sept. Einen wüsten Austritt erlebten dieser Tage die Einwohner von Scbovf. Abends kamen zwei angetrunkene Wanderburschen in ein Anwesen, in dem die Hausfrau allein zu Haust war und verlangten Nachtquartier. Sie ließen sich nicht aus dem Haust weisen und mußten schließlich mit Gewalt entfernt werden. Auf der Straße gerieten sie mit dem Polizeidiener in Tätlichkeiten und nur mit Hilfe einer Anzahl von Ortsbewohnern konnte man sie schließlich ins Arrestlokal transportieren. Kaum waren sie zehn Minuten dort, als Hilferufe ertönten und Brandgeruch wahrnehmbar wurde. Nach Oeffnen des Arrestraumes fand man den einen der Wanderburschen vollständig nackt mit Brandwunden am Boden liegend. der andere lehnte am Türpfosten und war gleichfalls halb bewußtlos. Anscheinend haben beide in der Trunkenheit das Mobiliar des Arrestlokals angezündet. Sie wurden von der mittlerweile eingetroffenen Gendarmerie in das Amtsgerichtsgefängnis Waldfischbach eingeliefert.
mö Handel
gen Montanwett« weiter in Front. Sine Erleichterung war nach dem Ultimo noch nicht festzustellen, im Gegenteil, die Lage war aufgrund von notwendigen Lombardrückzahlungen eher noch steifer. Auch ist das angespantere Tagesgeld vielleicht eine Folge der steigenden Effeftenkurse. Die Umsätze am Diskontmarkt waren noch tote vor nicht erheblich.
Berliner Devisenbericht vom 1. September.
Helsingfors 6.264—6.276; Wien 51.95—52.05; Prag 12.465—12.485; Sofia 3.057—3.063; Holland 169.63—169.97; Oslo 73.13—73.27; Kopenhagen 75.22—75.38; Stockholm 74.92 bis 75.08; London 14.59—14.63; Buenos Aires 0.913—0.917; Neuyork 4.209-4.217; Belgien 58.34—58.46; Italien 21.60—21.64; Paris 16.49 bis 16.53; Schweiz 81.55—81:71,
(Nachdruck verboten.')
Str Mgllng im gtHtttftn
Roman von Heinz Stegvtoett.
26. Fortsetzung.
Wir stießen ab, löffelten «ns durch die Eisrinne in den Strom, — schon hatte uns eine Scholle am Wickel. Ich hörte meine Porzellanteller klirren, sprach ein Stoßgebet und übernahm das Kommando. Eins zwei, eins zwei. Der Schreiber aus Bacharach hielt sich wacker. Er riß die Plätten zünftig durchs Waffer, spähte nach jeder Eisscholle und parierte das wüste Treiben der Eefriermaffen mit verblüffendem Geschick. Da fiel mir ein, daß gerade solche Ingens vor Arras und Verdun zu Heldentaten fähig gewesen waren. Und auch der Eisgang war ein marttalifcher Tankangriff, gegen den wir uns zu wehren hatten.
„Kamerad, immer ran an'n Speck'"
Der Milchige gttnste: „Oh, ich kann noch!"
Mir zuckte es schon lahm durch die Wade», doch der Amtsschreiber aus Bacharach arbeitete ohne Atemnot.
Wieder hatte uns ein Elaspanzer aufgespießt, der Jüngling zoq am Holm krebste zwei Schläge im Wäffer, und die Scholle knirschte backbord zu Tal.
Ich wurde bescheidener mit meinen Redensarten und schämte mich, überhebliche Erimaffen geschnitten zu haben. Wieder bereicherte mich dieser Taz um eine Erfahrung, die mir Gewicht zu haben schien.
Wir landete hinter dem Wetth von Bacharach, der Schreiber putzte sich die Brille im Taschentuch und grinste dabei: „Ein Glück, daß es heute taut; vorgestern hätten wir das nicht riskieren dürfen, da wären wir wie Kaffeebohnen zermahlen
Ich sah jetzt erst, daß der Kerl abstehende Ohren hatte. wahre Kartoffelpuffer, die
im Winde schwantten. Er fragte mich noch: „Wo muffen Sie hin?"
„Nach Mostheim, mein Euter!"
Schon rannte der Bengel ht den Ort und kam mit einer Handkarre wieder; aus diese Karre luden wir den Nachen, vier kräfttge Freunde packten mit an. Dann schoben wir die Ladung zu sechsen nach Mostheim, unterwegs wurden Räuberpistolen und verstaubte Witze erzählt, über die ich mich jedesmal zu lachen verpflichtet fühlte. In Mostheim kippten wir den Nachen dorthin, wo er gelegen hatte. Dann ein Händeschütteln, und meine Freunde zogen wieder heim nach Bacharach.
3m „Goldenen Anker" brannte schon Licht, als ich mit meiner zerbrechlichen Last in den Wirtshof keuchte. Ich hötte den Herrn des Hauses in der Küche rumoren, sein Kummer ums Porzellan war tobende Angst geworden. Denn die Franzosen schienen zu allem fähig: Sorgte der Wirt nicht zeittg fürs Abendessen, blühten ihm allerlei Strafen, von denen das Gefängnis wohl die gelindeste war. Und da ich den Verzweifelten randalieren hörte, überkam auch mich ein wehrloses Gefühl. Schleppte ich mich doch von einer Sekunde zur andern, war ich doch nur ein Halm, den die große Sichel stehen gelassen hatte. Vielleicht aus Versehen. vielleicht mit Absicht. Da hielt ich ein Dutzend Porzellanteller in den Armen, hatte für diesen Tand mit dem Leben gespielt und mußte sicher sei, daß ich im Frost verkommen würde, sollte ich obdachlos bleiben. Warum führte ich alles aus, wozu mich eine Laune des Augenblicks kommandierte? Vielleicht verbarg sich eine höhere Fügung hinter der Macht, die mich trieb. Also mußte ich auch jetzt wieder gehorchen, auf meinen Armen lastete das Schicksal in der seltsamen Gestalt von zwölf Suppentellern. Da ich keine Hand frei hatte, klinkte ich die Küchentür des „Goldenen Ankers" mit
dem Ellenbogen auf, ein Dunst von delikaten Kompottgerüchen schlug mir entgegen, aber aus dem Küchenvampf drohten mich die Augen des Wirtes an. Ich sah, wie der aufgeregte Mann mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß knallen wollte, da schtte ich: „Porzellan!"
Das wirkte Wunder. Die fette Kochmamsell ließ ihre Frikadellen fahren: „Safes der Handwerksbusch?"
3ch fitzte meine Last auf den Tisch, der Wirt drückte die Tür schweigend zu. Dann schälte ich meine Beute aus dem braunen Packpapier, die zwölf Teller waren gesund geblieben.
„Wo komme dann die hör?"
Der Wirt betastete die Teller wie rotje Eier. Er kniff sich in die Wangen und schüttelte den Kopf.
So wurde ich lieb Kind im „Goldenen Anker", aber ein Obdach hatte ich immer noch nicht, dabei tickte die Küchenuhr der achten Abendstunde hurttg entgegen. Im Hause war jede Ecke mit Militär belegt, selbst die Kochmamsell mußte sich auf ein Nachtquartier n.jen dem Herd gefaßt machen. Ich fragte den Witt ob beim Weinhändler Pankraz Wendland die Feldbetten im Spülkeller noch frei feien. Aber auch diese Schlafstelle war inzwischen von den Franzosen beschlagnahmt worden. Man war knapp in Mostheim rote überall im Westen. Keiner konnte einen Eierbecher entbehren, keiner hatte ein Handtuch zu viel, jeder mußte die besten Zimmer und Schränke räumen und sich mit der Familie unterm Dach einpökeln. Und da gab es immer noch Kohorten von Idioten, die sich mit der hämischen Anklage aus der Klemme halfen, wir Deutschen hätten es in Frankreich nicht besser gemacht! Sollte man solche Hundsfötterei durch ruhige Belehrung tilgen? Sollte man diesen Unwisienden den Unterschied zwischen Krieg und Frieden beibringen? Im Krieg wurde gekämpft, und jede der
Warenmarke
Berliner Produktenbericht vom L Sept
Weizen 206—208; Roggen 159—161; Braugerste 175—185; Futter- und Industriegerste 160—167; Hafer 134—139; Weizenmehl 25.00 bis 30.25; Roggenmehl 21.60—23.85; Weizenkleie 9.70—10.20; Roggenkleie 8.25—8.75.
An den Grundlagen des Produftenmark- tes hat sich heute kaum etwas geändert, das Geschäft bleibt werter ruhig. Vereinzelt zeigt sich etwas mehr Dericmfslust für Brotgetreide, jedoch dürften di« in Aussicht stehenden Regierungsmaßnahmen ftärtere Preisrückgänge verhindern. Im Promptgeschäft lag Roggen verhältnismäßig stetiger als Weizen, obwohl d"r Mehlabsatz allgemein keine Belebung erfahren hat. Der Roggenlieserung^.,.^ j war bei geringen Umsätzen gehalten, obwohl die heute begutachteten 930 Tonnen kontraktlich lieferbar waren. Weizen wurde im Prompt- und Zeithandel 1 RM. niedriger bewertet, vom Export lagen nennenswette Anregungen nicht vor. Weizen- und Voggenmehle haben kleines Konsum- geschäst bei unveränderten Mühlenforderungen. Hafer bei mäßigem Angebot vom Konsum zu unverändetten Preisen gefragt Gerste in guten Brauqualitäten weiter fest, für Industttefotten hat sich die Warft» läge kaum verändert
Frankfurter Schlachtviehmarkt vom 1. Sept
Der Auftrieb des Nebenmarktes bestand aus 1202 Kälbern (gegen 915 am letzten Neben- markt vom 25. August), 204 (129) Schafen, 672 (530) Schweinen und 179 (80) Rindern. Bezahlt wurde pro Zentner Lebendgewicht in Mark: Kälber b) 39—42, c) 34—38, d) 28—33; Schafe al) 25—28, b) 20—24; Schweine a) und b) gestrichen, c) 43—48, d) 40—48, e) 37—45, f) und g) gestrichen. Im Preisvergleich zum letzten Nebenmarkt blieben Kälber behauptet Schafe gaben 2 Mark und Schweine 2—5 Mk. nach. Marktverlauf: Kälber und Schafe mit» telmätzig, geräumt; Schweine langsam, geringer Ueberftanb.
Bilanz der Leipziger Herbstmeff«.
Leipzig, 1. Sept Die Leipziger Herbst- meffe 1932, die vom 28. August ms 1. September stattfand, stand unter dem Einfluß der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die den Inlandsabsatz und den Export behindern. Wenn sich trotzdem die Gesamtzahl der Aussteller auf 5422 belief, so liegt darin wohl ein Beweis für die Widerstandsfähigkeit der Metz- inbuftrien unb für ben unbeugsamen Willen ber Unternehmerschaft, trotz Ungunst ber Zeiten burch bie Vermittlung der Leipziger Messe bie Fühlungnahme mit bem Markt zu behal- ten. Bisher hielt ber geschäftliche Teil sich in allen Branchen, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, ziemlich ruhig, ba sich bie Einkäufer angesichts ber vielen noch ungeklärten Fragen unserer Wirtschaftspolitik zurückhirl- ten. Trotzbem würben zahlreiche Aufträge erteilt, wobei vor allem die Einkäufer aus landwirtschaftlichen Gebieten Deutschlands stärker als sonst in Erscheinung traten, ba man angesichts ber guten Ernte mit einer Belebung ber Kau; Rraft ber ländlichen Bevölkerung rechnet.
Das Ausland beschränkte sich auf die Deckung des notwendigen Bedarfes. Die Stimmung unter den Meßbesuchern war weitaus bester, als man erwartet ha:-e, oa das neue Wirtfchaftsprogramm der Regierung im allge- meinen günstig beurteilt wird.
kämpfenden Mächte konnte sich wehren. Heute wehrten wir uns nicht mehr, der Sieger kniete auf unfern Rippen und schlug immer noch mit hysterischer Blindheit zu. Für solche Tobsucht, für solche Fledderer und Leichenschändung gab es keine Rechtfertigung im Gesetzbuch der heiligen Notwehr. Außerdem war ich vier Jahre lang Kronzeuge an der Westfront gewesen: Wo sich einer der Unsrigen versündigte, da verbogen wir ihm die Knochen. Am Rhein von 1918 aber feuerten die Truppen einander an, möglichst dreist und grausam zu sein.
Ich saß immer noch als Geduldeter auf dem Küchenstuhl des „Goldenen Ankers". Ein Lokomottvheizer aus Mostheim, der ein Köppchen Kaffee trinken kam, schmuggelte mir eine Kölner Zeitung in die Hände. Herrliche Dingen standen da zu lesen: Im Hunsrück batte ein Askarineger die Tochter eines Försters in den Wald geschleppt und sie fürchterlich zugerichtet. Das Mädchen mußte sterben, der Neger wurde strafversetzt. In Krefeld lochte man einen Schauspieler ein, weil er sich auf der Bühne einen Witz über die Paßkon- ttollen erlaubt hatte. Den Aachenern wurde das Betreten des Bürgersteigs verboten, sobald ein Offizier kam. In der Pfalz wurde ein Kaffeehausgeigei erstochen, weil er die Marseillaise nicht im Repertoire hatte. In der Eifel erhielt ein Dorfschullehrer kriegsgerichtlich sieben Monate Kerker aufgebrummt, weil er mit seinen Abc-Schützen das Deutschlandlied geübt hatte. — In dem Wahnsinn lag Methode. Und der Eisenbahner sagte noch, diese Zeitung sei von den Engländern auf Monate hinaus verboten worden, der verantwortliche Redakteur säße schon bei Waffer und Brot.
Ich stützte den Kopf. Der Kreuzweg des Rheins hatte erst begonnen, wie sollte das zehn und fünfzehn Jahre weiter gehen,
Fortsetzung folgt