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Äberlicssische
HMtWDtWk Zeitung raMtztwmo
Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Nr.M er.Mrg Marburg a. Lahn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Reichstagsauflösung verschoben
Der Reichskanzler hat uneingeschränkte Vollmacht — Lehnt Hindenburg den Empfang des Präsidiums in Neudeck ab?
Das Ergebnis von Neudeck
Ne «deck. 30. Aug. (Amtlich.) Neichs- präfident von Hindenburg empfing hente de« Reichskanzler von Popen, de« Reichsminister des Innern von Gayl, and den Reichswehrminister »o« Schleicher z« einem gemeinsamen Dortrag über die Frage« der Jnnenpoli« tik. insbesondere über das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung.
Reichspräsident von Hindenbnrg erteilte seine Zustimmung zu den von de» Reichsregierung geplanten und vom Reichskanzler in seiner Rede i« Münster in den Srundzügen bekannt gegebenen Mahnahmen. Der Reichspräsident ersuchte den Reichskanzler bei der Ausarbeitung der einzelne« Bestimmungen besonders darauf zu achten, daß die Lebenshaltung der Arbeiterschaft gesichert und der soziale Gedanke gewahrt bleibt.
Die einzelnen Besprechungen über die innenpolitische Lage ergaben Ueberein- stimmung zwischen der Reichsregierung »nd dem Reichspräsidenten.
*
Die wichtigste Entscheidung des gestrigen Tages ist nicht im Reichstag, sonder« in Neudeck gefallen: Der Reichspräsident hat dem Kanzler die Bollmacht zur Auflösung gegeben. In parlamentarischen Kreisen waren gegen Abend Gerüchte verbreitet, wonach diese Vollmacht angeblich in sehr eingeschränktem Umfange erteilt worden sei. Nach Informationen aus besierer Quelle könne« wir feststellen, dah diese Gerüchte falsch find. Der Kanzler hat die Bollmacht, er wird von ihr Gebrauch machen, sobald der Reichstag der Durchführung des am Sonntag verkündeten Programms Schwierigkeiten bereitet.
Zunächst hat der Reichstag sich aber vertagt. Das entspricht dem Wunsche der Nationalsozialisten und des Zentrums. Zeit WMinnen, bis die schwebenden Peilungen zwischen ihnen zu Ende geführt sind. Ihre Aussichten werden weiter recht skeptisch beurteilt. Die Erklärung, die der neue Reichstagspräsident gestern abgegeben hat, wird allgemein als Kampf« ansage aufgefatzt mit dem Ziele, den Reichstag am Leben zu erhalten und an die Stelle der gegenwärtigen Reichsregierung ein „schwarz-braunes" Kabinett zu setzen. In der Reichsregierung nahestehenden Kreisen ist man aber der Auffassung, dah "n-nengehen bei der 5P',äfih<*nten= wähl noch keineswegs ein Beweis für ein gemeinsames sachliches Arbeiten im Sinne eines einheitlichen Regierungsprogrammes ist. Darum ist auch kaum anzunehmen. dah der Reichspräsident den Empfang, den das Reichstagspräsidium gestern abend nachgesucht hat, überstürzen wird. Der Entscheidung des Reichspräsidenten kann natürlich nicht vorgegriffen werden. Aber man rechnet doch schließlich sicher damit, dah er die Antwort geben wird, er sei ohnehin bald wieder in Berlin; er bitte deshalb, auf den Besuch zu verzichten und seine Rückkehr abzuwarten. Die Aktton, die gestern von den Nationalsozialisten und dem Zentrum eingeleitet worden ist,
wird dann erst beim Wiederzusammentritt des Reichstages fortgeführt werden können. Dabei ist man sich im Reichstag aber weitgehend darüber klar, dah die Reichsregierung mit- der Auflösungsvollmacht in der Hand in d i e s e m Kampfe die stärkere Kraft ist. In Regierungskreisen werden übrigens die Gerüchte, daß zwar aufgelöst, aber in absehbarer Zeit nicht wiedergewählt werden solle, entschieden
dementiert. Zunächst ist die Auflösung aufgeschoben. Es wäre denkbar, dah sie Mitte des Monats erfolgt. Dann würde auch in der vorgeschriebenen Frist, also Mitte November ordnungsmäßig ein neuer Reichstag gewählt werden.
Ob die Entwicklung so verläuft, das liegt beim Reichstag selbst. In Kreisen der Reichsregierung wird betont, daß sie
das Weitere in Ruhe und Gelassenheit abwarte. Der Kanzler kommt heute mit General von Schleicher und dem Freiherrn von Eayl aus Neudeck zurück. Die Herren werden dann im Laufe des Nachmittags ihren Ministerkollegen Bericht erstatten, und daran schließt sich die Fertigstellung der Notver- ordnung die voraussichtlich am Freitag veröffentlicht werden wird.
Göring Reichstagspräsident
Kein Sozialdemokrat im Präsidium
Die erste Sitzung des neuen Reichstages wurde von der kommunistischen Abgeordneten Zetkin eröffnet. Die Deutschnationalen nahmen zunächst an der Sitzung nicht teil. Nachdem zu Schriftführern die Aba. Frau Lore Agnes (Soz.), Abg. Schwarz- Frankfurt (3fr.), Rauch- München (Bayr. Dpt.) und Torglep (Komm.) berufen wor-, den waren, hielt .7 ’ ’*
die Kommunistin Zetkin
ungestört eine etwa einstündige Ansprache. Sie konnte dabei ungefähr folgendes ausführen:
„Der Reichstag tritt in einer Situation zusammen, in der die Krise des Kapitalismus die breitesten werktätigen Massen Deutschlands mit einem Hagel furchtbar st er Leiden überschüttet. Der weitere Abbau des Tarifrechtes und des Schlichtungswesens wird die Entbebrungslöhne noch tiefer drücken. Die polittsche Macht hat zur Stunde in Deutschland ein Präsidialkabinett an sich gerissen, das unter Ausschaltung des Reichstage; gebildet wurde, oas Handlanger des vertrusteten Monopolkapitals und des Krotzagrariertums und besten treibende Kraft die Reichswehrgeneralität ist. Trotz der Allmacht, über die diese Regierung verfügt, hat sie gegenüber den innen- und autzenpolrlischen Aufgaben gänzlich versagt. Sozial Hilfsbedürftige erblickt die Regierung nur in verschuldeten Großagrariern, verkrachenden Industrieherren, Bankgewaltioen und gewissenlosen Schiebern. Die Außenpolitik wird geleitet von imperialistischen Gelüsten und bringt Deutschland in steigende Abhängigkeit von den Großmächten des Versailler Vertrages. Aufs schwerste belastet ist das Schuldkonto des Präsidialkabinetts durch die Vorgänge der letzten Wochen, für die es die Verantwortung trägt durch die Aufhebung des Uniformverbotes für die nattonalsozialistiscken Sturmabteilungen. Ehe der Reichstag Stellung nehmen kann zu Einzelausgaben der Stünde, muß er die zentrale Pflicht erfüllen:
Sturz der Reichsregierung, die den Reichstag durch Berfastungsbruch zu beseitigen versucht, Anklage des Reichspräsidenten und der Reichsminister wegen Set- fastungsbruches!
Der Sturz muß das Signal sein zum Aufmarsch und zur vollen Machtentfaltung der Masse außerhalb des Parlamentes, um zunächst vor allem den Faschismus niederzuzwingen." (Abg. Torg ler (Rom.) flüstert der Rednerin zu, sie möge ihre Rede abschließen, doch sie antwortet „Rein, nein", Belgien, so fährt die Rednerin fort, zeige den Werktätigen, daß der W assen streik eine Waffe sei, die auch in tiefster wirtschaftlicher Krise ihre Schneide bewahre. Die außerparlamentarische Machtentfaltung der Werktätigen müsse über das Augenblicksziel hinaus auf den Sturz des kapitalistischen Staates und der kapitalistischen Wirtschaft gerichtet sein. Die rustische Revolution sei der weltgeschichtliche große Beweis, daß die Schaffenden die Kraft hätten, ihre Feinde niederzuwerfen und eine neue Wirtschaftsordnung aufzubauen. Eine internationale Schicksalsgemeinschaft müsse die ehern geschmiedete
Kampfgemeinschaft der Werkätigen in allen Gebieten des Kapitalismus werden.
Unter stärkstem Beifall der Kommunisten schloß die Rednerin ihre mehr als einstündigen Ausführungen mit der Hoffnung, trotz ihrer jetzigen Invalidität noch die Freude zu erleben,
»4 *■ als Mterspräfidenttn be* ersten Räte- ' Kongreß in Deutschland eröffnen
zu können. Die Ansprache wurde an einzelnen Stellen van den Kommunisten mit „Sehr wahr'."-Rufen begleitet. Die übrigen Abgeordneten enthielten. sich jeder Kundgebung.
Es war eine Erlösung, als Klara Zetkin ihre Rede beendet hatte. Eine Erlösung aus körperlicher und seelischer Qual. Man konnte es kaum mit ansehen, wie Klara Zetkin selber sich kaum aufrechterhalten konnte. Aber sie hielt, gestützt auf einen Stock, trotz allem aus. Hinter ihr standen am Präsidentenstuhl zwei Diener, immer bereit, ihr zu Hilfe zu kommen. Neben ihr soufflierte der Abgeordnete T 0 r g l e r das Manuskript. Oft wurde Klara Zetkin das Reden so schwer, daß sie kaum weiter sprechen ober die Worte nur noch hauchen konnte. Die Kommunisten hatten sie mit einem Sprechchor als „SBotämpferin der antifaschistischen Einheitsfront" mit dreimaligen „Rotfront"-Rufen begrüßt. Am Schluß brachten sie ihr große Kundgebungen.
Das ganze Haus und die übrigen Parteien, insbesondere die Nationalsozialisten, verhielten sich in der Tat mustergültig. Sie lieferten den Beweis, daß sie Disziplin halten können.
Dann folgte der Namensaufruf der Abgeordneten, und nun erst kamen die Deutschnationalen in den Saal.
Nach Feststellung der Beschlußfähigkeit des Hauses — es waren 578 Abgeordnete anwesend — beantragt Abg. Rädel (Rom.) die sofortige Haftentlassung des am Sonnabend in Stuttgart verhafteten kommunistiscken Abgeordneten R I et 11 e r. Abg. Frick (NSDAP.) erklärte, seine Freunde würden diesem Anfrage nicht widersprecken. Er beantrage die Haftentlassung des Abg. Moder-Schleswig- Holstein (NSDAP,). Beide Anträge wurden einstimmig angenommen.
Frau Zetkin setzte nunmehr die Wahl des Präsidiums auf die Tagesordnung.
Abg. Frick (NSDAP.) schlägt zum Reichs- tagspräfibenten ben Abg. Göring (NSDAP.) vor.
Abg. Räbel (Rom.) fcklug den Abg. Torg« ler (Rom.) vor und verlas eine Erklärung feiner Fraktion, daß sie im Falle einer Nickt- wahl Torgler? für den sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidaten stimmen werde.
Die Präsidentenwahl hatte das Ergebnis, daß 367 Stimmen für den Abg. Göring (NSD SW), 135 Stimmen für den Abg. Lobe (Soz.), SO Stimmen für den Abg. Torgler (Komm.) abgegeben wurden. Eine Stimme fiel auf den Abg. Stöbt (NSDAP). Zum Neichslagsprä- fidenten ist also der Abg. Göring (NSDAP) mit absoluter Mehrheit gewählt worden. Für feine Wahl stimmten äuget den Nationalsozialisten da» Zentrum, die Deutschnatio-
nalen, die Bayerische Dolkspartei und die Deutsche Boltspartei.
Unter lauten Heilrufen der Nationalsozialisten nahm Reichstagspräsident Göring den Präsidentensitz mit dem „Hitler-Gruß" ein, der. von seiner Fraktion erwidert wurde. Göring erklärte: „Durch die Mehrheit als Vertreter der stärksten Fraktion zum Reichstagspräsidenten gewählt, danke ich für das Vertrauen und verspreche, mein Amt unparteiisch und gerecht unu nach der b e- stimmenden Geschäftsordnung auszuüben. Ich werde für die Ordnung und Würde dieses Hauses Sorge tragen, ich lasse aber keinen Zweifel daran, daß ich ebensowenig die Würde und die Ehre des deutschen Volkes antasten lassen werde. Auch die Ehre der Geschichte des deutschen Volkes wird in mir einen berufenen Hüter finden."
Der Präsident bat nm Vorschläge für den ersten Vizepräsidenten. Bon den bei dieser Wahl abgegebenen Stimmen fallen auf den Abg. Esser (Zentr.) 276, auf ben Abg. Lobe (Soz.) 214 und auf den Abg. Torgler (Komm.) 77 Stimmen. Eine Stimme erhält Frau Zetkin. Die absolute Mehrheit ist also für den Abg. Esser nicht erreicht, und es findet Stichwahl statt zwischen den Abgeordneten Esser und Lobe. Die Stichwahl ergibt die Wahl de» Abg. Esser (Zentr.) mit 364 Stimmen gegen 138 Stimmen, die für den Abg. Löbe (Soz.) abgegeben worden find. Die 78 kommunistischen Stimmen für den Abg. Torgeler waren bei der Stichwahl ungültig
Sei der Wahl zum zweiten Vizepräsidenten erhalten Abg. Eraef-Thäriugen (Dntl.) 330 Stimmen, Lobe 139 und Abg. Torgler 78 Stimmen. Abg. Graes ist also mit Mehrheit gewählt. Für den Posten des dritten Vizepräsidenten wird Abg. Rauch-München (Bayr. Bolksp.) mit 350 Stimmen gewählt, während Abg. Löbe 124 Stimmen, Abg. Torgler 76 Stimmen und Abg. Dingeldey (DVP) eine Stimme erhalten.
Präsident Göring
verlas alsdann zunächst einmal die Namen der Vertreter der Fraktionen im Ausschuß zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung und im Auswärtigen Ausschuß. Er erklärte weiter, daß sämtliche anderen Ausschüsse sich schon morgen konstituieren werden und fuhr dann fort:
„Ich bitte um die Ermächtigung, dem Herrn Reichspräsidenten in einem Telegramm die Bitte auszusprechen, das Präsidium des Reichstags nicht, wie es die Geschäftsordnung vorschreibt, gelegentlich ,u empfangen, sondern unverzüglich zum Vorfrage zu empfangen.
In letzter Zeit häufen sich die Nachrichten über eine beabsichtigte
Ausschaltung des Reichstages.
Er soll angeblich, über keine arbeitsfähige Mehrheit verfügen. Das deutsche