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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadl nnd Kreis Marburg.
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offen und keineswegs bereits abgelehnt, wie man das verschiedentlich darzustellen versuchte.
Die Verhandlungen übe, di« Urnbil- düng des Reichskabinetts habe« in der Benrtellung Berlin«, politische, Kreise eine wesentliche Aenderung noch nicht erbracht. Man kann wohl als sicher unterstellen daß die Hauptfchwierigkeiten Varin bestehen, den Wunsch des Reichspräsidenten und des jetzigen Reichskabinetts. dem neuen Kabinett den Charakter eines PrS- fidialgremiums zu erhalten, mit den Wünschen de, Nationalsozialisten auf weitgehende Beteiligung an dem neuen Kabinett in Uebereinstimmung zu bringen. Man würde in einer Erfüllung dieser Wünsch« ein starkes Ueberwiegen eine, einzigen Partei in de« Kabinett erblicken. Aus diese, Erwägung heran» dürften sich auch die Anslasinngen in einem Teil de, heutigen Berliner Mor- genpresie erklären, wo es heißt, dah an mahgeblicher Stell, die Kanzlerschaft Adolf Hitlers grundsätzlich abgelehnt werde. Demgegenüber darf al» sicher angenommen werden, dah dies« Frag« eb«ns», wie alle anderen damit zusammenhängenden noch völlig offen find and Entscheidungen weder i« pofitive« noch i« negativen Sinne bereits vorliegen.
An der Wende unseres Schicksals
Programmatische Rede des Reichsinnenministers von Eaylüber die Notwendigkeit der Verfassungsreform
Wer wird Reichskanzler?
Die Entscheidung hinausgeschoben?
Der Redner erläuterte treten Gedanken durch den Hinweis auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte und fuhr fort: So ist unser Volk in unseren Tagen in zwei Lager zerspalten, zwischen denen em erbitterter Kampf um die Macht rm Staate tobt. Was m unserem Volk heute ausgefochten wird, das ist ein Kampf der Weltanschauun- gen, der em Rmgen der Geister und nicht eine handgreifliche Auseinandersetzung sein soll. Wir tun gut, auch den weltanschaulichen und politischen Gegner bis zum Beweise des Gegenteils als emen ehrlichen Volksgenossen zu betrachten, der auf seine Weise und nach seiner lleberzeugung das Beste unseres Volkes will. Bewußt ausgeschlossen sei dagegen jeder, der emen nationalen deutschen Staat grundsätzlich verleugnet und bekämpft. Man mag zu Ernzelheiten der Weimarer Verfassung stehen wie man will. Sie ist ^eirte ber etn= zige Grund, auf dem alle, unbeschadet, ihrer weltanschaulichen und politischen Meinung,
Tatsache dürfte dagegen sein, dah der Reichspräsident nach wie vor an dem Gedanken eines parteimäßig nicht gebundenen Prafidialkabinetts festhalten will. Er hat den Reichskanzler beauftragt, in diesem Sinne seine Verhandlungen zu führen und die Regierung hat infolgedessen wahrscheinlich auch den Beschluh gefaßt, von sich aus vorläufig nicht zurückzutreten, sondern den weiteren Gang der Verhandlungen abzuwarten. Die Klärung der Regierungsfrage wird zweifellos erst eintreten wenn im Laufe des Freitags der Führer der NSDAP. Adolf Hitler, dem Reichskanzler von Papen feine Forderungen überbracht haben wird. Erst dann wird der Reichskanzler zusammen mit dem Reichspräsidenten die Frage klären, ob die nationalsozialistischen Forderungen annehmbar find und ob die Kanzlerschaft Hitlers im Rahmen eines Präsidialkadi- netts tragbar ist. Die Möglichkeit einer Berufung Hitlers ist also durchaus noch
das Zentrum auch bestrebt zu dem Umweg über Preußen im ähnliche Koalitionsregierung zustande zu bringen. In unterrichteten Kreisen glaubt man jedoch nicht, daß diese Bemühungen irgend einen Erfolg haben werden. Vor allem scheint der Reichspräsident keineswegs geneigt zu sein, eine solche Rückwärtsentwicklung zu einer überlebten Regierungsform die gerade in einer Verbindung zwischen Nationalsozialisten und Zentrum wenig Aussicht auf Erfolg verspricht, zu dulden. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei auch nur um ein Angstmanöver des Zentrums, das auf diese Weise versuchen will, eine Regierung Hit
stehen müssen, die entert deutschen Staat über- Haupt bejahen. Wir haben keinen anderen Grund, von dem aus wir den Vormarsch zu einem neuen staatlichen Leben überhaupt antreten können.
Damit ist aber nicht gesagt, daß die
Weimarer Verfassung etwas llnabänder- lichts wäre. Rückblickend auf di« 13 Jahre des Bestehens unterer Verfassung müssen wir bekennen, daß sie «bände- rungsbedürstig ist.
Es ist nicht Schuld der Berfas- jung allein, baß sich m. Deutschland nn Rahmen ihrer parlamentariich-bemomnischen Erunbsätze eine Herrschaft bei politi- sch en Parteien entwickelte, bet her Legislative, Kontrolle und Giehittoe immer mehr verschmolzen, die eine stetige, auf den Wiederaufbau gerichtete Regierungsarbeit hemmte und nahezu unmöglich machte, und die schließlich dazu zwang, sogar Maßnahmen
Di« Haltung bee Zentrums.
Heber die Stellungnahme der Vertreter des Zentrums bei ihrer Besprechung mit dem Reichskanzler wird mitgeteilt:
Das Zentrum müsse absolut klare Verantwortlichkeit verlangen. Dazu gehöre die offene und volle Mitverantwortung der nationalsozialisti- ' n P a r t e i. Daraus ergebe sich be- ______die Unmöglichkeit einer weiteren Existenz des gegenwärtigen Reichskabinetts, da ihm die Grundlagen und Voraussetzungen zu einer gesicherten und erfolgversprechenden Arbeit durchaus fehlten. Die Zentrumspartei werde sich jeder Lösung gegenüber positiv verhalten, die unter Ausschluß jeder Parteidiktatur den beiden Grundgedanken der klaren Verantwort- l i ch k e i t und des versasiungsmäßigen
Das Volk will nicht Nummern, sondern Persönlichkeiten wählen, und es versteht nicht, dag die Stimmen noch nicht mündiger Volksgenossen gleichwertig werden den Stimmen der Familienernährer und der Mütter. Zur Reform des Wahlrechts gehört auch die Einschränkung der zahlreichen kleinen Splitterlisten, deren Stimmen in der Regel ausfallen. Dem Wahlrecht sollte die Wahlpflicht entsprechen. Ein im Umbruch aller Werte be- . findliches Volk, das unter einer furchtbaren äußeren und inneren Not leidet, bedarf ferner einer von den Fesieln formaler Verantwortung. mehr wie bisher befteiten, aber persönlich umso stärker verantwortlichen Regierung, die in einer ersten Kammer einen Helfer haben muß, der sie vor den Folgen der oft durch Stimmungen und Wahlrücksichten bell iflußten Parlamentsbeschlüsie schützen unO
Stabilität und Folgerichtigkeit der Regie, rungspolitik zu gewährleisten vermag. Eine Aenderung der Verfassung nach dieser Richtung ist auf die Dauer nicht zu umgehen.
Schließlich ist noch des inneren Umbaus be« Reichs zu gedenken. Die Erfahrung seit dem 11. August 1919 hat zur Genüge die Unhaltbarkeit des Zustandes ergeben, daß im Reich und in Preußen von verschiedenartig zusam- mengesetzten und gerichteten Regierungen ein« verschiedene Politik auf allen Gebieten getrieben werden kann. Das Verhältnis zwischen dem Reich und Preußen müßte nur im Sinne einer engen Gemeinschaft zwischen beiden umgestaltet werden.
Neben der Frage der Bildung rnnes Präsidialkabinetts ist auch die Möglichkeit einer Koalitionsregierung vorn Zentrum bis zu den Nationalsozialisten erneut aufgetaucht. Die Zentrumsfraktion des preußischen Landtags hat bekanntlich die Fraktionen der Deutschnationalen und der Nationalsozialisten für Sonnabend zu Besprechungen über die Wahl eines preußischen Ministerpräsidenten eingeladen. Das Zentrum scheint also Wert darauf zu legen, daß in Preußen eine Regierung auf parlamentarischer Grundlage gebildet wird. Allem Anschein nach aber scheint ' — " sein, auf Reich eine
Berkin, 11. Aug. Die Reichshauptstadt zeigte am heutigen Versassungstag sinnlich reichen Flaggenschmuck in den Reichs- Mid preußischen Farben. Bei den Reichs- und preußischen Behörden ist wie in den Doriah- ren Sonntagsdienst ungeordnet. Im übrigen hat die Reichshauptstadt das gewohnte alltägliche Bild. Gegen 9 Uhr begann der Zustrom der Schaulustigen zmn Berliner Lustgarten, wo am Vormittag
bie Derfassrmgsfekr bet Schutzpolizei mit anschließendem Vorbeimarsch vor dem Polizeipräsidenten stattfand. An der Feier nahmen auch Vertreter der preußischen Staatsregierung teil.
Polizeipräsident Dr. Melcher hielt die Festansprache, in der er ausführte: „Die Berliner Schutzpolizei blickt auf schwere Monate zurück. Sie hat aber inmitten aller Erregung, aller Verwirrung ihren Mann gestanden. Sie hat insbesondere m dem letzten, schweren Wahlkampf die Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte ohne Ansehen der Person und Partei gesichert. Sie wird sich auch weiterhin m die Parteipolitik nicht Hineinziehen lassen, sondern stets beherzigen, daß über dem Gegeneinander der Parteien ein größeres steht, eines, das uns alle eint: Der Staat, das Vaterland!"
Unter starker Beteiligung fand sodann Donnerstag mittag um 12 Uhr im Plenarsitzung ssaal des Reichstags
bk Derfassungsfekr bet Rrtchsregietung statt. Der Plenarsitzungssaal war in einfacher aber geschmackvoller Weise geschmückt. Ueber dem Präsidentengestühl war ein riesiger Reichsadler angebracht, der diesmal aber nicht, wie m früheren Jahren, von der Präambel zur Reichsverfassung flankiert war. Von der Mittelloge des Reichspräsidenten hing die Reichsstandarte mit dem Adler herab.
Pünktlich um 12 Uhr erschien Reichspräsident von Hindenburg im Plenarstt- zungssaal. Ihm zu Ehren erhoben sich die Teilnehmer an der Feier von ihren Plätzen. Nach einem musikalischen Vorspiel nahm Reichsinnenminister
Freiherr von (5 aut das Wort zu der Festrede. Der Redner führte unter anderem aus:
„Alle Versuche, den Verfassungstag zu einem gemeinsamen volkstümlichen Feiertag zu gestalten, sind bisher fehlgeschlagen. Man muß heute offen bekennen, baß bk Verfassung bk Geist« nicht
einigt, sondern trennt.
Dennoch hat die Reichsregierung sich entschlossen, den Verfassungstag amtlich zu begehen. Wir geben uns dabei nicht der Hoffnung hin, diesen Tag zu einem Festtag für unser Volk machen zu können. Aber wir wollen diesen Tag bewußt dazu benutzen, um in Gegenwart des allverehrten Herrn Reichspräsidenten im Saale des Deutschen Reichstags zu unserem Volke zu sprechen. Wir wollen keine Feierstunde, sondern eine Stunde stiller Einkehr heute halten inmitten der Unrast unserer Tage.
Es ist richtig, baß Wirtschaftsuot auch Volksschicksal ist. Es ist aber nicht richtig, baß bk Wirtschaft bas Schicksal b«
Nation ist.
Im Ringen der Völker um ihr Dasein finb letzten Endes die unwägbaren Kräfte «ines Volle s ausschlaggebend. Diese unwägbaren, seelischen Kräfte und Werte eines Volkes sind an keine Formen und Verfassungsurkunden gebunden. Sie ruhen tief in den Herzen der einzelnen Volksgenossen. Es gibt im Leben der Völker Zetten, in denen diese Kräfte verschüttet scheinen durch materialistische Auftassung des Lebens, und es gibt Zeiten, m denen sie lauter und offen fließen.
Wer unsere Lage richtig deutet, der sieht, baß wir wkbre an der Wende unseres
Schicksals heben-
Das braucht keine Minderung der Selbständigkeit und Eigenstaatlichkeit der deutschen Länder zu bedeuten und soll sie nicht herbei- führen. Schematisierung und Zenttalisterung Deutschlands von einer Stelle aus würden sehr bald Gegenkräfte entfefieln, von denen auf die Dauer nicht eine Stärkung, sondern eine wesentliche Schwächung des Reichs und damit eine Minderung der Geltung und Stoßkraft des deutschen Volkes in seinem schweren Kamps ums Dasein ausgehen würde.
Ueber die Einzelheiten dieser Umgestaltung unserer Verfasiung kann man streiten und verschiedene Wege suchen. Wesentlich bleibt, daß wir außer dem Willen zur Reform auch die Kraft aufbringen, um sie trotz aller Schwierigkeiten durchzufiihren, und daß wir dabei nicht nach Parteivorteilen Handelm sondern nach dem Wort Bismarcks: Der Staat will bedient, nicht beherrscht werden!
Die Schlußansprache hielt
Reichskanzler von Papen.
Das Deutschland von 1932, so führte der Kanzler aus, ist in Vielem uni) Entscheidendem ein anderes als das von 1919. Die starken nationalen Kräfte, die jetzt mm T--*« bruch gekommen sind, lagen damals im Verborgenen, verschüttet unter den ZruiniUu.n eines furchtbaren Zusammenbruchs. Der Notwendigkeit, die Grundlage deutschen Lebens nach den Ueberlieferungen unseres Volkstums und einer stolzen Geschichte und doch einem jungen leidgeprüften Geschlecht angemessen zu erneuern, konnten die Gestalter unserer Verfasiung vor 13 Jahren nicht in vollem Maße gerecht werden. Aber dennoch hat diese Verfasiung Grundgedanken und Möglichkeiten, die in die Zukunft weisen. Aus ihnen muffen wir das deutsche Voll neu bereiten. Diese . Aufgabe steht fest umrißen vor uns. Gestalter
, des wirtschaftlichen Seberts itnb der Fm<M- gebalirung mit der ultima ratio des Artikels 48 zu regeln und damit tatsächlich einen Te« der Verfassung selbst außer Kraft zu setzen.
Die Zustände aber, unter denen wir barte zu leben gezwungen sind, dürsten ein s chla- g en der Beweis sein, daß die Verfassung abänderungsbedürstig ist. Unser Volk kann sich auf die Dauer der Notwendrgkett emer Verfassungsreform, ja einer Reichsreform nicht entziehen. Je frühzeitiger und enetgx- scher diese Ausgabe angepackt wird, desto besser ist es für uns.
Die Reform hat -uszugehen vo« einer «en» derung des im Artikel 22 der Verfasiung vor- geschriebene« Wahlrechts. 3« diesem Artikel wurzelt di« von weitesten Kreisen unseres Volkes schwer empfundene Herrschaft der Parteibürokratie.