Montag, den 8. August 1SZ2
jrtt ,£»«i»«ffW Setttrng* * n> f^efnt sechsmal WSchevttlch. S3e- !Oflfl>te« monatl. i. Marimrg 2.02 SM. ausschl. Zrrslellrmgsgebahr, td unsren Agenturen 1,98 «M> ,»,ügl. Zustellungsgebühe, bee» die Post 2.25 SM. Mr rttoe d^ch Streik, Maschinendefekt oder elementare Treigntst« awffaOtete Mummern totrd kein Srfa» q-- setstet. Verlag, Dr. §. Httze««h, Drmk der Untd-Dnchdrnekeret Job. Ang. Roch, Markt 21/23. Fernsprecher: Skr. 2054«. 9^2066 Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. — Sprechzeit der Redaktion wn W—H **
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen fSr Stadt und Kreis Marburg.
Die vertagte Landtagssitzung
Im Hintergrund die Regierungsumbildung — Parteiregierung oder Präsidialkabinett — Die Preußenfrage
Die nächste Etappe
Mit der Rückkehr des Kanzlers nach Berlin und dem Ablauf des allerdings nicht in Erscheinung getretenen Burgfrie- bens beginnt eine neue Etappe der innerdeutschen Entwicklung. Die Wahlschlacht ist vorüber und die Parteifronten haben sich formiert. Nun handelt es sich darum, aus diesem Tatbestand die Konsequenzen hinsichtlich des Regierungsproblems zu ziehen, d. h. es muß jetzt die Klärung darüber gebracht werden, in welcher Form das Verhältnis zwischen Regierung und Reichstag gestaltet werden soll. Die Bewältigung dieser Aufgabe kann nur möglich fein, wenn mit der Politik der Phrafe und der Demagogie abgebrochen wird und die sachlichen Auseinandersetzungen über das, was nun werden soll, beginnen.
Bisher ist in dieser Hinsicht, abgesehen von umfangreichen Erörterungen in der Presse, nicht viel mehr geschehen, als daß die für die Entscheidung wichtigsten Faktoren vorsichtige Fühler ausstrecken und die Position mehr oder weniger deutlich umrissen, von der aus die Entscheidungen erfolgen fallen. Immerhin, das Ergebnis der Wahlen fowie die bekannten Wünsche des in einer sehr starken Stellung befindlichen Reichspräsidenten weisen bereits die Richtung, in der die kommenden Auseinandersetzungen gehen werden. Rein parlamentarisch gesehen haben zunächst die NSDAP, und das Zentrum das Wort. Beide haben über interne Beratungen hinaus ihre zukünftige Marschroute nur sehr vorsichtig angedeutet. Was die NSDAP, betrifft, so dürfte sest- stehen, daß sie in der Regierung eingeschaltet werden will, ein Wunsch, der sich mit dem des Zentrums trifft, das, wie es in der Sonntagsausgabe der „Kölnischen Volkszeitung" wieder zum Ausdruck kommt, die Nationalsozialisten in die Verantwortung bringen will. Mit dieser grundsätzlichen Festlegung sst aber noch nicht viel erreicht» vielmehr beginnt damit erst die Frage, ob diese Verbindung auf koalitionmäßiger Grundlage direkt oder indirekt erfolgen soll, in dem sich beide Partner nicht dazu entschließen, die Distanz zwischen sich aufzuheben und sich nur für ein Drittes entscheiden und dieses Dritte indirekt unterstützen. Nach der Zuspitzung zwischen beiden Parteien in der letzten Zeit erscheint eine Koalition ausgeschlossen. Andererseits ist nicht damit zu rechnen, daß das Zentrum einen völlig ergebnislosen Ausgang der Verhandlungen mit der NSDAP, riskieren wird, weil es damit selbst die bedingte Miteinschaltung in die Macht, die ihr die Tolerierung der Regierung noch lassen würde, zunichte machen und den Parlamentarismus selbst aus den Angeln heben würde.
Andererseits wird auch der NSDAP, nichts daran liegen, durch das Eingehen koalitionsmäßiger Bindungen dem Parlamentarismus mit all seinen üblen Begleiterscheinungen wieder zu einer Scheinblüte zu verhelfen, die doch nicht von Bestand sein kann. Daß die innerpolitischen Entscheidungen zum guten Teil überhaupt dem parlamentarischen Boden entzogen sind, ist aber nicht eine Folge der in den Wahlen deutlich gewordenen Erstarrung der Parteifronten, sondern, was wichtiger ist, auch die Haltung der Reichsregierung und des Reichspräsidenten zielen nach dieser Richtung. Es ist deshalb auch nicht anzunehmen, daß der Reichskanzler, der bei Beginn seiner Tätigkeit das herbe aber berechtigte Wort von der Mißwirt
schaft der Parlamentsdemokratie gesprochen hat und erst kürzlich wieder die Zeit der Parteienherrschast als erledigt bezeichnete» irgendwelchen Parteimanövern Vorschub leisten wird. Die Regierung wird sich vielmehr eine betonte Reserve auserlegen und, die Entscheidung an sich herankommen lassen, die voraussichtlich nur in einer Umänderung des jetzigen Kabinetts bestehen wird. Unterstützung findet sie hierbei in dem Reichspräsiden
ten, der den Charakter der fetzigen Regierung als eines Präsidialkabinetts unbeschadet etwaiger personeller Veränderungen gewahrt wissen will. Man mutz in diesem Zusammenhang der Verschiebung des Landtagszusammentritts eine gewisse poIitTö^e Bedeutung zumessen . Offenbar besteht bei den Beteiligten der Wunsch, die Klärung der Verhältnisse im Reich nicht noch durch die Einschaltung der preußischen Frage zu kam-
Noch kein neuer Termin
Berkin, 8. Aug. Der Präsident tas Preußischen Landtages Kerrl hat sämtlichen Fraktionen des Landtages mitgeteilt, daß die fSr den 16. und 17. August in Aussicht genommenen Sitzungen des Land, tages nicht stattfinden. Diese Mitteilung des Präsidenten geht auf ein Schreiben des nationalsozialistische« , Fraktionsführers Kube zurück, der den Präsidenten gebeten hatte, die in Aussicht genommene« Sitzungen abznsetze«, da an diesen beiden Tagen eine große Tagung aller nationalsozialistischen Abgeordneten des Reichstages «nd der Länderparlamente abgehalten werde. Wenn Präsident Kerrl der Bitte des Abgeordnete« Knie gefolgt ist, so entspricht das der bisherigen Hebung des Landtages, der derartige Wünsche von Landtags- frattionen stets berücksichtigt hat.
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Die Landtagsparteien haben am Sonnabend zu der Mitteilung des Präsidenten noch nicht Stellung nehmen können. Der Präsident ist zu seinem Vorgehen ohne weiteres berechtigt, da die letzte Landtags-
1 taaung aufgeflogen, also nicht zu einem | ordnungsmäßigen Abschluß gekommen war.
Nach der Geschäftsordnung hat in diesem Falle allein der Präsident das Recht, den Termin der nächsten Landtagssitzung z« bestimmen. In der letzte« Aeltestenrats- sitzung ergab sich nun, daß mehr als ein Fünftel der Abgeordneten die Einberufung des Landtags verlangte, einer Forderung, der nach der Verfassung Rechnung getragen werden muß. Während sonst auch der Aeltestenrat in diesem Falle den Beschluß über den Termin zu fassen hat, konnte der Aeltestenrat in seiner letzten Sitzung, da das Recht zur Festsetzung des Termins zur Zeit nur dem Präsidenten zusteht, lediglich ei« Ersuchen an den Präsidenten in der Terminfrage richten, an das der Präsident nicht unbedingt gebunden ist. Der Präsident konnte daher ohne eine neue Sitzung des Aeltestenrats den in Aussicht genommenen Termin von sich aus wieder aufhebe«. Wünschen größerer Parteien ist in ähnlichen Fällen im Landtag stets Rechnung getragen worden. Die Landtagstagung wird nun voraussichtlich einige Tage später möglicherweise erst in der Woche vor der Reichstags-Tagung statt- finden.
Die Notverordnung kommt
Keine Strafverschärfung für Sprengstoffanschläge
Die in Aussicht gsfiÄÄe netoe Moröer- oibnmng gegen politische Ausschreitungen ist auch am Sonnabend noch nicht erschienen. Wie totr hören, besteht über einige Einzelheiten der in Aussicht genommenen Maßnahmen zwischen den beteiligten Stellen noch keine dolle Aebereinstimmnng. Die Dchauptungen einiger Zeitungen, zwischen dem Stellvertreter des ReichskonrmrssarS Dr. Bracht und der ReichSregievung beständen Meinungsverschiedenheiten über die Wege zur Abwehr von rechtsradikalen Terror-Akten, werden jedoch von Dr. Bracht als frei erfunden bezeichnet. Die tägliche Fühlungnahme zwischen Reich und Preußen fei durchaus gewährleistet, die Sachbearbeiter beider Regierungen arbeiteten ständig zusammen. Wie von zuständiger Stelle weiter erklärt wich, hängen Zeitpunkt und Ausmaß der weiteren Maßnahmen in der Hauptsache davon ab, ob die nunmehr eingetretene Beruhigung im Lande von Dauer ist. Auf besondere vorbeugende Vorkehrungen werde man allerdings wohl nicht verzichten können. Mit dem Erlaß einer neuen Rotverordrmng ist danach bestimmt zu rechnen.
Die Eprengstoff-Attemate der letzten Zeit werden, wie weiter verlautet, nicht zum Anlaß neuer Strafverschärfungen genommen werden. Selbstverständlich wird
diesen Attentaten, die kn großer ZcHl Such in der Rächt zum Sonnabend wieder Unternommen wurden, die ernsteste Bedeutung beigemessen. Aber solche Sprengstoff-Vergehen sind schon seit Jahrzehnten mit den denkbar schärfsten trafen bedrSvht. DaS Eefetz vom Jahre 1884 bestimmt, daß Sprengstoff-Attentate, die auf Verabredung geschehen, mit 5—15 Jahren Zuchthaus bestraft werden, auch wenn keinerlei weitere Folgen als die ^plosion eintreten. Werden Körperverletzungen durch das Sprengstoff-Attentat verursacht, so ist die Strafe lebenslLnglicheS Zuchthaus, und wenn ein TvdeSerfolg eintritt, so steht darauf die Todesstrafe, selbst wenn der Täter diesen Grfcllg nicht gewollt hat. Die schon bisher angedrvhten Strafen sind also wesentlich schwerer als diejenigen, die auf Verbrechen gegen das Leben mit anderen Waffen als Sprengstoff stehen, eine weitere Verschärfung könnte auch nicht stärken abschreckend wirken als die bisherigen ©trafen. Ebenso steht eS mit der Einsetzung von Svndergcrichten für solche Attentate. Sondergerichte sind bereits durch die Rotvervrdnung vom Oktober zugelassen. Ihre Einsetzung wüde also durch eine einfache Durckfühmngsve rordnung erfolgen können, ohne daß eine neue RvtverordNuag etlafs« werden müßte. .<
plizieren, sondern erst daran zu gehen, wenn der Kurs im Reich deutlich wird.
Die Entwicklung drängt jedenfalls auf die autoritäre Regierung hin, die sich die indirekte Unterstützung des Reichstags dadurch sichern muß, daß sie Persönlichkeiten umfaßt, die für die in Frage kommenden Parteien tragbar sind. Diese brauchen dann nur die Mißtrauensanträgs des Parlaments abzulehnen, um dieser Regierung die verfassungsmäßige notwendige Legimitierung zu verschaffen. Ist das Kabinett auf diese Weise in seiner Existenz gesichert, dann muß es sich zunächst eine gewisse Handlungsfreiheit schaffen, in dem sich, möglicherweise mit Stimmenthaltung des Zentrums, eine Mehrheit für die Vertagung des Reichstages findet. Damit hat die Regierung dann freie Hand, um ihr grundlegendes wirtfchafts- und finanzpolitisches Re- formprogramm in Angriff zu nehmen. Diese Entwicklung wäre allein sinnvoll, weil nicht anzunehmen ist, daß der Vorstoß zu einem sachlichen Ärbeitspro- gramm von der Ebene der Parteien her erfolgt. Vielmehr ist es Aufgabe Re-___
gierung, den Reichstag dazu zu zwingen, zu sachlichen Fragen Stellung zu nehmen, indem sie ihrerseits das positive Arbeitsprogramm vorlegt und damit die Etappe der sachlichen Politik beginnen läßt. Nach dem politischen Zwischenspiel der Wahl rücken damit die zwangsläufig zurückge- stellten wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen endlich wieder in den Vordergrund. An die Lösung dieser Aufgaben schließt sich dann der letzte Abschnitt bet bevorstehenden Arbeit, die Durchführung der verfassungsrechtlichen Pläne, die Zusammenfassung der Regierung von Reich und Preußen, der Ausbau des Zweikammersystems und schließlich die Frage der ablresorm, Pläne, die der Reichskanzler schon in seiner letzten Rundfunkrede angedeutet hat.
Eeneralstreikbeschluß der belgischen Bergarbeiter
Brüssel, 7. Ang. A«s einer außer, ordentlichen Bertteterversammlun« der belgischen sozialistischen Bergarbeiterge, werkschaft in Brüssel, wurde am Sonntag nach stürmischer Aussprache der Generalstreik für den Bergbau «ud tie verwandte« Betriebe beschlossen. Der Streik dürfte sich ab Montag ans das gesamte belgische Kohlenrevier erstrecken. A« dem Streik werde« sich 170 000 Arbeiter beteilige«.
Die Bewegung als solche dauert bereits seit einem Monat an. Sie war von vornherein der Führung der Sozialisten entglitten und fast völlig unter dem Einfluß radikaler Elemente, vor allem der Kom - m u n i st e n, geraten. Von Seiten der Regierung wurde den Arbeitern das Anerbieten gemacht, die unteren Löhne nach Wiederaufnahme der Arbeit zu überprüfen. Diesen Vorschlag hat die Versammlung mit der Forderung einer sofortigen Erhöhung der Löhne in de« unteren Tarifklaffe« und einer--'lang des Arbeitsabkommens für den Bergbau beantwortet. Danach sollten in Zukunft die Löhne ausschließlich nach der Lebens- haltungrichtzahl berechnet werden und nicht mehr wie bisher nach einer Richtzahl, die auch gleichzeitig den Kohlenpreis berück» sichtigte. Inzwischen wird von kommunistt, scher Seite im gesamten Erübengebiet wei-