9tr. 182
«Idnhesfifihe Aeiamg. DtaHrg a. L. Stettao. den 5. August 1933
Sette 3
Allerlei aus -er Filmwett
Hollywood „stirbt«
Rebellion gegen Kitsch und Ideenarmut.
Den großen amerikanischen Filmkonzernen lag die Geschäftsidee zugrunde, daß die Verdienste auf dem einheimischen Markt die Millionenspesen decken sollten, die zu der Produktion der großen Prachtsilme notwendig waren. Alle Summen, die durch den Export in die verschiedenen Teile der Welt verdient wurden, waren der Reingewinn. Man berechnete diesen in den letzten fünf Jahren durchschnittlich mit 25 Prozent. Um diese Quote zu hatten, waren die großen Filmmagnaten auf die Idee verfallen, die größten europäischen Schauspieler für chre Filme zu engagieren, da durch ihre Beliebtheit schon eine hohe Besucherzahl in Europa garantiert wurde.
Bald kam der Umschwung, der tat Lause des letzten Jahres katastrophenähnlichen Charakter anenommen hat. Er basiert auf einer Rebellion gegen den Kitsch und die Ideenarmut der amerikanischen Filmkomödien, deren simple Mentalität den differenzierten eure» patschen Anforderungen tat Laufe der Zeit immer weniger genügte. Damit blieben die großen Verdienste aus, und seltsamerweffe stellte sich zur gleichen Zett ein starker Rückgang in den Be- sitcherzahlen der amerikanischen Filmpaläste ein. Die Einkünfte, die diese abwarfen, find so klein geworden, daß die Unternehmer den Zeitpunkt verwünschen, an dem sie ihr geschäftliches Heil darin sahen, wenn sie den Luxus und die Größe ihrer Bauten ins Gigantffche steigerten. Die in diesen Uebertheatern festgelegten Summe such natürlich niemals flüssig zu machen; ähnttch ist es mit den Geldern, die in den verschiedensten Produktionswerkstätten ta Hollywood investiert wurden.
Die ganze dortige Atmosphäre ist wegen ihrer Unproduktiottät an neuen Zd«en im ganzen Lande derartig in Ver- ref gekommen, daß zwei große Konzerne ihr geschäftliches Heil ta einer Verlegung des gesamten Aufnahmeapparates ,m die Umgegend von Newyork planen. Aber auch hier hemmen die ta Hollywood investierten Kapitalien derartig, daß man diese wichtigen Pläne, von denen man allein eine Wiedergenesung bes Geschäfts erhofft, nicht in die Wirk- lichkett mnsetzt. Die Lage ist darum recht KEsch, und wenn man durch die Ein- fiihrung des Tonfilms sich eine besondere .Wiederbelebung versprach, so ist genau da» Gegenteil eingetreten. Wenn die Qualität der amerikanischen Filme noch weiter znrückgeht, ist damtt zu rechnen, daß das kattsornffche Fllmparadies all- mähiich aussterben muß.
$fe Flucht nach Amerika
Schon einmal vor ungefähr acht Jahren setzte eine allgemeine Maffenflucht deutscher Filmdarsteller und Regisseure nach Amerika ein, was man verstehen konnte, denn damals zahlte Hollywood das Zehnfache der europäischen Gagen. In- «vischen ift es anders geworden. Die Gagen in Deutschland sind zwar nicht
mehr sehr hoch, dafür aber sind die amerikanischen Gagen erhebltch zurückgegangen. Trotzdem haben Gitta Alpar und ihr Gatte Gustav Fröhlich, ferner Anny Ondra, die demnächst Max Schme- ltags Frau wird, sowie Richard Tauber mtt Hollywood abgeschloffen und werden
Anfang des kommenden Idyres die Reife über den großen Teich antreten. Man braucht also immer noch deuffche Filmdarsteller in Hollywood, aber man braucht, wie das Engagement von Tauber, Alpar und Ondra bewerft, in erster Linie gute Stimmen.
Der Jiesenöe Tank
W
W
VS
L
Der neueste amerikanische Kriegstank, der eine Eeschindigkeit von 80 Stundenkilometern erreichen soll. Bei einem solchen Temvo würden natürlich auch die Flugzeuge, die gefährlichsten Feinde der Tanks, nichts ausrichten können, da es unmöglich ist, bei einer solchen Eeschindigkeit Bombentreffer zu erzielen. Der Tank zeichnet stch außerdem dadurch aus. daß er fast alle Bodenunebenheiten und sogar hohe Hinderniffe wie tat Sprung überwindet.
Nettigkeiten vom Film
Nun fit es doch noch einer Filmgesellschaft gelungen, Frau Hedwig C ou r th s- Mahler, die sich lange dagegen ge- sttäubt hat, für den Tonfilm zu gewinnen. Sie wird natürlich nicht selbst austreten, aber dafür wird ihr Roman „Ich laste Dich nicht" verfilmt werden und int Laufe des Winters auf der Leinwand erscheinen.
In Moskau wurde soeben der Grundstein zu einem Lichtspieltheater gelegt, welches 7000 Plätze erhalten wird. Damit dürste Moskau das größte Kino der Welt erhalten.
Bei der Beerdigung des durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Filmschauspielers Bruno Kastner waren 18 Menschen anwesend! Kastner ist fünf Jahre lang der höchstbezcchtte Darsteller ta Deutschland und mindestens ein Iahr- zchnt hindurch der Schwarm der Backfische gewesen.
Wie man jetzt hört, haben Jackie Coogan und besten Ettern bei dem Bankkrach von Hollywood ihre gesamten Ersparnisse verloren. Da sich Jackies Stimme für den Tonfilm nicht eignet, hat er jetzt eine Stelle als Lehrling in einer Konditorei angenommen.
Drei Jahre Tonfilm
Im August sind es gerade drei Jahre, daß in Deutschland der erste Tonfilm hergestellt wurde. Inzwischen hat sich der Tonfilm derart entwickelt, daß heutzutage gar keine stummen Filme mehr hergestellt werden. An Hand der Zensurberichte ist eine Statistik über die Filmerzeugnisse der letzten drei Jahre leicht möglich. Im Geschäftsjahr 1929 und und 1930 standen einer Erzeugung von 183 Spielfilmen nur acht Tonfilme gegenüber. Im Geschäftsjahr 1931/32 waren von 144 großen Spielfilmen nur noch zwei stumm. Ganz außerordentlich ist der-Erfolg der Lehr-, Werbe und Kulturfilme, die, was die Anzahl von Metern anbetrifft, die Spielfilme bei weitem überholt haben. Im übrigen ist ein Rückgang der Produktion gegenüber dem Vorjahre festzustellen, gleichzeitig aber auch eine Zunahme an Qualität. Die 146 • großen Spielfilme des Geschäftsjahres 1930/31, unter denen sich 101 Tonfilme befanden, kosteten vierzig Millionen Mark.
Gerüchte um den Eiffelturm.
Immer wieder taucht die Nachricht auf, daß der Eifelturm in Paris, der immer noch das höchste Gebäude der Welt ist, bedenklich zu schwanken anfängt
oder daß feine Stahlkonstruktion bereit» so oerostet wäre, daß man daran öenhcn müsse, ihn abzubrechen. Don Zeit zu Zett wird der gigantische Bau gründlich untersucht. Es wurde bisher stets festge- stellt, daß zu Befürchtungen nicht der geringste Anlaß besteht. Der Eiffelturm steht jetzt 43 Jahre und infolge des dichten und dauerhaften Anstrichs sind noch keine nennenswerten Zersetzungserscheinungen zu verzeichnen. Rund 600 000 Besucher genießen jährlich die Rundsicht auf die Seinestadt von der über 300 Meterhohen Turmspitze aus. Und man kann wohl sagen, daß gerade diese Besucher ein recht gutes Geschäft für die Besitzer des Eiffelturmes bilden. Bei der soliden Konstruktion und der ständigen Kontrolle ist als sicher anzunehmen, daß der Eiffelturm in hundert Jahren nach ebenso feinen Platz behauptet.
Der Ziger-Löwe
Versuche, die sich damit befassen, Tiere möglichst verschiedener Arten miteinander zu kreuzen, ergeben ständig neue Hebet« raschungen. Der Londoner Zoo, besten Besonderheit es ist eigenartige Kreuzungen zu versuchen, yat uns als erster mit einem neuen Prachtexemplar überrascht: dem Tiger-Löwen, genannt „ttgnon", einer Zusammenziehung von „tiger" und „lion". Die neue Raubkatze des Londoner Zoo, das Produkt der Kreuzung eines Tigers und einer Löwin, ist von ganz hellet Hauffarbe mit feinen schattenartigen Streifen, die das Charatteristikum de» Tigers find. Auch in einem deutschen Tierpark, im Zoologischen Garten in Hellabrun bei München befinden stch bereits mehrere „fignons", und zwar weibliche und ein männliches Tier. Diese find jedoch, wie die meisten Kreuzungen, im» fruchtbar. Einen Tiger-Löwen kann man naturgemäß aus den Kreuzungsvorräten großer Tierparks erhalten, da der Tiger in Zentralasien und der Löwe in Afrika beheimatet find. Auch müssen die Tiere so untergebracht fein, daß fie genügend Bewegungsfreiheit haben und nach Möglichkeit nicht das Gefühl der Gesangenschaft haben.
Storch tötet zwei Kühe durch Anstiegen einer Ueberlandleitung.
Daß ein Storch zwei Kühe töten kann, wird man für ein Märchen halten. 3n Riehus bei Flensburg ist das jedoch tatsächlich pasfieri, allerdings auf dem Umwege über die Ueberlnndleitung. Ein Storch flog gegen die Leitungsdrähte und stürzte zu Tode verbrannt zu Boden. Die Leitung riß aber unter dem Anprall, und von den herabschleifenden Enden wurden zwei Kühe getötet.
Nichte anderes I — Denn es keine andere Hautcreme, die
Die Nrrffenttfte
SLzze von Gerhard 0. Gottberg.
Rur der alte ftrug steht noch im Dors, ßmst wurde alles wüst und zu Trümmerhau- fca. And mm fft Friede geworden, die tt^enjährige Kriegsfurie vertobte. Aus halb- oafchütteten Mauerecken und Walddickichten Und vergrämte, abgezehrte Bewohner zurück- •etommen. Zehn Männer . . . an die dreißig Witwen unb fast noch mehr Vollwaffen.
»Es ift Friede geworden!'' sagte der junge, vernarbte Grenadier, der vor Wochen sich im Dorf einfand und eine besitzlos gewordene Büdnerei in mühseliger Kleinarbeit auf- richtet, das Gartenland umfticht und die zer- ipellten Obstbämne mit £013 zu erhalten sucht. Aber man glaubtts ihm nicht. Die Menschen sind wie scheue Tiere, die vor jedem Fremden flüchten: die Menschen sind wie Schlafwandler ohne Bewußtsein vom Ich: 1* Mmschen feben um sich berghohe Arbeit und fordernde Aufgabe und haben doch keinen Mut und keine Kraft mehr. Sie essen Rindenbrot und Reffeibrei unb fragen nichts mehr um» tun mchts mehr.
Doch es ist heute anders tat Trllmrnerdorf. Eine Kunde flog von Häufung zu Häufung, die alle Bewohner aus Schwäche und Willen- losigkeit erweckte. 3ähe Gier schlug ta erschlaffte Gehirne.
Der lange, einstige Dorflchmick Ramelow hat beim Pilzesuchen im Buschdreieck eine Eifenkiste gefunden. Dort war der Russen großes Lager, ehe König Friedrich fein Zorndorf schlug. And in dieser Kiste, die man noch nicht aufbekam, klirrt und wirbelt es. „(5olfe!‘‘ raunt einer. „Dukaten!" der zweite! Scheel flackerts in den Augen aller. Sie schlep- <mu die RussenLfte Dorftrug. Dratch«
stauen stch die hohläugigen Weiber und abgezehrten Kinder. Drinnen stehen die zehn Männer des Dorfes unter ihnen der Witt und jener junge Grenadier.
Will einer die Art heben, die Kiste aufzu- schkagen, fallen andere ihm ta den Arm. Habgier ist aus Nichtstun geworden, Haß aus Entnerom«, Steife aus Hunger. Der schwarze Ramelow hat das Beil gehoben: »Ich schlag' die Truhe ein. Wer gegen fft, feen soll der Satan spalten!" Doch der urttersetzte Müll«, dessen Mühle ein Trümmerhauf wurde, grollt auf: „Dorfgut ist der Fund. Uns taten gehörts. Das Buscheck war Gemeinfeeanger!" Sie stimmen ihm bei, sie murren. Der Witt will vermitteln, doch Ramelow schwingt das Beil wie eine Keule zum Schlag. Draußen kreischen die WeDer. Sie scheu unb hören nicht, was sonst vorgeht, in ihren Dsicken triftet dieselbe Gier, in ihren Hirnen langjährige Ärbettslofigkett. llnd einstmals war hi« das arbeitsamste Dorf, wurde gewerkt vom Morgengrauen zur Abenddämmerung — bis feer Krieg kam in sein« Endlosigkeit. Und fie werten nicht, daß hinter ihnen eine breitbauchige Kalesche hält, ans bet ein gebeugter Mann mit Dreispitz unb Krückstock steigt. Ihm folgen zwei Manna ta feer Offiziersmontur feer Potsdam« Garde. Der Fremde steht «6 lauschst, dann stapft « ins Haus.
Drinnen ift feer Haß einer Dorfichast entbrannt. drinnen steht feie Truhe, feie fea Kirrt u. -besticht. Der junge Grenadier, bat fie Kottes nennen, ist zwischen die Streiter gesprungen, wirbelt feen Eichknüppel, hat eine Stimme wie der Marschall Schwerin bei Prag: „Frlebe tat Dorf! Wollt Ihr den Krieg feer Völker weiterspinneu tat eigenen Blut? Ihr, die Ihr zusammengchött auf Treu oder Ver- feerbea? DsMcht ja Eta» Gier! Diebe
seid Ihr, wenn Ihr die Kiste brecht. Königs- Att ift d« Fund nach Preußenrecht. Nicht Ihr oder ich — nicht Ramelow oder Müll« — dem Könta gehört Kriegsbeute, dem Finder nur die Prämie."
Jäher, die Augen oerbunWnb« Hatz putscht gegen den Sprech«. (Eta jeder will Antal am Fund, und nun kommt feer Fremde in» will fie alle berauben, eines Gesetzes wegen, das doch in sieben Kriegsjahren jer» feafft und dem Faustrecht Platz gab. Einer packt den Grenadier am Halse: „Verfluchst ist Dem Friede, verdammt Dein flüefefr!" Mesier blitzen.
. König Friedrich stößt den DrMcktz auf feen Kopf, sein Krückstock dröhnt: „Was geht hi« vor?"
, Eie treten zurück. Eta flamen y» draußen ... der König!
Friedrich wendet sich dm feen .Grenadier: »DyShl Er!"
»Hatte« ju Gnaden, Majestät! DekMoarze Ramelow fand eine Kiste heut' beim Dorf- «nger. Sie flirrt nach Gold. Die Russen haben alles verbrannt und nur den Hunger mts rurückgelaflen. An Friede glaubt man mcht: denn was mär Friede ohne Brot und oh« Arbeit! Nun hat die Rnffenfifte allen fee« Kopf oerwirtt — und um die Beute, die feem König gchött, geht böfer Streit."
Der König schweigt, ße&t den Kreis feer breitschultrigen Männer, betten (Entbehrung und Not sieben lange Jahre ihren Stempel gaben. In Friebrichs Stimme tritt ein weich« Nachklang: „Man schlage die Kiste auf. (enthält sie Gold, dann sei sie Euch zum Aufbau übergeben. .Jedem das Seine- steht auf mentem Preußenorfe«, das sei Euch gleiches awwr*
Ramelow kann feie Faust nicht mehr halten Sein Beil hackt aufs Eism. Fünf, sechs Schläge, dann bricht bas Schloß. Der Grenadier beugt sich trieb«, her Deckel kracht zur Serie. Zween einfache Altarleuchter, ein Taufbecken unb eine Bibel sind feer Inhalt. Mit raschem griff reicht man dem König bas alte, schwarze Buch. Friedrich schweigt, blät- teri drin, sieht Aufzeichnungen und Daten des gemordeten Pastors über Taufen und Tod dieser Gemeinde, findet einen Zettel, bett jene zitternbe Hand beschrieb: „Betet und arbeitet!"
ift totenstill im Kreis, gedrückt stehen die Männer, die Gier ersttckt unter Schamgefühl. Sie stad ja Preußen, arbeitshatte Bauern, denen Not und Elend nur den Sinn verwirrte. Friedrich sieht die Männer mit langem Blick, lieft dm Zettel laut vor: „Betet und arbeitet, Leute! Das war der beste Fund Eures Dorfes. Lernet von diesem Schatz!" And bann, zu bem Grenadier gewendet: „Er scheint ein braver Bursch, ift von Stund an meta Amtsverwalter. Für jeden Mann des Dorfes hol Er in kurzer Frist vom König- lichm Amt des Kreises an 20 Metzen Saatgut, ein Pferd, und eine Kuh, für jede bau- willige Faust soviel Holz aus meinem Forst, wie Ihr benötigt. Ich konnne wieder. . ." Des Königs Augen haben seltsamen Glanz: „Dann will ich ein Ttorf der Arbeit finden und Mm und alten Preußenschlag!"--
In einem Dorf im Osten beginnt eine Kirchenchronik mit folgenden Sätzen: „Das alte Kirchenbuch nahm uns der Russe, doch imfere Bibel blieb. Ein Neues hebt an auf des Königs Befehl, der wegen der Russen- truhe, die dem Dorf zum Segen wurde, einen Streit geschlichtet. .Bete unfe arbeite!- mäkelten wir itzo vor unser neues Kirchen- Haus, damit es den Enkeln noch zum Führer bem König jur Freude sei. Anno 1765!"