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Sette 12

VLerdeW»« Zetttmg, Marburg «. L. Sotmobotb, den 30. Juli 1932

Nr. 177

Mas tjt und was Wik dir junge Srnerativn?

«chlagworte haben die verhängnis­volle Eigenschaft, an sich berechtigte Forderungen oder nicht zu bestreitende Sachverhalte zu verflachen, zu versäl- fchen, ins Unrecht zu setzen und schließ­lich zu vernichten. So verschleiert auch das viele Gerede und Geschreibe von der „jungen Generation" nur das wirkliche Wollen, das heute in der jungen deut­schen Mannschaft ans Licht drängt — ja, die große Gefahr besteht, daß eine echte Be­wegung den Anstrich literatenhaster Mache und politischen Klüngels be­kommt und damit dem Fluch der Lächer­lichkeit verfällt. So kam ich vor kurzem in eine künstlerische Veranstaltung, als mich ein junger Mann, hinweisend aus einige nahesitzende junge Leute, mit den Worten begrüßte: ,5)a ist ja bald die ganze junge Generation beisammen." Nun, ich sah eben nur ein paar junge Leute, von denen ich wußte, daß sie sich mit den literarischen Prooukten anderer junger Leute gern befaßten. Soll das nun schon genügen, um „junge Genera­tion" zu heißen — oder genügt es gar schon, sich „junge Generatron" zu nennen, um es zu sein? Hat nicht wahrscheinlich doch Jaspers in seinem außerordentlich hellsichtigen Büchlein: „Die geistige Situation der Zeit" (Gö­schen, Bd. 1000, Preis 1,80 9MQ recht, wenn er schreibt: „Die neue Generation ist jeweils kaum die, von der man redet. Die Menschen unter der Jugend, von denen nach dreißig Jahren die entschei- Lenden Taten getan werden, sind aller Wahrscheinlichkeit nach still und war- tend. — Sie haben den Sinn für Zeit und nehmen nichts vorweg. Niemals ist feststellbar, wer es ist"? — Ganz gewiß ist es nicht jene oft überflüssigerweise so viel beredete Gruppe junger Literaten um Klaus Mann — was hätten sie uns dem so Neues und Wegweisendes zu sagen? Und sicher hat auch L. Din- g r ä v e in seiner Schrift: „Wo steht die junge Generation?' (Diederichs Verlag) recht, wenn er einigen jungen mittelpar­teilichen Parlamentariern das Recht ab­sprach, sich als die Vertreter der jungen Generation zu fühlen. Dingräve hat auch schon das Verdienst, in seiner Schrift ge­

zeigt zu haben, daß es keine einheitliche Generatton der Jungen gibt. Einen — oder besser den entscheidenden Vorstoß aber, eine wirklich umsasiende Sinn­deutung der Erscheinung „junge Gene­ration" und zuglerch eine revolutionäre Sinndeutung der Gegenwartskri e aus dem Geist der jungen General on zu geben, macht jetzt E. G. Gründel in seinem umfangreichen Buch: „Die Sendung der jungen Genera­tion" (Verlag C. Berk, München, 459 Seiten, Kart. 6,50 R-K). Hier ist wirk­lich etwas Entscheidendes getan, hier hat

ein junger Mensch mit umfasiender Kenntnis, mit kühlem Blick und heißem Wollen zusammengefatzt und zu deuten versucht, was die junge Generatton ist, will und soll. Und das Sollen ist ihm das Wichtigste — denn nach seiner (und unserer) Ueberzeugung kommt es nicht darauf an, was etwa junge Menfchen heute wollen, sondern allein daraus, daß die junge deutsche Generation in dieser erschütternden Weltkrise den Anspruch der Geschichte hört, daß sie — eine wahr­haft geprüfte und leiderfahrene Gene­ration — die Aufgabe erfaßt, die ihr vom Jahrhundert aufgetragen wird. Und hieran, ob sie den Anspruch hört, die Ausgabe versteht, scheint uns auch das Entscheidungsmerkmal feststellbar zu sein, wer „junge Generation" ist— und wer nicht! Wohl läßt sich mit Dingräve und Gründel (wobei G. den umfasienderen Aspekt hat) der Raum abstecken, in dem etwa die junge Generation zu finden ist — die lNitscheidung fällt erst die Ge­schichte! Wer aber von den „Alten" wisien will, was die „Jungen" wollen, der greife zu Gründels Buch — und ebenso wird an ihm und seinen Deutun­gen die junge Mannschaft chrer selbst und ihrer Aufgabe gewiß werden kön­nen. — Der Raum der jungen Gene­ratton (um nur das Wichtigste aus dem ungemein reichhalttgen Gründelfchen Buche anzudeuten) ist aber abgesteckt von den Jahrgängen, die zwischen 1890 und 1920 geboren sind, er umfaßt die eigentlich Frontgeneration der Jungen, die den Ausbruch der deut­schen Jugendbewegung zwischen 1900 und 1914 bewußt mtterlebten, dann die Kriegsjugend der etwa 1900 bis 1906 geborenen, die am bewußtesten den großen Zusammenbruch und Zerfall aller Werte miterlebten — und schließ­lich die Nachkriegsgeneration der heute etwa 20 bis 22jährigen, ein schon wieder nüchternes, sachliches und sicheres Geschlecht. Trotz der Verschieden­heiten dieser drei Gruppen, die Gründel in ihrer Eigenart gut darzustellen weih, sieht er in Weltkrieg, Umsturz und Nach- Kriegskrisen eine die drei Gruppen so stark verbindende Erlebnisein­heit, daß er doch von einer Gene­ration zu sprechen sich getraut, der die Bewältigung einer großen geschichtlichen Aufgabe obliegt — und die Aufgabe heißt: Vollendung der deutschen Re­volution! — Vier große Abschnitte ni^ßt das Buch: die Herkunft, die kul­turelle Antrittsfttuation; die politische Antrittssituation; die Sendung: von denen jeder einzelne den Weitblick und die Klarheit des Verfassers zeigen, deren Gesamtheit seine systematisch und kon- sttukttve Fähigkeit erkennen läßt — selbst wenn man in Einzelheiten anderer 'nncht ist: so überrascht z. B. sehr die proklamierte „Abwendung von der Phi­losophie", die nach meinen Erfahrungen

ganz unhaltbar ist. Sehr überzeugend wirkt G. stets da, wo er von wirtschaft­lichen Dingen spricht, man merkt ihm die sachliche Schulung an. Gerade hier ist auch von der jungen Generation viel verfehlt in romanttscher Ablehnung wirtschaftlichen Denkens überhaupt wie in utopischen Versuchen, das bisherige Wirttchaftssystem zu durchbrechen. Was zu fordern ist — und was heute schon die Jugend aller Lager, soweit sie chrer selbst bewußt ist und nicht in über­kommenen Denkschablonen denkt, eint, ist eine neue Haltung zu wirtschaft­lichen Dingen, eine innere Ueberroinbung des desitzbürgerlich-k apitalistischen Denkens durch eine selbstverständliche, lebendig erworbene soziale Einstellung — aus der heraus Gründel zu einer ver­nichtenden Abrechnung mit dem Marxismus kommt. Das wichtigste Kapitel scheint zur Zeit natürlich das p o litifche: aus Leerlauf der Politik, Krise des Bürgertums, Kommunismus und Nationalsozialismus entsteht das neue Wollen, das die Parteien über­winden wird — alle Parteien —, und aus Verantwortungsbewußtsein und letz­ter Verpflichtung gegenüber der G e - famtnation den Neubau des Reiches wagen wird. Nock fteilich ist die Zeit für den Neubau nicht reif, noch drohen Rückschläge, noch droht vor allem die Gefahr, daß das neue, noch gärende und unklare Wollen von den Mächten der alten Welt, mögen sie demokratisch-par­lamentarisch, „sozialistisch" oder besitz- bürgerlich-kapitalistisch sein, aufgefangen wird und verwandt wird zu einer „Restauration" des Alten. Die wahre junge Generation wird auf der Hut sein, sie wird warten können und hart und nüchtern sich die Kenntnisse, die Werk­zeuge und schließlich auch die M a ch t zu erwerben wissen, ine nötig ist, die neue Schau der Welt in die neue Tat um« zusetzen, die Zukunftswelt zu gestalten, die einmal fein wird „die Welt unserer Kinder". Das Erfreulichste an dem Gründel'schen ist, daß er endgültig auf« räumt mit aller vereinzelnden Betrach­tung, daß er den Versuch einer Ge­samt beutung macht unb — als Ent- scheibenbstes — baß er klar sieht, daß bie junge Generation ihren Sinn unb ihre Ausgabe erst bann findet, wenn sie ihr wahres, im höchsten Sinne politisches Ziel, die Vollendung der deutschen Revolution erkennt! —o. —r.

Der Kirchturm als Schießscheibe

In dem württembergischen Orte Herren­berg haben die dortigen Schützen seit eini­gen Jahren die etwas sonderbare Gewohn­heit angenommen, mit ihren Gewehren nuf den Kirchturm zu schießen. Anfänglich hat diese sonderbare Betätigung keine weite­ren Folgen gehabt. Aber schließlich ist im Laufe der Jahre die Kupferbedachung des Stiftskirchturms derartig durchlöchert wor­

den, daß durch das eindringende Regen- wasser das Gebälk beschädigt und faulig geworden ist. Jetzt muß mit erheblichen Kosten die Kupferbedachung wieder berge, stellt werden. Don den Herrenberger Schützen will es aber nun, wo man ste mit zur Kostenbegleichung heranziehen will, keiner gewesen sein, sodaß die Kirchenkasse die Kosten allein aufbringen muß. Viel­leicht suchen sich aber die fchießfreudiaen Herrenberger in Zukunft lieber doch eine andere Zielscheibe als ausgerechnet ihren Kirchturm aus.

Weinberge kostenlos zu verpachte«.

Die wirtschaftliche Not der Winzer ist ja bekannt. Daß aber ein pfälzischer Wein­gutsgroßbesitzer, dessen Weine in ganz Deutschland bekannt find und gern getrun­ken werden nunmehr öffentlich bekannt gibt, daß er seine gesamten Weinberge kostenlos verpachtet, wenn der Pächter die Verpflichtung übernimmt, fie rnstand zu halten, dürfte doch etwas ungewöhnlich sein. Diese Ausschreibung zeigt aber, daß auch Eroßbesitzer von Weinbergen heute nicht mehr in der Lage sind, ihren Betrieb ohne Verluste auftecht zu erhalten. Aber auch die Winzergenossenschaften, in denen sich die kleinen Rebenbesitzer vereinigt ha­ben, kämpfen mit den größten Schwierig­keiten, da sie ihre zum Teil erheblichen Außenstände nicht hereinbekommen. Auf die ganze Pfalz, die bekanntlich das größte Weinbaugebiet Deutschlands darstellt, hat die schlechte Lage des Weinbaus bereits außerordentlich ktttifch zurückgewirkt. Die Zahl der Zwangsversteigerungen hat bis- her die des letzten Jahres um das Doppelte überschritten.

Film-Expedition knapp de« Tode ent­gangen.

In Grönland finden seit einigen Wochen Aufnahmen zu dem Film „S. O. S. Eis- berg" der Universal statt, an denen auch der Flieger Udet beteiligt ist. Der Motor von Udets Flugzeug versagte plötz­lich, als dieser über einem der höchsten Eisberge Aufnahmen machte, sodaß Udet zwischen schwimmenden Eisbergen not­landen mußte. Udet sprang von seinem Sitz auf den Schwimmer des Flugzeugs, von wo aus er den Motor wieder anwer­fen konnte. Unglücklicherweise drehte das Flugzeug sofort mit Vollgas auf die Eis­wand zu, und nur der Geistesgegenwart Udets gelang es, im letzten Augenblick ein Zerschellen am Eisberg zu verhindern. Am nächsten Tage ereignete sich eine der ge­fürchteten Explosionen des Eisbergs, „Kal­bungen" genannt, auf dem der Regisseur Franck gerade mit seinem Stabe arbei­tete. Mehrere Expeditionsteilnehmer wur­den ins Wasser geschleudert. Der Operateur Angst wurde leicht verletzt, trotzdem ge­lang es ihm, noch im letzten Augenblick seinen Kollegen Schneeberger, der unter eine Eisscholle geraten war, vor dem Er­trinken zu retten.

Keine Stimme -en Splitterparteien;

s« Schwarze Salla»

Skizze von Richard Eu ringer.

Im Zusammenbruch der Heere stahl ein Händler sich den Hengst, den er Schwarzer Gustav taufte. Mit einer Rübe lockte er ihn um den Brunnen. Die flutenden Truppen merkten nichts, den rastenden war . so trostlos zumut, daß sie dem Manne gewähren ließen.

Als hoffe er seinen Herrn zu finden, folgte der Gaul mit schlagendem Schweis.

Ein Filou von Belgier gab auf Verein­barung den Stall her. Dort scharrte das Tier einen bangen Tag. In der Nacht drang lln- schlittlicht durch int Tür. Ein Klatsch auf die Backe schob den äugenden Hengst zur Seite, fie seilten ihn mit Hanf und Stroh fest dann be­gann die Prozedur. Mit Schere und Sttiegel kartätschten sie ihm das Fell zurecht, schoren ihm die Mähne um. Dann brannten fie ihm die Krone aus, samt der Rümmer des Re­giments, daß nichts blieb als eint Wunde. Die teerten fie zu

Die folgenden Tage fraß der Hengst nicht. Trotzdem zog ihm eine Faust die Trense durchs Maul und bugfierte ihn ins Freie. Es war Nacht. Schatten sprenkelten Gemäuer, bet Huf schlug Pflaster.

Dann qualmten Biwakfeuer auf. Brandig roch es nach feuchtem Stroh. Ls war fast wie einst, nur das Trabbeln der Huf« fehlte, das Getrappel der Schwadronen, das Aechzen der Gurte, das Klingeln der Zäume, das leise Läuten der Steigbügel, das Scheppern bet Säbel, die warme Nachbarschaft atmender Lei­ber und die weiche lebende Last im melodisch knarzenden Sattel. Traurigkeit überfiel die Kreatur.

„Er hat die Melancholie", sagten die Leute, nicht ohne Spott, denen bet neue Eigentümer seinen Schwarzen Gustav lobte. Sie stießen sich an und zwinkerten. Die Wunde an der Hinterhand schwärte unter Mückenstichen. Schamhaft deckte sie ein Latz. Dann waren Häuser um den Gaul her, funkelnde Fenster, Hämmernde Uhren, Elockenschwall und Mehl- geruch. Satten klapperten vorüber, Hunde Muffelten hn Rinnstein, aber wie et die übten spitzte: Ste waren nicht da, die schwan­

ken Kolonnen im Aechzen bet Achsen, im Schnauben bet Rüstern, tm Trangefunzel der Laterne, im Rasseln bet Ketten, im Gepolter bet Lafetten, im Geholper der Brückenwagen. Es standen im Rebel der Niederungen nicht die schlafgebannten Stuten mit Hangender Stirn und glasigen Augen. Es flatterten gol, bene Mähnen nicht von Hürde zu Hürde in wiehernder Lust. Es brachen Sterne nicht vom Himmel, rauschend in prasselndem Niederprall.

Leblos trottete der Hengst. Es griff keine Hand in die Satteltaschen, es stnelte kein Sporn an der zarten Weiche, es füllte nicht die geliebte Last die Mühsal des Tagwerks mit ihrem Sinn. Der Stockschlag war hart und unverständlich, der Ruck ins Maul gab keinen Klang. Strong« scheuerten die Glieder, der Stall roch ftemd, der Hafer grau.

„Man soll nicht glauben, daß dies ein Hengst ist", sagten die Leute auf dem Markt wenn bet Rappe den langen Hals sehnsüchtig nach Kindern renkte, als suche et den verlorenen Herrn. Stundenlang trat et im Kohl herum, in Butterpapier unb Zeitungsfetzen, vor ben Eemüsekarren gespannt, im Gekreisch bet Stra­ßenbahn, im Gefeilsche der Verkäufer, im Ge­wirr des Stadtgettiebes.

„Er hat die Melancholie", sagte der Händ­ler, der ihn aefWen, unb war froh, ihn los­zuschlagen. Ein Fiaker nahm sich des Tieres an.

Er schirrte es vor seine Droschke. Dann kutschierten sie herum, unter Dutchlaßbogen durch, an Baugerüsten und Kaufhaussenstern, an Autos und Fußgängern vorbei. Oder fie standen im klatschenden Regen in Wind und Sßetter auf dem Asphalt trübselig im La­ternenschein. Manchmal roch es wie Blumen­wiesen, aber es waren nut duftende Damen in Schminke und Pelz. Ein Lichtetschimmer am laufenden Band tost« über den Eisenbahn­damm, aber es war nut die sausende Stadt­bahn. Dann kamen die Droschkenkutscher zu­sammen, gähnend, in ihren Postenmänteln, deren Pelz sie umgefärbt, stellten sich um den Schwarzen Gustav, rissen Witze unb lochten ihn aus: „Man sollte nicht glauben, daß dies ein Hengst war! Aber er hat di« Melancholie."

Und fie schauten ihm ins Maul, ob die Milch­zähne noch taugten, und fanden ihn noch gar nicht alt. nut vertrauert unb verlauert. Und sie klatschten ihm auf die Backen: „Hü! Schwarzer Gustav! Hott! Wach auf!" Aber er ließ die Stirne finken ober renkte den lan­gen Hals sehnsüchtig nach Eassenkindern.

So ging Gustav von Hand zu Hand. Als et pflastermüde wurde, nahm Vie Schlackenstadt ihn an. Müll und Kehricht stieß ein Fuhrknecht aus eisernen Tonnen auf den Wagen, den er zog. Staub umwölkt« ihm die Rüstern. Die Fabriksirenen heulten. Kinder trieben ihren Kreisel. Schottersteine hat der Huf sich in den Fuß. Spatzen zankten um den Roßkot. An der Halde barst die Fracht in jähem Rutsch. Mit dem Peitschenstiel der Eeißes stieß ein Mensch sein Zugvieh an. Gustav machte feinen Dienst.

Als et nicht mehr richtig ftaß, gab ihn der Müllmann an den Melkmann; Gustav wan­derte aufs Land als Arbeitspferd der Mol­kerei. Durch die 'Sandpfade der Bauerschaften zerrte et die Räder seines Fuhrwerks im Blechgeschepper bet leeren Kannen. Vor schwätzenden Elstern stutzte er scheuend. Eine Hase hoppelte über den Weg. Die Kannen Happerten.

Da geschah es eines Tages, währen an bet Bahnstation Frachtleute bie Kannen tauschten baß bet Gaul bie Ohren stellte. Jedesmal wenn eine leere Kanne blechern auf die Karte a liefe et sie sinken; jedesmal, wenn eine

Kann« in den Güterwagen plumste, stellte er fie wieder. Flügelschwirrend irgend­wo stieg eine Lerche in ben Himmel. Durch bie tnofpenben Fliederbüsche blies der Wind. Irgendwo hinter den Dächern des Städtchens zog ein pflügendes Gespann. Unruhe war in bet Lust, ein Sitten von Drähten, ein Zwit­schern und Flitzen, ein Glitzern unb Flirren. Die Leute achteten es nicht, daß der Gaul die Ohren spitzt«. Er hob den Huf unb ließ ihn inten. Eine Sehne straffte sich. Ein Schauer uckte übers Fell. Irgendwo hinter den onnigen Dächern, wo die jung begrünte Flur über Ackerraine rünbet, zog im Wanderschritt Gesang.

„Hüh. Schwarzer Gustav!" rief bet Melk- nuum.

Gestrammt in Gurt und Sielen warf der Gaul die Mähne auf. Die Nüster blarrte, es knirschte im Maul, ein Zittern überrann den Leib.

Irgendwo aus den Eichenwäldern hinter harten Bauernhöfen quoll der Marschtritt jun. ger Scharen wimpelflatternd im Sonnenschein.

„Hott! Schwarzer Gustav!" rief der Knecht.

Schwer stand die gedrungene Brust wider das Geschirr gerammt, aber Gustav zog nicht an. In toten Striemen gor das Blut bläulich aus der alten Narbe.

„Hott!" und „Hist!" rief der Knecht, schlug bie Zügel auf bie Kruppe. Aber Gustav scharrte nut.

Jrgenbwo im Frühlingswinb geisterte ein Hörnerklang, ein sehrender Schall unb Hall von Hörnern, metallisch ein Singen klingenden Spiels. Da brach ihm bas Wiehern aus ber Brust. Da krachte ber Wagen in allen Fugen, so trat er an, ber schwarze Hengst.

,Höh!" schrie der Knecht; was hat der Gaul!

Da kullerten schon &e ersten Kannen. Blechern plärrten sie aufs Pflaster. Es gab kein Halten, es galt kein Zetern, ber Peitschen­hieb schnitt nicht ins Mark. Blut pulste «prühkraft in die Lichter. Purpurn färbte sich das Maul. Schäumend bäumte sich der Rappe, rückte aus, riß das Fuhrwerk um die Ecken, zickzack, rasend, ungebändigt, mitten in die Händlerstände bunter Plätze, enger Gas­sen, um den Brunnen, durch den Markt, daß bie Töpferwaren klirrten, daß die Blumen­töpfe scherbten, wo das schleudernde Gefährt seine Vlechrollen verstreute. Menschenknäuel kreischten auf. Polizisten fuchtelten. Bürger flüchteten mit Geschrei in die Keller. Da knickte ein Rad. Die Deichsel barst, die Stränge platzten, in das Kaufhausfenster knallte der zerschellte Wagen.

Wie geflügelt stieg der Henost aus bet Äanbare. Im Trompetenstoß ber Nüster schlitz er sich die Gasse auf mitten durch die ©affet» menge, stampfte über freies Feld, unter Sonnenstutz und Schmettern, dampfend über Ackerschollen, sichtbarlich emporgetragen in ben Jubel bet Fanfaren.

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