Somierslas, »tn 28. Juli 1932
Die .CIwtWFW« Bettung* ee* scheut sechsmal WSchentllch. Be- monatL L Marburg 2.02
SM auSschl. ZusiellungSgebShr, bei uttften Agentur«, 1,93 GM. ptzügl. Zustellrmgsgebühr. durch hie Post 2.25 SM. Für etwa h«ch Streb!, Maschinen defekt oder elementare Trrignlss« austaveud« gkmnmern wird kein Srsa» ge» leistet. Verlag, Dr. <$. Kitzeroth. Druck der Untv-Bnchdruckeret Zob. Äug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Skr. 2054tu «r.2055 Postscheckkonto: Sm« Franks«! «. M. Slr. 5015. — SprechM der Redaktwn W* 10-M. **
iDbcthcmTdic , 'X^ZÄ***»* w etatotw z S M w®e n W®w legtMnitW« B B M B B üantoititimg
st. 175 «r.Mrg. Marburg «.Lahn
vtt versagt fwt
den 11 gespalt. ZestenmklNmeter 0.08 CSRv Aamllienanzeigen bei Darzahl. 0.07 SM., amtl. «. «m> wckrttgeAn». 0.10 SM. Sog. klein« Anzeigen »ach Spezialt<rrif.Drund- schrift: §olo«l. Bel schwierig. Sag, sowie bei Platzdorschrtft 50*1, Aufschlag. — Saunnrianzeige« 100*1, Aufschlag SleNam.-MMim- 0.40 «M. «rnndschrist r Petit. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Ziel 5 Lag«. Offerten-Gebilhr: 25 Pfg, bei Zustellung der Angebot« eknschl. Porw —.60 SM. Belege werden berechnet. LrfLllmlgSort Warb«-.
Anzeiger für (das frühere kurhessische) Overhessen
Anzeiger »er amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und «reis Marburg.
Die Ursache der „Niobe"-Katastrophe
Das Schiff infolge einer Eewitterboe in wenigen Sekunden gesunken — Keinerlei Verschulden der Schifssleitung
Sie Untersuchung über den Untergang der „9liobe".
Kiel. 27. Juli. Die Admirale Albrecht und Kolbe haben gestern am Ort des Untergangs der „9liobe" im Fehmarn-Belt die Untersuchung über die Katastrophe geleitet und dabei festgestellt, daß niemanden, weder den Kommaudan, teu noch irgendein Besatzungsmitglied, eine Schuld au dem Untergang der ^liobe" trifft Die Gewitterbö, die dem Schiff zum Verhängnis wurde, traf mit so plötzlicher Stärke ei», daß das auf der Seite liegende Schiff durch kein Manöver wieder aufgerichtet oder a« den Wind gebracht werde« konnte. Die Ereignisse haben sich in Bruchteilen von Sekunden abgespielt, wofür auch zeugt, daß der Befehl des Kommandanten, Schwimmwesten anzulegeu und die Boote klar r» machen, nicht mehr befolgt werden koante. Die Darstellung einer Kieler Zeitung, daß die »Niobe" zuviel Segel gesetzt habe, wodurch der Unfall hervorge- rufen worde« sei. trifft nach den Ermitt- luugen der Reichsmarine nicht zu.
Der amtliche Bericht.
Hebet den Untergang des Segelschulschiffes „Niobe" wird folgendes amtlich mitgeteilt:
Das Segelschulschiff „Niobe" passierte am 26. Juli, 14 Uhr, über Backbordbug liegend beim Winde (Stärke 2 bis 3) Kurs Südost 5 Seemeilen hart das Fehmarn- Belt-Feuerschiff. Der Kommandant ließ wegen einer Gewitterwolke über Fehmarn die Obersegel von der Steuerbordwache bergen. Die Backbordwache hatte währenddessen Offiziersunterricht unter Deck. Nach dem Bergen der Obersegel wurde an die Steuerbordwache Oelzeug ausgegeben. Es setzte dann gegen 14.25 Uhr eine stark wachsende und räumende Böe ein. in der sich das Schiff hart überlegte und dem Ruder nicht mehr folgte. Es wurden „beide Wachen klar zum Manöver" befohlen. Das Schiff legte sich währenddessen auf die Seite und fant um 14,27 Uhr in kürzester Frist. Es ist anzunehmen, daß der vermißte Teil der Besatzung mit dem Schiff in die Tiefe gegangen ist. Das Sinken des Schiffes nniobe vom Fehmarn-Belt-Feuerschiff und vom Dampfer „Theresia Ruß" bemerkt, die das Rettungswerk in vorbildlicher Weife durchgeführt haben. Nach den bisherigen Meldungen liegen keine Anhaltspunkte vor, daß bei der Führung des Schliffes und dem Rettungswerk irgendetwas fehlerhaft gewesen oder versäumt ist. Es ist vielmehr anzunehmen, daß ausschließlich höhere Gewalt die Der- anlasiung zu der Katastrophe und den schweren Verlusten an Menschenleben gewesen ist.
Taucherarbeite» an der „Niobe".
Kiel, 27. Juli. An der Unfallstelle der „Niobe" sind heute um 18 Uhr zwei Fahrzeuge des Marinearsenals Kiel ein- aetrofsen, die Tauchergeräte an Bord fuhren. Die Taucher können nunmehr die genaue Lage des gesunkenen Schiffes feststellen. Von dem Ergebnis dieser Feststellungen wird es abhängen, ob eine Hebung der „Niobe" möglich ist. Zur Zeit herrscht aus See schlechtes Wetter.
Ferner ist heute ein deutsches Minensuchboot in Roedby (Laaland) gewesen, u» die dortigen dänischen Behörden um
ihre Mitwirkung bei den Nachforschungen zu bitten. Das ganze dänische Küstengebiet ist alarmiert, doch ist bisher außer einem Gummiboot, das vielleicht von der „Niobe" stammt, nichts gefunden worden. Die Suche auf See wird von dem Kreuzer „Köln" fortgesetzt.
Das Beileid Hindenburgs.
Berlin, 27. Juli. Anläßlich des Unterganges des Segelschulschiffes „Niobe" hat der Herr Reichspräsident an den Ches der Marineleitung, Admiral Dr. h. c. R a e d e r, nachstehendes Beileidstelegramm gerichtet:
Zu dem schweren Verlust, der die Marine betroffen hat, sende ich tiefer
schüttert den Ausdruck herzlichster Teilnahme, der in gleicher Weise in war- ment Mitempfinden allen Hinterbliebenen gilt. Das Andenken der in treuer Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes dahingegangenen Kameraden wird stets in hohen Ehren gehalten werden. gez. von Hindenburg.
Ihr Beileid zum Untergang der „Niobe" haben ferner zum Ausdrum gebracht: der Reichskanzler, das preußische Staatsministerium, die bayerische und sächsische Staatsregierung, Geheimrat Hugenberg, der Nationalverband Deutscher Offiziere, der Evangelische Oberkirchenrat, der Norddeutsche Lloyd, dessen Schiffe halbmast flaggten, Oberbürgermeister Dr. Sahn für Berlin.
Eisenbahnunglück in Berlin
2 Tote, zahlreiche Verletzte _
• f' - •- r».' «' . ' * - * ' 7 " - “ —■
Berlin, 27. Juli. Mittwoch nachmittag gegen 17 Uhr entgleiste ein Eisenbahnzug unter der Behmbrücke in unmittel
barer Nähe des Bahnhofs Gesundbrunnen. Mehrere Wagen stürzten um und zahlreiche Fahrgäste wurden schwer verletzt
Den letzten Nachrichten zufolge find zwei Personen getötet und rund 50 pw Teil sehr schwer verletzt worden. Bei den beiden Toten handelt es fich «m zwei Frauen. Während die Personalien der einen Frau noch nicht festgestellt werden konnten, wurde die audere als eine Frau Linkhorst aus Berli« erkannt, bette Ehemann fich unter den Schwerverletzten befindet
Berlin, 27. Juli. Die Pressestelle der Reichsbahndirektion Berlin teilt mit:
Sotoest bisher festgestellt werden konnte, sind bei dem Eisenbahnunglück am ®e* funbbrannen um 21 Uhr zwei Tote und 50 Verletzte geborgen. Unter den Verletzten befinden sich mehrere Schwerverletzte. Eine der beiden Leichen konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Sie besmdet sich im Leichenschauhaus. Bei der zweiten Toten handelt es sich um die Ehefrau Linkhorst aus Bersin. Ihr Wann ist schwer verletzt.
»eitere Einzelheiten.
Berlin, 27. Juli. Die Eisenbahn- katastrophe, die sich, wie gemeldet, gegen 5.45 Uhr in der Rahe des Bahnhofs Gesundbrunnen ereignet hat, stellt ftch als äuhe rft ernst heraus. Wir erfahren darüber noch: An der Bahnstraßenbrücke fuhr die Rangierlokomotive eines Vorzuges gegen den gerade in der Einfahrt befindlichen fahrplanmäßigen Stralsunder Personenzug, der sehr gut besetzt war. Zufolge des wuchtigen Zusammenpralles wurden vier Waggons des Personenzuges aus den Gleisen gehoben und zum Deü inemandergeschoben, um dann umzufallen. Die Unglücksstelle bot unmittelbar darauf ein Bild der Verwüstung. Aus den Personenwagen ertönten die verzweifelten Hilferufe der bestürzten Passagiere, di« sich aus den Waggons nicht befreien konnten. Die sofort alarmierten Feuerwehren, große 'Berettschasten der Schutzpolizei und Sa- nitätsmännschasten wurden sofort an die Unfallstelle geführt, die im übrigen in großem Umfange abgesperrt wurde. Wan fft dabei, mir Schweißapparaten die noch
in den Waggons eingeschlossenen Passagiere zu befreien. Es besteht große Wahrscheinlichkeit, daß sich die Zahl der Verletzten und auch der Toten noch wesentlich echöht.
Berlin,-27. IUli. Die Zahl der Toten bei dem Eisenbahnunglück am Bahnhof Gesundbrunnen hat sich bisher auf Met erhöht. Zu dem Hergang des Unglücks erfahren wir noch, daß die Rangierlokomo- ttve wahrscheinlich infolge falscher Weichenstellung mit voller Wucht in die Flanke des Personenzuges hineinfuhr. Der Hauptanprall traf den zweiten und dritten Wagen des Personenzuges, die umstürz- ten unb den ersten sowie den viertem und fünften Wagen aus den Gleisen hoben und gleichfalls zum Umkippen brachten. Wit welcher Wucht die Rangierlokomotive in den Zug hineingefahren sein muß, kann man daraus ersehen, daß die Lokomofive direkt auf dem Gleis des ein» fahrenden Zuges zu stehen kam.
Der Hergang des Unglück».
Berlin, 27. Juli. Vor dem Eingang zu dem Bahnhof Gesundbrunnen von Äorden her befindet sich eine starke steinerne Ueberfichrung, die Behm-Brücke. Dicht vor dieser Aeberführung, unter der die Bahn durchfährt, ist eine Weiche, auf der sich die Fernzüge, die von Richtung Merswalde unb ans der Richtung Ora* nienburg kommen, auf einem gemeinschaftlichen Gleis zum Einlauf in den Bahrchof Gesundbrunnen treffen. An dieser Weiche ist das Unglück geschehen. ES hat den Anschein, als ob der Stralsunder Persv- nenzug gleichzeitig mit einer Rangierlokomotive von Äorden kommend, auf den Bahnhof zugelaufen ist, und daß dann die Rangierlokomotive, die etwas hinter dem Personenzug lag, den <>ig an der Weiche traf. Die Rangierlokomotive hat bann den Wagen, den sie an dieser Stelle traf, sowie d>e nachfolgenden Wagen um- geworfen, so daß diese das vor der Hebet« fuhrung stehende Stellwerkshäuschen zum Teil zertrümmert haben und sich bann neben der Lokomotive, bte auf den Schie- neu stehen geblieben ist, in einen Bogen der Unterführung auf der Sette siegend eingequetscht Haven. 3« einem dieser Wagen liegt jetzt noch ein Ehepaar, von dem die Frau tot zu fein scheint, während der Mann noch lebt. Etwas weiter nach hinten liegen noch drei weitere Wagen quer übet bat Schienen, ebenfalls umge* kippt.
Aus dem Ausland sprachen ihr DeileL aus der König von Italien und bei König von Dänemark sowie der dänische Verteidigungsminister, ferner der griechische Geschäftsträger, die Marine- attad) s von England, Frankreich. Japan, Italien, Vereinigte Staaten und die MilitärattachSs von Bulgarien, Polen, Spanien und Ungarn.
Die Trauerfeier im Rundfunk für die Opfer der „Niobe"-Katastrophe.
B e r I i n, 27. Juli. Der Rundfunk veranstaltete heute abend eine Trauerfeier für die Opfer der „Niobe", die von Hamburg aus über alle deutschen Sender übertragen wurde.
Nach dem Vortrag des Niederländischen Dankgebetes schilderte der Inspektor des Bildungswesens der deutschen Reichsmarine, Konteradmiral Kolbe, in einer Ansprache den Bau, die Einrichtungen, die Bestimmung und die Besatzung des gekenterten Schiffes und gab dann eine eindringliche Darstellung der Katastrophe während der sich die Ereignisse in Sekundenschnelle überstürzt hätten. Mit Trauer und Stolz und inniger Anteilnahme gedachte n, zum Schluß der Opfer, die in treuer Pflichterfüllung starben und ihrer Angehörigen.
Auch die Gedenkrede des Marinepfarrers Haupt, der den Angehörigen der Verunglückten Trost zufprach, wurde von Vorträgen und Chorälen und des Li.edes ; .Ich hat' einen Kameraden?" umrahmt.
Aus der vermitztenliste der „Niobe".
Kiel, 27. Juli. In den Nachmittags- stunden des Mittwochs gelang es, eine ergänzende Vermißtenliste der „Niobe"-Be- fatzung zu erhalten. Die Liste umfaßt u. a. folgende Namen: Dr. med. G e I h a a r, Frankfurt a. M., Seekadett Hofmann, Wiesbaden, Dbermatrofengefr. Schulz, Frankfurt a. M., Signalgefreiter Gurk, Kassel, Oberfanitätsgaft Stock, Biltzei»- rod (Kr. Lauterbach).
vom eigenen Bruder gerettet.
Berlin, 27. Juli. Unter den Geretteten vom Schulschiff „Niobe" befinden sich drei Berliner, darunter der Sohn des Generaldirektors Dr. irtg. Hissing von den Bergmann-Elektrizitätswerken. Eine menschlich ergreifende Episode spielte sich, wie die „B. Z. am Mittag" meldet, bei der Rettung der Schiffbrüchigen ab; der Oberleutnant zur See Lott, der eine von den beiden Offizieren, die den Fluten entrissen werden konnten, verdankt seine Rettung dem eigenen Bruder, der sich an Bord eines der herbeieilenden Schnellboote befand.
Besonderen Dank um die Rettung erwarb sich auch der Kapitän des Handelsschiffes „Therese Ruß", der die gesamte Besatzung seines Schiffes in die Rettungsboote kommandierte und mit seinem Schiffskoch allein bei schwerem Sturm lavierte.
Noch 13 verletzte des Eisenbahnunglücks in den Krankenhäusern.
Berlin, 27. Juli. Aach den letzten Feststellungen der Reichsbahndirettion Berlin befanden sich gegen Mitternacht noch 13 Verletzte in den Krankenhäusern, die anderen konnten inzwischen nach Anlegung von Verbänden entlassen werden. Die Aufräumungsarbeiten sind soweit fortgeschritten, daß ein Gleis von den Trümmern ganz beftett daliegt. Die Gleisanlage wird jedoch erneuert werden müssen, da der Unterbau durch das Unglück statt gelitten hat.