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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse»
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt nnd Kreis Marburg.
Die Reichsregierung will durchgreifen
Letzte Forderungen an die preußischen Minister — Der Reichskomrnissar in Sicht
■dn dem über die deutschen Sender gestern abend gegebenen Nachrichtendienst der „Dradag" wurde eine Erklärung der Reichsregierung verlesen, in der es nach Darlegung der Gründe, die zu dem Demonstrationsverbot führten, u. a. heißt:
Es ist aber verständlich und von der Reichsregierung auch gestern angekündigt worden, daß das Demonstrationsverbot nur ein erster Schritt ist. Die Länder- regierunge« find ersucht worden, Ne aus dem Verbot von Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzügen fich ergebende Entlastung der Polizei dazu auszunutzen. um die Schlupfwinkel «nd Waffenlager der Kommunisten, deren Vorhandensein durch vie Altonaer Vorgänge erwiese» ist, nachdrücklichst auszuheben und damit die Grundlage für eine künftige ruhigere Gestaltung öffentlicher Veranstaltungen zu schaffen. Die ReichsreLlKMSg wird dem Herrn Reichspräfidenten nötigenfalls weitere Maßnahmen gegen diejenige» Vorschlägen. die künftig Ven politischen Kampf mit der Waffe in der Hand oder gar verbrecherischer Verwendung von Sprengstoff führen sollten. Das deutsche Volk kann darauf vertrauen, daß die Reichsregierung durchgreifen wird.
Bei dem a« Mittwoch erfolgenden Empfang der beiden preußischen Minister H i r t s i e f e, und Severin» beim Reichskanzler wird die Reichsregierung darüber Aufklärung verlangen, was in Preußen zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung unternommen wird, und im Falle einer unbefriedigenden Antwort darauf Hinweisen, daß das Reich nunmehr von fich aus einzelne Maßnahmen beschließe« wird.
Gerüchte um den Reichskommifiar.
Die „Germania" teilt in ihrer Mittwochmorgenausgabe mit, sie habe von zuverlässiger Seite erfahren, daß nach den Beratungen der Reichsregierung die Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen so gut wie sicher sei. Im Zusammenhang mit der Besprechung des Reichskanzlers mit den preußischen Ministern Hirtfiefer und Severing schreibt das Blatt, daß die preußischen Minister bei dieser Gelegenheit über das geplante Boraehen des Reiches unterrichtet werden sollen. Das Verfahren, so behauptet die „Germania", das der Reichskanzler dabei einzuschlagen gedenke, sei so, daß er an die preußische Regierung die Aufforderung richten wolle, freiwillig zurückzutreten, um dem Reichskommifiar, als welcher nach der „Germania" übrigens Herr v. P a p e n selbst fungieren soll, Platz zu machen. Sollte die preußische Regierung dieser Aufforderung nicht nachkommen, dann sei, wie das Blatt behauptet, geplant, für das preußische Gebiet den A u s nahmezu- st a n d zu erklären. Auf diese Weise würde dann ohnehin die ganze vollziehende Gewalt auf das Reich übergehen. I» diesen Plan solle ferner auch die Beseitigung einer Reihe preußischer Staatssekretäre eingeschlofien sein, die der Reichsregierung aus politischen Gründen unbequem wären.
Das Zentrumsorgan schließt an diese Mitteilungen einen längeren Kommentar, in dem es hervorhebt, daß nach seiner Mei-
Kerrl an von Papen
Die unhaltbare
Berlin, 19. Juli. Landtagspräsident Ker r l hat am Dienstag den bereits ange- kündigten Brief an den Reichskanzler von Papen gerichtet.
Er teilt darin zunächst mH, daß feine Bemühungen um die Bildung einer verfassungsmäßigen Regierung in Preußen erfolglos geblteben feien. Für dieses Ergebnis macht er die vom verfloffeneu Landtag in letzter Stunde vorgenommene Geschäftsordnungsänderung verantwortlich.
Die nationalsozialistische Fraktion sei durchaus bereit gewesen, die Verantwortung für die Regierungsbildung zu übernehmen und einen Kandidaten für den Ministerpräsidenten zu stellen. Sie verlange aber mit Rücksicht auf die diesem zufallende ungeheure Verantwortung, daß der Ministerpräsident vor seiner Wahl keinerlei Bedingungen zu übernehmen brauche, sondern völlige Freiheit m der Bildung des Kabinetts und der Festlegung des Regierungsprogramms behielte. Die Zentrumsfraktion habe diese Forderungen abgelehnt. Die nationalsozmlritrlche Fraktion habe keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie von ihren Forderungen auchrnach dem 31. Juli nicht abgehen werde. Der Fral- tionsvorstand habe Auftrag gegeben zur Klageerhebung auf Feststellung der Derfassungswidrigkert der Ee- schäftsordnungsänderung vor dem Staatsge- richtshof. Obwohl, so heißt es m dem Schreiben weiter, bei dieser Lage zur Behebung der Krise eint nochmalige Befragung des Volkes
Lage in Preußen
notwendig sei, habe er doch den Dreierau s s ch u ß zur Beschlußfassung nicht berufen, weil von ihm eine Zustimmung zur Landtagsauflösung nicht zu erwarten sei.
Durch das infolge der EeschLftsordnungs- änderung herbeigeführte Scheitern der Bildung einer verfassungsmäßigen, Regierung fei nunmehr der nach der Verfassung nur als Notbehelf angesehene Zustand einer geschäfts- führenden, sich nicht des Vertrauens des Volkes erfreuenden Regierung zu einem Zustand von unabsehbarer Dauer erhoben und Landtag und Mehrheit des Vok- kes könnten ihren Einfluß auf die Führung der Regierungsgeschäfte nicht mehr in der verfassungsmäßig gewollten Weise ausüben. Die geschäftsführende Regierung könne sich aber überjedenBeschluß des Landtags Hinwegsetzen und habe das auch bereits bei den verschiedensten Beschlüssen des Hauses getan. Damit sei für Preu- , ßen em Notstand hereingebrochen, der bei der bestehenden Lage durch den Landtag nicht geändert werden könne. Die Entscheidung des Staatsgerichtshofs könne man nicht abwarten. Der Landtagspräsident stellt vielmehr der Reichsregierung zur Erwägung, ob nicht durch den Reichspräsidenten auf Grund des Artikels 48 eine Verordnung erlassen werden könne, durch die „dieser unwürdige, dem Willen der Mehrheit des preußischen Volkes nicht entsprechende Zustand abgeändert" werde. Zum Schluß regt Kerrl bei der Reichsregierung an, ob nicht bis zur Wiederherstellung verfassungsmäßiger Zustände m Preußen die Polizeigewalt besser vom Reiche übernommen werde.
nung die rechtliche» und tatsächlichen Voraussetzungen für die Einsetzung eines Reichskommifiars in keiner Weise gegeben wären. Es schließt mit einer Warnung an die Reichsregierung und betont, daß dre Regierung die neue Verantwortung, dre sie für diesen folgenschweren Eingriff übernehme, nicht tragen könne.
Von zuständiger Stelle wird uns hierzu ausdrücklich erklärt, daß die Behauptung, für das preußische Gebiet solle der A u s nahmezustand erklärt werden, vollkommen falsch sei. Ebenso seien keine anderen Beschlüfie seitens der Rerchs- regierung gefaßt worden., Die Reichsregierung warte vielmehr die Auswirkungen ihrer Maßnahmen zunächst ab. Immerhin dürfte mit der Einsetzung eines Reichskommifiars für Preußen bald zu rechnen sein.
Der Staatsrat für ein Uniformverbot
Berlin, 19. Juli. Im preußischen Staatsrat kam es am Dienstag abend zu einer umfangreichen politischen Aussprache, zu der der sozialdemokratische Antrag, der die Wiedereinführung des Uniformverbntes verlangt, Anlaß gab. Auch das Z e n ft u m hatte einen Antrag eingebracht, der die Staatsregierung ersucht, mit allen Mitteln für die Wiederherstellung geordneter Zustände zu sorgen und in diesem Sinne auch auf die Reichsregierung einzuwirken. Insbesondere wird es als dringend notwendig bezeichnet, daß über die Beschränkung der Demonstrationsfreiheit hinaus das Uniformverbot wieder eingeführt und gegen jeden ungesetzlichen Waffen- und Sprengstoffbesitz mit unnachsichtlicher Strenge vorgegangen wird.
Die Aussprache über diese Anträge gestaltete sich außerordentlich erregt. Den sozialdemokratischen Antrag begründete Dr. M e e r f e l d - Köln, der in äußerst scharfen Ausdrücken heftiae Anarikie gegen die
NSDAP, richtete. 99 Tote seien seit der Aufhebung des Uniformverbotes in Deutschland zu zählen und 1125 Verwundete. Auch das neue Demonstrationsverbot werde die politt«* schen Exzesse nicht unterbinden, solange die Uniformfreiheit weiter bestehe.
Die Arbeitermafien würden znr Offensive greifen «nd wenn möglich an den Schändern de» deutschen Ramen» da» Strafgericht vollziehen.
Solle es etwa richtig sein, daß die Reichsregierung das Chaos mit Absicht herbeiführen wolle, um Preußen möglichst schnell den Reichskommifiar aufzwingen zu können? Weder das eine noch das andere erscheine in diesem Kabinett der unbegrenzten Möglichkeiten als unmöglich. Er wolle aber darauf Hinweisen, welche politischen Folgen sich in den Westprovinzen aus einem Belagerungszuitand ergeben könnten.
Reichsinnenminister Freiherr von Eayl, der als Mitglied des Staatsrats an den Verhandlungen teilnahm, hatte vor der Rede den Saal verlassen. Nach Meerfeld sprach ein Vertreter der Kommunisten und dann für die Nationalsozialisten Sprenger, der in erregten Ausführungen die Angriffe des sozialdemokratischen Vertreters zurückwies, die eine Summe von politischem Sadismus bedeuteten, wie man ihn selten erlebt habe.
Sozialdemokraten, Zentrum und Kommunisten seien verantwortlich für die heutigen Zustande, lleber die Verbrecher dieser Parteien werde uach dem 31. Snli Gericht gehalten werden.
Präsident Dr. Adenauer bemerkte, die Ausführungen der drei Vorredner hätten so starke Verstöße gegen die Ordnungsbestimmun, gen des Staatsrats enthalten, daß er die Redner sämtlich zur Ordnung rufe. Im übrigen habe sich gezeigt, daß die Oidnungsbestimmun- gen verschärft werden müssen.
Schilling (Ztr.) erklärte, die Nationalsozialisten hätten nicht das Recht, über Recht und Sitte ein Urteil zu fällen, solange sich in ihren Reihen Zuchthäusler und Verbrecher be
fänden. Sie trügen ein groß Teil Schuld an der politischen Verwilderung in Deutschland.
Dr. Jarres (Arbeitsgemeinschaft) aa» eine Erklärung ab, in der als Ursache der blutigen Zusammenstöße ein planmäßiges kommuni st isches Vorgehen 6e, zeichnet wird, gegen das mit allen Mitteln eingeschritten werden rnüfie. Der Brief Seve- rings an den „Vorwärts" und ähnliche öffentliche Erklärungen preußischer Minister bedeuteten eine schwere Verletzung der Pf lichten der preußischen Staatsregierung gegenüber der Reichsregierung.
Der Zentrumsantrag wurde schließlich mit den Stimmen der Antragsteller «nd der Sozialdemokraten angenommen. Durch ihn erledigte sich der sozialdemokratische Antrag.
Der Staatsrat vertagte sich bann. Die nächste Sitzung ist für den 20. September in Aussicht genommen.
Die NSDAP, zum' Demrmstrationsperbot.
München, 19. Juli. Zum Demonstrationsverbot des Kabinetts v. Papen schreibt die „Nationalsozialistische Korrespondenz" u. <l: Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß gerade der disziplinierte Verlauf der nationalsozialistischen Veranstaltungen bewiesen hat, in welch Hohem Grade di: in der neuen Notverordnung verlangte Sicherung der Ordnung innerhalb der Zuhörermassen vorhanden ist. Insbesondere sind sämtliche in Ostpreußen unter freiem Himmek abgehaltenen Mafien- versammlungen der NSDÄP., auf d enen Adolf Hitler sprach, reibungslos und glatt verlaufen. Wir Nationalsozialisten haben also keine Ursache, die Bestimmungen der neuen Notverordnung etwa als gegen uns gemünzt anzusehen. Sollte allerdings die Maßnahme des Kabinetts von Papen dazu bestimmt oder geeignet fein, den sozialdemokratischen Polizeipräsidenten der schwarz-roten Länder eine Handhabe zu geben, die von uns mühsam erkämpfte Propagandafreiheit erneut zu sabotieren, so wird die jetzige Reichsregierung sich klar darüber sein müssen, daß es dann für die NSDAP, nur noch allerschärfste Kampfstellung geben könnte.
21 Reichswahlvorschläge
Berkin, 19. Juki. Unter dem Vorsitz des Reichswahlletters, Präsidenten Profefior Dr. Wagemann, trat am Dienstagvormittag der Reichswahlausschuß zur Prüfung und Zulassung der eingereichten Reichswahk- Vorschläge zusammen. Es wurden 21 ReichswahlvorschkSge für gültig erklärt und zugelassen:
1. Sozialdemokratische Partei Deutschlands, 2. Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewegung), 3. Kornmunisti- sche Pattei Deutschlands, 4. Deutsche Zen- trumspartei, 5. Deutschnationale Volkspattei, 8. Deutsche Staatspartei, 9. Bayerische Volks- partei, 11. Christlich-sozialer Volksdienst (Evangelische Bewegung), 12. Deutsche Bauernpartei, 14. Landbund, 15. Deutsch- hannoversche Patter usw.
Die Nummern 6, 7. 10, 13, 16 und 17 fallen bei den Reichswahlvorschlägen aus, weil der Reichsmnemntnister diese Nummern vorbehalten hatte für die Deutsche Volkspartei, die Wirtschattspatter, das Landvolk, die Konservative Volkspattei, die Dolksnationale Reichsverernigung und die Sozialistische Arbeiterpatter Deutschlands, die zwar zuletzt im Reichstag noch vertreten waren, aber keine Reichswahlvorschläge eingereicht haben.
Der Reichswahlvorschlag der NSDAP.
An erster Stelle des Reichswahlvorchla- ges der NSDAP, stehen laut Nationalsozialistischer Korrespondenz: Regierungsrat Dr. Wilhelm Frick- München, Apotheker Gregor St ra s s er-München, Schriftsteller Dr. Josef Goebbels- Berlin, Generalleutnant a. D. Richard von Epp- München, Hauptmann a. D. Hermann Eoering - Berlin, Diplomingenieur Eottfrred Feder- Mur»