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Anzeiger für (bas frühere kurhessifche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Belanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Englisch-französisches Abkommen
Aufsehenerregende Mitteilung des englischen Außenministers — Eine neue „latente cordiale?"
London, 13. IuL. Der englische Auhemninister Sir John Simon gab im Hinterhause eine Erklärung ab, in der er zunächst auf den Wortlaut des Lausanner DsrtragSwetiks hintoies, wonach die Unter» zeichnermächte die Hoffnung aussprechen, daß der dort erfüllten Ausgabe neue Leistungen folgen werden, daß sie jede Anstrengung machen werden, um die Fragen, die im gegenwärtigen Augenblick bestehen oder späterhin auftreten können, in dem Geiste des Lausanner Abkommens lösen wollen usw. In diesem Geiste, so fuhr Simon fort, haben die englische und französische Regierung ein Der» trauensabkommen abgeschlos» sen, um die Führung zu Übernehmen, indem sie einen sofortigen und gegenseitigen Beitrag zu diesem Zwecke nach folgenden
Richtlinien liefern:
1. In Mebereinstimmung mit dem Geiste der DölkerbundSfatzung beabsichtigen sie, mit vollständiger Aufrichtigkeit gegenseitig miteinander Ansichten auszutauschen mck sich einander gegenseitig über Fragen, die zu ihrer Kenntnis kommen, zu unterrichten, die etwa ähnlichen Mrsprungs wie die jetzt in Lausanne so glücklich gelösten Fragen sind und die das europäische Regime berühren. Sie hoffen, daß andere Regierungen sich bei Annahme dieses Vorgehens anschliehen werden.
2. Sie beabsichtigen, miteinander und mit anderen Abordnungen m Genf zll- sammenzuarbeiten, um eine Lösung der A b r ü st u n g s f r a g e zu finden, die für alle beteiligten Mächte vorteilhaft und gleichmäßig gerecht sein werde.
3. Sie wollen miteinander sowie tritt anderen interessierten Regierungen in der sorgfälfigen und praktischen Vorbereitung für die Weltwirtschaftskonferenz zus ammenarbeiten.
4. Bis zu Verhandlungen zu einem späteren Zeitpunkt über einen Handelsvertrag zwischen diesen Ländern werden sie jede Handlung vermeiden, die ihrer Aatur nach eine Diskriminierung von einem Lande gegen die Interessen des anderen Landes darstellt.
Simon fügt hinzu, dies sei selbstverständlich in keiner Weise und in keinem Punkte eine besondere oder andere anschließende Erklärung. England habe im übrigen bereits seine Absicht mitgeteilt, mit den Vereinigten Staaten in der Ab- rüstungsftage in Genf zusammenzuarbeiten. Das die Einladung anderer europäischer Länder betrifft, so habe er bereits am heutigen Tage die Gelegeriheit gchabt, die Vertreter Deutschlands, Italiens und Belgiens zu sehen, und in jedem Falle habe er ihnen eine Abschrift dieser Erklärung übergeben und eine Einladung an Are betreffenden Regierungen gerichtet, sich der Erklärung anzuschtießen.
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«Die Wiedergeburt der Entente corblale".
fk. P a r i s, 14. Juli. Im Ausschuß der Kammer sprach Herriot über den englisch-französischen Sondervertrag, den er für die Wiedergeburt der Entente c o r d i a l e und als eine neue Aera in den englisch-französischen Beziehungen bezeichnet. Er hob weiter hervor, daß England und Frankreich nunmehr verpflichtet find, auch in der Schuldenfrage gegenüber Amerika gemeinsam vorruaeben.
Ei« neuer englisch-französischer Schuldenvertrag?
Paris, 13. Juli. Die sehr zuverlässige „Agence Economique et Finanziere" veröffentlicht die Aufsehen erregende Nachricht, daß am heutigen Mittwoch abend ein englisch-französischer Vertrag unterzeichnet «nd veröffentlicht werde, der weit über den Vertrag eines einfache« Schuldenabkommens hinausgehe, lleber den Inhalt des Abkommens bewahre« die amtlichen Stellen von Paris und London vorläufig Stillschweigen, doch wird die Tatsache eines
unmittelbar bevorstehenden DertratzSab- schlusies auch am Quai d'Orsay nicht in Abrede gestellt. Ministerpräsident Herriot, der am Dieustag eine mehr als einstündige Unterredung mit dem britischen Botschafter Lord Tyrrel hatte, wird das Abkommen heute dem Ministerrat vorlegen. Aach der Staatspräsident Lebrune empfing aus Anlaß des Vertragsabschlusses dtzn britischen Botschafter zu eine, läa- geren Audienz. 3« der Pariser Veröffentlichung wird das Abkommen als ei« diplomatisches Ereignis erste« Ranges und als Beginn einer neuen Aera für die europäische Politik bezeichnet.
Die N.S.D.A.P. am Ruder
Die neue Regierung in Mecklenburg-Schwerin
Schwerin, 13. Juki. Der neugewöhlte Landtag der am Piittwochnachmittag zum ersten Mal zusammentrat, wählte den nationalsozialistischen Abgeordneten Krüger zum Präsidenten des Hauses. Bon den 55 abgegebenen Stimmen erhielt Krüger 30. Auf den kommunistischen Kandidaten Schröder entfielen drei. Stellvertretender Vorsitzender wurde ebenfalls ein Nationalsozialist, nämlich der Abgeordnete Dr. Schumann, für den wiederum 30 Abgeordnete stimmten, während der sozialdemokratische Kandidat Höcher 20 Stimmen erhielt. Bei der Wahl des zweiten stellvertretenden Vorsitzenden lag nur ein Vorschlag vor. Es handelt sich um den Nationalsozialisten Engel, der somit gewählt wurde. Als Schriftführer schlugen die Nationalsozialisten ihre Abgeordneten Bürger, Brüning, Braun, Rogener, Mattis «nd Buse vor. Mit 32 von insgesamt 55 abgegebenen Stimmen wurden die Nationalsozialisten gewählt.
-ucs isragraffli ow xxHionigvs rri Mecklenburg-Schwerin ist also rein nativ»
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Der Vorsitzende Krüger verlas hierauf em Schreiben der bisherigen Staatsrsgie- rnng Eschenburg-Haack-Schlesinger, die hierin ihren Rücktritt erklärten. Nach längerer Ge-
schäftsordnungsaussvrache begann dann die erste Lesung des nationalsozialistischen Jni- tiativgesetzentwurfes, der die Herabsetzung der Zahl der Staatsminister von drei auf zwei verlangt. Auch der sozialdemokratische Führer sprach sich für den Entwurf aus. Der zweiten Lesung wurde von den Kommunisten widersprochen, so daß der Entwurf am Mittwoch nicht mehr verabschiedet werden konnte.
Hierauf erfolgte die
Wahl des Mmistermäsidenten.
Der Nationalsozialist Eranzow wurde mit 35 Stimmen der Nationalsozialisten und der Deutschnationalen gewähft. 14 Stimmen entfielen auf den Sozialdemokraten Paul Schröder, drei kommunistische Stnnmen auf Willi Schröder. Unter lebhaftem Händeklatschen und lauten Heilrufen trat Eranzow sein Amt als Ministerpräsident an. Auf den Vorschlag der Nationalsozialisten — em weiterer Vorschlag lag nicht vor — wurde Amtshauptmann Dr. Scharf-Güstrow, der nicht Mftgfied des Mecklenburg-Schwerin schen Landtages ist, zum zweften Staatsminister gewählt. 54 Stinnmettel wurden abgegeben, 24 waren unbeschrieben. Die 30 Stimmen der Nationalsozialisten entfielen auf Dr. Scharf. — Am Donnerstag wird die Regierungserklärung verlesen.
Starke Erregung in Amerika.
Washington, 13. Juli. Die Nachricht von dem englisch-französischen Sonderpakt rief in Washington große Er r e g u n g hervor, obwohl die maßgebenden Stellen bis zum Eintreffen amtlicher Nachrichten mit ihrer Meinung noch zurückhalten. Es besteht hier die unverhüllte Befürchtung, daß Europa in der Kriegsschuldenftage nunmehr eine Einheitsfront hergestellt habe, lieber die Kriegsschuldenftage hinaus roerben Befürchtungen wegen der weiteren Folgen des englisch-französischen Paktes für die amerikanische Regierung laut, insbesondere hinsichtlich der Wirt- schastsftagen, der Zollpolitik und des internationalen Handels im allgemeinen.
Die Suffasiuug in Berlin.
ff. Berlin, 14. Juli. In amtlichen Berliner Stellen übt man vorläufig gegenüber dem englisch-französischen Sonderab- kommen Zurückhaltung, weist aber darauf hin, daß die Reichsregierung auf jeden Fall noch Rückfragen anstellen wird.
ff. Berlin, 14. Juli. Rach Pariser Meldungen hat Herriot in der Kammer Aeußerungen gemacht, die daraus schlie
ßen lasten, daß Franfreich im Falle eines Nichtzustandekommens der Schuldenregelung mit Amerika sich an den Poungplan halte und das Haager Schiedsgericht an- rufen wolle. Dazu wird von Berliner zuständiger Stelle erklärt, daß auch in diesem Falle der Yöungplan nicht wieder in Kraft treten könne.
Die zuständigen englischen Stellen heben hervor, daß auch Deutschland angeblich dem ganzen Schritt freundlich gegenüber« stehe, da das neue Abkommen die Plattform bild:, auf der etwaige politische Forderungen Deutschlands zur Sprache kommen wurden.
Berliner BlStterstimmen zu dem englisch- französische!- Abkommen.
Berlin, 14. Juli. Das gestern abend vom britischen Außenminister im Unterhaus bekanntgegebene englisch-französische Vertrauensabkommen wird von fast allen Morgenblättcrn sehr lebhaft erörtert.
Die „Germania" befürchtet, daß aus einem solchen Pakt wieder die vorherige Beratung aller politischen Schritte zwi
schen den Beteiligten Machten eine neue Art des Genfer Protokolls, werde.
Me „Voffifche Zeitung" meint, daß die Bedeutung dieses englisch-ftanzö» fischen Freundschastsabkommens in der Zukunft zum großen Teil abhänge von dem guten Willen und der Geschicklichkeit der deutschen Außenpolitik.
Die „Deutsche Zeitung" sagt mit Bezug auf die Aeußerung Herriots über die Wiederbelebung der Entente eor- diale, Herriot scheint sich nicht bewußt zu sein, daß er damit die Erinnerung an die Vorkriegspolitik der Einkreisung gegen Deutschland heraufbeschwöre.
Die „Deutsche Ä l I g e m. Z e i t g." nennt den Vertrag, der in Deutschland mit Kaltblütigkeit und Ruhe betrachtet werden müste, eine erstaunliche und sonderbare Tatsache der internationalen Politik. Sein Wortlaut sei sehr vieldeutig und unerfreulid) und nähere sich wieder mehr dem entsprechenden Absatz in dem berühmten ©ottesfrieben Macdonalds, als dem deutschen Gegenvorschläge, der in der Hauptsache eine ständige Fühlungnahme über die Hauptprobleme der europäischen Politik be- schlossen sehen wollte. Absolut unbefriedigend sei auch der Punkt, der sich auf die Genfer Rüstungskonferenz beziehe.
Der „Tag" überschreibt seine Aeuße- rung „Erpressertalliik oder Zusammenarbeit?" und meint, daß einstweilen die englische und die französische Auslegung des Paktes sich widersprächen. Simon stelle das Abkommen als einen offenen Vertrag hin, dem die anderen Machte beitreten sollten. Demgegenüber spreche Herriot von einer neuen „Entente eorbiale". In beiden Fällen frage das Pariser Abkommen, das unter eifriger Mitwirkung der Franko- nhilen Simon und Tyrell zustande gekommen sei, einen Pressionscharakter. Seine einzelnen Formulierungen seien weitester und widersprechendster Auslegungen fähig.
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Geteilte Auffassung in bet französischen Presse.
fk. Paris, 14. Juli. Das englischfranzösische Abkommen, das am Mittwoch abend in Paris und London gleichzeitig veröffentlicht wurde, findet in der Pariser Presse eine sehr geteilte Aufnahme.
Während die gemäßigten und Linksblätter in ihm den Beginn einer neuen Aera und die Wiedergeburt der Entente Cor- diale zwischen England und Frankreich sehen, und ihrer Meinung durch eine besondere Dankesdezeugung an die Adresse des ftanzösischen Ministerpräsidenten Ausdruck geben, verhält sich die Rechtspresse zurückhaltend, wenn nicht ablehnend. Sie gibt außerdem der Befürchtung Ausdruck, Herriot habe sich von Macdonald überogrteilen lassen.
Der „Figaro", der bas Abkommen „ein ziemlich bunkles Schrift- st ü ck" nennt, macht autzerbem ben Vorwurf, bie beabsichtigte Zusammenarbeit auf ein begrenztes Gebiet zu beschränken. Es bestehe zu befürchten, baß Mac- bonalb sich dieses Abkommens bedienen werde, um in Genf zu Gunsten Deutschlands das zu versuchen, was er in Lausanne nicht erreicht habe.
Das „Echo de Paris" sieht in dem Abkommen ebenfalls keine sensationelle Neuheit. Solange man die praktischen Auswirkungen des Abkommens nicht