Mittwoch, kn 13.3uli 1932
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Äbechessische — 3tituno -
Anzeiger für (bas frühere knrhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnng en für Stadt und Kreis Marburg.
Vor innerpolitischen Notverordnungen
Die Arbeitsdienstpflicht im Vordergrund — v. Papen und v. Gayl Leim Reichspräsidenten
Zunächst 200000 Mann?
Macdonald über Lausanne
Berlin, 12. 3ufi. Me hsnKgen pv- Lftscheu Besprechungen und 'Beratungen Hoden irgendwelche Beschlüsse nicht gebracht. Bur über eines besteht Klarheit, ttnb zwar wird das auch nach dem Besuch des Leutschnationalen Abgeordneten von Winterfeld betont, daß die Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen nicht in Frage kommt. Der Preußische Landtag hat sich bis nach den Reichstagswahlen vertagt, ohne daß vorher der ernsthafte Versuch gemacht worden wäre, eine parlamentarische Regierung Kustandezubringen. Dies allein spricht nach Auffassung unterrichteter Kreise schon gegen die Einsetzung eines Reichskommissars und macht sie int Augenblick sogar vollkommen unmöglich
3n der Sitzung des Reichskabinetts, Ke Öen Aachmittag und Abend ausfüllte, ist man über eine grundsätzliche Aussprache nicht himWSgekommen. Das ergibt sich von selbst aus der Bedeutung und der Kompliziertheit des Arbeitsdienstes. Den Beratungen liegt ein Referentenentwurf des RenhsarbeitSministeriumS zugrunde, der unter dem Arbeitsminister die Ein- ietzong eines AeichSkommissars und unter diesem wieder die von Bezirkskommissaren vorsieht. Den Kommissaren sollen dann Beiräte an die Seite gestellt werden. Die in der Presse bereits ange* deutete Begrenzung nach oben auf das 25. Lebensjahr ist ebenfalls in dem Entwurf enthalten. Es wird als selbstverständlich angesehen, daß für den
Arbeitsdienst
vor äCfem zwei Grundsätze gelten müssen, nämlich daß er nur für gemeinnützige Zwecke in Frage kommt und daß zweitens Ke Wirtschaft durch ihn nicht noch mehr beeinträchtigt wird. Die Mittel, die für den Arbeitsdienst zur Verfügung stchen, lassen sich noch nicht genau beziffern, weil zu dem Etatansatz noch der vorläufig nicht ganz genau abschätzbare Ersparnisbetrag der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung tritt. Rund rechnet man wohl mit 60 Millionen, was Übrigens auch den Angaben entspricht, die von Goerdeler in seinem Vortrag gemacht hat.
Die Kabinettsberatüngen hierüber gehen am morgigen Mittwoch nachmittag weiter. Am Abend fährt der Reichskanzler dann nach Reu deck. ES bestättgt sich, daß er von dem Reichs- innenminifter begleitet wich.
Freiherr von Gayl hat die Aufgabe, den Reichpeäfidenten über die inner- politischen Borgänge bet letzten acht Tage zu unterrichten und ihm außerdem Bortrag über die Aufbaupläne des Reichskabinetts z» halten.
Er wird nach dem Vortrag am Donnerstag abend zurückkehren, während der Reichskanzler noch einen Tag länger als Gast des Reichspräsidenten in Reudeck bleibt; er fährt also erst Freitag abend zurück. Rach der Rückkehr des Reichs in nenmini- slers und des Reichskanzlers gehen die Beratungen über das Aufbauprogramm weiter. und zwar sollen sie mit aller Beschleunigung fortgesetzt werden, damit die Aot- derordnung, Ke gestern bereits angekündigt war, noch vor Ende des Monats erscheinen kann.
Empfang der Dentschnationalen beim Reichskanzler.
Berlin, 12. Juli. Reichskanzler von Papen wird heute den deutschnationalen v'<v onsfüorer Landtagsabgeordneten von Winterfeld empfangen. Abgeordneter von Winterfeld wird, wie die Blätter berichten die Forderung der Deutschnationalen auf Einsetzung eines Reichskommisfars in Preußen erneut zum Ausdruck bringen.
Keine Vertagung!
Die deutsche Forderung in Genf
ff Genf, 13. Juli. In Kreisen der Abrüstungskonferenz wird die Einberufung des Hauptausschuffes für Ende dieser Woche geplant, um dann eine Pertagung der Konferenz um einige Monate zu beschließen. Don deutscher Seite wrrd diesem Dorgehen schärfster Widerstand entgegengesetzt.
In einer außerordentlichen Dölkerbunds- versammlung am nächsten Montag soll die Aufnahme der Türkei in den Bolkerbnnd erfolgen.
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Die Abrüftungsfordernngen bet kleinen Mächte.
Genf, 12. Juli. Die Delegationen der kleinen Mächte haben heute dem Berichterstatter der Abrüstungskonferenz, Außenminister Benes ch ein Memorandum überreicht, daß die Forderungen dieser
Keine Rückkehr
London, 12. Juki. Premierminister Macdonald gab heute nachmittag im Unterhaus seine mit höchster Spannung ermattete Erllärung über das Ergebnis der Lausanner Konferenz ab. Haus und Tribünen waren dicht besetzt. In der Diplomatenloge war unter den zahlreichen ausländischen Missionschefs auch der deutsche Geschäftsträger, Graf Bernstorff, anwesend. Schon
Staaten hinsichtlich der Resolution, mit der der jetzige Tagungsabschnitt der Konferenz abgeschlossen werden soll, in folgende Punkte zusammenfaßt:
Bollständiges Berbot des Bombenabwurfes.
Abschaffung der Tanks, die über ein be- sttmmtes Gewicht hinausgehen und Abschaffung der schweren beweglichen Artil- lette.
Vollständiges Verbot des chemischen und bakteriologischen Krieges; Einsetzung einer ständigen Abrüstungskonttollkommission.
Regelung der pttvaten Waffenfabrikation und des Waffenhandels.
Die genannten Staaten fordern, daß über diese Punkte bereits jetzt konkrete Ve- S der Abrüstungskonferenz herbei- t werden.
Goerdeler über Arbeitsdienstpflicht
Leipzig, 12. Juli. Oberbürgermeister Dr. Goerdeler sprach gestern tu der Aula der Universität über die „Arbetts- dienstpflicht" Das Wesen der praktischen Arbeitsdienstpflicht kennzeichnete der Äeb- ner durch folgende sechs Grundsätze:
1. Der Arbeitsdienst wird da wertvolle Wirkung leisten, wo er sich aus der Freiwilligkeit entwickelt. Je umfasiender, desto wohltättger. Eine Möglichkeit zur Befreiung vom Dienste am Volke etwa vorn 18. bis 30. Lebensjahre dürfe nur körperliche Unfähigkeit darstellen. Eine Form des Loskaufes dürfe es nicht geben. Umfaßt müßten werden alle Jugendlichen, nicht nur die Arbeitslosen im technischen Sinne. In der öffentlichen Verwaltung erhalte nur der einen Arbeitsplatz, der am Arbeitsdienst einmal teilgenommen habe.
2. Der Lienst dürfe sich nicht beschränken auf körperliche Arbeit, eingeordnet sein müsie Ke geistige Erziehung. Dazu trete disziplinierte körperliche Bewegung, alles bei einfachster Lebenshaltung.
3. Die Führer der einzelnen Arbeitslager müßten aus dem ArbeitÄnenst selbst hervorgehen.
4. Die Gruppen, deren Erfasiung bei den Kreisen und Aemtern geschehe, dürften nicht mehr als 20 bis 40 Mann umfassen. Die Verwaltung müsie möglichst dezentralisiert sein.
5. Unter den drei technischen Formen, den geschloffenen, offenen und örtlichen Lagern, stelle die erste eine kleine Schicksalsgemeinschaft bat.
6. Schließlich fei eine zweckmäßige technische Leitung nötig.
Der Zweck aller Arbeit müffe irgendwie der Dolkswittschaft als ganzes zugute kommen. Ausgeschloffen seien alle Arbeiten, die auf dem normalen Arbeitsmarkt ausgeführt werden könnten.
De» Redner schloß mit einer Betrachtung bet finanziellen Seite nub teilte mit, daß bis zu« Ende dieses Jahres noch 200000 Rau» beschäftigt wetten würden; von den dazu nötigen 60 Millionen Mark lägen 40 Millionen ODmI <---u *
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Berlin, 12. Juli. Der Rektor der Friedrich-Wilhelm-Unwersität _ hat die vorläufig« Schließung der Universftät ange- orbnet, weil seit den frühen Morgenstunden unter der Studentenschaft sich eine so statte Erregung bemerkbar machte, daß Tumulte befürchtet werden. Die Unruhe m der Studentenschaft hat ihren Grund darin, daß von enter Anzahl von Kränzen, die am letzten Sonntag bei der Langemarck-Gedenkfeier am Eefallenen-Ehrenmak niedergelegt waren, von unbekannter Hand die Schleifen abgerissen waren. Der Rektor billigte den Korporationen eine Ehrenwache an dem Gefallenendenkmal von Langemarck zu.
zum Youngplan
als Macdonald um 3.15 Uhr das Unterhaus betrat, wurden ihm von seinen Anhängern stürmische, minutenlange Ovationen dargebracht. Um 3.45 Uhr erhob sich Macdonald und gab, mit lautem Beifall der Regierungsanhänger begrüßt, seine Erklärung ab, in der es.u. a. heißt:
Er erhebe den Anspruch, daß die Lausanner Konferenz und ihre Ergebnisse zu einer Regelung jener Reparationsfragen führen müssen, deren Spuren in allen wittschast- lichen Schwierigkeiten zu finden sind, die die Welt seit dem Kriege heimgesucht haben, die in den Mittelpuntt Europas ein Land gestellt haben, dessen Finanzlage eine Bedrohung für die ganze Welt ist, und die viel dazu betgetragen haben, jede nationale Wirtschaft aus den Fugen zu bringen.
Solange Reparationen fortdauerten, könne keim völlige wirtschaftliche Erholung eintreten. Bevor nicht eine Erholung in Deutschland stattfindet, kann es feine Erholung für uns geben.
Er hoffe, daß die Konferenz den wesentlichsten Unstimmigkeiten ein Ende gemacht habe. Auf das Argument Bezug nehmend, die Lösung hätte auf gewisse Wahlen warten müssen, erHärte der Premierminister, er sei des Wattens auf Wahlen müde geworden.
Der Premierminister nahm dann auf das sogenannte Runciman-Abkommen tdas viel- berufene ©entfernen Agreement) Bezug und erklärte, am Freitagoormittag habe er öffentlich in Lausanne auf die Frage des Reichskanzlers, ob, wenn dieser Plan mißlinge, Macdonald für eine Konferenz der Mächte garantieren würde, erklärt: „Gewiß, dies wird geschehen, aber, fuhr der Premierminister fori, das Abkommen werde nicht fehlschlagen. Wenn es aber in Gefahr sei, werde die britische Regierung für es eintreten." Um zu verhindern, so erklärte Macdonald, daß im Falle der Nichtratifizierung des Lausanner Vettrages das Werk gefährdet würde, setzten wir darüber eine andere Vereinbarung: Anstatt Deutschland wieder auf den suspendierten Poungplan zurück- fallen zu lassen, würden wir den gesamten Fragenkomplex wieder aufnehmen und sehen, ob >ich nicht eine andere Methode finden läßt. Was auch immer geschehen möge,
Mite Bezahlung kann jetzt von Deutschland erwartet oder verlangt werden.
Angenommen, es müßte ein Inierregnum b> stehen zwischen dem Zustand „Reparationen" und dem Zustand „keine Reparationen", so muß dieses Interregnum eher von der Att „keine Reparationen" als von der Art „Re- parationen" sein. Amerika sei der Ansicht, fuhr der Premierminister fort, daß es in Uebereinstimmung mit dem Standpunkt handeln müsse, den es während der ganzen Zeit eingenommen habe. Obwohl die Vereinigten Staaten niemals eine Zusage gegeben noch in irgenb einer Weise angedeutet hätten, daß ste zu einem Entgegenkommen bereit seien, glaube er doch, daß
feine Ration bereitwilliger die Hände bei der Regelung der Verwickelungen und Schwierigkeiten Europas bieten würde als Amerika und das amerikanische Volk.
Der Premierminister bestritt, daß Lausanne für Amerika ein Ultimatum bedeute und betonte, daß alles, was in London geichah, dazu diente, die inneren Schwierigkeiten Europas einzurenken.
Der Premierminister wies darauf hin, daß Artikel 1 der Vereinbarung, der den Reparationen ein Ende setzt, eine große Tat sei. Die internationale Wittschastskonferenz sollte seiner Ansicht nach nicht in Genf abgehalten werden. Deutschland müsse zurückgebracht werden in die gewöhnlichen internationale.