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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Reichswehr greift ein...
Schwere politische Zusammenstöße im Reich — Barrikaden in Duisburg - Hamborn — Polizei aus Häusern beschaffen
fk. Ohlau, 11. Juli. In der Nacht zum Montag wurden in Ohlau Natio- nalsozialisten. die von einer Veranstaltung in Brieg heimkehrten, wie die Polizei mitteilt, von Reichsbannerleuten angegriffen. Es entwickelte sich eine regelrechte Stratzen- schlacht, bei der auch Schüsse fielen. Zwei Nationalsozialisten wurden getötet, mehrere Personen schwer verletzt. Die Zahl der leichter Verletzten ist außerordentlich groß, hat sich aber noch nicht genau feststellen lassen.
Da die Landjäger nicht ausrekchten, wurde das Breslauer Ueberfall- kunnmando alarmiert und schließlich zur Unterstützung der Polizei y« Zug Reichswehr eingesetzt, die den Ring abriegelten.
Dabei wurde auch von der Reichswehr geschossen und ein Mann durch einen Oberschenkelschuß verletzt. Auch einige Unbeteiligte sind bei den Zusammenstößen verletzt worden, n. a. haben zwei Frauen in ihren Wohnungen Schußverletzungen davongetragen.
Barrikaden in Duisburg.
Duisburg,Hamborn, 10. Juli. Politische Gegner versuchten gestern abend euren Aufmarsch der National- sozialistenimStadtteil Hamborn durch Hindenrisse aufzuhalten. Zwei Zugteilnehmer. die die Hindernisse aus dem Wege räumen wollten, wurden durch Schüsse schwer verletzt.
Die dem Zuge vorangehenden polizeilichen Sicherungsmannschasten wurden aus verschiedenen Häusern beschossen, so daß die Beamten sich genötigt sahen, das Feuer zu erwidern.
Auch, im Stadtteil Marxloh waren H i n- d e r n i s s e aufgebaut worden. Die Polizei wurde auch hier uEi der Säuberungsaktion beschossen. Sie erwiderte das Feuer. Dabei wurden zwei Personen lebensgefährlich verletzt, ein dritter Verletzter ist im Laufe der Nacht im Krankenhaus gestorben. Im Stadtteil Neumühl wurde eine Gruppe von Nationalsozialisten von Kommunisten beschossen. Vier Nationalsozialisten erlitten lebensgefährliche Verletzungen. Heute früh entwickelte sich im Stadtteil Hochfeld eine schwere Schlägerei zwischen Anhängern extremer politischer Richtungen. Dabei wurde ein Nationalsozialist so schwer verletzt, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mutzte.
Schwere Unruhen kn Kiel und Umgebung.
Kiel, 11. Juli. Am gesttigen Sonntag kam es in Kiel und Umgebung zu größeren Ruhestörungen. Von außerhalb zurückkehrende Nationalsozialisten Berieten hier mit Reichsbannerleuten in Streit, wobei auch Schüsse fielen. Drei Personen wurden vewletzt. Die Polizei stellte die Ruhe wieder her und nahm zwei Personen fest. Don den Nationalsozialisten wurde eine angeblich von Reichsbannerleuten geworfene, nicht explodierte fcharfe Harwgranate den Pslizeibeamten übergeben. In Preetz kam es zu Zusammenstößen zwischen politischen Gegnern, die eist Eingreifen he# ftieler Ueberkallkommandos erforder
lich machten. Bluttge Zusammenstöße ereigneten sich auch in Eckensörde, wo sich bei Gelegenheit des Deutschen Tages der NSDAP. Schlägereien vor und im Gewerkschaftshaus entwickelten. Dabei wurde ein Teilnehmer einer Landarbeiter-Verbandstagung getötet und ein zweiter schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat bereits eine Untersuchung eingeleitet.
Politische Zusammenstöße in der Rhein- psalz-
N e u st a d t a. d. Haardt, 10. Juli. Anläßlich eines SA.- und SS.-Aufmarsches in Neustadt kam es zu Zwischenfällen. Beim Vorbeimarsch des Zuges an einer Wirtschaft wurden vier Schüsse auf die Zugteilnehmer abgegeben, durch die fünf Personen zum Teil schwer verletzt wurden.
Der Kampf geht weiter..
Nach der Rückkehr der deutschen Abordnung aus Lausanne wird sofott die innerpolitische Auseinandersetzung über das neue Abkommen, das am Sonnabend in Lausanne feierlich unterzeichnet worden ist, einsetzen. Bereits heute wird die erste Kabinettssitzung stattfinden, und im Laufe der Woche wird Reichskanzler von Papen auch dem Reichspräsidenten in Neudeck persönlich Bericht erstatten. Soweit bisher fest- gestellt werden konnte, steht das Reichskabinett, das über die Lausanner Verhandlungen dauernd telephonisch auf dem Laufenden gehalten wurde, vorbehaltlos hinter dem Reichskanzler. Wenigstens ist nicht bekannt geworden, daß sich einer der Minister gegen das Abkommen ausgesprochen hat. Welche Haltung der Reichspräsident einnehmen wird, läßt sich natürlich noch nicht mit Desttmmt- heit sagen. Man nimmt aber an, daß auch hier mit Aeberraschungen nicht zu rechnen ist und man glaubt aus diesem Grunde auch nicht, daß die Stellung des Reichskanzlers, wie das bereits vorausgesagt wurde, irgendwie gefährdet ist.
Hinzu kommt, daß die zunächst sehr ktt- ttsche Einstellung gegenüber dem Lausanner Abkommen einer etwas ruhigeren Beurteilung gewichen ist. Gewiß werden die bereits geäußerten Bedenken nach wie vor aufrecht erhalten, immechin aber steht man besonders in Wirtschaftskreisen den Abmachungen nicht mehr ausge- sprochen ablehnend gegenüber. Bor allem wird darauf hingewiesen, daß hinsichtlich der Drei-Milliarden-Zahlung genügende Sicherheiten in dem Abkommen enthalten seien, die irgendwelche Gefahren für Deutschland auf ein Mindestmaß eindämmen. Da die Ausgabe der Bonds von der wirtschaftlichen Lage Deutschlands abhängig ist, hält man es für fraglich, ob die drei Milliarden überhaupt oder in voller Höhe ge« zahlt werden. Bezeichnend ist, daß das Lausanner Ergebnis an der Berliner Sonnabend-Börse einen statten Opttrnis- muS ausgelöst hat, so daß besonders am ReMenmattt größere Kurssteigerungen verzeichnet werden konnten. Es gibt sogar Optimisten, die bereits von einem neuen Aufschwung träumen und die das Räder, wett der Wittschaft wieder in Gang kommen sehen, nachdem der Bungplan mit seinen astronomischen Ziffern endgülttg gefallen ist. Ob sie recht behalten werden, wird man allerdings erst abwatten müssen. Umsomehr, da es auch noch Pessimisten genug gibt, die die Sage durchaus nicht so rosig beurteilen.
Bei aller Kritik an dem Lausanner Abkommen soDe man sich aber doch hüten, den Bogen zu überspannen und in demagogische üebertreibungen zu verfallen. So hat beispielsweise der Sozialdemokrat Sollmann in Köln öffentlich erklärt, Brüning habe die Reparationszahlungen eingestellt und der von den Aa- ttonalsozialisten gestützte Reichskanzler von Papen habe sie wieder ausgenommen. Aehnlich hat sich auch der „Bayerische Kutter" ausgedrückt, wenn er schreibt, Brüning habe nein und Papen ja gesagt. And der befamtte baherfiche Staatsrat Schäffer behauptete sogar in einer Wahlversammlung, der Sturz des Kabinetts Brüning habe dem deutschen Volke drei Milliarden gekostet. ES hieße, die Dinge auf den Kopf stellen, wollte man diese Argumente gelten lassen. 3toar ist es bestritten wor-
Neue französische Vorbehalte
Frankreich ratifiziert Lausanne erst nach Schuldenregelung durch Amerika
ft Berlin, 11. Juli. Reichskanzler Papen »nd die übrigen Mitglieder der deutschen Abordnungen sind aus Lausanne am Sonntag, 13.43 Uhr. wieder in Berlin eingetroffea. Am heutigen Montag 10 Uhr findet eine Kabinetts» sitzung über das Ergebnis der Lausanner Konferenz statt.
Ministerpräsident Herriot, der am Sonntag wieder nach Paris zurückgekehrt ist. erNärte nach seiner Ankunft, Frankreich weiche den Lausanner Bertrag erst nach der Schuldenregelaag mit Amerika ratifizierea.
Die Ankanst Macdonalds aas Lausanne gestaltete sich z« einer begeisterten Kamdgebung für den englichen Mi- nisterpräfidenttn, der als der eigentliche Rette, von Lausanne ansehe» wird.
ft. Paris, 11. Juli. Herttot äußette sich am Sonntag nachmittag noch einmal kurz über bas Ergebnis bet Lausanner Konferenz und gab habet seiner besonderen Befriedigung darüber Ausdruck, daß das endgülttge Abkommen keinerlei politische Klausel enthalte. Diese Tatsache allein, so betonte er, stelle für Frankreich schon einen bedeutenden Erfolg dar (!) Auch die drei Milliar-
Zusammeustöße im belgischen Streikgebiet
Truppen und Tanks unterwegs.
B r ü s s e 1,10. Juli. In de. Rächt zm» Sonutag ist es im.belgische« Stretkgebiet mehrfach zu schweren Zusammenstößen zwischen der Gendarmerie und den Streikenden gekommen. Ja Maas, Eharleroy, La Loavi^re «ad anderen Orte« maßte die Posizei mehrfach mit blanker Waffe gegen die Streikenden vorgehen. Bei den Zusammenstößen amrde« fünf Gendarmen und neun Stteikende zum Teil schwer verletzt. In Marchienne an Pont drangen Streikende gegen die Billa des Direktors einer Bergwerksgesellschaft vor und setzten sie in Brand. Auch hierbei gas es mehrere Verletzte. Zwölf Stteikende konnten verhaftet werde«. Die Streikführer machen alle Anstrengnngen. um die Bewegung nach Brüssel $u tragen, wo die Kouunu- nifte» mehrere Versammlungen «ater
den Mark, die Deutschland sich verpflichtet habe zu zahlen, dürften nicht unterschätzt werden.
Sollten die Derhandlnngen mit Amerika za keinem Ergebnis führen, so würde man zam Poungplan zurückkeh- ren. Die Eläubigermächte würden sich in diesem Falle zusammenschließen und das Haager Schiedsgericht anrufen.
Macdonalds Ankanft in London.
London, 10. Juli. Macdonald ist um 15.45 Uhr aus Lausanne kommend hier eingetroffen. Macdonald war sehr frssch, beklagte sich jedoch übet große Ermüdung bet Augen. „Ich freue mich , so erklärte er, „nach einem ansttegenbem Kampf, bet um eine gute Sache von mit unb meinen ausgezeichneten ausländischen Kollegen geführt wurde, wieder in bet Heimat" Jw* sein. Man kann hoffen, baß nun allmählich bas Vertrauen roieber Wurzeln schlägt unb baß man sich mit Energie an bie Arbeit machen kann.
Donnerstag Berichterstattung in Reudeck.
Berlin, 10. Juli. Wie wir erfahren, steht nunmehr fest, baß Reichskanzler von Papen dem Reichspräsidenten am Donnerstag über Ergebnisse und Verlauf der Lausanner Konferenz Bericht erstatten wird. Der Kanzler beabsichtigt, am Mittwoch abend nach Reudeck zu reisen.
freiem Himmel abhalttn wollten, die jedoch von der Polizei aaseinandergetrieben wurden. Die Regierung ist der Ansicht, daß die Stteikbewegung eine« revoluttonären Charakter trögt. Die Gendarmerie im llu, ruhebezttk ist weiter verstärkt worden. Die Provinz Heaaega« macht de« Eindruck eines Landes unter Belagerungszustand.
Dos Kohlenbecken von Lüttich ist von de, Streikwelle ebenfalls erfaßt worden. Z« besonders schweren Unruhen kam es in verschiedene« Borstädten von Eharleroy. Die Streikende« errichteten in den Straßen Barrikaden, rissen das Pflaster auf, legte« Telegraphenstange« nieder und schnitten die elektrische« Leitungen durch, so daß ganze Sttaßenzüge in Dunkel gehüllt waren. Die Polizei, die mit Schüssen empfangen wurde, erwiderte das Feuer. Es kam zu regelrechten Straßenschlachten. Die Polizei hat Truppen zur Verstärkung herangeholt. Tanks find nach Eharleroy unterwegs.