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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen fSr Stadt und Kreis Marburg.

Der Aufschub der Reparationen

Nur für die Dauer der Konferenz - Die grundsätzlichen Gegensätze bestehen weiter - Frankreich will politische Geschäfte machen

Die alten Gegensätze

ft Saafanne, 18. Juni. Rach tiet ersten eigentlichen Vollsitzung der Lausan. ut Konferenz werden sich die Mächte erst »jeder am Dienstag versammeln, während das Wochenende von zahlreichen Einzel« desprechungen zwischen den leiten­de» Ministern ansgefüllt sein wird. Mac- donald begibt sich voraussichtlich am Sonuabend nach Senf. während Herriot bereits nach Paris abgereist ist. wo er für Sonntag eine Kabinetts- ßtzung einberufen hat

Die Ergebnisse der bisherigen Be­sprechungen in der' Tributfrage werden dahin beurteilt, daß sie lediglich zu einer Feststellung der noch bestehenden grund­sätzlichen Gegensätze geführt ha­ben. ohne daß sich in einer der zu behan­delnden Fragen eine Einigungsmöglichkeit abgezeichnet hätte.

In der österreichischen Anleihefrage hat der deutsch-französische Gegensatz durch eine Forderung Frankreichs autzerordent- Ilch verschärft, wonach O esterreich nn Falle der Anleihegewährung auf den Anschluß zu verzichten hätte. Die deutsche Regierung wird unter diesen Umständen der Anleihe nicht zustimmen.

Der von England befürwortete Vor­schlag zur Befriedung der französischen Eicherheitswünsche geht dahin, daß in einer gemeinsamen feierlichen Er­klärung ein Verzicht auf alle Handlungen ausgesprochen werden soll, die die guten Beziehungen zwischen den Staaten trüben ^nnten.

Eine billige Geste

Lausanne. 18. Juni. Die gestrige Vlenarsitzung begann nicht, wie er­wartet. als eine vertrauliche, sondern als »ffentliche. Der Vorsitzende Macdo- >a l d verlas zunächst eine Erklärung, die Mtt den Vertretern Großbritanniens, Frankreichs. Italiens, Belgiens »ad Ja« »ans gezeichnet ist. Die Erklär««« lautet:

Tief durchdrungen von der wachsenden schwere der wirtschaftlichen und finanziel- t« Gefahren, die die Welt bedrohen, und »en der Dringlichkeit des Problems, das ber Konferenz von Lausanne zu prüfen rufgegeben ist, fest überzeugt davon, daß bieses Problem eine endgültige und prä- iise Lösung erfordert, die auf die Besse- wng der Verhältnisse in Europa hinwirkt, «nd daß diese Lösung ohne Verzug und Hnc Unterbrechung gesucht werden mutz, «m im Rahmen eines Weltabkommens verwirklicht zu werden, und im Hinblick darauf, datz gewisse Reparations- «nd Kriegsschuldzahlungen am kommenden t Juli fällig werden,

sind die »uterzeichnete» Regierungen der Ansicht, datz ohue Präjudiz für LSsuugeu. die späterhin gefunden werden können, zwecks ununterbroche­ner Verfolgung der Konferenzarbeit die Ausführung der Zahlungen, die den an der Konferenz teilnehmenden Regie« tungen als Reparations^ oder Kriegs­schulden zustehen, für die Dauer der Konferenz ausgesetzt werde« soll, wäh- *»b die Konferenz »ach de« Willen der

«uterzeichneten Regierungen ihre Arbeit in kürzestmöglicher Frist vollende« soll. Es besteht Einverständnis darüber, datz der Dienst der auf dem Markt befindlichen Anleihen von diesem Beschluh nicht betroffen wird.

Die unterzeichneten Regierungen erklä­ren, datz sie zu ihrem Teil bereit find, ent­sprechend dieser Vereinbarung zu handeln und die übrigen Eläubigerregierungen, die an der Konferenz teilnehmen, einla­den, die gleiche Haltung einzunehmen.

Auf die von Macdonald verlesene Erklärung erwiderte Reichskanzler von Papen mit folgenden Worten:

Ich habe von der Erklärung, die der Herr Prästdent soeben verlesen hat, mit gröhtem Interesse Kenntnis genommen und weitz die Absicht voll zu würdigen. Ich begrüße diese Erklärung als den ersten sichtbaren Beweis des festen Willens der beteiligten Staaten, die Arbeiten der Kon­ferenz zu erleichtern und diejenigen um- fafienden und endgültigen Beschlüfie. die die heutige Lage fordert, zu fasten. Ich kann nur wünschen, datz die Erklärung von den Völkern, die wir hier vertreten, ja von der gesamten Weltöffentlichkeit in dem gleichen Sinne verstanden wird. Es wäre verhängnisvoll, wenn diese Hoffnung enttäuscht würde.

Der deutsche Standpunkt

Reichskanzler v. Papen zur Reparationsfrage

Lausanne, 17. Ium. Reichskanzler von Papen ging in seiner Rede zunächst auf die Ausführungen Macdonalds em, um festzustellen, dah es sich nicht um ein ju­ristisches Problem handele, da die Haager Abkommen rechtsgültig unterzeich­net seien. Im weiteren Verlauf seiner Aus­führungen gab der Reichskanzler ein grotzcm- gelegtes Bild der Weltwirtschaftslage, wo­bei er zeigte, wie die Weltwirtschaft seit der Schaffung des Poungplanes im Iahre 1929 sich gewandelt hat. und aus Optimismus in Pessimismus und Verzweiflung übergegangen ist. Die Arbeitslosigkeit, die Einstellung von Zahlungen einzelner Staaten nach dem Aus­lande, das Absterben des Kapital- und Kre­ditverkehrs, die Eewichtsverschiebung der Schulden infolge der Steigerung des Gold­wertes und des Fallens der Warenpreise, alle diese Erscheinungen zeigten, datz eine Neuordnung der Geldverhältnisse unvermeidlich wird.

Im weiteren entwickelte der Reichskanzler den Zusammenhang zwischen politischer Ver­schuldung, Goldverteittnw und Güteraus­tausch. Er zeigte den Zusammenhang zwi­schen Handelsbilanz und Goldverteilung, gab ein Bild der jetzigen Kreditkrise, die die Wettkrise des Güteraustausches überdecke und betonte,

datz in wirtschaftswidrigen Zah- lenge« di« Hauptursache der Weltkrise

Im zwerlrn Teil seiner Darlegungen be­handelte der Reichskanzler besonders die Lage m Deutschland. Er wies darauf hin, dah der beratende Sonderausschutz bereits im vo- rigen Dezember die damalige Steuerbelastung Deutschlands als das Marimum bezeichnet habe, datz man aber trotzdem jetzt noch neue Steuern habe auftreiben müssen, um ben Be­trieb des Staates überhaupt aufrecht zu er« hatten.

Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Radi­kalisierung und Schrumpfung des Devisen- aufkommens, da, immer weniger den Zin­se«. und Tilgungsdieuft auch nur für die private Auslandsverschuldung anfbringen kann, feien Symptome dieser Entwicklung.

Zu den Einzelhetten des Reparationspro­blems übergehend, wies der Reichskanzler darauf hin, datz man die Atempause nicht genutzt habe, die Präsident Hoover vor einem Iahre mit seinem Plane bezweckte, datz ebensowenig die verschiedenen Empfeh­lungen der Sachverständigen berücksichtigt worden seien. Die deutsche Auslandsver­schuldung beruhe zum großen Teil auf der Suhstanzübertragung infolge der Reparations­leistungen: Mehr als 10 von den 18 Mil­liarden Ausländsanleihen seit der Stabili­sierung Deutschlands seien zur Bezahlung für Reparationszwecke wieder ins Ausland zurück­geflossen. Besonders unterstrich der Reichs- kanziec dabei, dah man die deutschen Leistun­gen nicht nach dem Empfangswert, sondern

nach dem wirklichen Wert berechnen müsse, den er für den Leistenden gehabt hätte. Darin, d. h., m der Tatlache, dah die unwirtschaftliche Verwendung der für den Leistenden kostspieligen Hergaben gewattlge Zahlungsdifferenzen schaffe, liege überhaupt die Problematik des ganzen Reparatcons- systems. Eine Berechnung nach ihrem wirk­lichen Wert bringe die Reparationsleistungen auf unvorstellbare grohe Zahlen.

Der Reichskanzler widerlegte dann die Auf- fasfung, als würde eine Befreiung Deutsch­lands von seinen Schulden seine Konkur­renzfähigkeit übermächtig gestatten. Die Inflation habe die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft geschwächt und nicht ge­stärkt, Mein schon durch die abnorm hohen Zmsen. Der Staatshaushalt mit seinen hohen sozialen Aufwendungen sei bedingt durch die Notwendigkeit völlige Verelendung und potttische Gefahren zu vermeiden.

Zum Schluh kennzeichnete der Reichskanz­ler die bisherige Geschichte der Reparatio­nen als eine Reihe von Erp erimen- ten, bei denen jedesmal ein Marimum an Leistungen Deutschland auferlegt worden sei. Die Rückwirkungen dieses Verfahrens seien jetzt handgreiflich geworden.

Die Reparation,leist««ge« haben sich al, nnmöglich and als schädlich erwiesen, nnd die Erfahrnngen schließen die Möglichkeit «euer Experimente dieser Art ans, die den gleichen Mißerfolg haben müßten. Die Beste- rang ist von einer Entlastnng der Weltwirt­schaft von solchen Störungen durch wirtfchasts- widrige politische Zahlungen abhängig. Die Reparationen, die ursprünglich für de« Wie- deraufban der zerstörten Gebiete bestimmt waren, banen nicht aus, sondern zerstören.

Es handett sich um eine Arbeit, die den Blick auf die Zukunft richtet. Die Zeit der kleinen Mittel, der Atempausen, der Vertagungen, ist endgültig vorüber. Es muh ganze Arbeit geleistet wer­den. Der Kanzler schloh mit dem Ausdruck der Erwartung, datz diese Konferenz aus dem verhängnisvollen Kreislauf der Ver­gangenheit endgültig herauskomme und den Weg für positive Zusammenarbeit fteimache, die uns Mein einer besseren Zukunft entge­genführen könne.

Die allgemeine Aussprache in Lausanne.

In der vertraulichen Sitzung der Konferenz ergriff nach dem Reichskanz­ler der französische

Ministerpräsident Herriot

das Wort. Er erklärte, er sei mit größ­tem Interesse den Darlegungen des Reichskanzlers gefolgt und könne fest­stellen, dah die französische Delegation, wenn sie auch Sie engumschriebene Auf­gabe habe, die ihr anvertrauten Inter­

essen zu verteidigen, dqch nicht gleich­gültig gegenüber den Schwierigkeiten anderer Mächte sein könne. Der Base­ler Bericht, so fuhr Herriot fort, ist die Grundlage und die Richtschnur der Konserenzarbeiten. Wir nehmen also vor­behaltlos seine ersten Schlutzsolgerungen an, wonach dke gegenwärtige Wirt­schaftskrise in ihrem Umfang jene verhältnismäßig kurze Depres­siv n (!) überschreitet, mit der der Uoungplan gerechnet hat. Wir nehmen auch die Feststellung an, daß die finan­ziellen Schwierigkeiten Deutschlands in erheblichem Maße der Grund der Kredit­erschlaffung sind, die in der Welt herrscht, und datz sie eine gemeinsame Aktion nötig macht, die nur die Regierungen unternehmen können. Wir freuen uns, daß die Lausanner Konferenz schon den unbestreitbaren Grundsatz anerkannt hat, wonach eine europäische Regelung nur im Rahmen einer Weltregelung durchge- fiihrt werden kann.

Herriot meinte aber, daß nach den Ge­setzen der Geschichte jede Depressions­periode von einer Blüte-Periode abgelöst werde. Man könne also nicht einer Dauerregelung eine Periode aus« nahmsweiser Blüte oder ausnahmswei- ser Depression zu Grunde legen. Die Anwendung des Hoovermoratoriums für ein einziges Jahr habe dem französischen Budget ein Defizit von ungefähr 1800 Mill. Francs gebracht, das mit Härten Maßnahmen ausgeglichen werden müsse. Die Belastung der deutschen Eisenbahnen sei mit 660 Mill. Mark nicht übertrieben. Wenn die Reparationslasten in Zukunft wegfielen, so würde die Kapitalschuld der deutschen Eisenbahnen auf etwa 10 Mil- liarden Francs zurückgehen, während die ftanzösischen 65 und die englischen 100 Milliarden Francs betragen hätten. Eine solche Begünstigung würde den deutschen Eisenbahnen wesentliche Tarif- ermäßigungen gestatten, die den Ver­kaufspreis für gewisse Schwergüter um 1525 % verbilligen würden.

Eine Annullierung würde Frankreich ungerechte Opfer auferlegen. Das Pro­blem der Reparationen sei nicht nur ein deutsch-französisches, sondern würde für zahlreiche Länder Konsequenzen nach sich ziehen. Das Reparationsproblem rolle also das gesamte europäische Wirtschafts­problem auf; auch Deutschland könne nach den Worten der Baseler Experten einer Krise rund um sein Gebiet nicht widerstehen. Es bedürfe also der Wieder­herstellung von ganz Europa.

Es ist ein Irrtum, anzunehmen, datz eine noch so radikale Beseitigung der Re­parationen die Wiederherstellung des Gleichgewichts zur Folge hätte. Dazu be­dürfe es einer Verbesserung der Sicher- heit, ein Grundsatz, den er besonders hervorhebe.Es gibt", so legte Herriot weiter dar,keinen politischen Frieden ohne einen wirtschaftlichen, aber auch kei­nen wirtschaftlichen ohne einen politischen. Das muß der Leitstern unserer Arbeiten sein." Aus diesen Gründen müsse das System der abgeschlossenen Wirtschafts­gebiete geändert werden; denn eine Ab­schwächung der Beschränkungen erreiche viel sicherer das gesteckte Ziel als Gewalt­maßnahmen.

Bor einem unannehmbaren französischen Vorschlag an Deutschland?

In Konferenzkreisen besteht überein­stimmend der Eindruck, daß die französische Regierung ihre Zustimmung zu jeder end- gültigen Reparationsregelung davon ab­hängig macht, daß Deutschland sowohl eine