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Anzeiger für (bas frühere kurhesfische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Faules Kompromiß für Lausanne
Das Moratorium soll um 6 Monate verlängert, die Reparationskonferenz durch eine Wirtfchastskonferenz abgelöst werden
Die Tributkonferenz hat am Mittwoch abend nach Eintreffen der deutschen Abordnung eine Chesbesprechung begonnen, an der die Abordnungsführer der Hauptstaaten teilnahmen. An der Konferenz sind 18 Mächte beteiligt. Zum Präsident wird Maedonald gewählt werden.
Die deutschen Minister aus der Lausanner Konferenz gaben vor der Presse Erklärungen ab, in denen u. a. betont wurde, daß die neue deutsche Regierung mit der gleichen Festigkeit die nationalen Notwendigkeiten vertreten werde, daß vor zu großem Optimismus gewarnt werden müsse und daß die deutsche Regierung auf der Konferenz, von der ein endgültiger Aufstieg für Deutschland erhofft werde, der Frage der wirtschaftlichen Probleme die größte Beachtung schenken werde.
Aus maßgebenden französischen Konferenzkreisen verlautet, daß eine ßmona» tige Verlängerung des Moratoriums, sowie die Einberufung einer neuen Handels- und Wirtschaftskonferenz im Anschluß an Lausanne beschlossen werden solle.
In politischen Kreisen wird weiter verzeichnet, datz die Lausanner Konferenz nur wenige Tage vauern und Mitte nächster Woche abgeschlossen werden würde.
Die endgültige Einigung zwischen Maedonald und Herriot?
Die Pariser Blätter beschäftigen sich eingehend mit der endgültigen Einigung, die am Mittwoch zwischen Maedonald und Herriot dahin sidttgefunden haben , soll, Deutschland ein kmonatiges Moratorium vorzuschlagen, das sich sowohl aus den geschützten wie auf den ungeschützten Teil der Reparationen bezieht. Mac- donald soll dem französischen Ministerpräsidenten versichert haben, daß sich Reichsaußenminister v. N e u r a t h gelegentlich seines letzten Londoner Besu- ches einer derartigen Regelung nicht ablehnend gezeigt habe. Die Genfer Sonderberichterstatter der großen Pariser Blätter stellen allgemein mit Befriedigung diese angebliche Einigung zwischen den Ministerpräsidenten Englands und Frankreichs fest.
Der „Petit Parisi en", der die Annahme des Vorschlages durch Deutschland als gewiß voraussetzt, glaubt aus unterrichteter Quelle erfahren zu haben, daß der englische Ministerpräsident eine sofortige Prüfung der Konsolidierungsmöglichkeiten der Reparationen in engster Verbindung mit der wirtschaftlichen Organisierung Europas vorschlagen werde. Hierbei handele es sich nicht mehr um eine Unterstützung der Donau- und Salb an floaten allein, sondern um eine wirkliche europäische Wirtschaftskonfe« renz, die ihre Arbeiten bereits in der kommenden Woche ausnehmen wolle. Im „I o u r n a l" betont Saint Brice, daß nicht nur ein Ausschuß eingesetzt werden solle, der die Liquidierung der Reparationen prüfen solle, sondern noch ein zweiter, der den Boden für die große Dirtschaftskonferenz vorbereiten solle, die jedoch erst bann zusammentreten werde, wenn die Frage der Reparationen und internationalen Schulden end- SÜItig geregelt sei.
Die Londoner Presse zur Lausanner Konferenz.
Zur Eröffnung der Lausanner Konferenz bringt die Londoner Presse ausführliche Vorberichte. Allgemein sieht man der Rede, die heute Maedonald als Vorsitzender der Konferenz halten wird, sowie der für morgen angekündigten eingehenden Darlegung der deutschen Lage durch den Reichskanzler mit größter Spannung entgegen. „M o r - ning Post" berichtet aus Gens, man sei in deutschen Kreisen der Abrüstungskonferenz beruhigt, daß die Meldung nicht zutreffe, wonach die britische Regierung für eine Stabilisierung der Rüstungen auf ihrem augenblicklichen Stand eintrete.
„Financial Times" zufolge teile man in deutschen Kreisen den während der letzten Tage zur Schau getragenen Optimismus nicht. Der Genfer Berichterstatter der „Financial T-mes" befürchtet, daß die Meinungszzerfchiedenheiten
in der Abrüstungsftage die Lausanner Berechnungen beeinträchtigen könnten. Die vorherrschende Ansicht sei, daß die Lausanner Verhandlungen kurz seien und sich daraus beschränken werde, das Moratorium an Deutschland bis zum 15. Dezember zu verlängern.
Auch „Daily Telegraph" ist der Ansicht, daß es m Lausanne nur zu einer Verlängerung des Moratoriums kommen werde, obwohl jetzt grundsätzlich lieber« einstimmung darüber herrsche, daß eine allgemeine Schuldenstreichung erstrebt werden müsse.
Im „News C h r o n i c l e" wendet sich Sir Walter Layton gegen eine Verlängerung des Moratoriums. Er meint, Europa solle den Vereinigten Staaten das sagen, was Deutschland in Lausanne erklären werde, nämlich, daß Zahlungen nicht wieder ausgenommen werden könnten, wenn man nicht eine Erholung der Weltwirtschaft völlig in Frage stellen wolle.
Ab Freitag wieder S.A.!
Aufmarschverbot statt Notverordnungen der Länder
Wir wir erfahre«, ist die Notverordnung über die Aafhebung des S.A.- «nd des llniformverdotes «ad die Neuordnang der Bestimmungen über di« Pressefreiheit nunmehr fertiggestellt. Sie wird voraussichtlich am Donnerstag veröffentlicht werde«. 3« den letzten Besprechungen beim Reichsinnenminister hat es sich darum ge« handelt, die Schwierigkeiten zu überwinden. dieinderStelluagaahmeder Länder namentlich zur Frage des llniformtragens liegen. Ein Beschluß der Länderregierungen hierzu liegt noch nicht vor. Ma« hat aber den Eindruck. datz die Länderregieruagen vorläufig nicht die Absicht haben, die Aufhebung des Derbstes i« ihrem Machtbereich Vurch eigene Notverordnungen zu verhindern. Dagegen ist wohl damit zu rechnen, datz iu de« Länder« während des Reichstags. Wahlkampfes weitgehend Aufmarsch- Verbote zur Sicheruug der öffentlichen Ruhe u«d Ordnung erlasse« werde«.
Bezeichnend in diesem Zusammenhang dürfte das Verhältnis in Berlin sein. Von nationalsozialistischer Seite war angekün- bfgt worden, daß am nächste« Sonntag auf dem Tempelhofer Feld eine große Parade der wiedererstandenen S. A. und S. S. vor Adolf Hitler stattfinden würde. Diese Demonstrafion wird jedoch kaum zustande kommen, da in Preußen seit dem 31. Oktober vor. Js. ein allgemeines Verbot für polifische Demonstrationen und Umzüge besteht. Nach dieser Verordnung sind Ausnahmen nur für völlig unpofi- tische Umzüge und Demonstrattonen zugelassen. Für die Zeit der Reichspräsidenten- und der Preußenwahlen hatte der preußische Minister des Inneren den Regierungspräsidenten und in Berlin dem Polizeipräsidium die Ermächttgung erteilt, diese Ausnahmezulassungen auch auf politische Veranstaltungen auszudehnen, was zum Beispiel dazu führte daß den großen Parteien je einmal der Lustgarten zu
einer Kundgebung freigegeben wurde. Diese Ausnahmeermächtigung ist jedoch Mitte Mai wieder aufgehoben worden.
Die „Dosfisch« Zeitung" berichtet über den Inhalt der politischen Notverordnung, die sowohl die Aufhebung des SA.- und des AnisormverboteS wie die Neuregelung der Pressevorschnften, des Versammlung«- und DemonsttativnsrechtS infto. umfaßt. Die Vertreter der Länder hätten sich in der Besprechung die Stellungnahme ihrer Regierungen Vorbehalten.
Die neue Verteilung der polizeilichen Aufsichtsrechte zeige sich sehr stark vor allem bei dem wichtigsten politischen Puntt der Verordnung: In der Frage der PÄiti- fchen Verbände. Die Verordnung des Reichspräsidenten, die dem direkten SA.- Verdot seinerzeit folgte, halb generell mi- litärähnliche Verbände verboten. Don Organisationen dieser Att sei in der neuen Verordnung nicht die Rede. Eie spreche von „Verbänden, die in geschlossener Ordnung auftreten", und verpflichte sclche Verbände, ihre Satzungen auf Verlangen dem Innen Minister mitzuteilen und sich Anordnungen des Innenministers zu fügen. Der Reichsinnenminister erhält auch die ErmäcPigung, einzugreifen sobald sich AnzuträglichkÄten Herausstellen. Von besonderer Bedeutung ist, dem Blatt zufolge, daß er auf Beschwerden hin in einzelnen Seilen des Reiches eingreifen urib Sonderregelungen treffen kann. Darin liege indirekt die Bestimmung, daß nicht die Landesregierungen direkt bei dem Auftreten von Schwierigkeiten eingreifen, sondern daß sie sich beschweideführend an den Reichsinnenminister wenden mühten, der dann entscheide und Anordnungen treffe. Von besonderer politischer Bedeutung sei es weiterhin, daß von der für die Verbände aller Parteien geltenden Regelung die Kommunisten ausdrücklich ausgeschlossen werden. Die Strafbestimmungen seien im übrigen wie bei ollen Punkten, die die Notverordnung regele, erheblich verschärft worden.
Gewisse Aendemngen des bestehenden Rechts ergeben sich aus der neuen Fassung
der Pressevorschriften. Flugblätter und Plakate sollen, solange sich nicht Anzuträglichkeiten Herausstellen, die zu solchem Eingreifen nötigen, von Zensurvorschriften befreit sein. Zeitungen und Zeitschriften können fünftig aber nicht nur bei Gefährdung der Ruhe und Ordnung, sondern auch bei Gefährdung lebenswichtiger Staatsinteressen verboten werden. Da un- den Begriff „lebenswichtige Staatsinteressen" alle Gebiete der staatlichen Betätigung gehören, d. h. Militärfragen so gut wie die wirtschaftlichen, finanziellen oder Währungsfragen, sind die Grenzen dieser Vorschrift beliebig dehnbar.
Gegen die Notverordnung
Berlin, 15. Juni. Der Deutschnatio- nale Handlungsgehilfen-Verband erläßt zur neuesten Notverordnung eine Kundgebung, in der er u. a. bedauert, daß b;e neue Notverordnung keine Maßnahmen zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsmöglich- keiten unter „stärkster Förderung des freiwilligen Arbeitsdienstes und Beseitigung des untragbaren Doppelverdienerunwesens" bringt. Ferner glaubt der DHP. „jeden ernsthaften Versuch" zur Verbilligung der öffentlichen Verwaltung zu vermissen. Er wendet sich gegen die Bedürf» tigkeitsprüfuna und die Leistungsfenkun- gen in der Arbeitslosenversicherung sowie gegen die Befreiung der^Beamtenschaft und der Veranlagten von der Krisenlohn- steuer.
Die NSDAP, zur neuen Notverordnung.
Der „Völkische Beobachter" schreibt in seinem Kommentar zu der neuen Nssri- schaftsnotverordnung des Kabinetts Pa- pen u. a., die NSDAP, lehne die erste Notverordnung als neue für das deutsche Bolk unerträgliche- Belastung umsomehr ab, als sie in dieser ersten prak- ttschen Maßnahme der Regierung keinerlei Ansatzpunkte für eine genügende Aen- derung der bisherigen Polittk zu erkennen vermöge. Die Regierung stelle in ihrer Erklärung zur Notverordnung zwar grundlegende Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung in Aussicht. Solange sie aber diese Versprechen nicht durch Taten zu belegen in der Lage sei, habe die NSDAP, keinen Anlaß, ihre seit jeher vertretene Auffassung zu ändern.
De» Deutsche Städtetag und der Reichs« städtetag zur neuen Notverordnung.
Der Deussche Städtetag weist im Hin» blick auf die neue Notverordnung darauf hin, daß der Fchlbettäg der deusschen städ- tischen Haushalte für das Jahr 1933 die Summe von 750 Millionen Mark erreichen mürbe. Die Erhöhung der Reichshilfe von 230 auf 680 Millionen, also um 450 Millionen, bringe zwar eine fühlbare Erleichterung, jedoch verbleiben von dem genormten Fehlbetrag auf diese Weise immer noch 300 Millionen Mark, die durch Einsparungen an den Ausgaben nicht aufgebracht werden könnten. Auch die Erhöhung der Einnahmen sei durch die Re- alsteuerfperre nur in beschränktem Maße pwglich, sodaß auf die Bürger- steuer wohl nicht verzichtet werden könne. 'Die Auffassung, daß die Erhebung der BürgersteUer durch die neue Notverordnung nicht mehr möglich sei, fei nach Ansicht des Städtetages irrig, da die Entscheidung über die Weitererhebung dies er Steuer bei den Länderregierungen liege. Der Reichs- Städtebund erklärt, daß die Erhöhung der Reichshilfe für die kleineren und mittleren Städte nur bescheidene Auswirkungen ha-