Sevnadknd, ten 11. dunt 1932
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Äberhessische
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Gegen die preußische Notverordnung
Nationalsozialisten, Deutschnationale und K.P.D. fordern ihre Aufhebung — Zusammentritt des Landtags am 15. Juni
Berlin. 10. Juni. Der Aeltestenrat des preußische« Landtages beschloß am Freitag abend, den Landtag am Mitt« »och, dem 15. Juni, zusammen« treten zu lasse«. Aus die Tagesordnung werden gesetzt: Die Anträge auf Aufhebung der p reutzischen Not« Verordnung und der nationalsozialistische Amnestie gesetzentwurf. Ein deutschnationaler Antrag, auch die Wahl des Ministerpräsidenten auf die Tagesordnung der nächsten Land- tagsfitzung zu setzen, wurde gegen die Stimmen der Antragsteller und bee Zentrums abgelehnt. Der Landtag wird zunächst nur am 15. und 16. Juni tagen.
In der Sitzung des Aeltestenrats war vor dem Beschluß, die nächste Landtags- sitzung am 15. Juni abzuhalten, vom Zentrum und von den Sozialdemokraten der Wunsch geäußert worden, in der Woche vor der Hessenwahl nicht zu tagen.
Als dann die aus Deutschnationalen, Nationalsozialisten und Kommunisten bestehende Mehrheit des Aeltestenrates trotzdem den . obigen Beschluß faßte, bezeichnete der stellvertretende Fraktionsführer des Zentrums. Abg. Sieger, es als einen Bruch allen früheren Herkommens, daß man auf die Wünsche zweier großen Fraktionen, die Tage vor der Wahl freizuhaben. keine Rücksicht genommen hätte. Auch der Briefwechsel zwischen dem Reichskanzler und dem Landtagspräfiden- ten -sei ein Bruch früher sorgfältiger beobachteter Formen. Gegenüber Bayern würde der Reichskanzler wahrscheinlich anders verfahren sein. Abg. Heilmann (SPD.) nannte die in dem Schreiben des Landtagspräsidenten an den stellvertretenden Ministerpräsidenten Hirtfiefer enthaltene Bemerkung über den Ministerpräsidenten Braun völlig unverständlich. (!) Ministerpräsident Braun sei in Berlin und habe einen Urlaub als Abgeordneter weder erbeten noch angetreten.
Präsident Kerrl erwiderte, er habe allerdings in der Presse gelesen, daß Ministerpräsident Braun einen Urlaub angetreten hätte, und er habe nicht gewußt, daß Braun in Berlin sei. Abg. Leinert (SPD.) wies den Präsidenten darauf hin, daß ein Beschluß des Landtages bestünde, wonach keine Stelle des Landtages das Recht habe, in direkten Verkehr mit der Reichsregierung zu treten. AVer Verkehr zwischen Preußen und dem Reiche habe wich diesem Beschluß über die preußische Regierung zu gehen. Präsident Kerrl schloß die Aeltestenratsfitzung mit der Bemerkung, daß er auch nach der Aussprache an dem von ihm eingenommenen Standpunkt in allen Punkten festhalten müsie.
Der Aeltestenrat wird sich bei Beginn des kurzen Tagungsabschnitts vom 15. und 16. Juni nunmehr darüber schlüssig werden, ob die Wahl des Ministerpräsidenten am 22. Juni auf die Tagesordnung gesetzt »erde, soll.
DerVorstoßSüddeutschlands
Sonntag Empfang der Ministerpräsidenten durch Hindenburg
(Berlin, 10. Juni. Der Reichspräsident hat den Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder Bayern, Württemderg und Baden auf die telegraphisch an ihn gerichtete Ditte um Empfang geantwortet, daß er gern bereit sei, die Herren zu der gewünschten gemeinsamen Besprechung zu empfangen und zwar in Gegenwart des Reichskanzlers. Als Zeitpunkt hierfür hat der Reichspräsident Sonntag, den 12. Juni, 11 Ahr vormittags, festgesetzt.
Wie eine dem badischen Zentrum nahestehende Persönlichkeit zu der Konferenz der süddeutschen Staats- und Ministerpräsidenten in Berlin mitteilt, werden die ÄaatS- und Ministerpräsidenten dem Reichspräsidenten nicht nur ihre Stellungnahme zu den allgemeinen Fragen zwischen Reich und Ländern darlegen, sondern sie werden sich vor allem und mit Entschiedenheit gegen die Absicht der Einsetzung von Reichskommissaren wenden. Dies sei nach süddeutscher Ansicht verfassungswidrig. Weiter soll auch der Reichspräsident über die süddeutsche Auffassung bezüglich aller aufgetauchten Bestrebungen einer künstlichen Inflation unterrichtet werden. Ferner verlangen die süddeutschen Staaten Klacheit über die Gründe und Hintergründe des Regierungswechsels im Reiche. Der Schritt der e süddeutschen Länder richtet sich nicht, wie'
versichert wird, gegen das Reich als solches, sondern soll im Gegenteil dem Interesse der Gesamtheit des Reiches und eines gedeihlichen veffasfungsrnäßigen Zusammen arbeitens zwischen ihm und seinen Gliedern untereinander dienen.
Die Bitte der süddeutschen Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten Um einen Empfang beim Reichspräsidenten wird in der Presse verschieden Beurteilt.
Das »Stuttgarter Reue Tageblatt'* und die Württemberger Zeitung** (beide demokratisch) billigen diesen Schritt und nennen ihn durchaus verständlich berechtigt und vom süddeutschen Standpunkt aus begrü- henswett. Die ^Süddeutsche Zeitung** (deutschnattonal), der „Schwäbische Merkur" (Deutsche Volkspartei) und der „®5.« Kurier" (nationalsozialistisch) verhalten sich z-ber^cntschieden ablehnend dage- ,gen. In diesen drei Zeitungen wird betont, daß der Schritt völlig unnötig sei, daß der württembergische Staatspräsident als Vorsitzender eines geschäftsführenden Ministeriums nicht in der Lage sei, ob er als ein durch die politischen Vorgänge verärgerter Zentrumsmann überhaupt die wahre Stimmung im Schwabenland kenne. Der »RS.- Kurier" kündigt noch besonders an, daß das Vorgehen von Dr. Bolz im Landtag ein dramatisches Rachspiel haben werde.
Eine Aktion Kerrls
Berlin. 10. Juni. Der Präsident des preußischen Landtages. Kerrl, hat an den geschäftsführenden preußischen Staatsminister Hirtsiefer ein Schreiben gerichtet, in dem er seinem Befremden über den Schritt des Ministers bei der Reichsregierung wegen des Briefes des Reichskanzlers an den Landtagspräsidenten Ausdruck gibt. Dieser Schritt des Ministers Hirtsiefer sei weder staatsrechtlich noch verfasiungsrechtlich irgendwie gerechtfertigt. Er könne die Auffassung nicht teilen, daß der Reichskanzler sich der Vermittlung der preußischen Regierung hätte be- dienen müssen. um an den Landtagspräsidenten heraMutreten.
Landtagspräsident Kerrl erllärt, daß er eine solche Vermittlung bet geschäftsführenden Regierung in dieser Frage ohne weiteres ans staatsrechtlichen Grunde« abgelehnt haben würde.
Die Frage der Neubildung der Regierung sei ein Akt der Legislative, deren einzig berufener Vertreter zur Zeit der Landtags- p r ä s i d^ n t sei. Er habe von dieser Auffassung dem Reichskanzler Mitteilung gemacht und ihn gebeten, weiterhin direkt mit ihmzuverhandeln. Er lehne jede Vermittlung durch die geschäftsführende Regierung umsomehr ab, als gerade die Parteien, die die Mitglieder der geschästsführenden Regierung stellen, die Beschleunigung der Regierungsbildung durch die erneute Bestätigung der Geschäftsordnungsänderung verhindert hätten.
Der Dreierausschuß, dessen Einberufung Präsident Kerrl am Schluß seines Schreibens ankündet, setzt sich aus dem Präsidenten des Landtags, dem Präsidenten des Staatsrats ($. Zt. Dr. Adenauer, Ztr.) inib dem preußischen Ministerpräsidenten zusammen. Ihm ist in der Verfassung die Befugnis übertragen, das Parlament vor Abschluß der Legislaturperiode aufzulösen.
Segen die preußische Notverordnung.
Bo, maßgebender nationalsozialisttscher Seite wird erklärt, daß auch die nationalsozialistische Fraktion hn Preußischen Landtage die Aufhebung der preußischen Notverordnung verlangen werde.
Da gleiche Anträge von den Deutschnationalen und den Kommunisten bereits gestellt worden find, ist damit bereits eine Mehrheit für die Aufhebung der Notverordnung vorhanden. Zu der Frage, ob der Landtag berechtigt sei, die Notverordnung aufzuheben, hat Landtagspräfident Kerrl erklärt, daß er der Anficht des Landtages nicht vorgreifen wolle. Eine Klärung dieser Rechtsfrage werde wohl durch den Staatsgerichtshof erfolge« müssen.
Nationalsozialisten gegen die preußischen Minister.
Berlin, 10. Juni. Im preußischen Landtag haben die Nationalsozialisten einen Antrag eingebracht, wonach den Ministern des Kabinetts Braun bis zur Neubildung der Regierung und bis zur Untersuchung der Zustände in der Verwaltung das Verlasien des Freistaates Preußen untersagt werden soll. Sämtliche geschäftsführenden Minister sollen sich dem Landtag jederzeit zur Verantwortung zur Verfügung halten.
Sitzung des deutschnationalen Parteivorstandes.
Berlin, 10. Juni. Der Vorstand der Deutschnationalen Vollspattei ttat im Freitag in Berlin unter dem Vorsitz von Dr. Hugenberg zu einer Sitzung zusammen, die in erster Linie der Vorbereitung der Wahlen und der Aufstellung der Wahllisten
galt. Die Sitzung schloß nach einer Politischen Rede des Patteiführers mit einer VettrauenSkundgebung für Hagenberg, die wie von deutschnationaler Sette hervor- bekundete, deren Zielarbett eine Fühmng bekundete .deren ZieMarhett eine Wendung in der politischen Gestaltung Deutschlands angebahnt habe.
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Amnestiebeschlüsse des Rechtsausschusses
Rechtsausschuß des Preußischen Landtag» fordert Freilassung von Claus Seim.
Berlin, 10. Juni. Der Rechtsausschuß des Preußischen Landtags nahm Freitag die zweite Lesung des nationalsozialistischen Amnestiegesetzentwurfs vor. Der Gesetzentwurf wurde ohne wesentliche Aenderungen nach den Beschlüssen der ersten Beratung angenommen. Der der Gesamtabstimmung stimmten Nationalsozialisten, Deutschnationale und Kommunisten für den Gesetzentwurf. Annahme fand noch em sozialdemokratischer Ent- schkießungsantrag, worin das Staatsrnmiste» rtum ersucht wird, dem Landtag baldmöglichst eine Aufstellung zu geben, die Auskunft gibt über die Zahl der Begnadigten und über die Patteistellung der auf Grund der polttischen Amnestie Begnadigten.
Der Ausschuß bekräftigte sich dann mit nationalsozialistischen und deutschnationalen Anträgen auf Freilassung des Bauernführers Klaus Heim. Mit den Stimmen der Nationalsozialisten, der Deutschnationalen und der Kommunisten wurde der nationalfrqia- listische Antrag insowett angenommen, als er das Staatsnrinisterium ersucht, die in Haft befindlichen als sog. Bombenleger bekannte Bauernführer wie Claus Heim und andere sofott freizulassen und ihnen Sttaferlaß zu gewähren. Sowett der Antrag die Freilassung von Herbett Volck bettifst, wurde er abgelehnt, da in diesem Falle auch die Kommunisten gegen den Antrag stimmten mit der Begründung, Volck sei nicht Bauer und deshalb sei der Beweggrund zu seiner Tat nicht in wirtschaftlicher Not zu suchen.
Ein kommunistischer Antrag, der Straffreiheit bei Unterbrechung der Schwanger- schast fordette, wurde gegen die Antragsteller abgelehnt.
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Fahrt nicht ins Ausland!
Bleibt 'm Notzeiten in Deutschland!
Berlin, 10. Juni. Reichspost- und Neichsverkehrsminister Freiherr v. Eltz- Rübenach empfing am Frettagabend die Mttglieder des Oesterreichischen Fremdenverkehrsrates und des Deutschen Hauptausschus- ses für Fremdenverkehr. Er betonte, daß ihm als langjährigem Präsidenten der Reichsbahn« direktion Karlsruhe die Fragen des Fremden- vettehrs gut bekannt feien. Der Fremdenverkehr habe für wette Kreise des Wirtschaftslebens befruchtende Wirkung. Der Minister brachte seine Freude zum Ausdruck, daß die Reichsbahn in letzter Zett durch großzügige Maßnahmen daran gegangen sei, verbilligte Fahrgelegenheiten zu schaffen. Er sei kein Freund davon, den Auslandsverkehr zu drosseln. Gegenmaßnahmen der betroffenen Staaten seien die Folge, und damit wieder sinke die Besucherzahl aus dem Auslande. Andererseits werde aber Deutschland Verständnis dafür finden müssen, wenn es. durch äußerste Not getrieben, schließlich zu Maßnahmen greifen müßte, um das übermäßig: Hiuausbringen deutschen Geldes ins Ausland zu verhindern.