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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Eine bedenkliche Zwischenlösung
Der frühere Zentrumsabgeordnete von Papen mit der Bildung einer neuen Regierung der nationalen Konzentration
beauftragt — Das Zentrum lehnt eine Beteiligung
ab — Die NSDAP, fordert unter
allen Umständen Neuwahlen
Reichspräsident v. Hindenburg hat am gestrigen Nachmittag Herrn v. P a p e n empfangen und ihm den Auftrag zur Bildung einer Regierung der «atio, »alen Konzentration erteilt. Herr v. Papen hat den Auftrag angenommen.
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Wie verlautet, wird der neue Reichs- lauzler Herr von Papen aus der Zentrumspartei ausscheiden. In politischen Kreisen ist man der Ansicht, dtth es Herrn von Pape« gelingen wird, sein Kabinett noch am Mittwoch zustande zu bringen.
Eine Ministerliste
Für das neue Kabinett sind folgende Persönlichkeiten in Aussicht genommen: Für das Innere: Frhr. v. Eayl oder Frhr.
d. Braun, Mitglied des vorläufigen Reichswirtschaftsrates.
Für das Aeuhere: Botschafter v. Neurath. Reichswehr: General v. Schleicher.
Wirtschaft: Warmbold.
Finanzen: Graf Schwerin-Krosigk oder Geheimrat Schmitz (I. E. Farben) oder Geh. Rat Schmitt (Allianz-Versicherung).
Landwirtschaft: v. Lüninck oder Graf Kalck- reuth (Vorsitzender des Reichslandbundes).
Arbeit: Goerdeler.
Poft: Schätz!.
Ostkommisiar: Schlange-Schöningen.
Das Justizministerium wird voraussichtlich der bisherige Reichsjustizminister Joel beibehalten.
Wer für das Reichsverkehrs- w i n ist e r i u m in Frage kommt, steht
Zeit noch nicht fest. Sicher ist, dast Dreviranus diesen Posten nicht beibehalten wird. Justizminister wird voraussichtlich Dr. Joel bleiben.
Der Reichstag dieichstoaseinbernfung zur Entgegennahme einer RegiernngserklSrnng.
Berlin, 31. Mai. Der Aeltestenrat «es Reichstages hat in seiner am Dienstag abend abgehaltenen Sitzung mit Mehrheit dem Reichstagsoräsidenten die Allmacht erteilt, den Reichstag sofort telegraphisch einzuberufen, sobald eine Aue Regierung gebildet ist und diese ihre Bereitschaft zur Abgabe einer Regierungserklärung bekundet. Sollte sich die Ab- Sabe einer Regierungserklärung über Erwarten lange hinauszögern, so würde der Aeichstagspräsident den Aeltestenrat iwdj= ®®Is zusammenberufen.
Winterfeld, von der Bolkspartei D i n g e l d e y und von der Wirtschafts- vartei die Abgeordneten D r ew i tz und M o ll a t h.
Im Laufe des Nachmittags wurden vom Reichspräsidenten noch empfangen der Führer der Staatspartei, sowie der Führer der Bayerischen Volkspartei, desien Fraktion am Mittwoch vormittag zusammentreten wird.
Die Haltung der N.S.D.A.P
Neuwahlen im Herbst?
Die Empfange beim Reichspräsidenten. — Das Comnmniqus.
Berlin, 31. Mai. Der Herr Reichspräsident setzte heute mittag seine Empfänge der Partei- und Fraktionsführer fort. Er empfing nacheinander als Vertreter des Zentrums Prälat Dr. Kaas und Dr. Perlitius, als Vertreter der Deutschnationalen Volkspartei Geheimrat Hugenberg und Landrat a.D. von
Wie dem Rachrichtenbiivo des Vereins Deutscher Zeituugsverleger vo« nationalsozialistischer Seite erklärt wird, nahmen die Besprechungen Adolf Hitlers und Soerings mit dem Reichspräsidenten einen befriedigenden Verlauf. Dieser Eindruck bei den nationalsozialistischen Unterhändlern sei darauf zurück- zuführen, dah Reichspräsident v. Hindenburg sich in dem Gespräch nicht abgeneigt gezeigt habe, einer neuen Reichsregierung die Ermächtigung zur Reichstagsauslösung zu geben. Im übrigen dürste Hitler erklärt haben, dah für di« Nationalsozialisten keine Regierung, wie sie auch immer aussehen möge, tragbar sein würde, die den Charatter einer Kompro- mitzregierung haben würde. Andererseits aber seien die Nationalsozialisten jederzeit bereit, nicht nur die Regierung, sondern die volle Verantwortung zu übernehmen, immer aller» dings unter der Voraussetzung, dah der Reichstag neu gewählt werde.
Zu der Kandidatur von Papen dürste Hitler darüber keinen Zweifel gelösten haben, dah von Papen nicht auf eine Tolerierung durch die Nationalsozialisten rechnen könne.
In nationalsozialistischen Kreisen denkt man sich die weitere Entwicklung offenbar so, dast zunächst ein Kabinett unter nationalsozialistischer Führung u..d unter Beteiligung der Deutschnationalen, vielleicht auch der Deutschen Volkspartei, gebildet werde, das mit einer Regierungserklärung vor den Reichstag trete und diesen dann auflöse.
Die Einberufung des Reichstages würde dann allerdings so verzögert werden muffen, dast die Neuwahlen, die nach Artikel 23 der Reichsverfassung spätestens am 60 Tage nach der Auflösung stattzufinden haben, erst nach der Ernte,
also Mitte September, vorgenommen werden könnten. Nack 2 des Artikels 23 mühte der neue R 'stag dann zum ersten Male spätestens am 30. Tage nach der Wahl zusammentreten.
Dr. Goebbels schreibt im „Völkischen Beobachter", ein« halbe Lösung komme nicht mehr in Frage. Der Reichspräsident wolle auf dem üblichen parlamentarischen Wege zu einer Neubildung des Kabinetts kommen. Das könne nichts anderes bedeuten, als dast die nationale Opposition, geführt und repräsentiert durch Adolf Hitler und feine Bewegung, die Dinge entscheidend besttmme. Ein Kabinett des besonderen Vertrauens, des Reichspräsidenten hätte vorerst kerne andere Aufgabe zu lösen, als den Reichstag nach Hause zu schicken, Neuwahlen auszuschreiben, die Organisations-, Agitations- und Demonstrationsfreiheit für die nationalsozialistische Bewegung wieder herzustellen und durch den Appell an die Nation Uebereinstinimung zu schaffen zwischen dem Willen des Volkes und seiner parlamentarischen Vertretung.
Die Haltung des Zentrums zur Regierungskrise.
Berlin, 31. Mai, Der Vorsitzende der Deutschen Zentramspattei, Prälat Dr. Kaas, dürfte, wie aus Zentrumskreisen verlautet, bei seinem heutigen Empfang beim Reichspräsidenten Gelegenheit genommen haben, dem Reichsvbechaupt volle Aufklärung über die Gesamtauffassung der Leitung der Pattei zu geben. Führende Zentrumskreise sind der Ansicht, daß man Reichstags Neuwahlen kaum aus dem Wege gehen könne, und daß das Zenttum sie keineswegs zu scheuen braucht. Die Haltung der ZentrumSfrak- tton zu dem kommenden Kabinett wird von dem Programm und der Zusammensetzung dieses Kabinetts abhängig gemacht werden. Man legt in maßgebenden Zenttumskreisen Wett darauf, zu betonen, daß eine Beteiligung irgend eines Patteiangehörigen an dem neuen Kabinett ohne Zustimmung der Reichspatteileitung nicht anerkannt wird.
Wie wir aus Zentrumskreisen hören, hat sich bei den letzten Besprechungen vor allem in der Re ichstagsfraktion des Zen- ttums deutlich gezeigt, daß man enttäuscht ist über die Att und Weise, in der das Kabinett Brüning sein Ende gefunden hat. Diese Enttäuschung ist so stark, daß man schon von einer Mißsttmmung reden kann und es ist kein Zweifel, daß der Zentrumsführer Kaas dieser Mißsttmmung auch gegenüber dem Reichspräsidenten Ausdruck gegeben hat, vielleicht in der Erwattung, daß das Zentrum wenigstens eine formelle Genugtuung erhält.
Im übrigen kam bei der Zenttumsfrak- ttonsbesprechung deutlich zum Ausdruck, daß zwischen der Pattei und Brüning eine absolute Einheit besteht. Dabei erfähtt man auch, dah vor dem Sturz Brünings echebliche Bestrebungen im Gange waren, Brüning in die Rolle Macdonalds zu drängen. Er sollte sich wie dieser von seiner Partei lösen und sich bereit finden, eine mehr rechts eingestellte Regierung unabhängiger vom Zenttum zu führen. In Anbettacht dieser Besttebungen wurde festgestellt, daß eine Trennung zwischen Brüning und der Zcntlumspartei nicht in Frage kam und kommen wird. Ebenso besteht aber auch absolute Einigkeit zwischen Brüning und Stegerwald, was insofern von besonderer Wichtigkeit ist, als es immer noch Kreise gibt, die erwatten, dah Brüning das Auhenministerium übernimmt. In gut unterrichteten Kreisen verlautet aber, dah Brüning in kein Kabinett hineingehen wird, in dem nicht auch Stegerwald vertteten ist.
Pressestimmen
Die „Germania" nennt die Betrauung des Herrn von Papen mit der Regierungsbildung eine „Zwischenlösung". Die Haltung des Zentrums gegenüber der jetzt versuchten oder einer anders gearteten Regierungsbildung ergebe sich klar aus der besonderen Zweckbestimmung des neuen Kabinetts und auch aus der Vorgeschichte der Krise. Die Zentrumspartei werde in der kommenden Regierung, wie immer sie auch aussehen möge, nicht vertreten fein. Sie werde zu der sachlichen Arbeit des neuen Kabinetts sachlich Stellung nehmen und unter diesem Gesichtspuntt jeweils ihre Entscheidungen tteffen. Zum Schluß sagt das Blatt, dah die Mitteilung, Papen werde, falls er das Reichskanzleramt endgültig übernehmen sollte, aus der Zentrumspartei aus scheid en, bis zur Stunde noch nicht bestätigt sei.
Die „Vossische Zeitung" meint, die Bettauung Papens werde als ein Schlag gegen das Zentrum empfunden, die neue Regierung habe auf keinerlei Entgegenkommen des Zentrums zu rechnen, nicht einmal auf ein passives Verhalten.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" glaubt, dah die Aussichten für das neue Kabinett an sich ganz günstig seien, da die Tolerierung durch die Nationalsozialisten als gesichert betrachtet werden könne und das Zentrum kaum in der Sage sei, zur offenen Opposition Überzugehen. Das Blatt berichtet in diesem Zusammenhang, dah auf Nationalsozialist ischer Sette die Anregung gegeben worden ist, den Etat noch durch das Parlament zu verabschieden, was im Eiltempo geschehen könnte, sobald sich eine Mehrheit für eine Unterstützung dieser sachlichen Regierungsarbeiten zusammenfinde. Sei das nicht der Fall, dann werde der Reichstag sofort aufgelöst.
„Lokalanzeiger" und „Tag" betonen, dah die Parteien der bisherigen Oppo- sttion, also in erster Linie die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten, offiziell mit der Bildung dieses Kabinetts nichts zu tun haben. Von ihren Stimmen hänge die Mehrhett des Kabinetts ab. Die Entscheidung sei noch nicht getroffen. Zusagen seien von beiden Seiten noch nicht gegeben.
Der „Angriff" schreibt zu der Frage der Neubildung der Reichsregierung: Wir wollen nicht, dah Herr Brüning in irgend einer Weise, sei es als Auhenminisier oder sonstwie, Einsluh behält. Wir wollen ferner nicht, dah irgend einer der Männer des alten Kabinetts Brüning wiederkehrt, seien es nun Dietrich, Groener oder sonst wer. Hierin gibt es keinerlei Anknüpfungspunkte an^ Vergangenes. Dah ichliehlich das an der SA. durch das ungerechtfertigte Verbot begangene Unrecht schleunigst wieder gutgemacht werden muh, halten wir für eine glatte Selbstverständlichkeit, neben einigem anderen, was man als Mindestprogramm ansehen muh.
Donnerstag Reichsrat.
Berlin, 31. Mai. Der Reichsrat hält seine nächste Vollsitzung am Donnerstag nachmittag ab. An neuen Vorlagen sind eingegangen Verordnungsentwürfe über Handelsklaffen für Weizen, Roggen, Futtergerste und Hafer und über die Verlängerung der Gültigkeitsdauer von Um- satzsteuervergünftigungen für Ostpreußen.