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Nr. 122

Vderhesfische Setftmg. Hattet» * L. Frrttag. bot 27. Mai 1932

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Alte Wege und Verschärfunv -es alten Leiös

Eine Veschäftigtensteuer mit der Wirkung weiterer Nichtbeschäftigung - Lebensmittel, die verkommen müssen, weil fie niemand mehr kaufen kann - In der Sackgasse

Der würde über die Beschäftigtensteuer und andere ebenso bedauerliche und schwerwiegende Kapitel der neuen Notverordnung noch ein Wort verlieren, wenn damit der Sinn des Begriffes Notverordnung, also die Bekämp- fung und Beseitigung der Not verwirklicht werden könnte! Der Reichsfincrnzmrnister, der so freudige Bereitschaft für einengemäßigt« Optimismus" nicht nur in Worten, sondern oerbängnisvollerweise auch in Taten zu be­kunden pflegt, gibt sich einer gefährlichen Unterschätzung der Denkfähigkeit der Massen unseres Volkes hin, wenn er annimmt, datz heute höchstens noch ein Zehntel der Steuer­zahler zu der Gruppe derGlücklichen" ge­hört, die eine Beschäftigung gegen ein nomi­nelles Gehalt von 300 Mark monatlich ver­sehen, und datz sich deshalb die breiten Volks­schichten durch diese Steuer nicht getroffen fühlen, sondern in ihr sogar eine Tat sozialer Gerechtigkeit sehen.

So ist « nicht! Heute sreyl selbst schon der durch die radikalen Gewerkschaften leider virtichaftsfeindlich erzogene Arbeitnehmer mit Entsetzen auch auf die Steuerziffern, die an­dere zu tragen haben, weil er weih, datz der Schlag auf die anderen mit Sicherheit auch seinen Magen trifft. Vermehrte Steuern sind verminderte Kaufkraft! Vermehrte Beschäf­tigtensteuern bedeuten wachsende Nichtbeschäf- tigung. Das sind im Verlauf der zahllosen Steuergesetze mit und ohne Notverordnung Schlüsse, die heute jeder Deutsche zu ziehen weih.

In der Mut des befruchtenden Feuers, das in der letzten Zeit oom Himmel fiel, reiften die wichtigsten Frühgemüse wie Spargel und Rhabarber mit einer Wucht, welcher der erntebereite Mensch kaum $u folgen vermochte. Die andrängenden Massen bot der Handel selbstverständlich nur $u billigsten Preisen an, um einen sicheren, raschen Absatz zu erzielen. Auf den Märkten der groß« und der kleinen Städte wurden zuversichtlich di« gewaltigsten Borräte angeschwemmt. Aber nicht einmal der Riesenmagen der Reichshauptstadt mit chren in dieser Zeit nach Frischgemüse stets förmlich fiebernden Menschen folgte dem Warenangebot durch Kauf. Hunger herrscht wie noch nie! Und billige Preise für beste Waren gab es ebenfalls wie noch nie! Und doch müssen Unmengen wertvoller Lebens- mittel in unserem an armen, elenden Men­schen überladenen Lande verkommen, weil sie nicht Kartoffel und Rüböl heihen und trotz niemals dagewesener Fülle und Billigkeit als Lurus betrachtet werden. Folge: auch die Landwirtschaft, die mit dem Segen « der Hand dasteht und nur durch Massen- wnsatz zu den Eigenkosten, kaum noch zu einem wirklichen Verdienst kommen könnte, erfährt eine wettere schlimme Schwächung mtt sicheren Rückschlägen für den gesantten Ar- bettsmarkt.

Wie soll man es dem Vo>lk« begreiflich machen, dah heute das Arbeitsmttnstenum noch der Vereinheitlichung der Arbettslosen- versorgunp zu widersprechen wagt, weilnur Mwesentlrche Ersparnisse" dabei gemacht wer­den tonnten, und dah diese Redensatt von der Verwaltung immer und immer wieder bei zahllosen Haushaltsposten vorgebracht wttd! Im Volke denkt man anders als bei der Verwaltung! 3m Volke ermattet man, dah die geringste Erfparnismöglichkett äks wesentlich, als unvermeidlich genutzt wttd, che man an die Vermehrung der Steuern auch nur denkt. Sowett ist die Verwaltung leider immer noch nicht. Durch diese un­glückselige Dreiteilung der Arbettslosenver- svrgung, diesen abenteuerlichen Abwatzungs- mechanrsmus mm dem Reich auf die Länder und Gemeinden ruiniette das Reich die Ge- memdefinanzen und täuscht ber sich selbst eine Ordnung vor, die keine mehr ist. Der Reichs­

finanzminister kann nicht einmal versichern, dah er den Reichshaushalt durch die Mittel der neuen Notverordnung in Einnahme und Ausgabe ausgleicht. Er kennt ungefähr die Ausgaben, denen er die Ettrnahmen anzu­passen sucht, anstatt den umgekehtten Weg zu gehen, und wttd deshalb nach wenigen Monaten, vielleicht schon nach Wochen wieder nach Einnahmequellen suchen, und zwar in einer Wüste, in der es keine Oasen mehr gibt, die nicht brs zur restlosen Erschöpfung ausge­pumpt worden sind.

Hoffnungen auf den 16. Juni, auf Lau­sanne, die von der Reichsregierung selbst auf keinen Fall als besonders aussichtsreich be- ttachtet werden, veranlahten sie dennoch zu der Beibehaltung des alten Weges, der mtt Sicherheit zu einer Verschärfung des alten Leids, vermehtter Arbettslosigkett, gesteigetter Währungsunsicherhett, zunehmender Wttt- schafisschrumpfung fühtt. Die Notverord- nungspolittt der Versprechungen, di« niemals erfüllt wurden, der Erweckung von Hoff­nungen, die wie die Labsale vom Munde des Tantalus von dem Wind einer bis zur Tollheit unfähigen Weltpolitik immer wieder Monate und Monate hinausgerückt werden, fühtt in eine Sackgasse. Ohne tatsächlichen Zwang! Die Lage eines lebenswilligen 65- Millionen-Volkes wie die des deutschen ist niemalgs hoffnungslos, wenn man die

Lebensnotwendigkeilen dieses V o l k e s z u e r st bei der Innen- und Autzm- politik berücksichtigt. Was soll für Deutsch­land beispielsweise heute noch der Ruf: Stteichung der Tttbute! Si« sind von der Entwicklung längst gestrichen, und alles, was ihretwegen m Lausanne noch gesagt werden würde, ist Dreschen leeren Strohs. Der Reichsfinanzminister erhöht ja in diesem Augenblick die Steuern um weit mehr als eine halbe Milliarde Matt, ob­wohl et die Tributzahlungen von rund 1,8 Milliarden Mark in seinem neuen Haus­halt gar nicht mehr aufnimntt. Daraus kann keine Rettung mehr kommen. Sie ist nur möglich durch Zusammenfassung aller Kräfte, aller Ergebnisse unserer Arbeitsleistung für unser eigenes Volk, nachdem das Aus­land ttotz unseres guten Willens den Dawes- plan, den Youngplan, das Hooverjahr, das Stillhalteabkommen durch Nichterfüllung sei­ner vertragsmäßig« Verpflichtungen sa- bottette. Jetzt ist die Zett gekommen, zu­erst und allein an uns selbst zu denAen. Gehen wir endlich neue Wege trotz allen Auslandsskandals. Der wttd bald ab° ebben, roemt das Ausland sieht, datz es ihm selbst besser geht, sobald Deutschland sich sei­nen Weg aus dem Versailler Sumpf auf das feste Land eines menschenwürdigen Da- sems bahnt. Konrad F. Lehnett.

Der LilienthalHüsel in Berlin Lichterfel-e als Denkmal

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Otto Lilienthal, der Vater der Segelflugkunst, der 1896 bei Rhinow West- Havelland) mit einem Segel- flugapvarat tödlich abstürrte.

Der Hügel auf dem Parkgelände in Berlin-Lichte rfelde, wo Otto Lilienthal seine ersten Gleitflüge ausführte. Dieser Hü­gel wird jetzt zu einer Gedächtnisstätte für d en Pionier des Segelflugs ausgebaut. Auf einem dunklen Basaltsockel ruht eine versilberte Kugel, die weithin in der Sonne strahlt und . in der Nacht künstlich beleuchtet wird.

Alfred Wegeners letzte SrönlandfaM

Von den Mühseligkeiten und Leiden, die dieDeutsche Grönland-Erpttiitton 1930/31 erduloen mutzte, ist ttotz der alarmierenden Nachrichten über den Tod ihres Führers, des Grazers Professors Alfred Wegener, bisher wenig bekannt geworden. Erst das jetzt im Verlag F. A. Blockhaus, Leipzig, erscheinende einzige Buch über diese Forschungsreise Alfred Wegeners letzte Grön­landfahrt" bringt Aufklärung über die abenteuerlichen und harten Ergebnisse der Expedition. Die grönländischen Teilnehmer weigerten sich öfters weiterhin bei der Expe- ditton zu bleiben. Die Eskimo sind das müh­selige Leben, das ihr unwirtliches Land ihnen aufzwingt, von Kindhett an gewöhnt, und so

werfen ihre Stteiks ein bezeichnendes Licht auf das schwere Los das die tapferen und be­wunderungswürdigen Gelehrten auf sich ge­nommen hatten. Die bedeutsamen sachlichen Erfolge, die sie ttotz allem errangen, wurden nur durch den Opfermut jedes einzelnen Teil­nehmers und durch den Geist schönster Kame­radschaft. der fie beherrschtt, ermöglicht. Das wissenschaftlich hochinteressante und menschlich ergreifende Buch ist von Else Wegester, der Witwe des toten Expedittonsletters, dem An­denken ihres Mannes und des treuen Grön­länders Rasmus geweiht, der mit ihm ge­meinsam den letzten Weg ging. Auh« Else Wegener zeichnet der als Krüppel zurückge­kehrte Dr. Fritz Loewe als Herausgeber des Werk«.

Sehetmrat Sauerbruch Rektor -er Sochschule für Leibesübungen

v Prof. Dr. Säuerbttrch, der bedeutende Chirurg, wurde vom Seht* körper der Deutschen Hochschulen für Lev- besübungen einstimmig zum neuen Rektor gewählt. Sein Vorgänger war Geheimrat Prof. Dr. Bier, der nach seinem Ausscheid den aus der Berliner Universität jetzt auch sein Amt bei der Deutschen Hochschule für Leibesübungen niedettegte.

Prinz Nikolaus von Rumünieil im Sansarreii

Nur 3 Monate konnte fich Prinz Nikolaus, der jüngere Bruder des regierenden rumäni­schen Königs Karl, seines ungestörten Liebes- alückes erfreuen. Die Flitterwochen, die Prinz Nikolaus mit seiner bürgerlichen Frau in Paris verbrachte wurden plötzlich jah unter­brochen. Ein Beauftragter des Königs er­schien in der Pariser Wohnung des Prinzen und forderte ihn auf, mit dem königlichen Flugzeug sofort nach Bukarest zu starten, um vor seinem Bruder Rede und Antwort zu stehen. Um den offenen Bruch zu vermeiden, trat Prinz Nikolaus die Reise an. In Bukarest gelandet, begab er sich in das königliche Schloß. Dort wurde ihm durch den Hofmar­schall Prezan die überraschende Kunde zuteil, datz ei wegen eigenmächtiger Ueberschreitung bet Urlaubszeit Hausarrest erhalte. Am Tage darauf suchte Ministerpräsident Jorga, der alte Lehrer des Prinzen, den Arritierten auf und stellte ihm im Namen des Königs ein Ultimatum. Er sollte sich entweder scheiden lasten oder aus seine Rechte als Mitglied des königlichen Hauses verzichten. Der empörte Prinz lieg dem König mitteilen, datz er nur in den Spuren seines königlichen Bruder wandelte, als er eine bürgerliche Frau heim- fühtte. Et meinte, datz seine Verbindung mit Frau Doleti keinesfalls schlimmer zu beur­teilen setz als die jahrelange Verbindung des Königs Karl mit Frau Lupescu. König Karl geriet wegen dieser Anspielung aus sein früheres Verhältnis in Hellen Zorn. Er liefe feinen Bruder wissen, datz zur Aufrechterhal­tung des Prestiges des königlichen Hauses seine Scheidung unbedingt erforderlich sei. Wenn Prinz Nikolaus Frau Doleti bei sich nicht als Gattin, sondern als Mätresse zu hal­ten wünsche, so würde man dagegen nichts einzuwenden haben. 3m Hausarrest bat Prrnz Nikolaus jetzt Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob er auf seine Privilegien ver­zichten oder lieber seine Gemahlin zu seinem Verhältnis machen soll.

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L« 80. Mai vollendet der deutsche Forscher tnb Schriftsteller Prof. Dr. Eduard H e y ck Hn 70. Lebensjahr. Seit 1909 lebt Heqck als Privatgelehrter und Schriftsteller in Ermattn- »en in der Schweiz, am Bodensee, gegenüber «er badischen Insel Reichenau. Sein Ent- schlutz. ht der Schweiz sich anzufiedeln, hängt gtg damit zusammen, datz er schon als 29- jtiftiaer zum Mitglieds der berühmtenAL- gentetnen geschichtsforschendev Gesellschaft der Schweiz" ernannt wurde. Sein historisches Schaffen wird gekennzeichnet durch die beiden StandardwerkeGeschichte der Herzöge von

Zähringen" undDeutsche Geschichte Volk, Staat. Kultur und geistiges Leben" sowie durch sein« gemeinsam mit Paul Scheffler, Hermann Hesse und Marie Diers verfaßte und von ihm herausgegeben«Deutsche Kultur". Aus bet Fülle seines literarischen Schaffens sei« muh drei Werke genannt, in denen man ebenso sehr den feinen Sprachkünstler, wie den weltbekannten Kenner menschlichen Le­bens bewundern kann:Gaja, Sinn und Sitte des Naiven in Bierjahrtausend«".Das Ende der Flittermonde des Wei-Wo" und Höhenfeuer.

3m Jahre 1893 übernahm Prof. Heyck eine Aissgabe, die ihm damals nebensächlicher er» schien, von der er aber seither bekannt: sie sei ihm die meiftoefriebigenbe und beglückende geworben. Das ist die Redaktton bes genau 50 Jahre früher, 1843 von Hermann Schauen­burg begründet« akademisch« Liederbuches, bas Kit 1858 basAllgemeine deutsche Kommersbuch" oder kurzweg bas .Wah­rer" helfet. 700 000 Exemplare bes Buches sind fett 1858 im ganzen in die d«tsche Stu- denttnschaft und Allgemeinheit hinaustze» gangen und 450 000 davon tarnen auf die Jahrzehnte, da die Leitung in den Hand« Heycks lag.

«geheim« Kommerzienrat Hermann Frenkel f.

Berlin, 26. Mai. Der Mitinhaber des Berliner Bankhauses Öaequter und Securiur, Geheimer Kommerzienrat Hermann Frenkel, ist beute früh kurz nach Vollendung des 82. Lebensjahres gestorben. Frenkel war lang­jähriger Borsitzender, zuletzt GferenDorfifeenber ber Interessengemeinschaft der Berliner Pri­vatbankfirmen, Bizepräsident des Zenttalver- bandes bes Deutsch« Bank- und Bankierge­

Werkes und hatte eine Anzahl weiterer Ehrenämter inne.

Englische Medaille für einen deutsch« Film. Die gold«e Medaille Der englisch« Fakultät der schönen Künste ist dem deutsch« FllmKameradschaft" als dembe­merkenswertesten Fism des Jahres 1931" zu- gesprochen worden.

X Ernannt wurde der außerordentliche Professor Dr. Albett Eckstein in Düssel­dorf zum ordentlichen Professor bet Kinder­heilkunde an der dortigen Medizinischen Aka­demie als Nachfolger von Geheimrat A. Schlotzmann.

X 3n Berlin verschied der beamtete außerordentliche Professor für Photographie und Abteikmgsvorsteher am Photochemisch« Institut der Technisch« Hochschutt daselbst Otto Mente im Wer von 61 Jahren.

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Sir LrbrnStnMir einrr Stchtertn

Lor einig« Tagen stieg in dem Hotel Great Western" in Paddington in Eng­land eine junge Dame ab, die fich im Fremdenbuch als Fräulein Sheppard aus Folkestone eintrug. Am Tage darauf fand das Hotelpersonal die Dame in der Badewanne ertrunken vor. Auf eine telephonische Anfrage in Folkestone erhielt die Polizei die Antwort, daß eine Dame dieses Namens dort gänzlich unbekannt sei. Die weitere« polizeilichen Ermittlun­

gen ergaben, dah es fich bei der Selbst- mördettn um die 31jähttge Dichterin Li­lian Scrivings handelte, und dah hinter der Verzweiflungstat eine Lebenstta- gödie verborgen war. Lilian Scrivings war sehr hübsch und begabt. Die Honorare, die man ihr für ihre Dichtun- gen zahlte, waren aber so klein, datz fie mit ihrem knappen Verdienst ihren Le­bensunterhalt nicht bestreiten konnte. Um auf großem Fuß leben zu können, Betrat die junge Dichterin den Weg des Verbre­chens. Einen raffinierten Diebstahl, den fi« bei einer reichen Dame verübte, mußte fie mit einer Gefängnisstrafe büßen. Aus dem Gefängnis entlassen, begab fie fich nach Schottland. Sie versaßte einige Ge­dichte, die ihr aber kein Geld einbrachten. Da entschloß sie sich, einen Bankraub zu verüben. Sie wurde auf frischer Tat er­tappt und geriet wiederum ins Gefäng­nis. Nach einem Jahr auf freien Fuß gesetzt, fand Lilian Scrivings _ Unter­stützung durch eine wohlhabende Gönnerin. Sie konnte aber die materielle Abhängig­keit auf die Dauer nicht ertragen und machte ihrem unglücklichen Leben ein Ende. In den Londoner Buchhandlungen sind jetzt ihre gesammelten Dichtungen überall ausgestellt. Die Sensation um die junge Dichterin, die auf die schiefe Bahn geraten war und ihr Leben tragisch be- enden mußte, wurde vom Verleger ge­schickt ausgenutzt. Die Anerkennung kam zu spät.