Sreltag, ten 20. toi 1932
Die .Oberhessisch« Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis nwnatl. i. Marburg 2.02 GM auSschl. ZuslellungSgebahr. bei unjren Agenturen 1,93 GM. zuzügl-ZustestellungSgebühr, durch di« Post 2.25 GM. Für etwa durch Gtreik« Maschinendefektoder elementar« Ereigniff« auSfallrnd« gkummrrn wird kein Ersatz ge- leiftet. «erlag, Dr. 5. Hitzeroth, Druck der Univ-Buchdruckerei Ioh. Slug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54 und stkr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. Sprechzeit der Redaktion von 10—11 und
Uhr
öberliessische
Mmkmm ' I ▲ 4 f*! | MM M
Z Bi/ii ■■■■■■ genMitiw
Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
M.110 67. «tafirg. torbiirgo.l'nhn
Der Anzeigenpreis beträgt für den 11 gespalt. Zrilenmillüneter 0.08 ®9R„ Familienanzeigeu bei Barzahl. 0.07 GM., amtl. u. auswärtig« Anz. 0.10 GM. Sog. klein« Anzeigen nach Spezialtartf.Grund- schrist: Kolonel. Bei,'chwierig.Satz» sowie bei Platzdorschrtft 50*/« Aufschlag. — Sammelanzetgen 100*1. Aufschlag Reklam.-Mtllim 0.40 GM. Grundschrtst > Petit. Jeder Rabatt gilt al« Barrabalt. Ziel 5 Sag«. Offertsn-Debühr: 25 Pfg^ bei Zustellung der Angebot« rinschl. Porto —.60 GM. Belege werden berechnet. Erfüllungsort Marburg.
Anzeiger der amtliche« Bekanntmachnngen für Stadt «nd Kreis Marburg.
Nur ein neues Moratorium?
Bedenkliche Auslassungen über Lausanne — Die Auffassung in Kreisen der B.J.Z. — Herriot übertrumpft Tardieu
Die halbamtliche französische Nachrichtenagentur H a v a s äußert sich in einer Baseler Meldung offiziösen Anstriches über die Auffassung, die in Kreisen der B. I. Z. angeblich über die Lösnngs- möglichkeiten auf der kommenden Lausanner Konferenz bestehen:
LEin Moratorium sämtlicher politischer Schulden, d. h. Reparationen und interalliierte Schulden. Entgegen den mutmaßlichen deutschen Forderungen werde man auf einem Moratorium und nicht auf der Annullierung bestehen, um sich für die Zukunft eine Neuregelung vorzubehalten und gleichzeitig die Vorschläge des Baseler Sachverständigen-Aus- schusies zu berücksichtigen. •
2. Ein Teil der amerikanischen Einwände könnte beseitigt und gleichzeitig eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden, wenn die an der Lausanner Konferenz beteiligten Mächte von sich aus und ohne das Ende der Abrüstungskonferenz abzuwarten, beschließen würden, frertoil- lig ihre Rüstungsausgaben einzuschränken.
3. Um eine Besserung der wirtschaft- üchen Lage m Europa durchzuführen, and insbesondere die Donaustaaten vor dem Zusammenbruch zu retten, soll versucht werden, dan französischen Vorschlag für den wirtschaftlichen Zusammenschluß der Donaustaaten wieder aufzunehmen. Der Plan soll besonders durch eine Reihe von Vorzugsrechten erweitert werden, aus denen Frankreich, Polen, Deutschland und Italien Rußen zögen.
Auf diese Weise greise man gleichzeitig en alten Briandschen Gedanken wieder auf, der seinerzeit zur Bildung des Europaausschusses geführt habe. Diese gemeinsamen Bemühungen einer wirtschaftlichen und zollpolitischen Solidarität sollen schließlich noch auf dem Gebiet der Finanzen durch den Zusammenschluß aller derjenigen Inhaber von An- leiheftücken ergänzt werden, deren Rückzahlung besondere Schwierigkeiten begegnen.
Es sei nicht schwer, diesen Inhabern der Anleihestücke zu verstehen zu geben, daß sie die Wahl hätten, ihre Außenstände ratenweise einzutreiben, oder aber ganz auf sie zu verzichten.
Schlimmer als Tardieu
Eduard Herriot, der Führer der Radikalen Partei, nimmt in der „E r e N o u- v e l l e“ zu einer Rede Paul Boncours Stellung und unterschreibt desien Standpunkt in der Abrüstungsfrage. Sicherheit, Schiedsgerichtsverfahren und Abrüstung seien ein Dreiklang, der in den Augen der französischen Republik seinen vollen Wert behalte. Wenn man, meint Herriot, den gegenwärtigen Zustand Deutschlands beobachte, so würden patriotische Pazifisten, wie Paul- Voncour und er, hierin die Schwierigkeit erkennen. Paul-Boncour habe zwei unanfechtbare Grundsätze aufgestellt:
1. Aufrechterhaltung des französischen Willens zur europäischen Solidarität.
2.Aufrechterhaltung des Willens, unantastbare Rechte Frankreichs nicht zu veräußern und auf keinen Fall eütt Trennung zwischen Frankreichs
Gläubigeransprücheu und seinen Schul- denzahlungen vornehmen zu lassen.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Herold" meint, daß die von Herriot abgegebenen Erklärungen über Reparationen und Sicherheit in diplomatischen Kreisen Londons einen niederschlagenden Eindruck gemacht hatten. Wenn diese Aeußerungen wirklich die Ansichten der neuen französischen Regierung darstellten, so würde die Lausanner Kon
ferenz höchstens eine Verlängerung des Moratoriums um einige Monate bringen. Die Folge werde sein, daß im Verlaufe von weiteren zwei Monaten Deutschland zwangsläufig ein „Transfermoratorium" für seine wirtschaftlichen Schuldenverpflichtungen erklären müßte. Das sei die größte Gefahr, die heute Europa bedrohe. Da seit Beginn des Hoover-Moratoriums nichts zur Verbesierung der Lage geschehen sei, so nähere sich jetzt schnell die
Eine Abfuhr für Polen
Der Dölkerbundsrat zu dem Wirtschaftskrieg gegen Danzig
Genf ,19. Mai. Der Dölkerbunds- rat hat sich am Donnerstag mit den zwischen Polen und Danzig schwebenden Streitfragen über den sogenannten Ver- edelungsverkehr. den Lagerverkehr und den Kontii^entverVchr beschäftigt t 2ät den Verhandlungen nahmen der Präsident der Freien Stadt Dr. Z i e h m und der Völker- bundskormnisfar von Danzig Graf Gravi na teil.
Der Berichterstatter für diese Fragen, der englische Anterstaatssekretar Eden, teilte zu Beginn der Verhandlungen mit, daß die beiden Parteien einem von ihm ausgearbeiteten Vorschlag zur Regelung der Streitfrage zugestimmt hatten. In diesem Vorschlag, der in die Form einer Entschließung des Völler- bundsrateS gekleidet ist, wird betont, daß eine Entscheidung der Organe des Völkerbundes über eine „direkte Handlung" nach dem Sinn unmittelbar ausgefühtt werden muß. In dem Vorschlag wird weiter fest- gesteD, daß das polnische Finanzstrafgesetz vom 18. März 1932 nicht in einer Weise angewendet werden darf, die die Fragen des Veredelungsverkehrs'und des Lager- Verkehrs vor ihrer materiellen Erledigung im Voraus regelt.
Polen hat sich bereiterklärt, seinen Einspruch gegen di« Entscheidung des Bölkerbundskommisiars, durch die festgestellt wurde, daß Polen eine unzulässige „direkte Handlung" begangen habe, zurückzuziehen. Der Vorschlag wurde vom Völkerbundsrat einstimmig angenommen.
An die Annahme der Entschließung schloß sich eine Aussprache, in der der Präsident der Freien Stadt Dr. Ziehm die schweren Schäden schildette, die der Danziger Wittschast durch die Maßnahmen der polnischen Regierung zugefügt werden. Er gab seiner Befriedigung über die Entschließung des Rates Ausdruck.
Die augenblickliche Lage sei für Danzig wirtschaftlich unerträglich.
Wan habe der Freien Stadt bei ihrer Loslösung vom Deutschen Reich wegen ihrer wittschaftlichen Verbindung mit Polen ein wirtschaftliches Blühen verheißen. Die heuttge Lage entspreche diesen Verheißungen in keiner Weise. Dr. Ziehm betonte zum Schluß, daß den wittschaftlichen Rechten, die Polen auf dem Gebiete der Freien Stadt Danzig eingeräumt worden seien, die Pflicht gegenüberstehe, auf die wittschaftlichen Interessen Danzigs Rücksicht zu nehmen.
Der polnische Außenminister Z a l e s k i ftimmte gleichfalls der Entschließung zu Und gab sodann eine kurze Darstellung der
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Danzig und Polen vom Standpuntt der Polen.
Weiter erklärte der deutsche Vettreter im Völkerbundsrat, Botschafter Graf - Weczek, daß in wirtschaftlicher Bezie- *t>tAig zwilchen Polen und Danzig außer der allgemeinen Wittschaftsdepression besondere Einflüsse vorhanden seien, die dazu beigetragen hätten, die Wirtschaftslage der Freien Stadt Danzig ernschaft zu verschlimmern. Er wies an Hand eines sehr beweiskräftigen Zahlenmatenals nach, daß die Danziger Ausfuhr noch Polen, wegen der der Konflift entstanden ist, für die polnische Handelsbilanz praktisch keine Rolle spieft. Es sei nicht zu verkennen, daß die wirtschaftliche Spannung zwischen Polen und Danzig einen außerordentlich ernsten Charakter habe.
Der Danziger Döllerbundskommissar, Graf Gravina, wies auf die ernsten Folgen hin, die die Spannung zwischen Danzig und Polen auf das Wittschafts- leben der Freien Stadt haben könnte. ES sei feine Aufgabe, für die Aufrecht- erhaltung normaler Be Ziehung en zwischen den beiden Staaten zu sorgen. Diese Aufgabe sei nicht immer leicht.
Ium Schluß ergriff der Berichterstatter, Anterstaatsiekretär Eden, das Wort zu einer Erklärung, die den Charakter einer Vertraue ns kundgebungd es Rates für den Grafen Sravina trüg. Dann wurden die Verhandlungen über die Danziger Frage geschlossen.
Gouverneur Eylys
Äorono, 19. Mai. Der Präsident hat heute den litauischen Generalkonsul in Lon- don, Gylqs, zu« Gouverneur des Memel- gedietes ernannt. Der neue Gouverneur tritt bereits heute seinen Posten in Memel an. Wie verlautet, soll in den nächsten Tagen das Direktorium Simaitis znriicktrten.
Der neuernannte Gouverneur Eylys gab vor seiner Abreise nach Memel Pressevertte- tern gegenüber Erklärungen ab, die immerhin von dem Wunsch zur positiven Mitarbeit zeugen. Seine erste Aufgabe werde es fein, unter den Nationalitäten und Religionsgemeinschaften des Gebietes ein gutes Einvernehmen herzustellen, damit eine gedeihliche Zusammenarbeit möglich wäre. Er hoffe, daß die Bevölkerung des Gebietes ihn mit ebenso offener Herzlichkeit empfangen werde, wie er zu ihr gehe und daß ihm das für seine schwierige Aufgabe unerläßliche Vertrauen entgegengebracht werde. Es werde seine Aufgabe fein, im Einvernehmen mit der Zentralregierung an der Wiederherstellung ungetrübter Beziehungen zwischen Litauen und Deutschland noch Kräften zu arbeiten. Das Memelgebiet müsse zwischen Deutschland und Litauen hie-verbindende Brücke sein.
zweite große Krise, so daß die Sachverständigen die größten Befürchtungen für den Monat Juli hätten.
Wenn es wahr sei, daß Herriot keiner Herabsetzung der deutschen Reparationszahlungen ohne eine entsprechende Herabsetzung der Kriegsschulden zustimmen wolle, so sei das eine viel schärfere Haltung, als sie Tardieu und Flandin eingenommen hätten.
Dadurch, daß Herriot ein vorheriges Zugeständnis von Amerika verlange, stölle er eine unmögliche Bedingung. Das wisse er auch genau. Unter diesen Umständen müsse Lausanne zu einem Fehlschlag werden. Herriots Polittk bedeute den Zusantt menbruch Deutschlands.
England für eine deutsch-österreichische Zollunion.
In einem Leitarttkel spricht sich „D a i l y Expreß" für eine deutsch-österreichische Zollunion und gegen die Gewährung weiterer finanzieller Unterstützungen für Oesterreich aus. Oesterreich könnte nicht mehr lange als unabhängiger Staat weiter bestehen. Es müsse zwischen Berlin und Paris wählen. Die österreichische Sprache sei knutsch und der gesunde Menschenverstand weise auf eine deutsch-österreichische Zollunion hin.
Das französische Gold und die ftanzö- fischen Seitengewehre »eisen den Weg nach Paris. Oesterreich müsie sich selbst entscheiden. Eine weitere Gewährung von Krediten englischerseits würde einen schweren Schlag für die englischen Interessen bedeuten, da die Anleihen den Zusammenbruch Oesterreichs nur hiuaus- zögern würden.
Der teuere Völkerbund
Genf, 19. Mai. Ein Antrag der englischen Regierung auf grundlegende Erspar- sparnismaßnahmen durch Herabsetzung der Zahl und der Gehälter der Beamten beim Völkerbund gelangte am Donnerstag im Völkerbundsrat zur Verhandlung. Von französischer Seite sind Versuche im Gange, den englischen Vorstoß unwirksam machen und eine jede Herabsetzung der Gehälter der Völkerbundsbeamten zu verhindern. Auch der Generalsekretär des Völlerbundes, Sir Eric Drummond, hat dem Völkerbundsrat eine Denkschrift erngereicht, dü sich gegen die Einschränkung des Völkerbundshaushalts und die Herabsetzung der Gehälter der Völkerbundsbeamten ausspricht. Str Eric Drummond weist darauf hin, daß die außerordentliche Ausdehnung des Aufgabenkreises des Völlerbundes eine Einschränkung des Haushalts unmöglich mache. Die Gehaltsregelung der Beamten sei im Hinblick auf die außerordentliche Teuerung in Genf erfolgt, die bisher noch immer in keiner Weise eine Verminderung erfahren habe. Die Gehälter könnten nicht mit der Gehaltsregelung in den einzelnen Ländern, sondern mit der Besoldung der Diplomaten verglichen werden.
Der englische Staatssekretär Eden wies darauf hin, daß in England Stimmen der Kritik an der Finanzgebarung des Völkerbundes laut geworden seien. Die englische Regierung sei von der Rotwendigkeit wei- testgehender Ersparnismaßnahmen durch-