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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.
Sieg der Linken in Frankreich
Starke Zunahme der Sozialisten und Radikalsozialisten — Möglichkeit eines ausgesprochenen Linkskartells
Das vorläufige Gesamtergebnis der Wahlen in Frankreich.
Nach dem vorläufigen Gesamtergebnis der französischen Kammerwahlen (602 von 605 Wahlkreisen) haben erhalten:
Konservative 5 (8)
Republikanisch-demokratische
Union (Marin) 76 (90)
Links-Republikanische (Tardieu) 72 (101)
Unabhängige Republikaner 28 (26)
Dolksdemokraten 16 (19)
Radikale Linke und «»abhängige,
Radikale 61 (90)
Radikal-Sozialisten 156 (109)
Republikanische Sozialisten 36 (32)
Sozialisten 129 (112)
Kommunisten 23 (15)
Rach dem elsässischen Gesamtergebnis sind 11 Heimatrechtler in die Kammer gewählt worden.-
Das französische Innenministerium veröffentlicht heute früh einen vorläufigen Ueberblick über das Wahlergebnis, der 602 Kammersitze umfaßt. Die Verteilung ist anders als bei Havas. Das Ergebnis lautet (1. Zahl alter Stand, 2. Zahl erster Wahlgang, 3. Zahl zweiter Wahlgang): Rechtskonservative 8 3 5
Republikanisch-demokratische
Vereinigung (Marin) 90 44 76
Unabhängige Republikaner 26 13 28
Katholische Demokraten 19 10 16
Linksrepublikaner (Tardieu) 101 37 72
Rechtsstehende Radikale 90 25 61
Radikal. (Herriot) 109 63 156
Soz.-Republ. u. rechtsstehende
Sozialisten 32 9 36
Sozialisten 112 40 129
Unabhängige Kommunisten 5 3 11
Kommunisten 10 1 12
Zum Verständnis dieser llebersicht fei nochmals angeführt, wie sich nach der bis zu den Wahlen üblichen Einteilung die einzelnen Parteien in der Kammer ver
teilt haben:
Unabhängige . 42
Republikanisch-demokratische Union
(Marin) 85
Demokratische-sozialistische Aktion
(ehemalig Maginot) 30
Bei keiner Partei eingeschrieben 20
Katholische Demokraten 18
Links-Republikaner (Tardieu) 63
Sozialisten und Radikale Linke
(Franklin Boullion) 16
Radikale Linke (Loucheur) 50
Unabhängige Linke 28
Radikale 109
Sozial-Republikaner 13
Rechtsstehende Sozialisten 13
Sozialdemokraten 111
Kommunisten 11
Daraus ergibt sich n. a., daß in der heutigen Statistik das Innenministerium, die Fraktion Maginot, aus der Berechnung vollkommen verschwunden ist, ferner, daß auch die 41 Mitglieder der unabhängigen Rechten nicht angeführt werden, weil sie offenbar auf die einzelnen Gruppen der Regierungsmehrheit verteilt worden find. Die« hat dann dazu geführt, daß di« Maringruppe und die Fraktion Tardieu in der offiziellen Statistik des Innenministeriums mit höheren Ziffern erscheinen als in den Parlamentshandbüchern über die letzte Legislaturperiode.
Einsturzunglück in Lyon
Zwei Häuser eingestürzt - Zahlreiche Tote
ft Lion, 9. Mai. In Lyon stürzten am Sonntag vormittag zwei Familienhäuser ein, wobei infolge von Rohrbruch an der Gasleitung der Trümmerhaufen in Flammen aufging. Bon der Polizei wird die Zahl der Toten auf 50—60 beziffert
Der Einsturz der beiden Häuser auf dem rechten Rhoneufer, der heute früh erfolgte, wird auf einen Erdrutsch zurück- gesührt. Von den 45 Bewohnern der beiden Häuser sollen 27 ums Leben gekommen sein. Infolge des Bruches der Gasrohre brach überdies Feuer aus. Militär beteiligte sich an den Ausräumungsarbeiten.
Nur etwa 10 Einwohner konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, sodatz noch etwa 35 unter, den Trümmern begraben liegen. Bis zur Stunde war es noch nicht möglich, an den brennenden Trümmerhaufen heranzukommen. Nur eine einzige Frau konnte als Leiche geborgen werden. Der Bürgermeister von Lyon, Herriot, sowie die Spitzen der Behörden befinden sich an der Unglücksstätte.
Die Befürchtung, daß die unter den Trümmern der beiden Häuser begrabenen Einwohner dem Tode geweiht seien, scheint sich zu bestätigen.. Bis Sonntag nachmittag war es noch nicht gelungen, einen einzigen Begrabenen zu retten. Von den zehn Personen, die sich in Sicherheit bringen konnten, sind acht schwer verletzt Bei den Aufräumungsarbeiten ereignete sich ein neuer Erdrutsch, wobei ein Feuerwehrleutnant schwere Quetschungen davontrug. Die gesamte Lyoneser Feuer
wehr und die Garnison von Lyon befinden sich an der Unglücksstelle und arbeiten fieberhaft an der Rettung der Verschütteten. Die Katastrophe scheint durch die letzten starken Regenfälle verursacht worden zu sein. Hierdurch hat sich der Erdrutsch ereignet, der den Einsturz der Häuser nach sich zog. \
Der Besitzer eines der Häuser erklärte, daß er sich gerade wenige Meter von dem einen der beiden Häu/er befand, als er plötzlich eine Rauchwolke gen Himmel steigen sah. Einige Sekunden später habe er einen furchtbaren Krach geyort, in den sich die Hlfeschreie der Opfer gemengt hätten. Er sei sofort zur Unglücksstelle geeilt, wo sich ihm ein entsetzlicher Anblick gebpten habe. Die Erhöhung, auf der die bcidffn Häuser gebaut waren, sei buchstäblich in zwei Stücke gespalten gewesen. Der Erdrutsch, der sich während der Rettungsarbeiten ereignete, hätte beinahe noch 50 weiteren Personen das Leben gekostet, div'sich unmittelbar neben der Er- böhung befanden, die plötzlich aburtschte. Unter ihnen war auch der Bürgermeister von Lyon, Herriot. Das Feuer, das sofort nach der Katastrophe ausbrach, konnte nach einigen Stunden glöscht werden. Die ganze Gegend ist von Gendarmerie und Polizei abgesperrt. Hunderte von Menschen umlagern die Unglücksstelle und warten auf Nachricht über Verwandte oder Bekannte, die sich unter den Trümmern befinden. Die Bergungsarbeiten haben im Laufe des Nachmittags eine Unterbrechung erfahren, da man zunächst einmal die umliegenden Häuser stützen muß, um neuen Katastrophen vor- zubeugen.
Das aus 602 von 605 Bezirken vorliegende Ergebnis der Kammerwahlen deutet einen so starken Ruck nach links an, wie ihn selbst die optimistischen und pessömffti- schen Kreise nicht erwartet hatten. Er übertrifft in der Tat noch das Ergebnis von 1924, bei dem die Linksmehrhert In der Kammer über 300 bis 308 Stimmen verfügte. Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen, die allerdings in letzter Stunde noch einige unwesentliche Aendevungen erfahren könnten, wäre eine ausgesprochene Kartellregierung sehr wohl möglich, verfügt doch die Lin^gruppe in der neuen Kammer über mindestens 357 von 605 Sitzen. Der Erfolg der Sozialisten, die chre Kandidatenzahl von 102 auf 129 erhöhen konnten, ist ganz überraschend, während auf der anderen Seite der Rückgang der Maringruppe von 90 auf 76 diesmal ganz besonders ausgefallen ist.
Für die Zukunft wird man also mit zwei Möglichkeiten zu rechnen haben: Entweder bilden die Radikal-Sozialisten doch noch ein Kartell, was allerdings nach den Erklärungen Herriots sehr unwahrscheinlich erscheint, oder aber es kommt eine Konzentratron der linken Mitte zustande, die bis za den Dollsdemvkraten reichen würde und von der die Gruppe Marin und die Unabhängigen endgültig ausgeschlossen sind. Sozialisten und Radikale werden erst' in den nächsten Tagen zur neuen Lage Stellung nehmen. Für die Sozialisten handelt es sich in erster Linie tarn die Frage,
ob sie einer Kvnzentrationsvegierung beitreten werden oder aber in der Opposition bleiben, während die Radikalen nur im wesentlichen darüber entscheiden sollen, gegen welche Partei sie den Ausschluß aussprechen wollen. ;
Nach der Neuwahl des französischen Staatspräsidenten am kommenden Mens- tag wird die Regierung Tardieu ihren Rücktritt erklären. GS handelt sich hierbei jedoch lediglich um eine Formsache, die bei dem Wechsel des Staatspräsidenten üblid) ist. Der neue Präsident der Republik wird den Ministerpräsidenten bitten, die RegiemngSgeschäfte vorläufig weiter zu führen, und vor Anfang Juni ist daher nicht mit der Neubildung des Kabinetts zu rechnen. Ob Tardieu allerdings angesichts des Wahlenergebnisses auf feiner ursprünglichen Absicht bestehen bleibt, sich auch der neuen Kammer vorzustellen, muß vorläufig noch dahingestellt bleiben.
^Bemerkenswert ist der Mißerfolg des Kommunistenführers Eachin, der in seinem Wahlkreise in Paris von einem Sozialisten geschlagen wurde. , ,
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Albert Thomas t " '”"1~ ft Paris, 9. Mai. Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes in Genf und frühere Minister Albert Thoma« ist Sonntag Mitternacht einem Schlaganfall erlegen.
• Eorguloff Kommunist?
Das französische Innenministerium veröffentlicht im Zusammenhang mit der Untersuchung über das Vorleben und die Gründe, die den Mörder des französischen Staatspräsidenten zu seiner Tat veranlaßt haben, eine amtliche Verlautbarung, aus der hervorgeht, daß Eorguloff nach einem Aufenthalt in Paris im Jahre 1930 wegen unrechtmäßiger Ausübung ärztlicher Tätigkeit ausgewiesen wurde. Im Jahre 1931 kehrte er jedoch wieder dorthin zurück. In den Ausführungen in feinem Notizbuch erklärt sich Eorguloff als der Führer einer terroristifchen Organisation, die sich an Frankreich rächen wolle, weil es Rußland in den Krieg gezogen habe. Die Untersuchung in Nizza hat ferner ergeben, daß er in keinerlei Beziehungen zu russischen Emigrantenkreisen gestanden hat. In Prag hat er sich um die Bildung einer allrussischen Bauernpartei mit jungbolschewistischen Charakter bemüht.
In der Erklärung des französischen Innenministeriums wird mit besonderer Betonung auf eine Broschüre hingewiesen, die Eorguloff in Paris drucken ließ und auf deren Deckel sich das jungbolschewistische Abzeichen — zwei Sensen, darüber eine Tanne und ein Totenkopf — befindet. Die Organisationen, so heißt es in der Verlautbarung, die sich dieses Abzeichens bedienen, find von den Ideen der dritten Internationale durchdrungen, die ihre Mitglieder sehr oft als Provakatoren benutzt. Das bisherige Ergebnis der Untersuchung laste die Frage auftauchen, ob Eorguloff vielleicht nur Geistesgestörtheit simuliere.
Ministerpräsident Tardieu fügte dieser amtlichen Erklärung noch Folgendes hinzu: „In der ganzen Angelegenheit ist ein dunkler Punkt, nämlich die Kommunistische Parteikarte, die Eorguloff in Prag ausgestellt wurde. Die sogenannte „Grüne Partei", als deren Mitglied sich der Mörder ausgibt, ist vielleicht der rechte Flügel des Bolschewismus. Eorguloff verfügte außerdem über größere Barmittel, und man muß sich fragen, woher dieses Geld stammte."
Die Kommunistische Internationale lehnt eine Mitschuld an der Ermordung Doumers ab.
Moskau, 8. Mai. Die Presse veröffentlicht eine Mitteilung der Kommunistischen Internationale, die von Vertretern der kommunistischen Parteien Deutschlands, Englands, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Frankreich und Italiens unterzeichnet ist und dagegen protestiert, daß die Tat Eorguloffs, der Doumer ermordete, der Kommunistischen Internationale aufgebürdet werde. Eorguloff sei der erbittertste Feind des Kommunismus: außerdem lehne die Kommunistische Internationale individuelle terroristische Anschläge entschieden ab.
Die Haussuchung bei Gorgulofs.
Monte Earlo, 7. Mai. Die Haussuchung in der Wohnung Eorguloffs hat keine weiteren besonderen Aufschlüste ergeben. Man habe Eist, eine Anzahl in russischer Sprache gehaltener Briefe, russische und bulgarische Zeitungsausschnitte, sowie ein Testament, vom 3. Mai datiert, vorgefunden, in dem er seine Frau zur Alleinerbin einsetzt.